Altes Geld
„Vermisst du Hitler?“ Das habe er einem deutschen Journalisten geantwortet, als der ihn gefragt hatte, ob er die Rangers vermisst habe. Celtic-Fan Alan kommt beim gemeinsamen Spaziergang durch die Innenstadt von Glasgow gar nicht mehr aus dem Schimpfen heraus, wenn es um den Rivalen geht. 24 Stunden später wird sein Klub die Rangers zum ersten Derby in der schottischen Premiership seit vier Jahren empfangen. Denn der 2012 in die vierte Liga strafversetzte Klub ist zurück in der höchsten Spielklasse. Auch im mit 60.000 Zuschauern ausverkauften Celtic Park im Osten der Stadt sind die Heimfans nicht um drastische Vergleiche verlegen. „This Is It Bhoys, This Is War“, steht auf dem Spruchband der Hintertortribüne. Während die Heimkurve mittels Überziehleiberl im Grün-Weiß-Orange der irischen Fahne gehalten ist, präsentieren die Rangers-Fans im Auswärtssektor Union-Jack-Flaggen. Über dem Fanblock von Celtic hängt eine große Fahne. „They Hung Out the Flag of War“ ist darauf zu lesen. Die Textzeile stammt aus der Volksballade „Foggy Dew“, die junge Iren nach dem niedergeschlagenen Osteraufstand von 1916 dazu ermutigen sollte, für die Unabhängigkeit von Großbritannien zu kämpfen. Neben den nationalistischen Fragen gründet sich die Rivalität auch auf religiösen Differenzen: Celtic als katholisch, Rangers als protestantisch geprägter Verein. Die tief verwurzelte gegenseitige Ablehnung und die zur Schau gestellten Gegensätze machen das am häufigsten ausgetragene Derby Europas, das Old Firm.
Unterbrochener Paarlauf
Im Westen der Stadt ist am Tag vor dem Match von der Aufregung noch nicht viel zu spüren. Vor dem Ibrox-Stadium, der Heimstätte der Rangers, treiben sich nur vereinzelt Fans herum. Steve ist mit seiner Frau und seiner Tochter hier. Es sei die erste Ausfahrt mit seinem neuen Auto, ein besseres Ziel hätte es vor dem Derby nicht geben können. „Es ist großartig, das Old Firm zurückzuhaben. Wir haben es vermisst“, sagt er. Im Februar 2012 hatte sein Verein Insolvenz anmelden müssen, nachdem er Schulden von mehr als 170 Millionen Euro angehäuft hatte. Ein Großteil davon durch eine verfehlte Transferpolitik. Der langjährige Präsident David Murray hatte sogar damit geprahlt, stets mehr Geld als Celtic in die Hand nehmen zu wollen. „Für jeden Fünfer, den sie ausgeben, geben wir einen Zehner aus“, hatte er gesagt. Die hohen Ablösesummen für Spieler wie Mikel Arteta, Giovanni van Bronckhorst und Tore Andre Flo, der im Sommer 2000 für den Rekordwert von 18 Millionen Euro von Chelsea gekommen war, wurden mit Krediten bezahlt, die nicht gedeckt waren. Die Spielergehälter versteuerte der Verein nicht ordnungsgemäß. Als die Rangers schon unter Bankenkontrolle standen, konnte sich die neue Verwaltung mit den Gläubigern nicht einigen, der Verein musste zwangsliquidiert werden. Die Rangers hatten zunächst gehofft, in die zweite Liga strafversetzt zu werden. Doch am 4. Juli 2012 stimmten 25 der 30 schottischen Profifußballvereine dafür, sie ganz aus dem Profibetrieb auszuschließen. Der Verein wurde in der vierten Leistungsstufe neu gegründet. Der Ligaverbandsvorsitzende David Longmuir sprach von einer schweren Entscheidung im Interesse der sportlichen Fairness.
Dass die übrigen Profiklubs keine Milde walten ließen, mag mit der Rolle zusammenhängen, die die Rangers – gemeinsam mit Celtic – in den Jahrzehnten zuvor gespielt hatten. In den vergangenen 31 Jahren kam der schottische Meister immer aus Glasgow, von den 122 ausgetragenen Meisterschaften endeten 101 mit einem Titelgewinn durch einen der beiden Vereine. Die Rangers gewannen 54, Celtic 47 Meisterschaften. Beide halten beim viel besungenen Rekord von neun Titeln in Serie, dem „9 in a row“. Auch im schottischen FA-Cup ist die Vorherrschaft der Glasgower Klubs eklatant: 36-mal holte Celtic den Titel, 33-mal die Rangers. Mit ihren 117 Trophäen sind sie der Verein, der weltweit am meisten nationale Titel gewinnen konnte.
Kein gemeinsamer Nenner
Von einer Vergrößerung dieser Sammlung sind die Rangers seit 2012 allerdings weit entfernt. Zwar gelang ihnen der Durchmarsch durch die unteren Ligen, und sogar das letzte Old Firm – das FA-Cup-Halbfinale im April 2016 – konnten sie noch als Zweitligist im Elfmeterschießen für sich entscheiden. An diesem sonnigen Septembertag aber erinnert nichts an das einstige Ligaduell auf Augenhöhe. Die von fast 60.000 Fans inbrünstig vorgetragene Treuebekundung „You’ll Never Walk Alone“ wirkt auf die Celtic-Spieler wie eine Fanfare. Von Anpfiff weg versuchen sie, die Gäste in deren Hälfte einzuschnüren, was mit Fortdauer des Spiels immer besser gelingt. Zur Halbzeit führt Celtic durch zwei Tore von Moussa Dembele 2:1. Der 20-jährige Stürmer gibt sein Startelfdebüt. Die Rangers müssen sich dem Dauerdruck schließlich beugen, sie brechen in der zweiten Halbzeit ein. Dembele trifft noch ein drittes Mal und steigt damit endgültig zum neuen Helden der Heimfans auf. Am Ende werden die Rangers 1:5 gedemütigt. Während sich der Gästesektor nach Schlusspfiff schlagartig leert, feiern die Celtic-Fans ausgelassen. In diesen 90 Minuten der Unterlegenheit wirken die Rangers trotz einiger bekannter Altstars wie Philippe Senderos, Joey Barton und Niko Kranjcar nicht mehr wie der Derbygegner früherer Tage, sondern tatsächlich wie ein Ligadebütant.
Viele Celtic-Fans lehnen es seit der Neuübernahme der Rangers ab, das Derby als „Old Firm“ zu bezeichnen. Vor dem ersten Aufeinandertreffen seit dem Zwangsabstieg, im schottischen Ligacup 2015, gaben Fans ganzseitige Zeitungsannoncen mit einer simplen Botschaft auf: „Die Rangers sind tot.“ Damit sei auch das Old Firm gestorben. „Es gibt diesen Verein nicht mehr, der neue Klub hat mit dem alten nichts zu tun. Es sind Betrüger!“, sagt Celtic-Fan Alan. Aber auch schon vor der Insolvenz der Rangers war der Begriff „Old Firm“ in beiden Fanlagern umstritten, da man mit dem Rivalen nicht unter einer gemeinsamen Bezeichnung zusammengefasst werden will. „Lächerlich“, sagt Alex Anderson, Autor des Fußballmagazins When Saturday Comes und selbst Rangers-Fan. „Die Bezeichnung Old Firm bezieht sich auf ‚Firma‘ im Sinne eines Unternehmens.“
Die Firma dankt
Den Begriff gibt es schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine Karikatur in einer Tageszeitung nahm damit Bezug auf die lukrativen Aspekte des Derbys. „Celtic, Rangers, the Old Firm“ war zu lesen. „Der Witz war, dass die Fans als Gegner dargestellt wurden, während die Vereinsbosse, auf dem Rücken der Fans, still und heimlich immer reicher wurden“, sagt der Schriftsteller Graham McColl, der zahlreiche Bücher über Celtic verfasst hat. Für ihn hat die Bezeichnung ihre Berechtigung nicht verloren. „Die Rangers mögen zwar ein paar Veränderungen durchlebt haben, aber die beiden Klubs bilden zusammen immer noch eine Marke. Das bringt ihnen viel Geld“, sagt er. Bis zum Zusammenbruch der Rangers hatte die Firma den schottischen Fußball fest im Griff – und zahlte dafür einen hohen Preis. In der Saison 2000/01 etwa investierten Celtic und die Rangers rund 31 beziehungsweise 45 Millionen Euro in Spielertransfers. Kleinere Klubs wie Hibernian und Heart of Midlothian aus Edinburgh kamen für ihre Transferaktivitäten mit einem Bruchteil dieser Summen aus. Das Wettrüsten mit dem Stadtrivalen führte die Rangers in den Ruin, und Celtic musste ohne seinen Lieblingsgegner auskommen. „Wir schauen auf uns selbst. Wir brauchen die Rangers nicht“, sagte Celtic-Vorstandschef Peter Lawwell im Februar 2012. Zwei Jahre später allerdings räumte er ein, dass die Abwesenheit der Rangers seinen Verein mindestens elf Millionen Euro Umsatz im Jahr koste. Vor allem die Einnahmen aus den TV-Verträgen gingen zurück, und auch der Zuschauerschnitt von Celtic sank ohne den Erzrivalen.
Die extremen Unterschiede zwischen den beiden Klassenbesten und dem Rest der Liga manifestieren sich auch in den Spielergehältern. In der Saison 2013/14 zahlte Celtic laut einer Studie von „Sporting Intelligence“ seinen Profis im Jahr durchschnittlich etwas mehr als eine Million Euro. Die Spieler von Mittelständler Ross County bekamen im Schnitt rund 40.000 Euro. Laut der Studie ist dies die weltweit größte Kluft innerhalb einer Spielklasse. Auch was den Fanzuspruch betrifft, spielen die Vereine in einer eigenen Liga. In Glasgow mit seinen 600.000 Einwohnern bieten der Celtic Park und das Ibrox Stadium gemeinsam über 110.000 Anhängern Platz. Und die Klubs tragen ihre Heimspiele vor fast ausverkauften Rängen aus, in der aktuellen Saison zieht Celtic bisher durchschnittlich 56.546 Zuschauer an, die Rangers 48.864. Weit abgeschlagen folgt Heart of Midlothian mit durchschnittlich 16.231 Fans. Die Spiele der kleineren Vereine verfolgen überhaupt nur zwischen 3.000 und 7.000 Zuschauer.
Street Credibility
Am Vortag des Derbys ist es im Stadtzentrum von Glasgow ruhig. Im Barrowland Park passen sich zwei Kinder unter den Augen eines Spaziergängers einen Ball zu. Durch den auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Park führt ein gepflasterter Weg mit großen Namen: Bob Dylan, David Bowie, Marilyn Manson, Oasis, U2. Es sind die Berühmtesten der über 2.000 Musiker und Bands, die im nahegelegenen Barrowland Ballroom aufgetreten sind. Doch der Park hat nicht nur Musikkultur zu bieten, er wird begrenzt von zwei Straßen, die für die Identität der Stadt vielleicht noch wichtiger sind. Im Norden verläuft der Gallowgate, die zahlreichen Pubs der Straße sind grün gestrichen und tragen Namen wie Emerald Isle und Bar 67, die auf die irischen Wurzeln von Celtic und die Vereinshistorie Bezug nehmen. Selbst die Handygeschäfte und kleinen Friseurstudios haben in ihrer Auslage einen Wimpel oder Schal des Klubs hängen. An den Spieltagen von Celtic wird die ganze Straße in die Farben Grün und Weiß gehüllt, schließlich handelt es sich für die Fans um den Path to Heaven – am Ende der etwas mehr als drei Kilometer langen Straße wartet das Paradies, der Celtic Park. Südlich des Barrowland Parks beginnt die London Road. Dort bietet sich ein ganz ähnliches Bild, nur in den Farben Blau, Weiß und Rot. Die Fans treffen sich in den beiden Straßen nicht nur vor und nach den Spielen, auch unter der Woche verabreden sich hier viele auf ein Bier. Am Tag des Derbys bilden sich vor den Pubs schon am Vormittag Menschenschlangen. Die meisten der Wartenden tragen einen Schal oder ein Trikot ihres Teams. Sie harren bei Temperaturen um die zehn Grad geduldig aus, bis um 11.00 Uhr, eine Stunde vor Matchbeginn, aufgesperrt und das erste Bier ausgeschenkt wird. Manche derjenigen, die eine Matchkarte ergattert haben, sind schon vorher mit Dosenbier in der Hand zu sehen. Durch die frühe Anstoßzeit erhoffen sich die Behörden einen friedlichen Ablauf des Spiels. Der Alkoholkonsum in den Stadien selbst ist in Schottland ohnehin seit fast 40 Jahren untersagt. Nach dem Ligacupfinale 1980 war es zwischen Celtic- und Rangers-Fans am Spielfeld zu Auseinandersetzungen gekommen, daraufhin wurde ein Alkoholverbot erlassen. In der langen Geschichte des Old Firm ist es immer wieder zu Ausschreitungen gekommen. „Es gab eine Zeit, in der die Leute immer die Türen verschlossen und die Rollläden runtergelassen haben. So schlimm ist es nicht mehr“, sagt Journalist Anderson. Nach dem Spiel kommt es zu späterer Stunde noch vereinzelt zu Pubschlägereien, die Polizei spricht aber von einem verhältnismäßig ruhigen Derbytag. Die Exekutive ist vor dem Stadion mit einem großen Aufgebot vertreten, auch zwischen den Pubs sind immer wieder Beamte zu sehen. Die Rangers-Fans werden von berittenen Polizisten zum Gästeeingang des Celtic Park begleitet. Es wird alles versucht, um beide Fangruppierungen strikt voneinander zu trennen – die Angst vor Ausschreitungen ist groß.
Die Glaubensfrage
„Der ganze Hass kommt von der Religion“, sagt Anderson. Und die ist fest in der Entstehungsgeschichte der Vereine verankert. 1887 gründete der katholische Mönch Walfrid den Celtic FC. Seine Idee war, mit Benefizspielen Geld für bedürftige Einwanderer zu sammeln, die nach den großen Hungersnöten des 19. Jahrhunderts von Irland nach Schottland gekommen waren. Dort waren sie jedoch von vielen Bereichen der schottischen Gesellschaft ausgeschlossen. Am 28. Mai 1888 bestritt der neue Verein sein erstes Spiel – gegen den Rangers Football Club. Celtic gewann das Freundschaftsmatch 5:2. Die Rangers waren 16 Jahre zuvor von zwei protestantischen Studenten zunächst als Argyle gegründet worden, nach etwa einem Jahr nahm der Verein den Namen Rangers an. In den ersten Jahrzehnten waren die Aufeinandertreffen frei von religiösen und nationalistischen Spannungen, 1893 fuhren die beiden Klubs sogar gemeinsam zu Spielen in Edinburgh. Das Magazin Scottish Sport schrieb: „Die beiden werden ganz schön freundschaftlich. Warum auch nicht?“ Doch damit war spätestens Schluss, als die irische Unabhängigkeitsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer stärker wurde. Die politischen Konflikte bildeten sich in den Glasgower Fußballvereinen ab. Celtic ergriff Partei für die katholisch-irischen Republikaner, die Rangers für die protestantischen Monarchisten. Dadurch wurden die Klubs zu kulturellen, identitätsstiftenden Säulen der schottischen Gesellschaft. In den folgenden Jahrzehnten verfestigten sich die Trennlinien weiter. Im Zuge des 1969 endgültig ausgebrochenen Nordirlandkonflikts, in dem die Irisch-Republikanische Armee gewaltsam für die Loslösung von Großbritannien kämpfte, wurden auch die Glasgower Fußballvereine immer wieder mit in den Konflikt hineingezogen. So auch in der jüngeren Vergangenheit: Der katholische Nordire und ehemalige Celtic-Spieler und -Trainer Neil Lennon bekam über mehrere Jahre hinweg Polizeischutz. Im April 2011 konnte ein Bombenanschlag auf ihn verhindert werden. Die beiden für schuldig befundenen Drahtzieher waren Rangers-Fans. Die Staatsanwaltschaft ging von einem „sektiererischen“ Motiv aus. Sectarianism, also Diskriminierung und Herabsetzung von Andersgläubigen, ist in Schottland immer noch ein relevantes gesellschaftliches Thema. Offiziellen Statistiken zufolge gab es zwischen 2006 und 2011 jährlich zwischen 600 und 700 Anzeigen von religiös motivierten Übergriffen und Delikten.
Die religiös-politischen Konflikte wurden nicht nur auf den Straßen und Tribünen ausgetragen, sondern auch auf dem Spielfeld – oder eigentlich sogar schon vor Betreten des Platzes. Bei Celtic waren mehrheitlich katholische Spieler unter Vertrag, bei den Rangers herrschte jahrzehntelang das ungeschriebene Gesetz, keine Katholiken zu verpflichten. Das musste auch Jim Craig erfahren, der als Kind von den Rangers beobachtet worden war. Der Scout vertröstete den Bub schließlich, wie McColl erzählt: „Er hat zu ihm gesagt: ‚Du weißt ja, wie die Dinge stehen.‘“ 1967 gewann Craig mit Celtic als erstes Team von der Insel den Europacup der Landesmeister. „Craig hat mir erzählt, dass es für ihn eine besondere Genugtuung war, für Celtic zu spielen, nachdem er zuvor so offen diskriminiert worden war“, sagt McColl. Die Vereinspolitik der Rangers änderte sich erst 1989, als der Klub den ehemaligen Celtic-Spieler Mo Johnston verpflichtete. „So ein Wechsel war vorher unvorstellbar. Es war ein wahnwitziger Gedanke, dass ein Katholik zu den Rangers wechseln könnte“, sagt Anderson.
Verbotene Fangesänge
Heute spielen die Konfessionen der Spieler in der Kaderplanung der Glasgower Vereine keine Rolle mehr, unter den Fans wird der religiöse Konflikt aber weiter inszeniert. „Das ist albern“, sagt Journalist Anderson. „Ich kenne viele Celtic-Fans, deren Eltern protestantisch sind.“ Autor McColl glaubt sogar, dass die Klubs als Religionsersatz dienen. „Schottland ist genauso säkular wie jedes andere westliche Land. Nun ist der Fußball für viele Menschen eine Religion, die mit Leidenschaft gelebt wird. Die Gesänge in den Fankurven entsprechen dabei den Kirchenliedern“, sagt er.
Diese Lieder haben aber mitunter schon das schottische Parlament beschäftigt. „Wir standen knietief im Katholikenblut“, heißt es etwa in der von Rangers-Fans abgewandelten Ballade „Billy Boys“ aus den 1920er Jahren. Sie handelt von einer protestantischen Straßengang, die katholische Gruppierungen mit Rasiermessern attackierte. Von den Celtic-Fans wurden wiederum immer wieder Lieder über die Irisch-Republikanische Armee gesungen. Im manchmal angestimmten „Ibrox Disaster Song“ singen Celtic-Fans über die Massenpanik beim Heimderby der Rangers am 2. Jänner 1971, bei der 66 Fans ums Leben kamen. Rangers-Fans riefen wiederum den Rivalen zu: „Eure Hungersnot ist vorbei, warum geht ihr nicht heim?“
Seit 2012, mit Inkrafttreten des „Offensive Behaviour Act“, steht das Singen solcher und ähnlicher Lieder im Fußballkontext unter Strafe. Das Gesetz war verabschiedet worden, nachdem es in der Saison 2010/11 insgesamt 35 Verhaftungen nach gewalttätigen Auseinandersetzungen gegeben hatte. Die Kritik an dem Gesetz hält bis heute an. Fußballfans würden dadurch einem Generalverdacht ausgesetzt, sagt die Organisation „Fans Against Criminalisation“, die von Celtic-Anhängern gegründet wurde, mittlerweile aber auch von Rangers-Fanklubs unterstützt wird. Auch die Tageszeitung The Herald bezeichnete das Gesetz als reflexartig und überhastet. Schließlich könne das Problem des sectarianism nicht über Verhaftungen gelöst werden. Derartige Gesänge wurden in der Folge weniger, die Diskussionen reißen jedoch nicht ab. „Das ist reiner Aktionismus“, sagt auch Anderson. Der Journalist gibt jedoch gleichzeitig zu bedenken, dass die Derbyrivalität den konfessionellen Konflikten zusätzlichen Nährboden liefert. „Das Old Firm erhält etwas am Leben, das vor Jahrzehnten zu Grabe getragen werden hätte sollen“, sagt er.
Volk und Verfolgte
Denn Schottland hat sich verändert. 2011 bezeichneten sich in einer landesweiten Umfrage mehr als ein Drittel der Einwohner als nicht-religiös. Zehn Jahre zuvor lag dieser Wert bei nur etwa einem Viertel. „Heute wird natürlich niemandem ein Job verwehrt, nur weil er Katholik oder Protestant ist“, sagt McColl. Doch die Derbyrivalität hat ihre Spuren hinterlassen, Stereotype über den gegnerischen Klub und dessen Fans sind über Generationen weitergegeben worden. „Diese Zuordnungen kommen aus den 1920er und 1930er Jahren. Manche Fans leben geistig immer noch in dieser Zeit. Wenn dein eigenes Leben nicht erfolgreich verläuft, ist es bequem davon auszugehen, Opfer von antikatholischer Bigotterie oder antiirischem Rassismus zu sein“, sagt McColl. Rangers-Fans würden das die Celtic-Paranoia nennen, wie Anderson erzählt. „Sie fühlen sich immer verfolgt und wittern alle möglichen Verschwörungen“, sagt er. „Sie hätten es auch nie für möglich gehalten, dass die Rangers zwangsrelegiert werden.“
Das großspurige Motto der Rangers-Fans – „We Are the People“ – hat lange für Unmut unter den Celtic-Anhängern gesorgt. „Manche Rangers-Fans haben sicher ein Überlegenheitsgefühl in sich. Ihnen werden konservative Werte zugeschrieben, sie gelten als überwiegend rechts und königinnentreu“, sagt Anderson. Auch Buchautor McColl sagt: „Die Rangers haben früher nicht nur wie der Klub des Establishments gespielt, sondern auch so ausgeschaut: Die Spieler waren gut angezogen, groß, muskulös und blickten drein, als ob sie der unumstrittene Topklub seien.“ Doch nicht das arrogante Auftreten der Rangers, die Diskriminierung der Katholiken oder auch nur die Vorfreude auf das bevorstehende Spiel sind die bestimmenden Themen unter den Celtic-Fans im Pub McChuills in der Glasgower Innenstadt am Vorabend des Derbys. Stattdessen finden hier auf einer kleinen Bühne Konzerte und kurze Vorträge über den israelisch-palästinensischen Konflikt statt. Die Organisatoren, die aus der aktiven Fanszene Celtics kommen, haben zur Solidaritätsveranstaltung „Fairplay for Palestine“ eingeladen. Die Einnahmen des Abends werden an palästinensische Einrichtungen gespendet. „Obwohl Katholiken heute in Schottland nicht mehr diskriminiert werden, fühlen sich Celtic-Fans als Underdogs und können sich mit den Palästinensern identifizieren“, sagt McColl.
Lagerdenken
Zuletzt brachte das Palästina-Engagement seiner Fans Celtic eine Geldstrafe der UEFA von 10.000 Euro ein. Im Champions-League-Qualifikationsspiel gegen das israelische Team Hapoel Beer Sheeva waren palästinensische Flaggen in der Fankurve zu sehen. „Morgen werden die Rangers-Fans als Reaktion eine Israel-Fahne schwenken“, sagt ein Pubbesucher. „Darauf kannst du wetten.“ Er soll recht behalten. Im Auswärtssektor des Celtic Parks halten zwei Rangers-Fans eine Israel-Fahne hoch. Die Rivalität der beiden Fanlager weicht damit auf einen Schauplatz aus, der mit dem politischen Erbe des Nordirlandkonflikts zusammenhängt. Die IRA pflegte Freundschaften zu palästinensischen Organisationen, die protestantischen Loyalisten unterstützten hingegen Israel. Dass es den Fans im Stadion um tatsächliche ideologische Auseinandersetzungen geht, bezweifelt McColl. „Wie viele Celtic- oder Rangers-Fans verstehen diesen Konflikt und die bittere Lebensrealität der Menschen im Nahen Osten wirklich?“, fragt er. „Die Mehrheit der 60.000 Zuschauer würde außerhalb des Stadions nie auf die Idee kommen, sich in einem derart komplexen Thema so stark zu positionieren.“
Doch nicht nur die Grenzen in Israel beschäftigen die Fanlager. Nach dem Votum der Briten, die EU zu verlassen, könnte sich ein weiterer Konfliktherd auftun. Schließlich stellte die schottische Ministerpräsidentin nach dem Referendum die Möglichkeit einer neuerlichen Volksabstimmung über die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich in den Raum. „Ich war geschockt, als ich vor dem letzten Unabhängigkeitsreferendum 2014 gesehen habe, wie Celtic-Fans bei einem Spiel in Inverness Zettel mit der Botschaft ‚Yes‘ in die Höhe gehalten haben. Die Rangers-Fans wiederum sind traditionell eher für einen Verbleib im Königreich“, sagt McColl. „Ich finde nicht, dass sich Fangruppen dazu äußern sollten, das sind doch Ansichten, die jeder Mensch für sich selbst finden muss.“
Politik und Religion, Nahost und Brexit – wenn es darum geht, die Anhänger der beiden Klubs zu sortieren, gehen in Glasgow die Schubladen schnell auf und wieder zu. Egal, ob die Sortierung zutreffend ist oder nicht. „Du wirst hier als Fan automatisch einem bestimmten politischen Spektrum zugeschrieben“, sagt Anderson. „Ich kenne aber auch linksextreme Rangers-Fans, die für die Unabhängigkeit von England sind. Und Celtic-Fans, die ultrakonservativ sind.“
Geteiltes Glück
Nach acht Spieltagen ist die Dominanz der Old-Firm-Klubs noch nicht wieder erkennbar. Die Rangers liegen nur im Tabellenmittelfeld. Celtic führt die Tabelle mit einem Spiel weniger und vier Punkten Vorsprung auf Aberdeen an. Ob der Betrieb der Glasgower Fußballfirma weiterläuft wie früher, ist derzeit noch nicht abzusehen. Die jahrzehntelange Zweierkonkurrenz hat die beiden Vereine angetrieben. Die Derbys bekamen aufgrund der größten Zuschauermenge stets am meisten Aufmerksamkeit und brachten folgerichtig das meiste Geld. Manchmal muss das Derby auch als Ablenkung herhalten. „Die Teams können schlecht drauf sein, solange du das Old Firm gewinnst, sind deine Fans berauscht. Dadurch werden Schwächen überdeckt“, sagt McColl. „Aber alles in allem profitieren Vereine wie Spieler von solch harten Wettkämpfen. Celtic und Rangers ebenso.“ Das Old Firm hat die schottische Liga auch international im Fokus des Interesses gehalten. Am Matchtag tummeln sich auf der Pressetribüne Journalisten aus ganz Europa, um vom ersten Ligaderby seit vier Jahren zu berichten.
Jenseits des Old Firm steht es um die internationale Aufmerksamkeit für den schottischen Fußball jedoch eher schlecht. Im Europacup können die Vereine nur noch selten aufzeigen. In der aktuellen Saison versucht Celtic, in der Champions League mitzuhalten. Doch vier Tage nach dem Triumph im Old Firm setzt es ein 0:7 in Barcelona. In den beiden Jahren zuvor scheiterte Celtic schon an der Qualifikation zur Eliteliga. Die Meisterschaft gewann der Klub in den vier Jahren ohne Rangers hingegen mit großem Vorsprung. „Die Rivalität droht der einzige Kontext zu werden, in dem beide Klubs existieren“, schrieb Guardian-Journalist Kevin McCarra schon 2012 in seinem Buch „Celtic. A Biography in Nine Lives“. Um aus dieser Enge auszubrechen, haben die beiden Rivalen jahrelang ein gemeinsames Anliegen verfolgt: die Aufnahme in die finanzkräftige englische Premier League. Schon 2009 lehnte der englische Fußballverband dieses Vorhaben ab, es sei weder wünschenswert noch machbar. Im September dieses Jahres sprachen sich die Vertreter der English Football League, also der Profivereine unterhalb der Premier League, erneut gegen eine mögliche Aufnahme der Glasgower Klubs aus. Der schottische Verband hat in der Vergangenheit den Abwanderungsgedanken seiner zwei Zugpferde ebenfalls einen Riegel vorgeschoben, wohlwissend, dass die Liga ohne das Old Firm in der Bedeutungslosigkeit versinken würde. Schon lange bevor Fußball ein global vermarktetes Produkt geworden ist, hat das Glasgower Derby seine Corporate Identity gewissenhaft gepflegt. Die ausgiebig zelebrierte Rivalität der großen Anhängerschaften trägt dazu wesentlich bei – ob gewollt oder nicht. „Die Fans verwenden zwar viel Zeit damit, Unterschiede ausfindig zu machen“, sagt Anderson. „Aber sie haben viele Gemeinsamkeiten. Rangers und Celtic sind zwei Seiten derselben Medaille.“
Mitarbeit: Martin Hanebeck
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