Die aus dem Lateinbuch als Verhaltensregel hervorgekramte Forderung, über Tote nur gut zu sprechen, ist etwa so praktikabel wie der Umkehrschluss, über Lebende nur Schlechtes zu sagen. Das gilt auch für das öffentliche Sprechen und Schreiben über öffentliche Personen. Es gilt sogar für den am 7. Jänner verstorbenen Franz Beckenbauer. Eine Ikone wie er hätte zu Lebzeiten noch mehr gefeiert werden müssen, sagte Toni Kroos. Nun lässt sich einwenden, dass eine Person, die zu Lebzeiten unironisch als „Kaiser“ und „Lichtgestalt“ bezeichnet wird, ja wohl ausreichend gefeiert worden sein dürfte. Doch Kroos geht es um anderes: Durchgehend hätte man Beckenbauer feiern, seine Fehler, die schließlich jeder mache, verzeihen müssen. Über tote und lebende Helden nur Gutes also.
Diese Forderung hält einem etwas genaueren Blick kaum stand, aber aus der öffentlichen Wahrnehmung Beckenbauers lässt sich dennoch einiges ableiten, zum Beispiel ein Misstrauen gegen Absolutes. Das bereitliegende Lateinbuch erklärt die Herkunft aus dem Wort absolvere: loslösen, freisprechen, vollenden. Der Franz sei ein Glückskind, so eine oft wiederholte Aussage, ihm sei alles zugeflogen: Titel, Liebe, Geld und Ämter etwa. Eine absolute Aussage, losgelöst vom Kontext. Denn bei den Ämtern half oft die Bild-Zeitung, beim Geld die guten Verbindungen über den FC Bayern und das Netzwerk der CSU.
Und die Titel und die Liebe? Dafür hat Beckenbauer viel getan. Als Spieler, der seine Position neu erfand, aber auch am Spielfeldrand. Seinen Anteil am deutschen WM-Titel 1990 auf den „Gehts raus und spielts Fußball“-Sager zu reduzieren, tut seiner Leistung als Trainer unrecht. Und auch die Liebe flog ihm nicht zu, dafür lächelte er, merkte sich tausende Namen und war freundlich zu Menschen, zu denen er nicht freundlich hätte sein müssen. Anekdoten über Beckenbauers unprätentiöse Herzlichkeit sind jetzt vielfach zu hören und zu lesen. Sie vervollständigen das Bild, doch auch sie sind nur eine Facette.
Denn vielleicht war es Teil dieser unprätentiösen Herzlichkeit, dass er Papiere, die ihm Menschen, denen er vertraute, vorlegten, unterschrieb, ohne sie zu lesen. Das ist eine durchaus plausible Erklärung für seine Rolle im Skandal um die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland, aber keine Rechtfertigung für durchgehendes Feiern. Zu den Erwartungen an einen DFB-Vizepräsidenten und Chef eines WM-Organisationskomitees gehört das Lesen von Papieren, die er unterschreibt. Und der Fall in der Wahrnehmung wäre nicht so tief gewesen, wäre Beckenbauer zuvor nicht Glückskind, Kaiser und Lichtgestalt gewesen. Wäre die Öffentlichkeit nicht im Glauben gewesen, dass ihm auch eine WM einfach zufliegen würde, statt dafür – wie alle anderen – mit Geld, Freundschaftsspielen und Wirtschaftskooperationen zu zahlen.
Zieht man diese absoluten Weisheiten über Franz Beckenbauer ab, bleibt noch genug übrig, um in der angemessenen Vielfalt auf sein Leben und seine Karriere zu blicken. Um ihn zu feiern, zu betrauern, zu bewundern, zu bestaunen, zu kritisieren und mit Mitgefühl zu bedenken.