Man hört den Fußball im Regent’s Park, bevor man ihn sieht. Die Rufe vom Platz und der Outlinie hallen durch Alleen, über Wiesen und Brücken: „Well done, lads!“, „Oi, Ref!“ Es ist ein frischer Herbsttag, aber die Sonne scheint. Perfektes Fußballwetter also. Die Pfiffe der Schiedsrichter weisen den Weg, und schließlich tauchen die Spielfelder hinter den Bäumen auf. Fußballplätze, so weit das Auge reicht und das mitten in London. Der Regent’s Park ist 1,7 Quadratkilometer groß, also etwa doppelt so groß wie der Wiener Stadtpark. Er grenzt an den Zoo, andere Touristenattraktionen wie das British Museum und Camden Market sind zu Fuß erreichbar. In der Mitte liegt auf einer künstlichen Anhöhe „The Hub“, die Drehscheibe. In dem runden Pavillon mit Glasfassaden befindet sich ein Café, darunter liegen Umkleidekabinen und Duschen. Die Anlage ist ein Herzstück des Londoner Grassroots Football.
Der Grassroots Football, zu Deutsch Graswurzelfußball, ist weit weg von Glitzer und Kommerz der Premier League, aber zugleich die Grundlage für die Entwicklung des Sports in London und ganz England. Gespielt wird auf einem der über 100 Fußballfelder in den Parks, auf privaten und kommunalen Sportplätzen. Geld verdient hier niemand, beim Grassroots Football geht es um Freizeitgestaltung und Gemeinschaft. Er wird von Menschen aller Altersgruppen und Fähigkeiten gespielt, unter dem Dach der London Football Association sind etwa 3.300 Teams aktiv.
Jäger und Kicker
Der Blick auf diese Basis ist auch ein Blick in die Geschichte des Fußballs. Ende des 19. Jahrhunderts professionalisierte sich der Sport in England, er war nicht mehr den Eliten und der wohlhabenden Mittelschicht vorbehalten, sondern wurde zunehmend von und für die Arbeiterklasse gespielt. Dabei machten nicht alle mit. In London verweigerte sich der 1882 gegründete Corinthian FC dem Profitum und dem Wettbewerb. Fairplay und Freundschaftsspiele standen für die Amateure im Mittelpunkt – auch wenn das bedeutete, nicht gegen die großen englischen Klubs antreten zu können, sondern sich Gegner auf weltweiten Tourneen zu suchen. Heute spielt der Verein als Corinthian-Casual FC mit mehreren Männer-, Frauen- und Jugendteams im Südwesten der Stadt –ebenfalls in einem Park, dem King George Recreation Ground.
Am Wochenende füllen sich die Londoner Parks nicht nur mit Spaziergängern, sondern mit Fußballteams aus der ganzen Stadt zum Sunday League Football. Die Sonntagsligen – in Abgrenzung zum Profifußball am Samstag – entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg und breiteten sich von den Arbeitervierteln über ganz London aus. Sie sind bis heute an vielen Orten ein fester Bestandteil des lokalen Lebens und bieten sportliche Betätigung und sozialen Zusammenhalt.
Die Infrastruktur für die Hobbykicker ist vielfältig. Die Stadt verfügt über mehr als 300 offizielle Fußballplätze. Rund 80 davon liegen im Norden Londons auf den Hackney Marshes. An einem Sonntagmorgen werden hier mehr Fußballspiele ausgetragen als an so ziemlich jedem anderen Ort der Welt. In Central London bildet der Regent’s Park das Zentrum der Grassroots-Szene. Er ist einer der königlichen Parks der Hauptstadt und war im 16. Jahrhundert das Jagdrevier von Henry VIII. Seit 1842 ist der Park öffentlich zugänglich.
Derbytime
Edmond Grezda feuert seine Spieler an und ermahnt sie lautstark, wenn ihm etwas nicht passt. Der 52-Jährige trägt die dunklen Haare kurz geschnitten und hat einen grau-melierten Bart. FC Marylebone steht in weißer Schrift auf seiner schwarzen Jacke. Grezda ist aus Albanien nach England gekommen ist. 2019 gründete er in London den Marylebone FC, der sich vor allem dem Training für Kinder, Buben wie Mädchen, verschrieben hat. „Wir haben mit zwei Kindern angefangen, heute sind es über 200“, sagt Grezda dem ballesterer.
Über die Website des Vereins sind unterschiedliche Module buchbar: Die Kinder können wöchentlich zwischen ein- und dreimal trainieren und an ein oder zwei Spielen teilnehmen. Je öfter, desto teurer wird es aber auch, das Maximalpaket kostet 1.260 Euro im Jahr. Die Teams treten in verschiedenen Jugendligen an, unter anderem in der Regent’s Park Youth League und der Camden & Islington Youth League.
Aus Islington kommt am heutigen Samstag auch der Gegner des Senior Teams, das Grezda trainiert. Am Platz stehen junge Männer, es ist ein hartumkämpftes Match zwischen den Mannschaften der beiden Stadtteile rund um den Regent’s Park. Dabei ist die Grünanlage kein neutraler Boden. Im Gegenteil. „Die Gastgeber zahlen den Platz und den Schiedsrichter, das ist heute ein Heimspiel für Islington“, sagt Grezda. Die Partie findet in der MCFL Division 1, einer Amateurliga des County Middlesex, statt. Dort spielen unter anderem auch die Alexandra Knights, die ihre Heimspiele auf den Fußballplätzen des für die Darts-WM bekannten „Ally Pally“ austragen, und der von griechischen Migranten gegründete Apollo London FC.
Nachdem es in der ersten Hälfte bereits eine Auseinandersetzung auf dem Spielfeld gegeben hat, ist Grezda auf der Hut. „Sorry, Coach“, entschuldigt sich einer der Burschen, als er den Schiedsrichter etwas zu heftig kritisiert. Der Respekt der Spieler für ihren Trainer ist spürbar. Marylebone gewinnt dank schöner Treffer 3:0, Grezda ist zufrieden. „Ich habe ihnen versprochen, sie mit nach Albanien zu nehmen, wenn sie den Titel holen. Jetzt, wo es gut läuft, erinnern sie mich ständig daran“, sagt er. Die Spielerinnen und Spieler von Marylebone kommen aus dem Bezirk, und die Angebote sollen die Kinder und jungen Erwachsenen von der Straße auf die Fußballplätze holen. Für Kinder aus finanziell benachteiligten Familien gibt es Stipendien, Trikots werden gesponsert und vor allem Mädchen intensiv gefördert.
Platzangst
Die Klubs im Londoner Grassroots Football bilden die Demografie der Stadt heute stärker ab, als es die Gentlemen-Amateure vor 150 Jahren taten. Teams gibt es in so ziemlich allen Teilen Londons und für viele Bevölkerungsgruppen. Der Baesianz FC etwa spielt auf dem Mabley Green, unweit der Hackney Marshes, und richtet sich an Frauen, trans und nicht-binäre Personen mit asiatischen Wurzeln. „Wir wollen zeigen, dass es für asiatischen Menschen mit marginalisierten sexuellen Identitäten einen Platz im Fußball gibt“, sagten die Gründerinnen 2023 in The Standard.
Eine der größten Herausforderungen für alle Teams ist die Platznot, denn der Raum für Fußballfelder ist knapp. Hinzu kommen Kosten für die Ausrüstung, Trainer oder Trainerin und den Spielbetrieb. „Ohne die Mithilfe von lokalen Sponsoren wäre es für uns deutlich schwieriger, den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten“, sagt Trainer Grezda. Über die Football Foundation – eine Stiftung von Premier League, Fußballverband und Sportministerium – fließt durch verschiedene Förderprogramme zudem ein wenig vom Reichtum nach unten. Im Juli kündigte Premierminister Keir Starmer an, in die Infrastruktur an der Basis zu investieren. Immerhin wurden Spieler wie David Beckham, John Terry, Sol Campbell und Raheem Sterling bei ihren lokalen Grassroots-Teams entdeckt. Heute wirbt die London FA mit dem Slogan „From Grassroots to Greatness“ um talentierte Spielerinnen.