„Attacke!“ Die Frau mit der Rückennummer 1 auf dem dunkelgrünen Trikot schreit in die ORF-Kamera. Auf dem Doppelhalter hinter ihr prangt das burgenländische Wappen mit den Worten „Patriotismus verpflichtet“. Es ist ein großer Tag für das Bundesland – es ist wieder erstklassig. 1984 ist der SC Neusiedl nach nur zwei Saisonen abgestiegen, 1987 hat mit dem SC Eisenstadt zuletzt ein Verein aus dem Burgenland in der obersten Liga gespielt. Jetzt ist der SV Mattersburg mit 70 Punkten aufgestiegen. 12.700 Zuschauer sind an diesem 26. Juli 2003 offiziell gegen den SK Sturm im Pappelstadion.
Zwei Stunden vor dem Spiel sind die Schlangen vor den Kassenhäuschen lang. Die überdachte Haupttribüne füllt sich nach und nach. Dahinter fahren Züge von und nach Ungarn über das Viadukt. Im Eck wird zu „Mattersburg!“-Sprechchören getrommelt. Auf der Hintertorwiese sitzen Zuschauer auf Picknickdecken. Der Rest der Sitzgelegenheiten besteht aus Stahlrohr, auch die neue VIP-Tribüne hat kein Dach. Im Hintergrund ragen die Pappeln in den Himmel, die Spitzen des VIP-Zelts und der Kameraturm tun es ihnen gleich. „Unsere Kabine war oben, wir haben die ganze Zeit nur hinausgeschaut: Es sind Massen gekommen. Die Autos sind bis zu meinem Elternhaus gestanden“, sagt Michael Mörz über die Heimspiele Anfang der 2000er Jahre. Zwischen 1997 und 2014 läuft er 567-mal für seinen Heimatverein auf.
Eine Region voller Hungriger
Nach drei Minuten verwandelt Dietmar Kühbauer einen Elfmeter. Er wurde in der Vorsaison aus Wolfsburg zurück zu seinem Jugendverein geholt, nun bejubelt er das erste Bundesliga-Tor im Pappelstadion mit dem Trikot über dem Gesicht. Der Aufsteiger fährt einen 3:1-Sieg ein. Trainer Werner Gregoritsch steht mit grün-weißem Schal vor der Tribüne und lacht. Der SVM wird die erste Saison in der Bundesliga zwei Punkte vor den Grazern auf dem achten Platz abschließen, über 11.000 Zuschauer strömen im Schnitt ins Pappelstadion. Begonnen hat der Hype bereits mit dem Aufstieg in die zweite Liga, sagt Mörz. „Alles war komplett neu. Die Leute waren hungrig nach Fußball, haben sich mit den Spielern identifizieren können – und es war ein Event.“
Schon in der Aufstiegssaison waren die Besucherzahlen fünfstellig, so hoch wie in keinem anderen Stadion Österreichs. Und in Mattersburg wohnen damals nur 7.000 Leute. „So etwas hat es noch nie gegeben“, sagt Mörz. Gespielt wird meist am Freitagabend. Viele Pendler, die über das Wochenende zurück ins Südburgenland fuhren, machen Halt beim SVM. Dort wird ihnen ein Volksfest geboten. In der Bundesliga kommen zunächst noch mehr Leute – und die großen Klubs. Wenn Rapid zu Gast ist, vermeldet der SVM über 17.000 Zuschauer.
Brot und Spiele
Die Stimmung im Pappelstadion ist super. Es gibt anfeuernde Fangruppen, der Stadionbesuch ist aber vor allem familiär und lokal geprägt. Präsident Martin Pucher lädt Schulklassen und Jugendteams ein, der SV Mattersburg ist der Treffpunkt der Region. „Wenn du beim Aufwärmen in die Menge geschaut hast, hast du die meisten Gesichter gekannt. Da waren deine früheren Trainer, Lehrer und Kindergartentanten“, erzählt Mörz.
Auch das Drumherum ist einzigartig. Die Schnitzelsemmeln sind berühmt, im VIP-Zelt weiß das Catering zu überzeugen. Für heutige Verhältnisse ist es spartanisch eingerichtet: Um die weißen, runden Tische mit weißen Tischdecken sind weiße, metallene Stühle gruppiert. Am Buffet werden Koteletts gebraten, Kronleuchter hängen vom Zeltdach. Bis zu 1.500 Leute sind im Zelt: Politiker, Unternehmer, die Spieler kommen nach der Partie zum Essen. Richtig gefeiert wird aber auf der Gegenseite. Im Bauch der Tribüne ist das SVM-Café beheimatet. Dort trifft man sich nach dem Spiel, das Treiben geht bis in die Morgenstunden. „Da bist du verehrt worden, da warst du der Star. Geld hast du keines gebraucht“, sagt Mörz. Präsident Pucher habe Wert darauf gelegt, dass die Spieler sich unter die Leute mischen. Die Gastro lädt zum Verweilen ein, der Wein schmeckt, die Kassen klingeln, die Eventisierung des Fußballs trägt in Mattersburg regionale Früchte.
Nach der Party
Anhaltend ist der Erfolg nicht. 15 Saisonen verbringt der SVM im Oberhaus, doch das Interesse am Klub nimmt mit den Jahren ab. „Du hast viermal pro Saison gegen die Austria und Rapid gespielt, irgendwann ist das nicht mehr so besonders“, sagt Mörz. Der Zuschauerschnitt fällt 2018/19 unter die 3.000er-Marke. Das letzte Bundesliga-Heimspiel im Pappelstadion findet am 30. Juni 2020 wegen der Coronaschutzmaßnahmen vor leeren Rängen statt. Mattersburg fixiert mit einem 4:1-Sieg gegen die WSG Tirol den Klassenerhalt, muss aber in der Sommerpause den Spielbetrieb einstellen.
Wie bei vielem in Mattersburg, wurde auch im Pappelstadion getrickst. Pucher kaufte mit Bargeld aus seiner Bank zusätzliche VIP-Tickets, in den Spitzenspielen wurden bis zu 3.500 Zuschauer erfunden. Selbst zu viele Palatschinken im VIP-Zelt wurden verbucht. Pucher hatte den Verein 1988 in der fünftklassigen 2. Liga Mitte übernommen. Bis öffentlich wird, dass das Geld, mit dem er seine Bank und eine ganze Region über Jahrzehnte finanzierte, nicht existiert, soll er 40 Millionen Euro in den Verein abgezweigt haben. Zwei verlorene Cupfinale gegen die Wiener Austria, zwei Europacupauftritte und viel Abstiegskampf stehen zu Buche. Das Geld dafür war erfunden, der Hype war echt.