„Das ist ein Gewaltstreich, wie es ihn in der Geschichte des österreichischen Fußballs noch nicht gegeben hat.“ Die Worte, die Hans Bruckner, Geschäftsführer des Wiener Sport-Club, gegenüber der Arbeiter-Zeitung zu Protokoll gibt, verpuffen, als am 21. April 1974 im Saal des Eisenbahnerheims am Wiener Margaretengürtel die Hauptversammlung des ÖFB tagt. Die Delegierten beschließen dort mit 158 zu 38 Stimmen eine Ligareform. Aus der Nationalliga wird zur Saison 1974/75 die Bundesliga, statt zuletzt 17 Teilnehmern werden künftig nur noch zehn Klubs erstklassig sein. Das hat Auswirkungen auf die laufende Saison, Aufsteiger sind nicht vorgesehen, statt drei Klubs müssen sieben absteigen. Einer davon wird der Wiener Sport-Club sein, der zum Zeitpunkt der Abstimmung auf dem achten Platz liegt.
Sportliche Kriterien spielen für die Neuzusammensetzung der Liga nicht die wichtigste Rolle, sie soll eine Meisterschaft aus ganz Österreich werden. Die Bundesländer sollen je einen Verein stellen, die Bundeshauptstadt zwei. Ausschlaggebend für die Teilnahme mancherorts nicht die aktuelle Platzierung, sondern ein Fünfjahresvergleich mit den Konkurrenten aus demselben Bundesland. Während in Wien der Sport-Club und die Vienna gegen Rapid und die Austria chancenlos zurückliegen, kommt es in Graz auf jeden Punkt an, schlussendlich liegt Sturm mit 149 Punkten zwei Zähler vor dem GAK, der als Zwölfter absteigen muss. Noch härter trifft es den Donawitzer SV, er wird als Ligasechster relegiert, da Sturm in der Fünfjahreswertung vorn liegt.
Als sich der SK VÖEST am letzten Spieltag zum Meister kürt, ist das Chaos perfekt. Eigentlich hätte die Linzer Werksmannschaft aufgrund des Fünfjahresvergleichs mit dem LASK absteigen müssen, doch das wollen die Verbandsfunktionäre dem Meister nicht zumuten. Stattdessen suchen sie einen Kompromiss, der zudem die zweitklassigen Teams zufriedenstellen soll. Die Meister der drei Regionalligen und der LASK müssen sich das letzte Bundesliga-Ticket ausspielen. Die Linzer setzen sich durch – und bringen damit ein weiteres Bundesland gegen die Reform auf, denn das geht auf Kosten von Vorarlberg, das nun gar nicht vertreten ist. Es wird bis 1997 dauern, bis mit Austria Lustenau wieder ein Vorarlberger Verein erstklassig spielt.
Die Verösterreicherung
Trotz der Widerstände aus der Steiermark und Vorarlberg und des wilden Protests der kleineren Klubs wurde die Reform beschlossen. Sie verfolgte mehrere Ziele und diente vor allem den großen Klubs. Der österreichische Fußball sollte auf Klub- wie Nationalteamebene konkurrenzfähiger werden, die Konzentration auf die Spitzenklubs sollte die Liga attraktiver und das Geschäft profitabler machen. Es sollte eine Liga ohne Derbys werden – mit einer Ausnahme. „Es war immer schon besser, wenn Rapid und Austria viermal gegeneinander spielen, sowohl finanziell als auch sportlich“, sagte Hans Reitinger, einer der Architekten der Bundesliga und ihr späterer Vorsitzender, 2009 dem ballesterer.
Der neue Bewerb bildete eine Entwicklung ab, die seit Beginn der Zweiten Republik zu beobachten war: War der österreichische Fußball zu seinen besten Zeiten in den 1920er, 1930er und 1950er Jahren eine Wiener Angelegenheit, mischten nun auch die Bundesländer mit. In den zehn Saisonen vor der Reform ging nur noch jeder zweite Titel in die Hauptstadt, die restlichen holten sich der LASK, der SK VÖEST und Wacker Innsbruck. Mit der Ligazusammensetzung nach Bundesländern war die Verösterreicherung der Liga abgeschlossen.
Und das neue Format sollte dem ganzen Land dienen, schließlich glänzte die einst so erfolgreiche Nationalmannschaft bei Weltmeisterschaften zuletzt durch Abwesenheit. Um das Nationalteam zu stärken, zog die Reform 1974 daher vorübergehend hohe Grenzzäune auf. Die Liga verhängte einen Aufnahmestopp für ausländische Spieler, Österreicher durften erst im Alter von 27 Jahren ins Ausland wechseln. Die Qualifikationen für die Weltmeisterschaften 1978 mit dem brotlosen „Wunder von Cordoba“ und 1982 mit der sportlich erfolgreicheren „Schande von Gijon“ waren in den Augen der Befürworter erste Erfolge der Reform.
Die Provinzialisierung
Die Formatdiskussion war damit aber noch lange nicht beendet. Im Mai 1982 folgte die nächste Reform: Die Hauptversammlung des ÖFB beschloss mit überwältigender Mehrheit eine Aufstockung auf 16 Teilnehmer. Das Motiv war finanzieller Natur. „Durch weniger Runden würden weniger Prämien fällig, außerdem hätte man damit bessere Möglichkeiten zur Termingestaltung“, schreibt das Bundesliga-Journal in seiner Ausgabe zu den 1980er Jahren.
Die innerhalb weniger Wochen durchgepeitschte Reform führte zur Provinzialisierung der Liga. Plötzlich waren Teams wie Neusiedl, Union Wels, Sankt Veit und Spittal erstklassig. Das sportliche und finanzielle Gefälle wurde so groß, dass die Liga schon nach drei Jahren auf zwölf Teilnehmer reduziert wurde. Das nun implementierte System mit einer Ligenteilung der beiden höchsten Spielklassen in Oberes, Mittleres und Unteres Play-off nach einem Grunddurchgang war kurios und nicht nur wegen der zwei Jahre später zusätzlich eingeführten Punkteteilung umstritten. 1993 beschloss die Liga die Rückkehr zur Zehnerliga.
Um das Format sollte nun längere Ruhe einkehren, um die Rahmenbedingungen der Liga jedoch nicht. Ab den 1990er Jahren begann nicht nur der Siegeszug der Teams aus den Landeshauptstädten, als Austria Salzburg, Sturm Graz, der FC Tirol und später der GAK und Red Bull Salzburg ihre Namen auf den Meisterteller eingravieren durften, sondern auch die Zeit der finanziellen Abenteuer. Diese beschränkten sich nicht auf die Großklubs, der relativ kurze Weg in die Erstklassigkeit und geringe Auflagen bei Finanzfragen und Infrastrukturanforderungen machten den Fußball zu einem beliebten Spekulationsobjekt. Während sich manche Provinzklubs wie die SV Ried ihren Zugang zur ersten Liga mühsam erarbeiteten, verschwanden andere wie der SV Pasching, der FC Kärnten, Austria Kärnten und der SV Grödig fast so schnell, wie sie gekommen waren. Erst die Verschärfungen der Lizenzauflagen bereiteten dem Klubsterben, das in der ersten und vor allem der zweiten Liga um sich griff, ein Ende. Die Kehrseite der höheren Lizenzauflagen war wiederum eines der Hauptmotive für die jüngste Ligareform, die 2018 in Kraft trat.
Langer Prozess
Anders als bei den frühen Formatänderungen ließ sich die Bundesliga diesmal aber Zeit. Der Prozess zog sich vor und nach dem Grundsatzbeschluss 2016 über mehrere Monate und wurde von der auf Ligaformate spezialisierten Firma Hypercube begleitet. Die Geschäftsstelle der Liga diskutierte Vorschläge nicht nur mit den Klubs, sondern auch mit Stakeholdern wie Fans und Journalisten. Die in diesen Sitzungen präsentierten Argumente müssen ganz ähnlich geklungen haben wie vor knapp 50 Jahren, als es um die Modalitäten der Ligazusammensetzung ging. Nur wurde die schematische Konzentration auf Bundesländergrenzen von Powerpoint-Präsentationen mit Statistiken zu Einzugsgebieten, Kaufkraft und Fußballinteresse verschiedener Regionen abgelöst.
Aber nicht nur die Frage nach der richtigen Größe und der perfekten Mischung begleitet die Liga seit ihren Anfängen, auch der Umgang mit dem Nationalteam ist immer wieder Thema. War vor 50 Jahren eine schlichte „Grenzen zu“-Politik die Antwort, wurde 2004 der „Österreichertopf“ eingeführt. Klubs, die auf den Einsatz österreichischer Spieler setzten, durften mit höheren Einnahmen aus den TV-Erlösen rechnen. Und auch wenn sich die Bundesliga schon lange als Ausbildungsliga definiert und der überwiegende Teil der Nationalteamspieler in den großen Ligen Europas kickt, zeigt sich die Liga gegenüber dem Team kulant. Zuletzt beschloss sie im Oktober 2023, die Winterpause zu verkürzen, um dem Nationalteam mit einem früheren Saisonende eine längere Vorbereitungszeit auf die EM zu ermöglichen.
Spannung gesucht
Kern der Reform von 2018 war aber eine neue Hierarchisierung der Ligen. Die zweite Spielklasse wurde aufgestockt, ihre Teilnahmeerfordernisse zugleich zur Kostensenkung deutlich gelockert, für die Bundesliga wurden die Anforderungen hingegen weiter geschärft. Zudem versuchte die Liga, die Spannung in den Bewerb zurückzubringen, die sich aufgrund der Dominanz von Red Bull Salzburg spätestens ab 2014 verabschiedet hatte. Dafür setzt sie auf mehr Entscheidungsspiele: Die auf zwölf Teilnehmer aufgestockte Bundesliga wird nach einem Grunddurchgang geteilt, die Punkte werden halbiert. Während es im Unteren Play-off gegen den Abstieg und um eine theoretische Chance auf einen Europacupstartplatz geht, soll die zusammengerückte Spitzengruppe oben mehr Spannung im Titelrennen schaffen.
Wie bei früheren Reformen erhoffte sich die Liga aufgrund der Aufwertung der Spiele im letzten Saisondrittel und der höheren Dichte an Spitzenspielen mehr Attraktivität – für die Fans und das Fernsehen. „Wir haben tausende Berechnungen durchlaufen lassen, das Ergebnis war jetzt besser – vor allem in den Runden vor der Teilung“, sagte Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer 2019 dem ballesterer in einer ersten Bilanz. Dass die Medienrechte an den Spielen der Bundesliga ab 2018/19 um die Rekordsumme von 34 Millionen Euro im Jahr an den Pay-TV-Anbieter Sky gingen, untermauert sein Argument.
Und auch die steigenden Zuschauerzahlen deuten an, dass das häufig formulierte Ziel von einem 10.000er-Schnitt zumindest in Reichweite gerät. Zur Hälfte des Grunddurchgangs lag er in der Jubiläumssaison 2023/24 knapp über 8.000, also deutlich über den 7.500 der Vorsaison. Den entscheidenden Zuwachs könnten neben den neuen Stadien vielleicht die 1974 verpönten Derbys geben. Zu Saisonbeginn kehrte das Linzer Derby zurück, und aktuell scheint der GAK auf dem besten Weg zu sein, auch das Grazer Derby ab dem kommenden Jahr wieder auf den Spielplan zu setzen.