Die aktuellen Vizemeisterinnen kommen aus Graz, seit 2012 hat der SK Sturm ein Frauenteam. Ein Besuch im Trainingszentrum Messendorf mit dem Sportlichen Leiter Michael Erlitz und Torfrau Vanessa Gritzner.
An diesem diesigen Frühlingsmorgen im Südosten der steirischen Landeshauptstadt deutet nicht viel darauf hin, dass in wenigen Stunden hier im Trainingszentrum Messendorf ein Cupviertelfinale ausgetragen wird. Als der ballesterer ankommt, ist das Tor gerade erst aufgeschlossen worden, der administrativ Verantwortliche der Sturm-Frauen, Helmut Degen, ist am Telefon. „Die Kantine ist schon offen, der Michi und die Vanessa kommen gleich“, flüstert der ehemalige Co-Trainer und deutet den Weg.
„Der Michi“ ist Michael Erlitz, er ist seit 2023 das Gesicht der Frauensektion des SK Sturm. Mit seinen 27 Jahren gehört er zu den Jüngsten seines Fachs in Österreich. Als Sportlicher Leiter sowohl der Akademie des Steirischen Fußballverbands als auch der SK Sturm Graz Damen fungiert er als Bindeglied zwischen Nachwuchs und Bundesliga-Team. Vanessa Gritzner wiederum ist seit zwölf Jahren Teil des SK Sturm. „Der damalige Leiter Mario Karner hat mit meinem Direktor in der Hauptschule geredet“, sagt die Torfrau. Als 14-Jährige wechselte die Mölltalerin über die Carinthians Soccer Women von Spittal an der Drau ins Internat nach Graz, um beim jungen Kooperationsbetrieb SK Sturm Graz Damen/Stattegg Fuß zu fassen und ihre Handschuhe anzuziehen. In Stattegg war sie nie, trainiert und gespielt wurde ab der Aufstiegssaison 2012/13 in Graz – in Messendorf beim SK Sturm. „Es hat sich schon viel verändert“, sagt Gritzner. „Mit dem aktuellen Trainer ist es noch einmal professioneller in der Ansprache und in den Trainings geworden.“
Der Kampf um Stattegg
Begonnen hat die Geschichte des Sturm-Frauenteams 2009 – und nicht einmal in Graz, sondern in einem Vorort: Der FC Stattegg spielte seine erste Bundesliga-Saison und hielt sich dort mit Ach und Krach. Doch schon früh war in der darauffolgenden Saison abzusehen, dass die Klasse nicht zu halten sein würde. Der Verein war ob der Kosten zudem bemüht, die Frauenabteilung loszuwerden – und bereicherte die Geschichte des Grazer Derbys um eine weitere Episode.
„Früher haben manchmal nur sechs unserer Spielerinnen in Graz trainiert. Heute haben wir eine Einheit, die sich am Wochenende besser am Platz versteht.“
Vanessa Gritzner, SK Sturm
Denn Sturm und der GAK trugen hinter den Kulissen einen Kampf um das Frauenteam des FC Stattegg aus. Beide Vereine wollten in den Mädchenfußball einsteigen. Mario Karner, Verantwortlicher für den Bereich Frauenfußball bei Sturm, hatte bereits ein U13-Team fixiert und war auf der Suche nach einer Perspektive für die älteren Spielerinnen. Der GAK wollte einem FFC Graz GAK die Infrastruktur in Weinzödl zur Verfügung stellen. Medial besonders brisant wurde das Zerren um die Statteggerinnen, als die damalige Kapitänin Lisa Weissensteiner einer Lokalzeitung ein Interview gab: „Ich habe mit allen Mädels gesprochen, wir sind uns einig: Wir wollen nicht zu Sturm!“, sagte sie Mein Bezirk. Als in der Folgesaison 2011/12 die Spielgemeinschaft SK Sturm Graz/FC Stattegg in der zweiten Liga startete, war jedoch entgegen der Aussage der ehemaligen Kapitänin so manche Spielerin von Stattegg dabei. Zudem stießen Spielerinnen wie Verteidigerin Stefanie Kovacs zum Klub, der 2013 unter anderem mit der 14-jährigen Vanessa Gritzner und Torfrau Anna-Carina Kristler in die Bundesliga aufstieg.
Zurück in der Gegenwart von Graz-Messendorf ist diese kleine Posse längst Geschichte. Seit dem Aufstieg wurde dem nächsten schnellen Erfolg keine besondere Bedeutung zugemessen, der Klub wollte sich als erste Anlaufstelle für talentierte Spielerinnen in der Region etablieren und den Anschluss an die Spitze schaffen. Ersteres sieht man heute an der engen Kooperation mit der Akademie des Landesverbands. Karner, der 2023 in den administrativen Bereich gewechselt ist, schuf eine Struktur, die aktuell 14 Betreuer und Betreuerinnen im ersten und zweiten Team umfasst. Immer wieder betonten er und sein Staff in Interviews, dass es um den nachhaltigen Aufbau gehe. Gab es früher nur ein erstes Team, wird nun von oben nach unten immer weiter in den Jugendbereich gearbeitet – eine U16 gibt es bereits, eine U14 steht laut Karner kurz vor der Gründung. Dazu gehört, dass auch Trainerinnen wie Melanie Dobaj gepusht wurden. Heute stammen fast alle Mitarbeitenden aus dem Dunstkreis des Vereins oder wurden über den Landesverband geschult und hochgezogen wie Michael Erlitz.
Die eigene Kaderschmiede
„Mariella El Sherif ist die letzte Kaderspielerin des SK Sturm, die aus der Akademie in Sankt Pölten kommt“, sagt Erlitz bei einer Melange in der Kantine nicht ohne Stolz. „Wir wollen den Mädels eine Perspektive und eine Ausbildung abseits von Sankt Pölten anbieten.“ Und das werde verstärkt angenommen. „Früher haben manchmal nur sechs unserer Spielerinnen in Graz trainiert“, sagt Vanessa Gritzner. „Heute haben wir eine Einheit, die sich am Wochenende besser am Platz versteht.“
Sturm ohne Drang – Die Grazerinnen setzen aufs Fundament statt auf Tempo
Und Spielerinnen wie Leonie Tragl, Jasmin Reichmann und Anna Wirnsberger zeigen, dass sich die sportliche Ausbildung mit der Schule verbinden lässt. „Für den Akademiestatus benötigt man drei Partnerschulen“, sagt Erlitz. Derzeit sind das die HAK Grazbachgasse, das BORG Monsberger und das BG/BRG Oeversee. „Und mit der HIB Liebenau haben wir eine vierte Kooperationsschule in Aussicht.“
Das Konzept scheint zu funktionieren: Zahlreiche Sturm-Spielerinnen kicken mittlerweile in Nachwuchsnationalteams, viele Akademieabsolventinnen stehen bei anderen Bundesligisten unter Vertrag oder haben den Sprung ins Ausland gewagt. Doch da führt Erlitz die Kehrseite des Status quo auf: „Bei einem Wechsel ins Ausland gibt es keine Ausbildungsentschädigung.“ Sturm investiere seit Jahren in die Entwicklung von Talenten, die dann bei Vertragsende vor allem nach Deutschland wechseln. Wie viel Sturm zum Beispiel für Celina Degen, Valentina Kröll, Julia Magerl und Lilli Purtscheller erhalten habe? „Null Euro“, sagt Erlitz.
Der lange Weg nach Hause
Eine weitere Herausforderung ist die fehlende Heimat. Das erste Team trainiert am Postplatz in Graz-Puntigam, die meisten anderen Teams pendeln zwischen Postplatz und dem Verbandsplatz in der Herrgottwiesgasse, die Heimspiele werden in Messendorf ausgetragen – es sei denn, die Männer spielen am selben Tag in Liebenau. Dann bemüht sich der SK Sturm seit der laufenden Saison darum, die Frauen in der Gruabn, der historischen Heimspielstätte am Jakominigürtel, unterzubringen. Am Ende der Saison sollte das viermal geklappt haben.
Dass die 1.000-Zuschauer-Marke in der Gruabn problemlos geknackt wird, während sich in Messendorf meist nur 300 Fans einfinden, zeigt, wie wichtig eine Heimstätte wäre. „Derzeit sind wir auf den guten Willen des GSC Straßenbahn angewiesen, der in der Gruabn zu Hause ist. Und es braucht günstige Spielpläne“, sagt Erlitz. „Wir können im Moment nicht mehr machen, als immer wieder Gespräche führen.“ Mario Karner setzt eigenen Angaben zufolge gemeinsam mit dem GSC alles daran, die Infrastruktur in der Gruabn zu verbessern, um häufiger dort spielen zu können.
Das Zugehörigkeitsgefühl zum Verein mit seinen 13.000 Mitgliedern sei nach zwölf Jahren bei den Spielerinnen besser geworden, sagt Gritzner zwischen den Trophäen des Männerteams in der Kantine. „Die Stimmung in der Kurve ist bei den Spielen der Männer schon sehr cool, vielleicht sogar einzigartig.“ So richtig heimelig wurde es in Messendorf für die Frauen hingegen noch nicht. „Am Postplatz haben wir unser eigenes Reich“, sagt sie. „Auch wenn man da noch etwas verbessern könnte.“
Mit Routine zwischen den Stangen – Vanessa Gritzner ist seit 2013 dabei
Und es wird sich verbessern, wenngleich nur langsam und nur noch für den Nachwuchs am Postplatz. Denn eine eigene Heimat im Trainingsbetrieb ist für das erste Team der Frauen beschlossene Sache. Die Stadt Graz und das Land Steiermark gaben zu Jahresbeginn bekannt, dass der Bau eines neuen Leistungszentrums in Puntigam gefördert wird. Zwei Wochen später vermeldeten die dort ansässige Brauerei und der Verein, dass auch die Frauen nun den Schriftzug auf dem Trikotrücken tragen werden. Die Auswirkungen auf das Budget will der Verein nicht kommentieren, schließlich trage sich die Frauensektion noch nicht allein. Zwar ist sie laut Erlitz finanziell unabhängig konzipiert, das Budget steige langsam, doch „die Lücken, die entstehen, werden auch weiterhin von den Männern gefüllt“. Langsam, aber stetig wird auch der Stellenwert im Verein angehoben. Mit Anna-Carina Kristler und Stefanie Kovacs wurden erstmals zwei Spielerinnen der ersten Stunde in den Legendenklub von Sturm aufgenommen. Bei den Trikotvorstellungen sind die Frauen gleichwertig präsent.
Fundament und Umbruch
Das Gespräch endet nach etwa 90 Minuten abrupt, weil Erlitz und Gritzner zur Kabinenansprache von Trainer Sargon Duran in die Kabine müssen. In gut einer Stunde beginnt nach einer langen Pause die Frühjahrssaison. Der Teambus der Wiener Austria steht bereits am Parkplatz. Die Wienerinnen werden später das Viertelfinale 3:0 gewinnen. Ein Ergebnis, das nach dem Herbst nicht zu erwarten war.
Sportlich läuft es derzeit nicht ideal für die Vizemeisterinnen von Sturm. Nach einem Aderlass an Spielerinnen im Sommer ist das Team in der Tabelle abgehängt. Der Umbruch war absehbar und geplant. Sturm möchte auf eigenen Nachwuchs und punktuelle Ergänzungen setzen und argumentiert mit Nachhaltigkeit. Trainer Duran sagte im Gespräch mit Laola1: „Wir legen im Moment ein Fundament für die nächste Spielzeit.“ Die stärker werdende Konkurrenz sieht er positiv: „Für die Liga ist das überragend. Dass der Abstand weniger wird, hat man in den letzten Jahren gesehen. Derzeit sind Altach und die Vienna uns wenige Schritte voraus. Wir wollen dort auch hinkommen.“
Heute steht der SK Sturm in der Tabelle in etwa dort, wo er auch vor elf Jahren stand. Doch das Fundament, das in Graz gegossen wurde, ist stabiler geworden. Während 2012 laut Karner kaum Spielerinnen einen dreistelligen Betrag als monatliche Entschädigung bezahlt bekamen, werden zwölf Kadermitglieder heute als Profis gewertet. Immer mehr Spielerinnen erhalten beim SK Sturm ausreichend Geld und Sachleistungen wie leistbare Wohnungen aus einem Netzwerk rund um den Verein, um sich voll auf den Fußballsport konzentrieren zu können. Oder, wie es Vanessa Gritzner sagt: „Am Anfang waren wir nur zwei, drei Spielerinnen im Internat mit nur drei Trainings. Heute haben wir ganze Teams mit fünf, sechs Trainings pro Woche. Und auch finanziell merke ich eine Veränderung.“
Wir hoffen, dir gefällt dieser Text. Online findest du viele weitere Artikel aus unseremArchiv – kostenlos. Wir freuen uns, wenn du uns einen kleinen Beitrag spendest. Damit hilfst du uns, weiter unabhängig und kritisch zu berichten – und weiter Texte kostenfrei zur Verfügung zu stellen.
Statt auf eine Kooperation mit einem Männerklub setzt der USV Neulengbach auf Investor*innen als Zukunftsperspektive. Andere europäische Klubs haben dieselben Ziele: Emanzipation und Profit. lesen
2011 beginnt der Prozess gegen Hannes Kartnig, der ihm schlussendlich eine Gefängnisstrafe bescheren wird. Hohn sei fehl am Platz, kommentieren wir, allzu großes Mitleid auch. lesen