Einen Kommentar über den bevorstehenden Abschied von Christian Streich als Trainer des SC Freiburg schreiben? Sicher nicht, denke ich mir. Das ist aufgelegt. Die ganze aufgeklärte deutschsprachige Fußballwelt wird über ihn schreiben. Ich nicht. Ich habe ja nicht einmal seine Karriere genau verfolgt.
Doch dann zieht er mich in seinen Bann. Ich vermute, so geht es auch seinen Spielern und Kollegen. Bei seinen Pressekonferenzen ist so eine Vertrautheit zwischen ihm und seinem Pressesprecher zu beobachten. Der gibt ihm Stichworte, und Streich startet los. Er verliert sich scheinbar in Belanglosigkeiten und endet bei wichtigen Dingen. Kurz bevor er zu knapp an der Moral streift, relativiert er sich und haut einen Witz raus, wie meine deutschen Freunde sagen würden.
Er erklärt sein Prinzip der individuellen Herangehensweise an einzelne Spielertypen mit Sätzen wie: „Der eine holt Kraft aus dem Gebet und der andere aus der Badewanne“. Er erklärt dem Kameramann an dessen Beispiel, was Erfolg und Öffentlichkeit mit einem Spieler machen: „Wenn Ihnen die Leute dauernd sagen, was für tolle Aufnahmen Sie machen, und Autogramme von Ihnen wollen, dann lassen Sie das nächste Mal vielleicht auch das zweite Teleobjektiv zu Hause, weil Sie dann nicht so schwer schleppen müssen und die Leute Ihnen trotzdem applaudieren.“
Mit den Worten „Wenn man mich mit knapp 30 Jahren in ein Haus eingesperrt und ich über Jahre nicht arbeiten hätte dürfen, dann wäre auch mein Aggressionspegel gestiegen und ich hätte mich geschämt, weil ich meinen Kindern keinen Roller besorgen hätte können“ nimmt er Stellung für die Arbeitserlaubnis von Flüchtlingen. Er ergänzt: „Jetzt haben wir wenig über Fußball geredet, aber es gibt wichtigere Dinge.“
Weit gefehlt, wenn die geneigten Leser und Leserinnen jetzt hoffen, dass Streich auf Millionäre draufhaut, nachdem er die absurden Transfersummen am Spielermarkt angeprangert hat. Er erläutert, wie viel Arbeit Cristiano Ronaldo in sein Training steckt, und hätte gerne, dass das andere Spieler auch machen.
Muskeln kommen nicht von nichts. Streich hat ein Talent für die Show, scheint sie aber aus einer Emotion, aus einem Bedürfnis, nicht aus Berechnung, zu veranstalten. Er scheint getrieben zu sein, dadurch treibt er andere an. Er nutzt die riesige Öffentlichkeit des Fußballs, um gesellschaftliche Debatten zu führen: „Die Demokratie hat eine Form von Problematik. Es geht immer um Kompromisse. Dann heißt es, es geht zu lange, und der will das einbringen und der das. In autoritären Regimen geht das oft schneller. Es geht also nur mit Vernunft und Solidarität. Es geht darum, dass wir im Gespräch bleiben, Menschen verändern ihre Meinung.“
Christian Streich wird dem Profifußball fehlen, er wird der Öffentlichkeit fehlen – und er wird mir fehlen. Vielleicht gibt es auch noch einen ganz anderen Grund, warum ich über Streich schreiben musste: Ich fühle mich ihm unbewusst verbunden. Er berührt mich durch seinen Dialekt. Er spricht ähnlich wie die Familie meiner Oma aus Baden-Württemberg, einem Grenzgebiet im Süden.