Andreas Babler spricht gerne in Fußballmetaphern und trägt seine Liebe zum FC Sankt Pauli am Körper. Ein Gespräch über die Weisheit von Johan Cruyff, opportunistische Kritik an Red Bull und den Großen Sportverdienstorden der Stadt Traiskirchen.
Als er sich im März bei einer Mitgliederbefragung um den Parteivorsitz der SPÖ bewarb, war der Traiskirchner Bürgermeister Andreas Babler häufig in einer Jacke des FC Sankt Pauli zu sehen. Zum Fußballinterview mit dem ballesterer kommt er in Sneakers, Jeans und im weißen Hemd auf den Sportplatz seiner Heimatstadt. Fragen, ob er Auftreten und Dresscode seit seinem Antritt als Chef der größten Oppositionspartei des Landes geändert habe, wehrt er ab. „Ich habe jetzt schon mehrmals gelesen, dass es mir unangenehm sein soll, wenn neben mir auf einem Volksfest ein Pfarrer spricht. Das stimmt nicht“, sagt er. „Ich war in der Stadt schon bei hunderten Feldmessen, ich könnte da sprechend einspringen, wenn der Pfarrer einmal ausfallen sollte.“
ballesterer: Welche Rolle spielt Fußball für Sie?
Andreas Babler: Ich bin seit meinen Kindheitstagen fußballaffin. In Traiskirchen gibt es – wie in ganz Österreich – eine riesige Fußballtradition. Hier kommt noch Basketball dazu, ich habe beides als Aktiver gespielt. Im Fußball war das noch beim FC Möllersdorf, wir haben auf dem Elin-Platz gespielt. Die Fusion zum FCM Traiskirchen ist erst später gekommen, das M im Namen steht ja für Möllersdorf.
Gibt es für Sie eine prägende Spielerfigur?
Ja, Antonin Panenka, überhaupt die damalige Rapid-Generation. Das Highlight der Woche war immer, wenn der beste Freund meines Vaters zu Besuch gekommen ist und wir das Sportwochenendprogramm im Fernsehen geschaut haben.
Jetzt sind Sie Präsident vom FCM Traiskirchen. Was sind die Ambitionen des Vereins?
Ich muss dazu sagen, dass ich nicht einmal im Vorstand bin. Ich bin ein Präsident auf dem Papier, also ehrenamtlich und repräsentativ. Aber wir wollen gute Nachwuchsmannschaften aufbauen. Die Kampfmannschaft soll als Anreiz dienen, dort einmal spielen zu können. Das dauert seine Zeit. Gleichzeitig legen wir seit eineinhalb Jahren einen großen Schwerpunkt auf den Frauenfußball.
Sie waren zu Ihrem 50er beim Spiel zwischen Traiskirchen und dem Wiener Sport-Club. Sie sind in Ihrer Sankt-Pauli-Jacke gekommen und haben einem Lokalsender als Wunschergebnis gesagt …
Ein hohes X. So spielen wir normalerweise, wenn man sich die Statistiken anschaut.
Von wem sind Sie da eigentlich Fan? Oder kann man das von mehreren Vereinen sein?
Ich glaube, es gibt viele, die da nicht ganz ehrlich sind, wenn sie sagen, es gibt nur einen. Wenn man fußballaffin ist, findet man wahrscheinlich auch andere Vereine – internationale und aus anderen Spielklassen – gut. Man kann mit mehreren sympathisieren.
Bei Ihnen sind das der Sport-Club, Traiskirchen, Rapid und Sankt Pauli. Die haben über Sie sogar getwittert, als Sie Parteivorsitzender geworden sind.
Das war schon cool. Auch Thees Uhlmann hat etwas getwittert, das war für mich eine ähnliche Liga.
Neutrales Weiß - Zum Interview erschien der SPÖ-Parteichef ohne Klubkennzeichnung
Woher kommt eigentlich die Affinität zu Sankt Pauli? Liegt die an Hamburg, am linken Selbstverständnis des Klubs?
Mir gefällt der gesellschaftspolitische Anspruch. Das reicht von Sozialprojekten über internationale Hilfsprojekte bis hin zu den Rabauken-Programmen mit dem Ziel, Kinder von der Straße zu bringen. Sie haben einen Kindergarten im Stadion, engagieren sich im Frauenfußball, gegen Rassismus und so weiter. Das ist eine breite Palette von konkreter Stadtteilpolitik. Da geht sehr viel Geld hinein, das transparent ausgeschildert wird – selbst wenn Becher eingesammelt werden für Soliprojekte und Faninitiativen.
Ist das ein Vorbild für den Sportbetrieb in Österreich?
Das ist schwer vergleichbar, auch weil Sankt Pauli so im Stadtteil verankert ist. Der Wiener Sport-Club hat ja ein bisschen das Image, Klein-Sankt-Pauli zu sein, aber auch das lässt sich schwer vergleichen. Was die beiden wahrscheinlich vereint, ist der Zugang zu Solidarität und Antirassismus.
Kommen wir zum größeren Fußball: Schauen Sie sich die Champions League an?
Nein, fast gar nicht, ich bin lieber live bei einem Zweitligaspiel. Ich bin schon eher der Groundhoppingtyp, der gerne wo hinfährt und die Stadionatmosphäre genießt. Das ist jetzt ein bisschen schwieriger geworden mit den Terminen.
Im Fußball hat es in den letzten Jahrzehnten eine riesige Umverteilung nach oben gegeben. Kann man das auf weitere Teile der Gesellschaft spiegeln?
Es ist total entrückt, so ähnlich wie in der Gesellschaft. Vor 20 Jahren haben ATX-Manager das 20-Fache vom Medianeinkommen derjenigen verdient, die in den Betrieben arbeiten, heute ist es das 80-Fache. Auch die Entwicklung der Ablösesummen im Fußball ist nicht nachvollziehbar. Durch diesen riesigen finanziellen Aufwand wird es auch für private Sponsoren wahnsinnig teuer. Das ist auch ein Grund, warum wir in Traiskirchen versuchen, einer der wesentlichen Sponsoren der Vereine zu sein – nicht nur im Fußball.
„Als Politiker hast du eine Mehrheit, wenn du Red Bull Salzburg kritisierst. Das wäre sogar ziemlich opportunistisch.“
Zielt die Stadt eher auf Spitzen- oder Breitensport ab?
Wenn ein Team in der Regionalliga spielt, hat es viele Nachwuchsjahrgänge, weil die auch einmal in der Regionalliga spielen wollen. Noch deutlicher ist das beim Basketball, da können wir uns kaum erwehren. Da haben wir 300, 400 Kids, die auch einmal in die Bundesliga wollen. Wenn wir fördern, machen wir das also, um Kinder vom Sport zu begeistern. Wir sitzen viel mit den Vereinen zusammen und überlegen uns Fördermaßnahmen, da haben wir zum Beispiel die Initiative „kick & learn“ eingeführt.
Das große Gegenmodell zu kleinen städtischen Sponsoren ist Red Bull Salzburg. Gleichzeitig kann ich mir vorstellen, dass es ein Pulverfass ist, den Klub zu kommentieren. Kann man als Politiker nicht nur verlieren, wenn man sie kritisiert?
Das glaube ich gar nicht. Als Politiker hast du eine Mehrheit, wenn du Red Bull Salzburg kritisierst. Das wäre sogar ziemlich opportunistisch.
Wollen Sie die Gelegenheit nutzen?
Um Red Bull Salzburg zu kritisieren? Ich bin überhaupt kein Fan von Red Bull Salzburg.
Sie haben bei Ihrer Rede am Parteitag im Spaß gesagt, dass Sie nicht verraten, zu wem sie halten, um die Spaltung nicht zu vergrößern.
Das war auf Rapid und Austria gemünzt, aber alle Anwesenden haben gewusst, was ich bin. Das war ein Scherz.
Gibt es nicht trotzdem einen wahren Kern? Mir fallen wenige Politiker ein, die sagen würden, dass sie einen Verein scheiße finden.
Scheiße habe ich auch nicht gesagt. Ich bin kein Fan von Red Bull Salzburg, aber ich akzeptiere den Verein. Ich finde es halt ein bisschen fad, die Liga war früher spannender. Wenn man so viel Geld hineinhaut, verliert das an Reiz. Das Problem ist ja, dass Geld wirklich Tore schießt. Aber wenn es zum Beispiel um die Rivalität zwischen Rapid und Austria geht, sehe ich kein Problem. Ich bin erst gestern mit dem Michael Häupl zusammengekommen, uns trennt die Fußballleidenschaft. Eigentlich deklarieren sich in der Politik alle.
Apropos deklarieren. Bei Ihrem Vorzugsstimmenwahlkampf hat Sie Jimmy Hoffer unterstützt. Wie wichtig sind Testimonials aus dem Sport?
Für mich ist das eher eine Typenfrage. Der Jimmy ist in dieser Stadt geerdet, er hat seine Karriere beim FC Tribuswinkel begonnen – und er ist ein persönlicher Freund. Natürlich weiß man, wo er überall Fußball gespielt hat, mir ist aber wichtiger, dass der Typ Jimmy Hoffer passt.
Aber ein bisschen suchen Sie die Nähe zum Sport ja schon. Sie haben bei einem Rapid-Testspiel vor ein paar Jahren dem Louis Schaub einen Sportverdienstorden überreicht.
Der Louis ist auch ein Teil der Stadt – wie seine Schwester. Sie hat früher im U17-Nationalteam gespielt. Das ist eine Sportfamilie, die auch mit mir befreundet ist.
Chiara Schaub war Praktikantin bei Ihnen.
Sie hat eine Verwaltungslehre gemacht. Und in Altenmarkt gespielt – und eine Zeit in Traiskirchen. Da war ich auch bei Spielen. Und als der Louis noch in Köln gespielt hat, war ich dort auch einmal zuschauen.
Wer hat den Großen Sportverdienstorden der Stadt Traiskirchen noch?
Der Manfred Zsak war einer der Ersten, die ihn bekommen haben. Dafür, dass er viele Nachwuchsländerspiele, auch für die Europameisterschaft, hierhergebracht hat.
Trainer, Kapitän, Verteidiger - Babler will sich nicht auf eine Position beschränken
In Reden nehmen Sie den Fußball oft als Schablone. Sie haben gesagt, dass der Gegner kein Tor schießen kann, wenn der Ball in den eigenen Reihen ist. Hat das nur eine metaphorische Funktion, oder gibt es am Fußball Dinge zu beobachten, die man auf die politische Ebene übertragen kann?
Da habe ich den Johan Cruyff zitiert, das ist ja eine alte Weisheit. Das könnte auch aus dem Eishockey stammen. Ich würde den Fußball also nicht überbewerten, aber einige Bilder eignen sich ganz gut. Ich habe in der Vorwahlkampagne ja auch von der Halbzeitpause bei einem Match gesprochen. Die beschreibt eine Situation, die ein Trainer oder eine Trainerin bewältigen muss in Sachen Motivation, Strategie und Taktik und in der Rückbesinnung darauf, was man eigentlich gelernt hat.
Wenn wir beim Bild als Trainer bleiben. Nehmen wir an, die SPÖ ist Ihre Mannschaft. Wir haben uns ein paar Namen herausgesucht, wo stellen Sie die auf?
Dazu werde ich nicht einmal einen Mucks machen. Das ist eine lustige Idee, aber Sie werden keinen Satz von mir dazu hören.
Also sehen Sie sich weniger als derjenige, der den Kader zusammenstellt?
Wenn wir durchs Land fahren, um die Partei innen zu festigen, um dann in die Breite gehen zu können, wäre mir – auf den Fußball umgelegt – der Trainer zu passiv.
Also eher der Stürmer, der die Tore schießen und die Resultate bringen muss?
Es kann auch der Verteidiger sein, manchmal muss man Tore verhindern. Oder der Sechser, der Bälle verteilt. Wen baut man mit welcher Rolle in welchen Verantwortungsbereich ein? Wer kriegt wann die Bälle und hat damit welche Aufgabe? Es wechselt einfach durch. Manchmal geht es darum, Bälle zu verteilen, manchmal muss man der Trainer sein, manchmal in der Offensive, dann in der Defensive. Ich habe das alles in meinem Wochenprogramm.
Vor einem Spiel hat man einen Matchplan, manchmal muss man den anpassen. Inwieweit ist Ihr Matchplan bisher aufgegangen?
Das evaluieren wir täglich. Es ist ein schnelles Geschäft, das nicht nur davon abhängt, was wir machen. Aber der Plan bei der Konsolidierung, dem Hinauskommen, der Leidenschaft und dem stetigen Wachstum funktioniert – und schneller als wir geglaubt haben. Auch in allen Bundesländern.
Haben Sie den Gegner richtig eingeschätzt?
In der Einschätzung hat sich nichts geändert. Man muss Gegner akzeptieren und respektieren. Man muss sie schon ernst nehmen und darf nicht glauben, dass man super gescheit ist.
Muss man wirklich jeden Blödsinn akzeptieren?
Von den anderen? Ich kann es nicht verhindern, dass wer eine Schnitzeldebatte lostritt. Ich kann mir nur denken, dass andere Sachen wichtiger wären.
Aber wertet man es nicht auch auf, wenn man darauf einsteigt?
Ich bin ja nicht darauf eingestiegen. Als die Alice Weidel von der AfD jetzt bei der FPÖ zu Gast war, bin ich gefragt worden: „Was sagen Sie zur Alice Weidel?“ Da habe ich nur gesagt: „Guten Rückflug.“ Man muss nicht alles aufgreifen, was einem hingeworfen wird.
Da sind wir wieder bei Johan Cruyff und dem Ballbesitz.
Ja, ein bisschen. Es funktioniert auch gar nicht anders. Natürlich läuft nicht alles zu 100 Prozent, wie wir das wollen, natürlich gibt es Widerstände, die man wegräumen muss, aber wir sind bei der Themensetzung zufrieden. Trotz der Schnitzelgegensteuerung und einer FPÖ, die die Grenzen immer weiter verschiebt, sind die wichtigen Themen im Fokus.
Es gibt dieses Bild vom linken und dem rechten Fußball. Also auf der einen Seite das attraktive, leidenschaftliche, offensive Spiel, auf der anderen der defensive, ergebnisorientierte Sport. Finden Sie sich da wieder?
Für mich ist das eher ein dialektisches Verhältnis. Wir wollen Veränderung anders definieren, das ist nicht dieselbe Veränderung wie die von Kickl. Der Vorwärtsdrang ist sicher ein Thema, also Ansprüche anmelden und zeigen, wohin wir gehen wollen. Aber es ist kein Entweder-oder. Auch das schnelle Umschalten und der Konter sind eine Art von Offensive.
Andreas Babler (50) ist Präsident des FCM Traiskirchen. Im Juni wurde der Bundesratsabgeordnete und Traiskirchner Bürgermeister zum Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Österreichs gewählt.
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