Spielersperren, Geldstrafen, Punkteabzüge, bedrohte Richter und ganz viele Meinungen – die Nachwehen des Wiener Derbys vom 25. Februar dominierten die Schlagzeilen und Debatten der letzten Wochen. Die Themen polarisieren, manchen ist die Aufregung zu groß, anderen zu klein. Die Diskussion nimmt ständig neue Formen an, Inhalte werden bunt zusammengewürfelt. Einmal geht es um Spieler, dann um Funktionäre, einmal um Fans, dann um Medien, einmal um Sponsoren, dann um Senatsmitglieder, einmal um Rapid, dann um die Liga. Es geht um Beschimpfungen, Diskriminierungen und Pyrotechnik, um den sportlichen Wettbewerb und um gesellschaftliche Vorbilder.
All diese Wendungen schaffen Verwirrung und verlagern den Fokus. Im Mittelpunkt steht der Prozess vor dem Strafsenat der Liga, nicht die Prozesse, die der Klub mit seinem Zehn-Punkte-Programm anstoßen will. Rapid ist daran nicht unschuldig, wie sich schon bei der Präsentation des Maßnahmenkatalogs zeigte. Denn der Verein schickte doppelte Botschaften aus: Er präsentiert sich als künftiger Vorreiter im Kampf gegen Diskriminierung und gleichzeitig als Opfer einer zu harschen Bestrafung. Ob Rapid diese mixed messages in der Krisenkommunikation passiert sind oder sie Teil einer zweigleisigen Strategie nach innen und außen waren, ist unerheblich. Die Botschaften unterlaufen einander.
Dabei wäre gerade im Kampf gegen Diskriminierung Klarheit wichtig. Das beginnt schon bei Grundsätzlichem. Es geht nicht um die Befindlichkeiten des Vereins und seiner Fans, sondern um die Stärkung der von Homophobie und Sexismus Betroffenen. Probleme lösen sich nicht über Nacht, sondern in einem langfristigen Prozess. Diskriminierungen verschwinden nicht allein per Verordnung, sondern durch Bewusstseinsbildung und durch bewusstes Handeln. Das Zehn-Punkte-Programm sieht dafür einige gute Ansätze vor.
Es ist eine Mischung aus anlassbezogenen und langfristigen Maßnahmen, die eine klare Positionierung vornimmt und diese mit unterschiedlichen Mitteln unterstreicht. Es changiert zwischen scharfen Instrumenten, indem etwa Verstöße gegen das Leitbild in den Arbeitsverträgen sanktionierbar werden, und weicher Durchsetzung, indem Schwerpunkte auf Diversität gelegt werden. Neuerungen wie der ausgelobte Preis für Faninitiativen gegen Diskriminierungen mögen auf den ersten Blick etwas naiv wirken, die Idee ist aber in zweifacher Hinsicht ein positives Signal an die Anhängerschaft: Sie stärkt engagierten Fans den Rücken und setzt auf Belohnung statt Bestrafung.
Ob das Zehn-Punkte-Programm funktioniert und Rapid die angekündigte Vorreiterrolle wirklich einnimmt, wird sich erst im Lauf der nächsten Jahre zeigen. Aufgabe von Mitgliedern, Fans und Beobachtern wird es sein, auch ohne Anlassfall immer wieder genau hinzuschauen. Über Gelingen und Scheitern des Programms entscheidet schlussendlich der Verein selbst. Rapid muss sich und seine Ansprüche ernstnehmen, um einen Kulturwandel zu bewirken. Die Opferrolle ist kein Teil davon.