Das Wienerwaldstadion fällt nicht als Eventlocation auf. Eine kleine Tribüne fasst 400 Sitzplätze, ein paar alte Holzbänke auf der Gegenseite noch einmal 400. Kommen mehr Leute, müssen sie sich hinter die Werbebanden stellen. Für den USV Neulengbach reicht das, in der Stadt wohnen nur etwa dreimal so viele Menschen, wie in das Stadion passen. Sie liegt im Wienerwald, lebt von der Nähe zu Wien und der Landwirtschaft, neben der Burg findet man zahlreiche historische und denkmalgeschützte Gebäude.
Anders in der Donau City in der Bundeshauptstadt. Zwischen Alter und Neuer Donau ist Wien modern, Bürogebäude reihen sich an Veranstaltungshallen, Firmensitze an Wolkenkratzer. Unweit des DC Tower 1, dem höchsten Gebäude Österreichs, plant Dominic Kollinger die Neuausrichtung des USV
Neulengbach – mit Vorbildern in Deutschland und den USA. Bevor das Gespräch mit dem ballesterer Mitte Juni beginnen kann, holt sich Kollinger noch einen Cappuccino und einen Espresso. Dann geht es zu seinem Büro, das er sich mit seiner Lebensgefährtin teilt. „Ich habe dich gar nicht vor dem Löwen gewarnt“, sagt er, als er die Tür aufschließt und dahinter ein winziger Hund vor Aufregung vibriert, als hätte ihm gerade jemand einen Elektroschock verpasst.
Der 38-Jährige ist selbstständiger Marketingberater, hat früher für die österreichische Adidas-Niederlassung gearbeitet, danach über eine Agentur den ehemaligen Hauptsponsor von Neulengbach betreut. Der Fußball der Frauen interessiere ihn schon länger, sagt er, seine Freundin habe gespielt. Der Kontakt zu Neulengbach war bereits vorhanden, und Kollinger sieht im Wienerwald ungenutztes Potenzial.
ALT- UND NEULENGBACH
Der USV hat zwischen 2003 und 2014 zwölfmal die Meisterschaft und zehnmal den Cup gewonnen und ist damit immer noch Rekordmeister. Nina Burger, Rekordtorschützin des Nationalteams, und Maria Gstöttner, die Rekordtorschützin der Bundesliga, hatten ihre erfolgreichsten Jahre beim Klub. Allerdings wanderten die letzten zehn Meistertitel nach Sankt Pölten. Auch der SK Sturm, die Wiener Austria und die Vienna haben die Neulengbacherinnen inzwischen überholt, die in der abgelaufenen Saison auf Platz acht landeten.
„In zwei oder drei Jahren“, sagt Kollinger, „wollen wir wieder international mitspielen.“ Dafür hat er einen Plan – und der hat zwei Komponenten. Erstens soll der Betrieb der Kampfmannschaft in etwa zwei Jahren in eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert werden, um den Spielerinnen eine professionelle Anstellung und Infrastruktur zu ermöglichen. In der Bundesliga der Männer schreiben das die Lizenzkriterien seit 2018 vor. Zweitens will der Verein einen sogenannten Change Club gründen, dessen Mitglieder Anteile an der Kapitalgesellschaft erwerben können.
Dafür verhandelt Kollinger nach eigener Aussage mit prominenten Zugpferden, fix dabei sind Georg Pangl, Thorsten Schick und Lara Vadlau. Im Frühsommer stellte Neulengbach Andreas Ogris als Trainer vor, Influencerin Cheyenne Ochsenknecht soll im August Vereinspräsidentin werden. Sie hilft dem Klub auch finanziell. Dass sie das Präsidentinnenamt übernehme, sei „mehr oder weniger ein Versehen gewesen“, sagte Ochsenknecht im Interview mit Sky Anfang Mai. „Sie haben jemanden gesucht, der sich für die Mannschaft stark macht, eine große Stimme und Reichweite hat.“
Ochsenknecht lebt mit ihrem Mann in der Steiermark. Sie züchten Rinder und haben aus ihrem Bauernhof eine Marke gemacht, die sie in der Sky-Serie „Unser Hof“ präsentieren. Ochsenknechts Weg in die Öffentlichkeit war in gewisser Weise vorgezeichnet, Vater Uwe und die Brüder Wilson Gonzalez und Jimi Blue sind Schauspieler, als Fünfjährige gab sie im zweiten Teil von „Die Wilden Kerle“ ihr Filmdebüt.
Für Neulengbach hat Ochsenknecht einige Ideen: „Wir werden neue Trikots machen, neue Farben, ein neues Branding. Die Kabinen möchte ich neu machen, die Kantine und auch die Sitze an die neuen Farben anpassen“, sagte sie bei Sky. Sie wolle vor allem den Fußball der Frauen voranbringen. „Ich will den Mädels eine Stimme geben, dass sie genauso stark sind wie die Männer auf dem Platz.“
VORBILD VIKTORIA
Prominente Investor*innen im Fußball sind nicht neu – auch nicht bei den Frauen. Am Angel City FC in den USA sind Ex-Tennisspielerin Serena Williams und Schauspielerin Natalie Portman beteiligt, 2022 übernahmen sechs Investorinnen – darunter die ehemalige Schwimmerin Franziska van Almsick und Komikerin Carolin Kebekus – den Regionalligisten Viktoria Berlin. Der Klub unterzog sich einem Rebranding und stieg in der vergangenen Saison in die zweite Bundesliga auf. Das soll nur ein Zwischenziel am Weg in die höchste Spielklasse sein.
Die Berlinerinnen wollen als feministische Bewegung den Fußball der Frauen voranbringen. Neulengbach ist mit Viktoria im Austausch, die beiden Klubs arbeiten laut Kollinger an einer Kooperation. In die Schublade Feminismus wolle man sich in Niederösterreich aber nicht stecken lassen. „Die Gefahr ist, dass du Leute abschreckst.“ Noch etwas ist anders als bei Viktoria: Neulengbach ist schon in der Bundesliga. Mit dem Abstieg hatte der Verein in den vergangenen Jahren nichts zu tun.
Trotzdem, glaubt Thomas Wirnsberger, könne sich Neulengbach langfristig nicht ohne die Investor*innen in der Bundesliga halten. Der Obmann von Neulengbach ist seit 2016 im Amt und sagt dem ballesterer am Telefon: „Mit Rapid und Sturm können wir nicht mithalten. Warum sollte man da zu einem Dorfverein gehen?“ Mit dem Problem ist Neulengbach in der Bundesliga nicht alleine. Der USC Landhaus, der ebenfalls zwölf Meistertitel gewonnen hat, spielt heute in der zweiten Liga und ist eine Kooperation mit dem Floridsdorfer AC eingegangen. Das dominierende Team der 1990er Jahre, Union Kleinmünchen, hat sich 2021 mit Blau-Weiß Linz zusammengeschlossen, der FC Bergheim geht als Red Bull Salzburg in die kommende Saison, der FFC Vorderland hat seine erste Saison als SCR Altach gerade hinter sich gebracht.
Den Trend bestärkt eine Vorschrift: Die Klubs der Männer-Bundesligisten müssen im Fußball der Frauen aktiv sein, um eine Lizenz zu erhalten. Neulengbach habe schon vor über zehn Jahren Gespräche mit dem SK Rapid wegen einer Kooperation geführt, erzählt Obmann Wirnsberger. Immer wieder sei man im Kontakt gewesen, das letzte Mal vor etwas über einem Jahr. „Wie wären damals auch dazu bereit gewesen“, sagt Wirnsberger. Rapid entschied sich aber für den Aufbau eines eigenen Teams. Jetzt ist Wirnsberger froh darüber: „Das war die beste Entscheidung für uns, weil wir sonst dieses Projekt nicht hätten.“
IDENTITÄTSPOLITIK
Einen Identitätsverlust durch die Investor*innen befürchtet Wirnsberger nicht, weil die Anteile auf viele Schultern aufgeteilt werden sollen. Er hofft auf eine Internationalisierung. „Rapid und Sankt Pauli haben auch Mitglieder, die weltweit verstreut sind. Es sollten viele Menschen die Möglichkeit haben mitzuwirken, wenn sie sich zu Neulengbach beziehungsweise dem Frauenfußball bekennen.“ Wegen Ochsenknecht und Ogris habe das Projekt große Wellen geschlagen. Ob das auch neue Fans anlockt? Wirnsberger glaubt daran, er hofft, zukünftig 1.000 Fans ins Wienerwaldstadion zu ziehen. In der Saison 2024/25 waren es im Schnitt 160.
Vielleicht füllen ja die künftigen Investor*innen die Tribüne. Von denen soll es auf jeden Fall einige geben. Ein Ticket für den Change Club wird schon bei etwa 1.000 Euro starten. Mit diesem Geld will sich der Verein professioneller aufstellen, zum Beispiel Physiotherapeutinnen und Masseure anstellen. Und die Spielerinnen sollen ein faires Gehalt bekommen und versichert werden, sagt Kollinger. Natürlich erwarten Investor*innen aber auch einen Gewinn. Der könnte beim Erreichen des internationalen Geschäfts ausgeschüttet werden. „Ich glaube aber nicht, dass es ein klassisches Investment ist, bei dem ich mir eine riesige Rendite erwarte“, sagt der Projektleiter. „Es geht darum, gemeinsam eine Vision zu teilen.“
INVESTOREN ALLER LÄNDER
Der Klub plant, bis zur Ausgliederung 25 Prozent der Kapitalanteile zu verkaufen. Später werden auch Stimmrechte verkauft, vielleicht mehr als 50 Prozent. Das wäre ein Verstoß gegen die 50+1-Regelung, auch wenn Neulengbach sich ein Rückkaufrecht sichern will. Ein Problem wäre das derzeit nicht, die Bestimmung gilt in der Bundesliga der Frauen anders als bei den Männern derzeit nicht. Erst ab der kommenden Saison wird es überhaupt ein Lizenzverfahren geben, und dieses sieht keine 50+1-Regel vor, oder, wie der ÖFB auf ballesterer-Anfrage mitteilt: „Dem ÖFB ist kein Fall innerhalb der Frauen-Bundesliga bekannt beziehungsweise wurden keine Planungen kommuniziert, die im Kontext einer sogenannten 50+1-Regelung relevant wären.“ Der Verband werde die Lizenzkriterien nach jeder Saison evaluieren.
In der kommenden Meisterschaft ist Neulengbach neben Sankt Pölten der einzige Klub, der von einem Männer-Profiverein unabhängig ist. Für Kollinger ist diese Eigenständigkeit ein Vorteil: „Die Abhängigkeit vom Männerverein kann gefährlich sein. Wenn es bei den Männern nicht läuft, wird den Frauen schnell mal das Geld abgedreht.“
International gibt es schon jetzt mehrere Beispiele für neue Finanzierungsmodelle im Fußball der Frauen jenseits von Männerklubs. In Italien hat eine Investmentgruppe eine Mehrheitsbeteiligung an Erstligist FC Como Women erworben. Das Konsortium Mercury13 will bei mehreren Klubs in Europa investieren, um die Frauen finanziell unabhängiger zu machen und kosteneffizienter arbeiten zu können. Beteiligt sind unter anderem Italiens Ex-Teamspieler Giorgio Chiellini und Lauren Holiday, Weltmeisterin mit den USA. In den Niederlanden bezeichnet sich Hera United aus Amsterdam als erster unabhängiger Profiklub in der Eredivisie der Frauen. Der Verein hat die Lizenz des Erstligisten Telstar übernommen und ist ebenfalls investorengestützt.
Ist das Modell aus Amsterdam, Berlin, Como und Neulengbach also ein zukunftsfähiges? Obmann Wirnsberger glaubt an diesen Weg, er sagt: „Wir wollen Vorreiter sein, vielleicht ist es ein Denkanstoß für viele andere.“