Meine Kolumne beginnt am Beginn, beim Fußball in unserem Garten. Dort kickt mein Onkel mit uns. Wir sind vier Buben. Mein Bruder, unsere Cousins und ich. Mein Onkel ist Außenverteidiger und Sektionsleiter der GSV, einem der ältesten Grazer Fußballvereine. Wenn er mit uns spielt, nennt er sich Zbigniew Boniek, so wie der Spielmacher von Polen und Juventus. Wir suchen uns meist Namen seiner Mannschaftskollegen der GSV aus. Viele davon sind Jugendfreunde von ihm, wir kennen all ihre Namen.
Wir laufen meinem Onkel auf unserem abschüssigen Fußballplatz nach und versuchen, ihm den Ball abzujagen. Bis es so dunkel ist, dass wir nichts mehr sehen. Die Feuchtigkeit am Abend macht den Platz schnell und die Luft frisch. Mein Onkel ist stark. Mit ihm bauen wir Tore aus Holz, er zeigt uns, wie wir sie streichen, wie wir den Rasen mähen und ihn in Schuss halten können. Beim Spielen trägt er einen GSV-Trainingsanzug von Puma in Dunkelblau mit hellblauen Streifen. Wenn wir miteinander spielen, bin ich glücklich.
An Sonntagvormittagen darf ich mit ihm zu den Heimspielen der GSV auf den Körnerplatz in die Schönau mitfahren. Sein roter Opel Kadett Coupe parkt im Stadtteil Sankt Peter vor unserem Haus. Wir fahren los. Er und ich allein ohne Tante und Mama, wie zwei echte Männer. Im Auto läuft die EAV, auf dem Körnerplatz die GSV in Gelb. Ich darf mit in die Kabine, es dampft und riecht nach Kampfer. Der Schmäh rennt, und ich merke mir jede Ansage sofort, anders als die Zahlen im Mathematikunterricht. Die Männer sprechen im Grazer Dialekt. Mein Onkel auch. Er klingt bis heute nach zu Hause für mich. Die Schönau ist rau und mir seither vertraut. Die schönen bürgerlichen Grazer Viertel bleiben mir ferner. Sie sprechen mein Hirn an, nicht mein Herz.
Wie mein Onkel spiele auch ich bei der GSV, bis sie mit der Wacker fusioniert. Mein Onkel beendet dadurch seine Funktionärskarriere. Mit uns Buben hinterm Haus spielt er weiter. Oft kommen die Nachbarkinder dazu. Er hat uns längst mit diesem Sport infiziert. Wir bauen uns eine Freundesgruppe auf wie er. Zusammen spielen wir bei der GSV im Verein und sonst an den Nachmittagen so lange im Garten, bis uns die Mamas zum Essen rufen. An den Wochenenden spielen wir Meisterschaft, besuchen Sturm-Spiele und bekommen nie genug vom Fußball.
Heute spielen wir nicht mehr im Garten neben unserem Haus, wir haben Kinder und wohnen an anderen Orten. Unser Platz ist zugewachsen, unsere Holztore gibt es nicht mehr, ein ehemaliger Mannschaftskollege meines Onkels mäht das hohe Gras hin und wieder. Die Freundschaftsbande halten. Ein Leben lang war mein Onkel stark für uns. Er hat den Garten in Schuss gehalten, uns Sportarten beigebracht und gelehrt, wie man Reparaturen im Haus macht. Er war ein Handelsakademieabsolvent, aber auch immer ein Multihandwerker. Er hat uns spüren lassen, wie verbunden er mit uns ist. Wenn wir jemanden gebraucht haben, war er immer da.
Seit einiger Zeit kämpft er mit einer bösartigen Krankheit. Zum ersten Mal kann er nicht nur geben, sondern braucht unsere Hilfe. Lieber Onkel, möge der Fußballgott, den du uns gezeigt hast, dir viel Kraft schenken. Damit wir noch lange über Fußball reden können, damit du mich fragen kannst, wie die letzte Partie ausgegangen ist, damit du mir sagen kannst, wie du die Partie gesehen hast. Sie ist noch nicht aus. Du bist mein Held, du wirst gewinnen. Diesmal wird Zbigniew Boniek alle schlagen und den WM-Titel holen.