Im Irland des späten 19. Jahrhunderts herrschte zwischen denen, die das Land besaßen, und jenen, die es bewirtschafteten, ein großes Gefälle. Ein englischer Gutsverwalter war unter den Pächtern berüchtigt. Er behandelte sie so schlecht, dass niemand mehr für ihn arbeiten und mit ihm Handel treiben wollte. Der Widerstand der Bauern war erfolgreich, der Gutsverwalter musste seine Tätigkeit aufgeben und verließ das Land. Sein Name steht heute für ein kollektives Druckmittel. Er hieß Charles Cunningham Boycott.
BREITE PROTESTFRONT
Die Herrscherfamilie des Emirats Katar heißt Al-Thani, auch sie besitzt Land – und das Öl und Gas darunter. Dadurch wurde Katar reich und die Familie Al-Thani mächtig. Demokratische Strukturen existieren in Katar nicht, die Rechte von Frauen sind eingeschränkt, Homosexualität ist verboten. Nur etwa zehn Prozent der 2,8 Millionen Einwohner haben einen katarischen Pass. Viele sind aus Bangladesch, Indien, Nepal und den Philippinen zum Arbeiten an den Arabischen Golf gekommen. Sie tun dies unter erbärmlichen Bedingungen. Im Februar berichtete der Guardian über die Lage der Arbeitsmigranten, eine Zahl brannte sich ein: Mehr als 6.500 Menschen aus Südostasien seien in Katar seit Dezember 2010 gestorben. Damals erhielt das Land den Zuschlag für die Ausrichtung der WM 2022.
Die Meldung befeuerte die nie ganz erloschene Debatte um das Turnier. In Norwegen forderten mehrere Erstligisten, darunter Rosenborg, Tromsö und Valerenga, den Fußballverband zum Boykott auf: Im Fall einer sportlichen Qualifikation solle Norwegen nicht antreten. Zugleich erklärten die Klubs, nicht für die WM werben zu wollen. Fans und Mitglieder hatten den Protest angekurbelt. „Seit mehreren Jahren schauen Menschenrechtsorganisationen kritisch auf Katar. Es ist höchste Zeit, dass die Verantwortlichen im Sport das auch tun“, schreibt die Rosenborg-Fangruppe „Kjernen“, die 2017 bereits erfolgreich gegen ein Trainingslager des Klubs in den Vereinigten Arabischen Emiraten protestiert hatte.
Mehr hören von der Autorin dieses Artikels zu Katar und der WM 2022 könnt ihr im Podcast „sprenger spricht“. Dort war Nicole Selmer gemeinsam mit Bernd Beyer und Dietrich Schulze-Marmeling im Juli zu Gast.
Auch anderswo regt sich Widerstand: In Deutschland verlangt das vereinsübergreifende Ultrabündnis „ProFans“ vom DFB, nicht an der WM teilzunehmen. In Dänemark läuft eine Petition an das Parlament, einen sportlichen Boykott zu beschließen. In den Niederlanden lehnte eine Gärtnerei den Auftrag, den WM-Rasen zu liefern, ab. Das Parlament sprach sich für einen diplomatischen Boykott aus: Königshaus und Ministerpräsident sollen nicht zur WM fahren. Und Amnesty International startete zum Beginn der europäischen WM-Qualifikation eine Protestkampagne.
SOFTES POWERPLAY
Aus Sicht Katars steht hinter der WM-Ausrichtung ein politischer Plan. Das Emirat nutzt sogenannte Soft Power, also Investitionen in Sport, Wirtschaft und Kultur, um internationale Beziehungen zu pflegen und sich abzusichern. Im Buch „Machtspieler“ von Ronny Blaschke bezeichnet der Politikwissenschafter Danyel Reiche Sportgroßveranstaltungen als Lebensversicherung des Landes: „Ohne die Netzwerke mit internationalen Fußballklubs, Museen oder Universitäten wäre Katar wohl schon von den Saudis angegriffen worden.“
Nach der Vergabe der WM kreiste die Diskussion in Europa zunächst um die fehlende Fußballtradition, die Hitze am Golf und mutmaßliche Korruption bei der FIFA. Die Bedingungen in Katar gerieten erst später dank Menschenrechtsorganisationen, Gewerkschaften und der Arbeiter in den Blick. Ihnen gelang es, in den vergangenen Jahren Veränderungen durchzusetzen. „Katar hat große Schritte bei den Menschenrechten gemacht“, sagte FIFA-Präsident Gianni Infantino im März. „Vielleicht haben der Fußball und die bevorstehende WM dazu beigetragen.“ Recherchen von Amnesty International stützen diese Sichtweise. Im Bericht vom November 2020 listet die Organisation Verbesserungen auf wie die formelle Abschaffung des Kafala-Systems, das de facto eine Leibeigenschaft beinhaltet. Dort steht jedoch auch: „Durch die mangelnde Um- und Durchsetzung der Reformen sind tausende Arbeiter weiterhin ihren skrupellosen Arbeitgebern ausgesetzt.“
Die Beachtung von Menschenrechten in Katar ist für die Fußballorganisationen ein nachträglicher Gedanke, der nur durch viel Druck an Gewicht gewonnen hat
Der Autor Dietrich Schulze-Marmeling ist einer der Mitgründer der deutschen Initiative BoycottQatar. Er schreibt in einem Kommentar: „Als die FIFA die WM vergab, war nicht mit einem Wort davon die Rede, dass man Katar auf den Pfad der Demokratie führen wolle.“ Die Beachtung von Menschenrechten ist für die Fußballorganisationen ein nachträglicher Gedanke, der nur durch viel Druck an Gewicht gewonnen hat. Dennoch gilt: Katar hat größere Veränderungen vorgenommen als andere Golfstaaten, die Aufmerksamkeit für die WM ist der Hebel dafür. Die Soft-Power-Strategie wirkt in beide Richtungen.
POLITIK IM STADION
Das Vorgehen gegen Charles Boycott kann für die Bauern in Irland vor 140 Jahren nicht leicht gewesen sein, schließlich brauchten sie die Ernte. Hinter ihnen stand die Irish National Land League, die mehr Rechte für Pächter forderte. Boycott schrieb einen Leserbrief an die Times und wurde durch Erntehelfer aus Ulster und Soldaten aus England unterstützt. Die Kosten für die britische Regierung waren hoch, am Ende zu hoch. Die Bauern wurden nicht nur Boycott los, ein Jahr später setzte Großbritannien auch die geforderte Landreform um.
Von einer ähnlichen Klarheit, was die Adressaten, Forderungen und Ziele angeht, ist die Protestbewegung gegen die WM in Katar weit entfernt. Das beginnt mit der Frage, ob der Boykott sportlich, diplomatisch oder wirtschaftlich sein soll – oder alles zusammen. Amnesty International vertritt die Haltung, ein sportlicher Boykott würde die Fortschritte in Katar zurückwerfen. Die Organisation sieht die FIFA in der Verantwortung: „Sie muss jetzt handeln, um sicherzustellen, dass die Weltmeisterschaft 2022 ein Turnier ist, auf das man stolz sein kann, und nicht eines, das in erster Linie durch Arbeitsrechtsverletzungen von sich reden macht“, heißt es in einem Statement.
In Norwegen stimmte der Fußballverband Mitte März dafür, die Diskussion um einen sportlichen Boykott zu verschieben. Den Forderungen von der Basis konnte er so zunächst ausweichen, doch beim ersten WM-Qualifikationsspiel in Oslo gegen Gibraltar kam der Druck aus einer anderen Richtung: Die Spieler um Kapitän Martin Ödegaard sangen die Hymne in Shirts mit der Aufschrift „Human Rights. On and off the pitch“. Auf die Aktion hatten sich Mannschaft und Trainer verständigt. „Für mich hängen Sport und Politik zusammen“, sagte Teamchef Stale Solbakken.
UMFASSENDE STÖRUNG
Auch in Dänemark und den Niederlanden starteten die Nationalteams mit Protestgesten in die WM-Qualifikation. In Deutschland trugen die Spieler vor dem Match gegen Island Shirts mit Buchstaben, die aneinandergereiht „Human Rights“ ergaben. Die Aktion ist wohl auf den öffentlichen Druck zurückzuführen, geht der Initiative Boycott- Qatar aber längst nicht weit genug. Sie richtet ihre Forderungen an mehrere Akteure: Wenn der DFB nicht auf die WM verzichten will, soll der Verband, ebenso wie Aktive, Stellung beziehen und die Arbeit von Menschenrechtsgruppen fördern. Deutsche Firmen sollen nicht mit der WM werben, Fans nicht nach Katar reisen oder Public Viewings besuchen: „Unser Ziel ist es, das lukrative Zusammenspiel zwischen FIFA, Sponsoren und autokratischen Regimen zu stören.“
Dass der Zuschlag an Katar problematisch war, darüber herrscht heute weitgehend Einigkeit. Wie mit dieser Entscheidung umzugehen ist und was sie für künftige Events bedeutet, ist weniger klar. Die FIFA hat Regeln für eine stärkere Beachtung der Menschenrechte bei ihren Veranstaltungen beschlossen, erteilte aber wenig später China, das auch an der Ausrichtung der WM 2030 interessiert sein soll, den Zuschlag für die erstmals mit 24 Teams ausgetragene Klub-WM 2021. Inzwischen steht fest: Das Turnier wird weiter mit nur sieben Teams und in Japan ausgetragen. Der Grund dafür ist nicht die Menschenrechtslage in China, sondern die Coronapandemie.