Geht man in der Geschäftsstelle des DSV Leoben in den Besprechungsraum, in dem Trainer Carsten Jancker den ballesterer zum Gespräch empfängt, kommt man an alten Mannschaftsfotos vorbei. Walter „Schoko“ Schachner ist zu sehen, der vielleicht bekannteste Spieler der Klubgeschichte. Daneben finden sich Spieler, die in der Obersteiermark die Karriere ausklingen ließen wie Peter Guggi, und auch solche, die dort ihre ersten Schritte im Profifußball gemacht haben. Zu ihnen gehören Roland Linz und Christian Gratzei. Und in der Gegenwart? Da herrscht Aufbruchsstimmung. Aktuell spielt Leoben die neunte Saison in Folge in der viertklassigen Landesliga und hat sich den Aufstieg in die Regionalliga Mitte zum Ziel gesetzt. Der Meistertitel soll nur der erste Schritt sein, der Klub aus dem Stadtteil Donawitz hat im Frühjahr die „Mission 2028“ ausgerufen. Zum 100-jährigen Bestehen möchte Leoben wieder Bundesligist sein. Jancker, der seit Juli im Amt ist, ist ein wesentlicher Teil des Plans.
Blick zurück nach vorn
In Leoben herrscht aber nicht nur Aufbruchsstimmung, sondern auch Nostalgie. Erkennbar ist das an der Reaktivierung von Klubgrößen wie Schachner, der als Klubbotschafter und Berater mitwirkt. Er war in den großen Zeiten als DSV Alpine in der Bundesliga dabei, als der Klub in den 1980er Jahren die Großen vor rund 12.000 Zuschauern das Fürchten lehrte. Jancker plädiert für einen Blick zurück in Demut. „Wir wissen alle Bescheid, was früher hier war“ sagt er. „Nach dem Konkurs ist der Verein nicht gut dagestanden, es waren kaum Leute bei den Spielen. Das ist auch Teil der Geschichte. Aber das soll uns nicht davon abhalten, neue Wege zu gehen.“„Wir haben uns im Februar zusammengesetzt, zuvor hat es Telefongespräche gegeben und mit der Zeit hat sich ein spannendes Gesamtpaket ergeben“, sagt er. Im Frühjahr beendete er seinen Job als Trainer des drittklassigen FC Marchfeld. „Die Leute hier, also Präsident Ewald Steinkellner, Obmann Peter Skrivanek und der sportliche Leiter Adi Preschern, wollen etwas Langfristiges bewegen und den Verein zurück in den Profifußball bringen.“ Im Februar 2009 musste der Klub in der zweiten Liga Konkurs anmelden, zum ersten Mal seit 1956 spielten die Obersteirer damit nicht mehr in einer der obersten zwei Ligen. 2013 stieg Leoben in die Landesliga ab und will jetzt wieder hinauf. Jancker sagt: „Dafür ist jede Menge zu tun, das weiß ich.“ Das werden auch die wirtschaftlichen Partner des Vereins wissen. Neuer Hauptsponsor ist der Energydrinkhersteller Kaif aus Deutschland. Das Logo sieht man im ebenfalls nach dem Sponsor benannten Stadion an Banden und dem Teambus. Und es wird wohl auch am Veranstaltungstrakt von 600 Quadratmetern sichtbar sein, der gerade gebaut wird. Der Vertrag mit dem Unternehmen läuft drei Jahre.
Viel Zeit im Auto
Um diesen Weg zu gehen, braucht es eine schlagkräftige Mannschaft. Jancker achte bei der Auswahl auf Mentalität und Qualität, sagt er. „Die Spieler müssen mit Druck umgehen können und ihn aushalten. Adi Preschern hat hier einen super Job gemacht.“ 16 Neuzugänge kamen im Sommer, darunter Routiniers wie Thomas Hirschhofer, Lukas Skrivanek und Tormann Zan Pelko. Von seinem Ex-Verein brachte Jancker Samuel Oppong mit. Mit Hirschhofer, Nico Pichler und Naim Sharifi hat er auch Akteure mit Bundesliga-Erfahrung im Kader. Das Team ist gemischt: Manche Spieler haben einen anderen Brotberuf, manche studieren und die dritte Gruppe lebt vom Fußball.
Schon das erste Ziel, Landesliga-Meister zu werden, ist kein Selbstläufer. „Wir werden nichts geschenkt bekommen, und ich gehe davon aus, dass unser Plan von der Rückkehr in den Profifußball die Gegner besonders motiviert“, sagt Jancker. Der ehemalige Bayern-Profi versucht, auch Themen wie Regeneration, Trainingssteuerung und Ernährung anzugehen. „Die notwendige Professionalität muss vorhanden sein. Auch dann, wenn das vielleicht Entbehrungen in anderen Lebensbereichen erfordert.“ Auch Jancker investiert viel, vor allem Zeit. Er pendelt täglich aus Wien nach Leoben und bleibt vor den Spielen über Nacht. Warum ist er nach dem Ende der Spielerkarriere in Österreich geblieben, hat als Co-Trainer bei Rapid, dann als Chefcoach bei Neusiedl, Horn und eben Marchfeld gearbeitet? „Meine Frau, eine Wienerin, und ich sind eines Tages vor der Entscheidung gestanden, wo wir uns niederlassen möchten“, sagt Jancker. „Wien ist seit 15 Jahren mein Lebensmittelpunkt, Leoben mein Arbeitsplatz.“
Ehrgeizige Musikwünsche
Dass die Kombination Leoben und Jancker passt, davon ist der sportliche Leiter Adi Preschern, der nach seiner aktiven Karriere Tormanntrainer beim WAC war und im Winter seinen Job in Leoben antrat, überzeugt. „Carsten verkörpert das, was wir uns erwarten: Leidenschaft und Einsatz“, sagt er. „Er entwickelt die Mannschaft ideal, was ich auch an den Enden der Trainingswochen sehen kann.“ Mit Jancker solle der DSV Leoben ein neues sportliches Level erreichen und so auch in der Stadt erneut begeistern. Die Liebe zum Fußball solle in Leoben wieder spürbar werden, sagt Preschern. „Dazu müssen die Leute auch merken, dass sich die Mannschaft entwickelt“, ergänzt der Trainer. Nach zehn Spielen liegt Leoben mit 23 Punkten auf Rang zwei hinter dem ASK Voitsberg, der ebenfalls den Aufstieg in die Regionalliga als Ziel ausgegeben hat. Ende Oktober kommt es zum Heimduell im Donawitzer Stadion.
Genau 20 Jahre ist es her, dass Jancker mit den Bayern in Mailand die Champions League gewonnen hat. Mit den alten Kollegen hat er wenig Kontakt. „Ich bin nicht der Typ, der dauernd anruft, um über alte Zeiten zu sprechen. Bei den Bayern-Legends spiele ich auch nicht mehr, weil ich mich am Tag nach dem Spiel nicht mehr bewegen kann“, sagt er. Bewegen will er hingegen viel in Leoben. Die Rückkehr in den Profifußball steht über allem. Sollte sie gelingen, werden neue Mannschaftsfotos einen prominenten Platz in der Geschäftsstelle erhalten. Jancker will seinen Teil dazu beitragen. Damit sind seine Karriereziele aber noch nicht erreicht. „Klar, als Trainer willst du Stufe für Stufe höher“, sagt er. „Weil wir gerade von der Champions League gesprochen haben: Die Hymne will ich auch als Trainer noch einmal hören.“