Als Gerhard Milletich am 11. September um 18.20 Uhr zum neuen ÖFB-Präsidenten designiert wurde, war es der Schlusspunkt eines spannungsgeladenen Sitzungstages. Begonnen hatte er in den Mittagsstunden mit den Präsentationen der Kandidaten. In einem Hotel in der Salzburger Innenstadt versuchten Milletich und Roland Schmid in einem Hearing, die Anwesenden von ihren jeweiligen Konzepten zu überzeugen. Es folgte der erste Wahlgang – und eine Stimmengleichheit. Mit knapper Mehrheit setzte sich Milletich in der zweiten Runde durch. All das passierte im Wahlausschuss des Verbands. Dessen zehn Mitglieder sind die Präsidenten der neun Landesverbände und ein Vertreter der Bundesliga. Das Gremium agiert hinter geschlossenen Türen, dabei ist es eines der mächtigsten im ÖFB – bestimmt es doch über dessen Führung. Denn die Entscheidung ist längst gefallen, auch wenn Milletich erst Mitte Oktober auf der ÖFB-Bundeshauptversammlung offiziell gewählt wird. Die Veranstaltung in Velden ist wenig mehr als Show.
Expressversammlung
Als Leo Windtner am 6. August erklärt, er werde sich nicht mehr als Verbandspräsident zur Wahl stellen, ist die Überraschung groß. Seit mehr als zwölf Jahren bekleidet der Oberösterreicher das Amt, im März hat er in Aussicht gestellt, noch einmal zu kandieren. Warum er seine Meinung geändert hat, lässt er offen. „Windtner dürfte nicht mehr den Rückhalt für eine nochmalige Kandidatur bekommen haben“, schreibt die Krone. „Daher zog er zurück, als ‚Bittsteller‘ wollte er sich offensichtlich bei den teils mächtigen Landesfürsten nicht sehen.“
Nur fünf Tage später treffen diese sich bei der ersten Sitzung des Wahlausschusses in Gmunden am Traunsee. Die Mitglieder sollen sondieren, wer das Amt übernehmen möchte – intern wie extern – und einen Wahlvorschlag für die Hauptversammlung erarbeiten. „Wir diskutieren da sehr offen“, sagt Gerhard Götschhofer, seit 2013 Präsident des Oberösterreichischen Fußballverbands, dem ballesterer. „Was wir besprechen, dringt nicht an die Öffentlichkeit. Dadurch kann ich freier reden.“
Neu ist dieser Zugang nicht. Windtner setzte sich im Februar 2009 im Wahlausschuss in zwei Wahlgängen gegen Günther Kaltenbrunner durch. Als 1976 der Chef des Wiener Verbands, Karl Sekanina, als ÖFB-Präsident kandidierte, traf er sich eineinhalb Monate vor der Hauptversammlung eine Stunde lang mit den Vertretern der anderen Landesverbände. „Mit den sehr klaren Ansichten des Kandidaten zeigten sich die Gesprächsteilnehmer im Wesentlichen einverstanden, sodass der Wahl Sekaninas am 11. April nichts mehr im Wege steht“, berichtete die APA damals. Sekanina wurde einstimmig gewählt. Die geringe Bedeutung der Bundeshauptversammlung zeigte sich auch bei der zweiten Wiederwahl Beppo Mauharts 1990. Das Gremium tagte 48 Minuten.
Ausladungspolitik
Ganz so reibungsfrei geht es im August 2021 im Wahlausschuss nicht über die Bühne. Denn es finden sich mehrere Kandidaten. Bald ist klar, dass Milletich antreten will. Seit 2012 ist der 65-Jährige Chef des burgenländischen Verbands, von 1993 bis 2020 war er zudem Obmann des SC/ESV Parndorf. Auch Schmids Kandidatur geistert ab Mitte August durch die Medien, der Immobilienunternehmer wollte 2019 Rapid-Präsident werden. Anfang September gesellt sich ein weiterer Unternehmer mit Rapid-Bezug unter die Anwärter. Michael Krammer, von 2013 bis 2019 Präsident der Hütteldorfer, stünde zur Verfügung, heißt es im Kurier und bei 90minuten.at. Öffentlich bewirbt sich niemand, das Kandidatenfeld lässt sich nur anhand medialer Spekulationen erahnen. Die Namen der ehemaligen Funktionäre Heinz Palme und Georg Pangl fallen Ende August in den Zeitungen ebenfalls, wenige Tage später sollen sie Berichten zufolge wieder aus dem Rennen sein. Warum, bleibt unklar.
Am 6. September tagt der Wahlausschuss ein zweites Mal – und lässt seine Muskeln spielen. Krammer wird nicht zum Hearing eingeladen. „Ich wurde vor einigen Tagen gefragt, ob ich mir dieses Amt vorstellen kann. Ich hatte jedoch keine Möglichkeit, meine Vorstellungen oder Ideen zu präsentieren“, sagt er nach seiner Ausbootung 90minuten.at. Der Wahlausschuss begründet den Schritt damit, dass Krammer ohnehin keine Chance gehabt hätte.
Wie fragil die Mehrheitsverhältnisse sind, zeigt sich bei der Abstimmung über Milletich und Schmid fünf Tage später. Bei der offenen Abstimmung bekommen beide Kandidaten fünf Stimmen. Götschhofer stimmt für Schmid, der 21 Jahre jünger ist als sein Konkurrent. „Ich war für einen Generationenwechsel“, sagt der Rechtsanwalt. Auch die Vertreter Tirols, Salzburgs und der Steiermark sowie die Bundesliga – vertreten durch ihren Aufsichtsratsvorsitzenden Philip Thonhauser – stimmen für den Unternehmer.
Keine Profis
Die Vorgehensweise und die Zusammensetzung des Wahlausschusses verdeutlichen den geringen Einfluss des Profifußballs im ÖFB. Den neun Landesverbänden, die die Amateurvereine vertreten, steht eine Stimme der Liga gegenüber. Bei anderen Gremien des Verbands wie der Hauptversammlung ist das Ungleichgewicht nicht ganz so deutlich: Denn während jeder Landesverband auch dort über je eine Stimme verfügt, hat die Bundesliga vier. An einem großen Machtzuwachs liegt der Liga auch nach der jüngsten Wahl nichts. „Natürlich könnte man im Sinne der Durchgängigkeit evaluieren, ob eine Anpassung der Stimmverhältnisse im Wahlausschuss Sinn ergeben würde“, sagt Thonhauser dem ballesterer. „Aber ein neu gewählter Präsident braucht eine breite Rückendeckung. Nicht nur auf dem Stimmzettel.“
Im zweiten, nun geheimen Wahlgang erhält Milletich die Mehrheit. Die APA berichtet, dass der steirische Landesverbandschef seine Meinung ändert – und für den Burgenländer votiert. Ebenso wie Thonhauser. „Wir haben als Bundesliga-Aufsichtsrat beschlossen, nicht der Königsmacher zu sein“, sagt er. „Die Stimmlage im ersten Durchgang war so, dass Schmid zu wählen war. Als dann klar war, dass Milletich die Mehrheit hat, habe ich ihm die Stimme gegeben.“
Der Wahlausschuss hätte die Entscheidung zwischen Milletich und Schmid auch der Hauptversammlung überlassen können. Nichts in den Satzungen des ÖFB untersagt das, die Bestimmungen für das Gremium fallen ohnehin sehr knapp aus, sie füllen keine halbe Seite. Auch wer kandidieren kann und zum Hearing eingeladen wird, ist dort nicht näher geregelt. Das bleibt den Mitgliedern des Wahlausschuss überlassen. So schnell wird sich daran nichts ändern. Denn auch Gerhard Götschhofer, der in beiden Wahlgängen für Schmid gestimmt hat, sieht in den intransparenten Ausschusssitzungen kein Problem. „Wir haben das sachlich hinbekommen“, sagt er. „Wenn man diese Diskussionen vor Publikum austrägt, haben wir wahrscheinlich keine drei Kandidaten. Sondern möglicherweise gar keinen.“