Österreich 6, Island 0 – hätte es im Stadion von Salou in Spanien ein Scoreboard gegeben, die Machtdemonstration der österreichischen Frauen im Play-off zur U20-WM wäre noch sichtbarer gewesen. Der Sieg am 4. Dezember 2023 sicherte dem Team die erstmalige Teilnahme am Turnier, das im Spätsommer in Kolumbien stattfinden wird. Neun der elf Spielerinnen in der Startformation waren zum damaligen Zeitpunkt in der Bundesliga aktiv, ebenso wie alle neun, die beim Anpfiff auf der Bank saßen. Drei Tage zuvor: Kroatien legte mit einem 2:0-Sieg gegen die Slowakei den Grundstein zum überraschenden zweiten Platz in der Leistungsstufe B der Nations League. Die Tore erzielten Ruzica Krajinovic, die aus Innsbruck stammt und für den SK Sturm spielt, und die in Wien geborene Vienna-Stürmerin Jelena Dordic – zwei von sieben Spielerinnen im kroatischen Kader, die in Österreich aufgewachsen sind oder in der Liga spielen.
Am 5. Dezember besiegte das österreichische Nationalteam die früheren Weltmeisterinnen und Olympiasiegerinnen aus Norwegen 2:1 und fixierte damit Platz zwei seiner Nations-League-Gruppe. In Irene Fuhrmanns Startformation stand jedoch nur eine Kickerin aus der Bundesliga: Eileen Campbell von der Spielgemeinschaft Altach/Vorderland. Sie blieb nicht mehr lange in Vorarlberg, ihr Transfer zum SC Freiburg in der Winterpause war schon ausgemacht. Im UEFA-Ranking steht die Bundesliga auf dem zwölften Platz, aber in den für die Wertung relevanten letzten fünf Saisonen haben vor allem die Abonnementmeisterinnen aus Sankt Pölten Punkte beigetragen. Der SK Sturm und die Spielgemeinschaft USC Landhaus/FK Austria Wien erreichten die K.-o.-Phase in dieser Zeit nicht, andere Klubs spielten nicht europäisch. Wo steht die Bundesliga also im internationalen Vergleich?
Spielwiese für Teenager
Seit 2015 ist Sankt Pölten achtmal in Folge Meister geworden, stets überlegen, fast immer ungeschlagen, mitunter ohne Punkteverlust. Im Schnitt kassierte das Team nur vier Gegentore pro Halbsaison. In Europa sieht es ganz anders aus: Nach den Titeln 2022 und 2023 qualifizierte sich der Klub zwar für die Gruppenphase der Champions League, in zwölf Spielen gab es dort aber nur einen Sieg, zwei Remis und neun Niederlagen – davon fünf mit vier oder mehr Gegentoren. Der Abstand zur internationalen Elite ist also groß, so groß wie jener zur heimischen Konkurrenz im vergangenen Jahrzehnt, nur eben in die andere Richtung.
Das Gefälle in Österreich ist auch eine Generationenfrage. Denn Sankt Pöltens Ligakonkurrentinnen in den neun übrigen Klubs sind jung: Rund die Hälfte der Stammkräfte zwischen Altach und Wien-Favoriten hat den 21. Geburtstag noch vor sich. Talente kommen also zu viel Spielpraxis. Das weiß man auch in Deutschland. „Viele deutsche Vereine schauen sehr genau nach Österreich“, sagt Lisa Makas. Die 74-fache Teamstürmerin hat lange beim MSV Duisburg gespielt und ist nun Sportliche Leiterin bei der Wiener Austria. Sie sagt: „In Deutschland weiß man, dass hier viele talentierte Spielerinnen aktiv sind. Die Ausbildung gilt als gut, und eine Sprachbarriere gibt es auch nicht.“ Die Einschätzung, dass die österreichische Liga ein attraktiver Nachwuchsmarkt für die deutsche ist, bestätigt Theresa Merk. Sie trainiert beim SC Freiburg drei Östereicherinnen: Eileen Campbell, Lisa Kolb und Annabel Schasching. „Die Spielpraxis aus der Liga hilft, und auch das Konzept des ÖFB-Zentrums finde ich gut“, sagt Merk.
In der 2011 eröffneten Akademie in Sankt Pölten werden die besten Teenager des Landes zusammengezogen und können quasi wie ein Vereinsteam trainieren. „Junge Spielerinnen werden dort schon an eine gewisse Trainingshäufigkeit und an Krafteinheiten herangeführt, Amateurvereine können eine solche Struktur nicht bieten“, sagt die Freiburg-Trainerin. „Die österreichische Liga liefert eine gute Vorbereitung, liegt aber bei Tempo und Physis deutlich hinter der deutschen Bundesliga zurück.“ Das ist die eine Seite der Wahrheit.
Die andere Seite kennt Tea Krznaric. Die 19-jährige Mittelfeldspielerin ist in Traun vor den Toren von Linz aufgewachsen, sie peilt gerade mit dem LASK den Aufstieg in die Bundesliga an und gehört zu jenen Austro-Kroatinnen, die der kroatische Verband gezielt scoutet. Warum? „Weil wir von Tempo und körperlicher Robustheit viel stärker sind als die Spielerinnen in Kroatien“, sagt Krznaric. „Die erste Liga dort ist vom Niveau vergleichbar mit der zweiten Liga in Österreich.“ In den Relegationsduellen der Nations League war Kroatien gegen Norwegen zwar chancenlos, ließ auf dem Weg dorthin mit Rumänien und der Slowakei aber zwei in der FIFA-Weltrangliste besser platzierte Teams hinter sich – auch dank der Kickerinnen, die in Österreich spielen und ausgebildet wurden.
In Kroatien gilt die Bundesliga also als Upgrade zur eigenen Liga. Ähnlich ist es in der Slowakei, von deren Teamspielerinnen ebenfalls einige in Österreich spielen. In Deutschland sieht man die Bundesliga als interessanten Talentepool. Und wie wird sie in anderen höherklassigen Ländern wahrgenommen?