„Ich habe mir gedacht: ‚Wenn wir alle zusammenhelfen, kann in Tirol echt etwas entstehen.‘“
Das letzte Aufgebot
Das Gewitter lässt sich Zeit. Schon seit einer Stunde donnert es in unregelmäßigen Abständen, die Blitze kommen langsam auf das Tivoli-Stadion zu. Aber dann, in der 75. Minute der Partie zwischen Wacker Innsbruck und dem Kapfenberger SV, setzt der Starkregen ein, der Wind bläst ihn bis auf die hintersten Reihen der Tribünen. An Fußball ist nicht mehr zu denken, der Ball bleibt ständig im Wasser liegen. Wacker-Trainer Daniel Bierofka steht trotzdem am Rande der Coachingzone, und er steht noch immer dort, als Schiedsrichter Florian Jäger die Partie beim Stand von 2:0 für die Innsbrucker abpfeift.
Das Wetter an diesem Juliabend passt zur Lage des FC Wacker Innsbruck. Der Klub ist in der Krise. Im März 2020 hatte er einen Investor präsentiert, mit dem es wieder aufwärts hätte gehen sollen – zurück in die Bundesliga und vielleicht noch mehr. Doch ein gutes Jahr später hört der Investor zu zahlen auf, und Wacker kann die Gehälter nicht mehr begleichen. Jetzt hält ein russischer Oligarch den Verein über Wasser. Wie lange das gut geht, traut sich nicht einmal der Vorstand zu sagen. Wacker steckt nicht zum ersten Mal in existenziellen Nöten, doch seit der Neugründung war es noch nie so eng.
Ende einer Irrfahrt
Frühjahr 2002. Von Wacker Innsbruck ist keine Rede, als der FC Tirol Österreichs Ligaalltag dominiert. Die dritte Meisterschaft in Serie ist nur noch Formsache, schon vier Runden vor Schluss haben die Tiroler den Titel in der Tasche. Nach dem letzten Saisonspiel am 9. Mai bekommen sie den Teller überreicht. 12.000 Zuschauer sind im Tivoli, 10.000 werden danach in der Innenstadt feiern. Doch die Freude ist nicht ungetrübt. In den Jubel mischt sich Protest. Als Vereinspräsident Othmar Bruckmüller und Manager Robert Hochstaffl ihre Meistermedaillen entgegennehmen, ertönt ein Pfeifkonzert. Die Fans machen sie für die finanzielle Notlage verantwortlich, in der der Klub steckt. Über den Schuldenstand kursieren Gerüchte, Zahlen nennt die Vereinsspitze nicht. „DJ Ötzi“ bietet ein Benefizkonzert an, Fans sammeln Unterschriften, um die Politik von der Rettung des Vereins zu überzeugen. 3.000 kommen in den ersten Stunden zusammen.
Es hilft alles nichts. Nicht einmal ein Monat nach der Meisterfeier entzieht die Bundesliga dem FC Tirol die Lizenz. Der legt zwar Berufung ein, zwei Wochen später bestätigt das ständige neutrale Schiedsgericht die Entscheidung aber. Kurz darauf reicht Bruckmüller am Landesgericht Innsbruck den Insolvenzantrag ein, rund 60 Millionen Euro Schulden hat der Verein. Hochstaffl sitzt da schon in Untersuchungshaft, später wird er wegen Untreue verurteilt. „Das Begräbnis vom Meister FC Tirol nimmt seinen Lauf“, schreibt die Krone am 25. Juni.
Doch zu Grabe getragen wird nur die Hülle. Noch während der FC Tirol abgewickelt wird, arbeitet man an einer Wiederauferstehung unter dem Namen Wacker. In den 1970er Jahren dominierte Wacker Innsbruck die Liga in einer Spielgemeinschaft mit der WSG Wattens. Als diese 1986 aufgelöst wurde, begann eine Odyssee. In der Bundesliga spielte fortan der FC Tirol, der Stadtklub musste ganz unten, in der Zweiten Klasse, neu anfangen. Langsam kämpfte er sich nach oben, höher als in die Regionalliga ging es nie. 1999 beschloss der Verein die Eingliederung in den FC Tirol, als eigenständigen Klub sollte es Wacker nicht mehr geben.
Weicher Fall
Sommer 2002. In Innsbruck werden zwei Vereine mit Wacker im Namen gegründet, zunächst der FC Wacker Tirol. Er soll das Erbe des FC Tirol antreten. Damit sind die Fans nicht wirklich glücklich, sie haben auf den alten Vereinsnamen, unter dem der Klub 1971 seinen ersten Meistertitel gewonnen hat, gepocht. Einer von ihnen lässt den „Fußballclub Wacker Innsbruck“ im Vereinsregister eintragen und sichert sich das historische Wappen als Wort-Bild-Marke.
Wenn die Fans einen Wacker sehen wollen, der höherklassig Fußball spielt, müssen sie zu dem mit dem Bundesland im Namen gehen. Und der hat sportlich eine gute Ausgangsposition – dank der WSG Wattens. Sie bietet sich erneut für eine Spielgemeinschaft an. Weil der Klub aus dem Vorort in der Regionalliga spielt, beginnt der Neustart des FC Wacker Tirol in der dritten Liga und mit einem starken Team. Zwar bleiben mit Alfred Hörtnagl und Robert Wazinger nur zwei Spieler der Meistermannschaft in Innsbruck, und mit Samuel Koejoe kommt nur eine nennenswerte Neuverpflichtung, doch in Wattens tummeln sich talentierte Jungkicker.
Dazu gehören Pascal Grünwald, Florian Mader und Dennis Mimm, die im Jahr zuvor mit den Wattenern Zweiter in der Regionalliga geworden sind. „Hörtnagl und Wazinger waren die Routiniers, die uns noch gefehlt haben“, sagt Mimm im Gespräch mit dem ballesterer. „Wir waren ein bisschen zu gut für die Liga.“ Mit zwölf Punkten Vorsprung auf den Zweiten, den SCR Altach, wird die Spielgemeinschaft Regionalligameister. In der Relegation um den Aufstieg spielt sie gegen den SV Schwechat. Das Match wird zur Prozession. 1.000 Wacker-Fans fahren an einem Donnerstagabend über fünf Stunden zum Rückspiel in die Wiener Vorstadt. Das Hinspiel ist 0:0 ausgegangen, es war das erste Heimspiel, das die Tiroler in dieser Saison nicht gewonnen haben. Doch in Schwechat macht Koejoe alles klar, er schießt beim 3:2-Sieg alle Tore der Innsbrucker. Nicht einmal ein Jahr nach dem Lizenzentzug des FC Tirol ist Wacker im Profifußball. Im Jahr darauf setzt das Team noch eins drauf. Mit sieben Punkten Vorsprung wird es Meister. Am vorletzten Spieltag feiern 7.200 Zuschauer am Tivoli beim Match gegen Austria Lustenau die Rückkehr in die Bundesliga. „Wir haben damals keinen Druck verspürt“, sagt Mimm. „Es war einfach ein Genuss, in dieser Mannschaft zu spielen.“
Mister Wacker
Frühling 2004. Unter den Zuschauern des Aufstiegsspiels ist Gerhard Stocker, im Jahr davor war er auch in Schwechat dabei. Er ist so etwas wie der Mister Wacker. Ganz egal, mit wem man über den Verein spricht, früher oder später fällt Stockers Name. Er hat die Spielgemeinschaft mit der WSG miteingefädelt, seit Ende der 1980er war er Funktionär in Wattens. Stocker bleibt dort auch im Vorstand, als er in Innsbruck eine leitende Funktion übernimmt. Im Jänner 2003 wird der Unternehmer, der sich mit seiner Firma auf Industriearmaturen spezialisiert hat, erstmals Wacker-Obmann. Beim Gespräch mit dem ballesterer in einem Park am Inn trägt er ein kurzärmliges, gemustertes Hemd und Sandalen. Er sieht nicht aus wie ein typischer Fußballfunktionär. „Damals habe ich geträumt“, sagt Stocker. „Wir haben uns viel überlegt.“ Das Prunkstück des Konzepts ist die Zusammenarbeit mit der WSG Wattens, die perspektivisch als Farmteam in der zweiten Liga agieren soll. „Es ist das, was der LASK heute mit den Juniors macht“, sagt Stocker, dem auch gemeinsame Budgets der beiden Teams vorschweben. „Ich habe mir gedacht: ‚Wenn wir alle zusammenhelfen, kann in Tirol echt etwas entstehen.‘“
Stocker investiert in diesen Traum: Die Geschäftsstelle des Vereins siedelt er aus Kostengründen anfänglich bei seiner Firma an, Teile der Belegschaft übernehmen phasenweise Arbeiten beim Verein – buchhalterisch sauber getrennt, wie er betont. Gleichzeitig wirbt Stocker bei Tiroler Großunternehmen sowie bei Stadt und Land um finanzielle Unterstützung. Der Klub soll die Tiroler Vorzeigemannschaft werden. „Ich war politisch nicht gut vernetzt“, sagt er. „Aber ich habe mir gedacht, dass das bei entsprechender Unterstützung schon gehen muss.“
Sie nannten ihn Otto
Herbst 2019. Wacker kämpft wieder einmal mit Geldproblemen. Der Kader ist ebenso wie die Stadionmiete teuer. Der Vereinsvorstand entscheidet sich deswegen, neue Wege zu beschreiten, und schaut sich nach Investoren um. Mit den Fans haben die Funktionäre schon seit dem Sommer Gespräche geführt. „Wir haben natürlich gewusst, dass das ein heikler Schritt ist“, sagt Thomas Kerle, Finanzvorstand des Vereins und Geschäftsführer der Wacker Innsbruck GmbH. „Uns war es ein Anliegen, das Umfeld rechtzeitig einzubinden.“ Kerle sitzt in an diesem Donnerstagnachmittag in einem Besprechungsraum im Tivoli, darin hängen Trikots früherer Meistermannschaften. Er nimmt sich Zeit, eineinhalb Stunden dauert das Gespräch mit dem ballesterer.
Die Einbindung der Fans und Mitglieder hat auch einen konkreten Zweck: Sollte der Vorstand einen Investor finden, hätte der im Moment nicht viel zu sagen. Wacker Innsbruck ist ein Mitgliederverein, die Generalversammlung das höchste Gremium. Auf ihr werden die Funktionäre gewählt und grundlegende Entscheidungen getroffen. Um Wacker für Interessenten spannender zu machen, schlägt der Vorstand eine Neuerung vor: die Kernmitgliedschaft. Sie kostet einen deutlich höheren Mitgliedsbeitrag, verspricht dafür aber einen entsprechend größeren Stimmenanteil.
Dieses Modell wird der Generalversammlung am 19. Jänner 2020 vorgelegt – und mit 93,1 Prozent Zustimmung abgesegnet. Die Abstimmung ist die Weichenstellung. „Das Ergebnis war erwartbar“, sagt Bernd Kosta von der „Faninitiative Innsbruck“. Zu groß sei die Sehnsucht nach Finanzkraft und sportlichem Erfolg gewesen. Vor der Generalversammlung haben Verein und „Faninitiative“ jedoch ihren Kooperationsvertrag überarbeitet: Die „Faninitiative“ überlässt dem FC Wacker die Wort-Bild-Marke, gleichzeitig sichert der Klub grundlegende Rechte für die Fankultur zu. Eine Änderung von Namen und Wappen ist nur mit einer qualifizierten Mehrheit möglich – und auch Kernmitglieder haben dabei nur eine Stimme. „Es waren harte Verhandlungen“, sagt Kosta. „Eine letzte Absicherung haben wir noch. Wenn wirklich alles kaputtgeht, können wir durch den Kooperationsvertrag auf das Wappen zurückgreifen und damit irgendwann von vorne anfangen.“ Die „Faninitiative“ ist mittlerweile bei komplizierten Verhandlungen routiniert, Kosta wählt beim Gespräch in einem Innsbrucker Beisl seine Worte sehr präzise. Er hat schon viel durchgemacht mit dem Verein.
Sechs Wochen nach der Generalversammlung ist es so weit: Wacker stellt seinen Geldgeber vor. „Eine alteingesessene Hamburger Kaufmannsfamilie mit globalem Netzwerk und unternehmerischen Schwerpunkten in den USA, im arabischen Raum und in Europa wird finanzstarker Förderer und Partner des Tiroler Traditionsvereins“, schreibt der Klub. Auf zehn Jahre sei das Engagement angelegt, als Ziele gibt man die Rückkehr in die Bundesliga, die Professionalisierung der Jugendarbeit und den Aufbau einer E-Sports-Abteilung aus. Jens Duve, ehemaliger Vizepräsident des FC Sankt Pauli, wird Vorsitzender des neuen Aufsichtsrats, er soll als Bindeglied zwischen Verein und Investor fungieren.
Der Name der Kaufmannsfamilie fällt nicht. „Das war eine Bedingung“, sagt Kerle. „Die Anonymität hat schon bei den Gesprächen eine große Rolle gespielt.“ Sogar intern bekommt der Geldgeber einen Decknamen, Otto wird er genannt. Als Kerle damals, im Winter 2020, den Namen des Investors googelt, findet er keine Informationen zu ihm. Stutzig gemacht habe ihn das schon, sagt er. Aber der Gesamteindruck sei glaubhaft gewesen: Von einer deutschen Bank habe der Verein eine Bonitätsbestätigung bekommen, auch die Anwälte des Investors seien seriös gewesen. Und vor allem: Das Geld fließt. Der Investor überweist bald nach der Einigung die erste Tranche, bis zum Sommer kann sich der Verein entschulden.
„Ich habe einfach wegmüssen. In Innsbruck hat es keine Perspektive mehr gegeben.“
Harte Realität
Sommer 2004. Bei der Rückkehr in die Bundesliga demonstriert Wacker seine alte Stärke. 11.400 Zuschauer kommen zum Saisonauftakt gegen den Titelanwärter GAK, in der 71. Minute macht Koejoe das 1:0-Siegestor. Doch danach dauert es länger als ein Monat, ehe Wacker wieder ein Spiel gewinnt. Am Ende wird die Mannschaft Sechster, in den beiden Jahren darauf jeweils nur Neunter. Der weiche Fall verwandelt sich langsam in harte Realität. „Es sind keine Verstärkungen mehr gekommen“, sagt Mimm. „Ich kann mich an Partien erinnern, bei denen wir Verteidiger gemeinsam 110 Bundesliga-Spiele gehabt haben. Und ich habe davon 100 gehabt.“ Vor dem vorletzten Spieltag der Saison 2007/08 ist Wacker zwar Letzter, hat aber noch eine rechnerische Chance auf den Klassenerhalt. Fast 10.000 Leute kommen ins Tivoli. Sie werden Zeugen einer Demütigung. 0:5 verliert die Mannschaft gegen den SV Mattersburg, vier Tore kassiert sie in den letzten 20 Minuten. Wacker steigt ab, Mimm verlässt den Verein in Richtung Altach. „Ich habe einfach wegmüssen“, sagt der heutige Gewerkschafter in seinem Büro in der Tiroler ÖGB-Zentrale. „In Innsbruck hat es keine Perspektive mehr gegeben.“
Auch hinter den Kulissen ist viel durcheinander geraten. Der Verein hat Marktanalysen erstellen lassen, sie belegen, dass der Name FC Wacker Innsbruck bei potenziellen Sponsoren nicht weniger zieht als Wacker Tirol. Bei der Generalversammlung im Februar 2007 bringen Fanklubvertreter die Umbenennung zur Abstimmung – und haben eine überwältigende Mehrheit hinter sich. 186 Mitglieder stimmen dafür, nur sieben dagegen. Die Rückbesinnung auf die Tradition ist hergestellt, die Wort-Bild-Marke verbleibt bei der „Faninitiative“. Es ist eine Machtdemonstration, mit Jubel und Sprechchören endet die Sitzung. Auch Stocker, der sich immer für den Verweis auf das Bundesland stark gemacht hat, lenkt ein.
Seine Tiroler Träume haben sich ohnehin in Luft aufgelöst. Die Kooperation mit Wattens ist in die Brüche gegangen. Auch das Interesse der Tiroler Wirtschaft bleibt aus. „Wir haben Sponsoren auf Westliganiveau“, sagt Stocker dem Kurier am Tag der Generalversammlung. Im Wirbel um den neuen, alten Namen geht die finanzielle Situation des Klubs unter. Eine Million Euro Schulden hat Wacker damals, bei einer außerordentlichen Generalversammlung im November müssen sich die Mitglieder mit einem Rettungspaket befassen. Das Land springt ein und saniert das Budget. Für Stocker ist kurze Zeit später Schluss, wenige Tage nach dem Abstieg räumt er den Obmannsessel.
Party in Pasching
Frühling 2009. Wie schlecht es um den Verein steht, macht die Suche nach dem Nachfolger deutlich. Erst im März 2009, fast ein Jahr nach Stockers Rücktritt, wird Johannes Marsoner zum Präsidenten gewählt. Er bleibt nur bis Jahresende, dann übergibt er an Kaspar Plattner. „So wirklich wollte ich das nicht werden“, sagt der heute 80-Jährige im ballesterer-Gespräch. „Meine Frau hat mich gewarnt, aber ich habe mich überzeugen lassen.“ Über seinen Golfpartner Kurt Jara ist Plattner als Sponsor zu Wacker gekommen. Er ist ein selfmade millionaire, noch immer hat er ein Büro in der Firma, die er 1971 gegründet hat. Sie stellt Werbeartikel wie Feuerzeuge und Häferl her, befindet sich heute in einem Gewerbegebiet am Innsbrucker Stadtrand und macht einen Jahresumsatz von 20 Millionen Euro.
Doch trotz des geringen Enthusiasmus läuft es für Plattner gut an, 2010 schafft die Mannschaft mit Trainer Walter Kogler den Wiederaufstieg. Zum entscheidenden Saisonspiel gegen die Red Bull Juniors in Pasching reisen 3.000 Wacker-Fans, sie haben die richtige Entscheidung getroffen. Fragt man Fans heute nach ihren schönsten Erinnerungen seit dem Neuanfang, nennen viele dieses Spiel. Erst in der Schlussviertelstunde sorgt Marcel Schreter mit seinen zwei Toren für die Entscheidung. Als der Schiedsrichter die Partie abpfeift, tauchen die Fans das Feld in Schwarz und Grün. Die Mannschaft nimmt den Esprit über die Sommerpause mit, auch in der Bundesliga läuft zunächst alles nach Plan. Zum Saisonauftakt macht Schreter wieder zwei Tore, Wacker schickt Rapid mit einem 4:0 zurück nach Wien, nach dem 3:0 bei der Austria übernehmen die Innsbrucker in der sechsten Runde die Tabellenführung. Fünf Spieltage halten sie sich dort.
Plattner will die Euphorie und sein Netzwerk nutzen. Er wird bei vielen Tiroler Unternehmen vorstellig, auch den Innsbrucker René Benko, heute der viertreichste Österreicher, will er von einem Sponsoring überzeugen. Es gelingt nicht. Über Wasser hält den Verein nach wie vor das Geld von Unternehmen der öffentlichen Hand – große Sprünge ermöglicht das aber nicht. „Ich weiß nicht, was das ist in Tirol“, sagt Plattner. „In Ried zahlt eine ganze Region beim Verein, bei uns gibt es das nicht.“ Dazu kommt die wenig professionelle Nachwuchsarbeit. Erst im August 2010 entsteht in Innsbruck eine Akademie – und die gehört nicht dem Verein, sondern dem Landesverband. Und so lässt sich auch der sportliche Höhenflug nicht aufrechterhalten. Die Saison beenden die Innsbrucker als Sechster. Im Jahr darauf werden sie Siebter, dann Achter. Vor der Saison 2013/14 lässt es Plattner bleiben, er hört als Obmann auf. Im Jahr darauf steigt Wacker ab.
Hölzerne Träume
Frühling 2021. Wacker gewinnt beim SV Horn 3:2, die Mannschaft liegt in der zweiten Liga auf dem fünften Platz. Trotzdem fehlen den Innsbruckern nach dem Sieg nur zwei Punkte auf einen Platz in der Aufstiegsrelegation. Der Viertplatzierte, Austria Klagenfurt, ist der einzige andere Verein, der um eine Bundesliga-Lizenz angesucht hat, Wacker ist also voll im Rennen. Am Tag nach dem Match in Horn, es ist der 14. April 2021, wird der Investor erstmals bei den Innsbrucker Medien vorstellig. Er geht mit Namen an die Öffentlichkeit, Matthias Siems heißt er. Bilder von seinem Gesicht verbietet er den Fotografen aber. Er hat einen anderen Hingucker im Gepäck: Am Gelände des Tivoli möchte er ein neues Stadion bauen, ökologisch und aus Holz soll es sein, daneben will er Trainingsplätze und Apartments errichten lassen.
„Er hat uns nicht darüber informiert, dass er mit einem fertigen Modell und Plänen in die Öffentlichkeit geht“, sagt Kerle. „Wir haben ihm gesagt, dass in Innsbruck niemand mehr diese großen Töne von Wacker hören will. Und dann kommt er mit so etwas.“ Tags darauf schließt Bürgermeister Georg Willi einen Verkauf des Areals an Siems aus. Schon länger ist das Verhältnis zwischen Investor und Vereinsvorstand angespannt. Die vereinbarten Zahlungen seien nicht pünktlich gekommen und manchmal zu niedrig gewesen, sagt Kerle. Nach außen dringt davon zunächst nichts. „Zu uns hat es nur geheißen, die Zusammenarbeit sei herausfordernd“, sagt Kosta von der „Faninitiative“. „Aber wir haben gemerkt, dass in der Kommunikation etwas nicht mehr stimmen dürfte, da der Informationsfluss in Richtung Mitglieder weniger geworden ist.“
Das ändert sich schlagartig. Am 12. Mai berichtet die Tiroler Tageszeitung von einem Machtkampf zwischen Investor und Verein. Der Vorstand, heißt es, wirft Siems einen Zahlungsverzug vor, eine hohe sechsstellige Summe sei ausständig. „Ich habe die Gehälter nicht mehr zahlen können“, sagt Kerle heute. „Die Situation war nicht mehr tragbar.“ Als Siems’ Vertreter in Innsbruck fungieren neben Duve auch dessen Sohn Dennis und Ex-HSV-Profi Dennis Aogo. Sie sind Geschäftsführer der Wacker GmbH und werfen dem Vereinsvorstand wiederum Ungereimtheiten in der Buchhaltung vor. „Ob es sich bei den uns bekannten Vorfällen nur um Einzelfälle handelt, ob fahrlässig, systematisch oder schlicht unprofessionell gehandelt wurde – das alles muss jetzt genau untersucht werden“, sagt Aogo dem Kurier.
Am Ende zieht der Vorstand die Notbremse: Wegen vereinsschädigenden Verhaltens schließt er Siems aus dem Verein aus und beruft die Duves und Aogo als Geschäftsführer ab. Kerle und Alfred Hörtnagl, die das Amt schon davor innehatten, übernehmen wieder. Das beendet zwar den Machtkampf, löst aber das Geldproblem nicht. Die Überweisungen des Investors waren fest eingeplant, ohne neue Zuwendungen müsste der Verein Insolvenz anmelden. Ganz vollzogen ist die Trennung bis heute nicht, Siems behält sich rechtliche Schritte gegen den Rauswurf vor, auch der Vereinsvorstand überlegt, die offenen Beträge einzuklagen. Bevor es aber so weit kommt, soll ein Schiedsgericht des Vereins Klärung bringen. Drei Millionen Euro sind von Siems an den Verein geflossen, das bestätigen sowohl der Investor als auch der Vorstand.
Die Nummer zwei
Sommer 2019. Wacker ist nicht einmal mehr in Tirol die Nummer eins. Nach einem einjährigen Intermezzo in der Bundesliga ist der Verein im Sommer wieder abgestiegen. Parallel dazu ist die WSG Wattens aufgestiegen. Es hat sich viel getan, seit die Kooperation in die Brüche gegangen ist. Der Werksverein von Schmuckfabrikant Swarovski macht sich daran, die sportliche Vorherrschaft in Tirol an sich zu reißen. Doch eine wirkliche Rivalität besteht zwischen den Klubs nicht, dafür ist das Publikumsinteresse in Wattens zu gering. Selbst für Kaspar Plattner, der mittlerweile die Spiele der WSG besucht, ist das eine unumstößliche Tatsache: „Den Mythos hat in Tirol nur der Wacker, Wattens macht gute Arbeit, aber das interessiert nicht viele Leute.“
Doch auch Wacker muss um den Zuschauerzuspruch kämpfen. Wie sehr der Klub an Attraktivität eingebüßt hat, zeigen die Zahlen: 4.200 Fans kamen in der bislang letzten Bundesliga-Saison zu den Heimspielen. Davor waren es nie weniger als 5.000, wenn Wacker ganz oben spielte. Das fehlende Interesse verschärft die wirtschaftlichen Probleme. Mehrere 100.000 Euro kostet die Stadionmiete, im Tivoli gehört dem Klub nichts. Die Gastronomieeinnahmen fließen in die Taschen der Olympia World, die Betreiberin der Anlage, die wiederum der Stadt und dem Land gehört. Wacker hat keinen eigenen Fußballplatz, nicht einmal einen kleinen. „Die Leute behaupten immer, dass wir so ein hohes Budget haben“, sagt Stocker. „Das mag schon sein, aber unsere Basisausgaben sind auch immens.“
Weil Wacker nach dem Abstieg auch die TV-Gelder wegbrechen, steckt der Verein wieder einmal in existenziellen Schwierigkeiten. Also ruft er ein „Spiel gegen die Zeit“ aus und verkauft Tickets für ein fiktives Match. Einen Gegenwert haben die Karten schon: Sollte Wacker wieder im Europacup spielen, bekommen die Käufer für diese Partie eine Freikarte. 5.500 Tickets verkauft Wacker, 105.000 Euro schauen dabei heraus. Das reicht nicht, um den Verein zu sanieren. Immerhin auf einen kann sich Wacker verlassen: Gerhard Stocker ist da schon wieder Obmann, 2017 hat er den Posten übernommen. Außer ihm habe sich damals niemand mehr gefunden, sagt er. Jetzt, im Sommer 2019, findet der Verein nicht einmal mehr einen Trikotsponsor. Wacker läuft in der zweiten Liga mit blanker Brust auf. Zum ersten Heimspiel der Saison kommen knapp 2.000 Leute. „Irgendwann ist man mit seinem Latein am Ende“, sagt Stocker. Im Herbst 2019 macht sich Wacker auf die Suche nach einem Investor.
Währenddessen überrascht die Mannschaft noch einmal sportlich. Zwar läuft es in der Liga nicht besonders, im Cup schaltet sie aber nach Siegen gegen den FC Kitzbühel und den GAK im Achtelfinale den Wolfsberger AC aus. Im Viertelfinale wartet der nächste Bundesligist, der SKN Sankt Pölten. Bis in die Nachspielzeit liegen die Innsbrucker auswärts 1:2 zurück, in der 96. Minute gleicht Ertugrul Yildirim aus. Der Gästesektor eskaliert – und tut es eine halbe Stunde später noch einmal. In der 119. Minute gelingt nach dem abermaligen Rückstand der erneute Ausgleich, Wacker gewinnt die Partie im Elfmeterschießen. 1.500 Fans fahren ein Monat später an einem Mittwochabend zum Halbfinale nach Lustenau. Die 0:1-Niederlage ist nach diesem Lebenszeichen schon fast egal. „Wacker ist mehr als dieser halbtote Patient“, sagt Kosta von der „Faninitiative“. „Klar tritt das momentan in den Hintergrund, aber wir haben in den letzten 20 Jahren auch geile Sachen erlebt.“
„Als Verein sind wir nicht wirklich verankert. „Tradition haben wir nur im Profifußball.“
Profis aus Tradition
Sommer 2021. Gerhard Stocker ist wieder da. Zwar nicht als Obmann, aber nur ein Jahr nach seinem letzten Abschied wird er in der Stunde der Not erneut an Bord geholt, diesmal in informeller Funktion. Stocker und der Vereinsvorstand finden einen neuen Investor: Michail Ponomarew. Ihm eilt ein zweifelhafter Ruf voraus. Nach Engagements beim AFC Bournemouth und dem Eishockeyklub Düsseldorfer EG übernahm er 2018 die Mehrheit der Kapitalanteile beim deutschen Drittligisten KFC Uerdingen. Wegen stagnierender Perspektiven kündigte er drei Jahre später seinen Abschied an, laut Berichten des Express hinterließ er einen Schuldenberg von knapp zehn Millionen Euro und einen insolventen Verein. „Aus seiner Sicht stellt sich das natürlich alles anders dar“, sagt Kerle. „Ich glaube, dass er jetzt beweisen möchte, dass er ein seriöser Partner ist.“ Schon als der Verein 2019 erstmals nach einem Geldgeber suchte, habe er sich gemeldet.
Damals aber hatte sich der Verein bereits mit Siems geeinigt. Nun also finanziert Ponomarew Wacker Innsbruck. Sein Geld hält nicht nur den Betrieb am Laufen, auch im Fall einer juristischen Auseinandersetzung mit Siems würde der Russe die Kosten übernehmen. Kernmitglied will er, anders als sein Vorgänger, laut Kerle nicht werden, langfristig habe er Interesse an Anteilen der Profi-GmbH. Aber für sein Engagement gebe es einen detaillierten Plan und fixe Vereinbarungen, wann wie viel Geld fließen müsse. „Erst wenn das regelmäßig und pünktlich kommt, reden wir über die Anteile“, sagt Kerle. Bisher sei alles fristgerecht eingelangt, das gemeinsame Ziel sei klar: Diese Saison fertig zu spielen.
Es ist keine neue Perspektive für Wacker Innsbruck. So sehr der Verein nach der Neugründung sportliche Akzente setzen konnte, dorthin, wo er davor war, wird er so schnell nicht mehr kommen. Die Stadionkosten, die wenigen Sponsoren, die fehlende Nachwuchsakademie – Wacker hat seine strukturellen Probleme in den letzten 20 Jahren nie gelöst. In regelmäßigen Abständen drängen sie den Klub an den Rand der Existenz. Doch Aufgeben ist keine Option, im wahrsten Sinne des Wortes. Ohne einen Sportplatz kann der Klub nicht einmal im Amateurfußball neu beginnen. „Als Verein sind wir nicht wirklich verankert“, sagt Geschäftsführer Kerle. „Tradition haben wir nur im Profifußball.“
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