Manchmal ist es ein Zufall, der unsere Handlungen in eine bestimmte Richtung lenkt, unsere Aufmerksamkeit bindet und uns eine Geschichte erforschen lässt, die uns länger begleitet. So einem Zufall verdanke ich die Entdeckung von Kurt Hahn. 2021 saß ich in Augsburg und recherchierte in der Objektdatenbank des dortigen Jüdischen Museums. Und wer schon einmal mit Datenbanken gearbeitet hat, weiß, dass man manchmal nicht das findet, was man eigentlich sucht. Manchmal entdeckt man dafür aber etwas anderes, das man zwar nicht gesucht hat, das einen aber sofort in seinen Bann zieht. Genau so stolperte ich in der Objektdatenbank über den Reisepass eines Kurt Hahn, geboren am 17. Februar 1901 in Wien.
Der Pass stammte aus der Zeit des Nationalsozialismus, er war mit einem „J“ gekennzeichnet – „Jude“. Ich fragte mich: Wer ist dieser Mann? Eine erste Internetrecherche zeigte lediglich den gleichnamigen prominenten Gründer der Schule Schloss Salem und Begründer der Erlebnispädagogik. 1866 in Berlin geboren überlebte er die NS-Zeit in Schottland. Offensichtlich war die Namensverwechslung der Grund, warum der Reisepass und ein Opferausweis, den ich kurz darauf fand, im Jüdischen Museum Augsburg Schwaben gelandet waren. Der Name Kurt Hahn, das musste ich in den folgenden Recherchen immer wieder feststellen, war häufig.
Erster Austria-Präsident
Ein Eintrag auf Wien Geschichte Wiki brachte mich schließlich auf die richtige Spur – und zu einer Geschichte, die bisher weitgehend unbekannt war: Kurt Hahn, ältester Sohn von Max und Margit Grete Hahn (geboren Sterk), war als Eigentümer eines Elektro- und Radiogeschäfts auf der Wiener Mariahilfer Straße und Direktor des Reisebüros City wirtschaftlich erfolgreich. Seine Adresse in der Auhofstraße in Wien-Hietzing unterstreicht genauso wie seine im Reisepass vermerkte Berufsbezeichnung als „Privatbeamter“ seine bürgerliche Existenz. Bekannt wurde er jedoch als Sportfunktionär. 1922 bis 1924 war er Präsident des Wiener Amateur-Sportvereins und von 1926 bis 1931 erster Präsident des Nachfolgevereins FK Austria Wien.
Hahn hatte früh verstanden, dass ohne Investitionen kein erfolgreicher Fußball möglich ist. Während seiner Präsidentschaft holten die Amateure zwar zwei Meistertitel und einen Cup, die Kosten des Erfolgs waren aber offenbar zu hoch: Hahn verließ den Verein 1931 nach gerichtlichen Auseinandersetzungen hochverschuldet. Nach seinem Rücktritt trat er nur noch als Organisator von Spielerreisen auf. Die finanzielle Rettung der Austria gelang in Folge durch eine Initiative von ÖFB-Verbandskapitän Hugo Meisl.
Verfolgung und Flucht
Nach dem Rücktritt als Austria-Präsident verlaufen sich die Spuren von Kurt Hahn. Ich versuchte, diese zu rekonstruieren, die längeren Recherchen führten mich schließlich auch ins Österreichische Staatsarchiv: 1925 aus der Israelitischen Kultusgemeinde ausgetreten, gehörte Hahn zu jenen, die vom Deutschen Reich als Juden verfolgt wurden, ohne jedoch für sich eine jüdische Identität zu beanspruchen. Das rettete ihn nicht vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Bereits im Juni 1938, nur drei Monate nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, wurde Hahn ins KZ Dachau deportiert und von dort am 23. September 1938 ins KZ Buchenwald verbracht, um eine Emigration aus dem Deutschen Reich zu erzwingen. Rund fünf Monate später wurde er an seinem 38. Geburtstag entlassen, mit der Auflage, Deutschland binnen zwei Wochen zu verlassen – freilich unter Zurücklassung seines Vermögens, das von den Behörden eingezogen wurde.
Kurt Hahn emigrierte nach Belgien. Nach dem Überfall der Wehrmacht 1940 floh er von dort weiter nach Südfrankreich, wo er interniert wurde. Die Jahre bis 1943 verbrachte er in mehreren Lagern in Frankreich, bis ihm schließlich die Flucht gelang. Offenbar überlebte er die Zeit bis zur Befreiung Frankreichs versteckt. Es gibt allerdings keine Dokumente, die das beweisen.
Ignoriertes Opfer
1945 tauchte Kurt Hahn in Paris auf. Am 8. Jänner 1945 wurde ihm als politisch Verfolgter des NS-Regimes ein Opferausweis ausgestellt. Mit diesem, der auch seine KZ-Haft bezeugt, suchte Hahn nach Kriegsende um Restitution und schließlich auch um eine Invalidenrente bei den österreichischen Behörden an. Der Schriftverkehr ist gleichsam niederschmetternd wie zeittypisch. Während die Restitution der Vermögenswerte relativ rasch erfolgte, bezieht sich der Hauptteil der Korrespondenz auf die Invalidenrente und ärztliche Gutachten.
Hahn war in Buchenwald durch einen Schlag auf den Kopf verletzt worden, er war nicht mehr fähig, einem geregelten Beruf nachzugehen. Die beigelegten Gutachten eines französischen Arztes wurden von den österreichischen Behörden evaluiert – und für übertrieben befunden. Die Einschränkungen Hahns wurden heruntergespielt, um ihm die Invalidenrente verweigern zu können. Der Schriftverkehr reicht bis in die Mitte der 1960er Jahre und wurde von Kurt Hahn von Paris aus geführt. Vielleicht wurde ihm, der sich geweigert hatte, zu einer Untersuchung nach Österreich zu kommen, schließlich doch eine Invalidenpension zugestanden, vielleicht hatte er schließlich aufgegeben – wir wissen es nicht. Und auch die weitere Geschichte Kurt Hahns liegt im Dunkeln. Zeit seines Lebens war er nicht nach Österreich zurückgekommen, er hatte nicht geheiratet und keine Kinder. Vielleicht war er in Frankreich geblieben, wo er an einem bisher unbekannten Datum verstarb.
Neben dem langjährigen Austria-Funktionär Norbert Lopper, dessen Verfolgungsgeschichte ich bereits im Kontext der Neugestaltung der österreichischen Ausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau recherchiert hatte, war Kurt Hahn mein Einstieg in die Forschung rund um den Fußball. Der „Privatbeamte“, der mit Fußball vordergründig nichts am Hut zu haben schien, der Jude, den die Nationalsozialisten wieder zu einem machten, das Schweigen, das um diejenigen laut schallt, die nicht zurückgekehrt sind – all das macht seine Biografie zu einer so typischen Wiener und jüdischen Geschichte.
Barbara Staudinger ist Direktorin des Jüdischen Museums Wien.