Es hätte vermutlich passendere Zeitpunkte für eine Anfrage gegeben. Zumindest aus Sicht der Verantwortlichen des Wiener Sport-Club. Als sich der ballesterer Mitte November 2020 an Pressesprecher Marcel Ludwig wendet und um ein Update in Sachen Stadionsanierung bittet, kann der nicht viel erzählen. „Momentan ist Pause“, sagt er. „Wann es weitergeht, wissen wir nicht.“ Im Jänner 2021 sieht es nicht viel anders aus. Dabei war die Euphorie knapp sechs Monate zuvor noch groß.
LANGE VORARBEITEN
Nach langen Verhandlungen zwischen dem Verein und der Stadt Wien wurde die Teilsanierung des Sport-Club- Platzes im Juni 2016 offiziell angekündigt, der Spatenstich erfolgte vier Jahre später. Bis zum Start der Saison 2021/22 sollten die umfangreichen Sanierungsarbeiten rund um den ältesten noch bespielten Fußballplatz Österreichs abgeschlossen sein. Und zunächst verlief auch alles nach Plan. Die erste Bauphase umfasste die Sanierung der Blauen Tribüne auf der Südseite sowie der gegenüberliegenden Friedhofstribüne, der Heimat der organisierten Fans. Dazu kamen die Erneuerung der Flutlichtanlage und die Verbreiterung des Spielfelds. Für Letzteres musste die längsseitige Stehplatztraverse an der Kainzgasse weichen. Sie hatte sich besonders in jüngerer Vergangenheit wachsender Beliebtheit erfreut. Eine Neuerrichtung ist in den Plänen nicht vorgesehen, wie Ludwig erklärt. Aus fußballromantischer Sicht versteht er den vereinzelt aufkeimenden Unmut. Die Spielfeldverbreiterung ist allerdings eine Bedingung, um die Bundesligatauglichkeit der künftigen Heimstätte zu garantieren. „Würden wir nicht vergrößern, würden wir uns die Möglichkeit auf Aufstieg und zusätzliche Spiele verbauen – es wäre eine vermutlich kurzsichtige Entscheidung“, sagt der Pressesprecher.
Die erste Bauphase wurde im Juli plangerecht abgeschlossen. Die Ausschreibung für die zweite Phase – inklusive Errichtung der neuen Haupttribüne und Erweiterung der Flutlichtanlage – war zu diesem Zeitpunkt erfolgt. Seither ist allerdings nichts mehr passiert. Oder genauer gesagt: zu wenig, um weitermachen zu können. „Auf die Ausschreibung für Phase zwei ist lediglich ein Angebot gekommen“, sagt David Krapf-Günther, Vizepräsident des Vereins und Leiter der Fußballsektion. Das war den Dornbachern allerdings zu teuer. Deshalb heißt es nun zurück an den Start. Es wird eine neue Ausschreibung geben. „Wir sind gerade dabei, die Ausschreibung zu adaptieren und an einigen Stellschrauben zu drehen, um Einsparmöglichkeiten zu finden“, sagt Krapf-Günther. Für die geringe Resonanz macht er die Pandemie verantwortlich. „Die Baubranche muss Dinge aufholen, die lange Zeit in der Warteschleife gehangen sind. Gute Angebote für ein neues Projekt zu bekommen, ist aktuell alles andere als einfach.“ Die Coronaschutzmaßnahmen würden zudem die Kosten in die Höhe treiben, erklärt Vereinspräsident Wolfgang Raml: „Aktuell dürfen viele Arbeiter nicht nach Österreich einreisen. Das drückt die Preise nicht unbedingt.“ Das Budget zu überziehen, kommt für die Verantwortlichen nicht infrage. „Mehrkosten können wir uns nicht leisten“, sagt Raml. „Wir arbeiten hier mit öffentlichen Geldern.“ Das Budget von 6,25 Millionen Euro kommt zur Gänze von der Stadt Wien.
ZEIT, GELD UND SEKT
Zur Problematik rund um die fehlenden Angebote kam Ende 2020 der überraschende Rücktritt von Martin Orner, dem Leiter der Stadiongruppe. Auch seinen Posten als Aufsichtsratsvorsitzender des Vereins wird er zurücklegen. „Der Schritt erfolgte aus rein persönlichen Gründen“, sagt Orner dem ballesterer. „Das hat weder mit dem Projekt noch mit dem Stadion zu tun.“ Mit Orner verließ ein Fachmann die Gruppe, immerhin ist er im Brotberuf Geschäftsführer einer Wohnbaugenossenschaft. Knowhow ist allerdings weiterhin zur Genüge vorhanden. Jochen Brandhuber und Thomas Girstmair, ebenfalls Mitglieder der ehrenamtlichen Stadiongruppe, bringen ihre Erfahrung als Architekten ein. Überhaupt würde ohne die vielen Arbeitsstunden der Freiwilligen weit weniger weitergehen, als das aktuell hinter den Kulissen der Fall ist. Krapf-Günther sagt: „Wir sind beim Sport-Club zum Glück in der Lage, dass vielen Menschen der Verein am Herzen liegt und sie deshalb helfen möchten, wo sie nur können.“
Das Projekt Stadionsanierung ist eines, das den Wiener Sport-Club und seine Fans seit langer Zeit begleitet. Zumindest sind jetzt erste Fortschritte zu sehen. Die Tribüne an der Kainzgasse ist Geschichte, die dort befindlichen Spielerbänke wirken aktuell etwas verloren. „Dafür ist die Coachingzone jetzt größer“, sagt Ludwig. „Aus meiner Sicht würde das Stadion mit vier geschlossenen Seiten natürlich besser aussehen.“ Durchschnittlich besuchten im Herbst 2020 rund 1.000 Fans die Heimspiele des WSC in der Regionalliga Ost. Eine Ausnahme war das Derby im ÖFB-Cup gegen die Wiener Austria Mitte Oktober. Das war mit 2.574 Besuchern unter Coronaschutzbedingungen restlos ausverkauft – endete allerdings mit einer 1:3-Niederlage der Hausherren. Da die beiden größeren Tribünen trotz Sanierungsarbeiten geöffnet blieben, verteilten sich die Zuschauer an jedem Spieltag gut. Nach Abschluss des Umbaus sollen dann 6.000 statt zuvor 8.000 Menschen im Stadion Platz finden. Wann das so weit sein wird, ist allerdings nicht klar. Der ursprüngliche Zeitplan, der eine Eröffnung im Spätsommer diesen Jahres vorgesehen hätte, ist nicht mehr einzuhalten. Graue Haare lässt man sich bei den Dornbachern deshalb aber nicht wachsen. „Um das neue Stadion wird schon so lange gekämpft“, sagt Krapf- Günther. „Wenn es jetzt doch noch ein Jahr länger dauert, dann ist es so. Es soll nichts Schlimmeres passieren.“ Ganz so entspannt sieht Präsident Raml die Sache allerdings nicht. „In der aktuellen wirtschaftlichen Situation wird das Projekt nicht billiger, je länger es unvollendet ist.“ Dass die Vereinsfunktionäre lieber heute als morgen die Eröffnung feiern würden, liegt auf der Hand. „Ich verstehe absolut, dass alle endlich das neue Stadion haben wollen“, sagt Raml. „Ich freue mich auch schon darauf, bei der offiziellen Einweihung mit einem Glaserl Sekt in der Hand zu feiern. Aber es dauert eben noch. Wir wollen sicherstellen, dass das Ergebnis für alle Seiten gut wird.“ Kühl und dunkel gelagert hält Sekt immerhin ein paar Jahre.