Die Wettervorhersage für die Hohe Warte trifft es ziemlich genau. Pünktlich zu Spielbeginn um 14 Uhr setzt der Regen ein, während der ersten Halbzeit kühlt es von frühsommerlichen 19 auf zwölf Grad herunter. Die 236 Zuschauer in der Döblinger Naturarena freuen sich über die überdachte Tribüne, nur ein paar wenige Fans nehmen auf den ungeschützten Sitzen auf der gegenüberliegenden Seite Platz.
Für die Vienna ist das Wasser alles andere als ein schlechtes Omen. Gegen die Tabellenführerinnen aus Sankt Pölten geraten die Wienerinnen zwar in der 73. Minute in Rückstand, in der fünften Minute der Nachspielzeit bleibt Vienna-Kapitänin Claudia Wasser aber cool. Sie dribbelt ein paar Gegnerinnen im Strafraum aus und trifft sehenswert unter die Latte. Wenige Sekunden später ist das Spiel vorbei, das Remis wird bejubelt wie ein Sieg. „Das ist historisch“, ruft ein Fan auf der Stehtribüne mehrmals hintereinander. Es ist das erste Mal, dass die Vienna den Serienmeisterinnen einen Punkt abgenommen hat. „Einfach geil“, wird die Torschützin nach dem Spiel dazu sagen. Die Vienna-Frauen spielen derzeit die beste Bundesliga-Saison ihrer Geschichte. Nach elf Runden beträgt der Rückstand auf Sankt Pölten vier Punkte. „Ganz hervorragend“ nennt Vizepräsident Jonas Puck die bisherige Spielzeit im Gespräch mit dem ballesterer. Erwartet habe er das im Sommer nicht, es sich höchstens gewünscht. „Es ist für unsere Strategie nicht notwendig, die zweit- oder drittstärkste Kraft im Land zu sein.“
Der zweite Wiener Bundesligist ist an diesem Wochenende knapp 500 Kilometer weiter westlich im Einsatz. Auf einem Nebenplatz des Tivoli-Stadions trifft die Austria auf Tabellenschlusslicht Wacker Innsbruck, vor 214 Zuschauern feiern die Wienerinnen einen 4:0-Sieg. Schon in der Woche zuvor hat die Austria Sankt Pölten ein 0:0 abgetrotzt, im Cup steht man nach Siegen gegen Sturm und Vorderland/Altach sogar im Finale. „Das zeigt, dass unser Weg der richtige ist“, sagt Lisa Makas. Der ballesterer trifft sie in der Woche nach dem Spiel gegen Innsbruck im Viola Park in Wien-Favoriten. Makas ist seit Ende 2022 Sportliche Leiterin der Austria-Frauen. Im vergangenen Sommer gab es einen Kaderumbruch, viele neue Gesichter sind dazugekommen, wie Makas sagt. Einiges wurde um- und das Team neu aufgestellt. In dieser Saison schielen die Austrianerinnen noch nicht ganz nach oben, zu Redaktionsschluss liegen sie auf dem fünften Platz.
Wiener Anfänge
Ganz oben waren die Wiener Vereine in der Bundesliga schon lange nicht mehr, seit der Jahrtausendwende gewinnen Klubs aus Niederösterreich. Ab 2003 holte Neulengbach zwölf Titel in Folge, seit 2015 kommen die Meisterinnen immer aus Sankt Pölten. Der letzte Meistertitel eines Wiener Vereins datiert aus dem Jahr 2001, als der USC Landhaus gewann. Dabei ist die Geschichte des Fußballs von Frauen in Österreich eng mit der Bundeshauptstadt verknüpft. Im Jahr 1924 wurde mit Diana Wien der erste Damenfußballclub gegründet. Zehn Jahre bevor der ÖFB 1982 die erste Saison der Frauen-Bundesliga ausrichtete, organisierte der Wiener Fußball-Verband eine Meisterschaft mit anfänglich sechs Teams. Und auch in der Anfangszeit der Bundesliga gaben die Wienerinnen den Ton an: Landhaus, Aspern und Ostbahn XI gewannen die ersten drei Titel. Landhaus konnte bis 2001 noch weitere sechs Male den Meisterteller in die Höhe stemmen. Zählt man die Saisonen in der Damenliga des Wiener Verbands dazu, sind die Wienerinnen mit zwölf Titeln gemeinsam mit Neulengbach sogar Rekordmeisterinnen.
Den Rekord hält der USC Landhaus noch immer, seinen Platz in der Bundesliga hat mittlerweile die Austria eingenommen. Im Sommer 2015 gaben die beiden Vereine eine Kooperation bekannt, in der Saison 2017/18 spielten die Landhaus-Kickerinnen erstmals in violetten Trikots mit dem Austria-Wappen auf der Brust. „Ohne die Austria würde das hier wohl nicht mehr so gehen“, sagte Gerhard Traxler, langjähriger Obmann des finanziell angeschlagenen Vereins, damals dem Kurier. Und der damalige Austria-Vorstand Markus Kraetschmer sah eine Win-win-Situation: „Wir haben von Beginn an gesagt, es macht keinen Sinn und wir haben auch nicht die nötigen Kapazitäten dazu, um von null ein Frauenteam aufzubauen.“ Ab 2018/19 traten die Klubs in der Bundesliga als Spielgemeinschaft USC Landhaus/Austria Wien auf, im Sommer 2021 trennten sich die Wege wieder. Der FAK blieb in der Bundesliga, Landhaus musste als nun wieder eigenständiger Verein in die zweite Liga und fand mit dem FAC 2022 einen neuen Spielgemeinschaftspartner. Die erste kooperationslose Saison schloss die Austria auf dem dritten Rang ab, in der vergangenen Spielzeit reichte es nur zum sechsten Platz.
„Die Austria war einer der ersten großen Klubs, die in den Frauenfußball eingestiegen sind“, sagt Lisa Makas. Zu diesem Zeitpunkt war sie als Stürmerin noch in der deutschen Bundesliga unter Vertrag, im Jänner 2022 wechselte sie nach einem kurzen Zwischenstopp in Sankt Pölten zur Austria. Im Sommer desselben Jahres beendete sie dort ihre Karriere – und stieg zur Teammanagerin auf. „Uns sind in den letzten Jahren schon einige Milestones im Frauenfußball gelungen“, sagte Sportdirektor Manuel Ortlechner im Dezember 2022. Die Übernahme der Sportlichen Leitung durch Lisa Makas sei der nächste.
Pionierinnen mit Unterbrechung
Als der First Vienna FC das erste Mal die Fühler in Richtung Fußball der Frauen ausstreckte, war Lisa Makas noch nicht auf der Welt und die Austria noch einige Jahrzehnte von der Gründung einer Frauensektion entfernt. Begonnen hat alles mit dem Kultur & Sportverein der Wiener Berufsschulen, der seit Ende der 1970er Jahre ein Frauenteam unter der Leitung von Christa Hainzl stellte. „1989 ist die Berufsschule ausgestiegen“, erzählt der ehrenamtliche Vienna-Historiker Alexander Juraske. „Vienna-Präsident Heinz Havelka und Manager Manfred Polster waren interessiert – auch weil gerade die EM in Deutschland gewesen ist.“ Die Vienna übernahm das gesamte Team des KSV inklusive seiner sportlichen Leitung und freute sich über zusätzliche Mitgliedsbeiträge. „Das waren andere Zeiten“, sagt Juraske, das Zuschauerinteresse sei viel geringer gewesen als heute. „Aber wir Fans haben das leiwand gefunden.“
In den 1990er Jahren pendelte der Verein zwischen erster und zweiter Liga, das Highlight war der vierte Platz 1992. Das Engagement endete 1997, als das gesamte Team aufgrund finanzieller Schwierigkeiten der Vienna zum FC Hellas Kagran wechselte. Der Neustart folgte 2011 von ganz unten, wieder war Hainzl federführend beteiligt.
Am Anfang standen Sichtungstrainings einer U11 und einer U15, kurz darauf folgte die Gründung der U13. Der Ansturm auf die Probetrainings sei enorm gewesen, sagt Juraske. „Da hat ein ganz anderer Wind geweht.“ In der Saison 2012/13 startete ein Team in der Ersten Klasse auf der vierthöchsten Stufe, nach drei Jahren in der zweiten Liga ist die Vienna seit Herbst 2021 zurück in der Bundesliga. Auf den vierten Platz in der ersten Saison folgte der fünfte in der zweiten.
„Schon damals war unsere Philosophie, stark auf den Nachwuchs zu setzen“, sagt Jonas Puck, der für die Frauensektion verantwortlich ist. Heute stellt die Vienna neben der Kampfmannschaft und dem Future-League-Team bei den Mädchen eine U16, eine U14, eine U12 und eine U10. „Die Nachwuchsarbeit ist die Wirbelsäule des Vereins“, sagt Puck. Der Vizepräsident sieht darin die Basis für den derzeitigen Erfolg: „Wir haben uns früh eine Strategie zurechtgelegt, mit der wir die Mannschaft langfristig entwickeln wollen. Dazu gehört der Fokus auf eine starke Jugend.“ Der zeigt sich mittlerweile auch in den Nachwuchsnationalteams: Bei der U19-EM 2023 waren sechs Spielerinnen der Vienna mit von der Partie, mehr als von jedem anderen Verein. Im aktuellen U19-Kader sind es fünf.
Unterschiedliche Ambitionen
Der Kader der Wiener Austria weist 25 Spielerinnen aus, bei neun von ihnen ist auf dem Foto auf der Vereinswebseite ein Stempel mit der Aufschrift „Made by us“ zu sehen. Damit werden jene Talente gekennzeichnet, die Teil des dualen Ausbildungssystems aus Gymnasium und Akademie sind. Die Ausbildung beginnt bei der Austria erst mit der U16. Pläne für Teams in Altersklassen darunter gebe es, sagt Lisa Makas, wann es so weit sein wird, wolle sie aber noch nicht verraten. Trotzdem betont sie die Wichtigkeit der Jugendarbeit. „So baust du dir Zukunftsspielerinnen auf, die du so formen kannst, wie du sie benötigst“, sagt die ehemalige Teamspielerin. Die Austria stellt derzeit drei Spielerinnen in der U19, mit Lena Nindl eine weitere in der U17.
Nur mit Zukunftsspielerinnen gehe es aber nicht, sagt Makas. Im vergangenen Sommer holte sie daher unter anderem die damals 30-jährige Teamspielerin Katharina Schiechtl von Werder Bremen und die gleichaltrige niederländische Mittelfeldspielerin Dominique Bruinenberg vom SC Telstar. Sie sollen dazu beitragen, das junge Team der Austria zu stabilisieren. Wichtig sei eine gute Balance: „Die Jungen performen zu inkonstant. Wenn du aber eine zu alte Mannschaft hast, wird dir die irgendwann wegbrechen. Dann musst du wieder bei null anfangen.“ Das kann sich die Austria nicht leisten, die Ambitionen sind groß. „Wir wollen gemeinsam in die Champions League kommen“, sagte etwa Bruinenberg bei ihrer Vorstellung im Sommer. „Wir wollen in den nächsten Jahren vorne mitspielen“, sagt auch Makas. „Um die Champions-League-Plätze und um den Meistertitel.“ Die finanziellen Probleme des Vereins würden daran wenig ändern und sich nicht auf die Frauensektion auswirken, sagt sie. Der ganze Vorstand stehe hinter den Frauen. „Wir müssen nicht einsparen. Sonst wären die Transfers im Sommer auch so nicht möglich gewesen.“
In der aktuellen Saison ist die Vienna der Champions League bisher näher als die Austria, für die Teilnahme an der Qualifikation würde der zweite Platz reichen. „Europa wäre ein Traum“, sagt Vereinshistoriker Juraske. „Aber es wird irre schwer.“ Vizepräsident Puck ist optimistischer: „Wenn alle Steine richtig zusammenfallen, ist es möglich, jedes Spiel zu gewinnen“, sagt er. „Aber es ist keinesfalls so, dass das Präsidium das erwarten würde. Wenn wir Dritter werden, wäre es immer noch die beste Saison, die wir je gespielt haben.“ Auf längere Sicht stehe aber ohnehin etwas anderes im Vordergrund. „Die Entwicklung unserer Spielerinnen ist mir viel wichtiger“, sagt Puck. „Wir definieren uns als Ausbildungsverein. Wir machen unseren Erfolg auch daran fest, wie viele Spielerinnen uns zu noch besseren Vereinen verlassen.“ Ein Paradebeispiel dafür sei Sarah Mattner-Trembleau, die die gesamte Jugend der Vienna durchlaufen hat und im Jänner 2023 zu Sankt Pölten gewechselt ist. Den Anspruch, auch langfristig die Nummer eins in Wien zu sein, habe die Vienna trotzdem, sagt Puck.
Ein neues Derby
In nicht allzu ferner Zukunft dürfte ein dritter Verein in das Rennen um diesen inoffiziellen Titel einsteigen. Ab Herbst stellt der SK Rapid ein Team in der drittklassigen Landesliga – mit dem Ziel, sich schon bald in der Bundesliga zu etablieren. Der Start war vielversprechend: 3.150 Fans waren beim ersten Heimspiel der Rapid-Frauen im Weststadion – ein neuer Rekord für ein Spiel zwischen zwei österreichischen Teams. Die Partie endete mit einem 2:1-Sieg der Rapidlerinnen gegen Traiskirchen.
Was sich durch das Hütteldorfer Engagement für die Austria ändert? „Zunächst einmal gar nichts“, sagt Lisa Makas. Es sei gut, dass Rapid besser spät als nie auf den Zug aufgesprungen sei. „Ich freue mich auf das Derby in der Bundesliga. Es gibt nichts Geileres.“ Auch Jonas Puck sieht die Aktivitäten von Rapid positiv – zunächst aus der eigenen Perspektive: Der Einstieg der Hütteldorferinnen sei ein Anreiz, die eigene Arbeit zu reflektieren und sich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig hoffe er auf ein größeres Publikum und mehr Förderer im Fußball der Frauen. „Es wäre doch traurig, wenn es dieses Derby nicht in der Bundesliga geben würde.“
Das nächste Wiener Derby findet jedenfalls noch ohne Rapid statt. Am 5. Mai matchen sich die Austria und die Vienna auf der Hohen Warte um die Vorherrschaft in Wien. Vergleichbar mit Grün gegen Violett sei die Rivalität nicht, unbedingt gewinnen wolle man aber trotzdem, sagt Makas: „Der Wille, den Titel ‚Nummer eins in Wien‘ nach Hause zu holen, ist sehr groß.“