Das Stadion im Prater steht zumeist leer, ist aber in mehrfacher Hinsicht das bedeutendste Stadion des Landes. Bernhard Hachleitner über antike Inspirationen, Stadiongeschichte als Stadtgeschichte und die vielen Leben des Praterstadions.
„Weil die Profiliga in Wien entstanden ist, hat jeder Verein einen eigenen Platz gehabt”, sagt Bernhard Hachleitner. „So ähnlich wie in England, wo jeder Klub seinen ground hatte.“ Die größten Spiele fanden in England im größten Stadion statt, in Wembley, und in Wien im Prater. Das Stadion ohne Verein ist ein Forschungsschwerpunkt von Hachleitner, 2010 hat der Historiker seine Dissertation zum Ernst-Happel-Stadion verfasst.
ballesterer: Wie haben Sie sich für das Praterstadion begeistern können?
Bernhard Hachleitner: Das war bei mir keine Frage der Emotionalisierung, mich hat interessiert, anhand eines Bauwerks über die Geschichte einer Stadt und ihrer Widersprüche zu forschen. Das beginnt ja schon bei Theorie und Praxis des Roten Wien. Das Stadion ist für die Arbeiterolympiade 1931 gebaut worden, es sollte in einen Sportpark eingebettet für viele Sportarten nutzbar sein. Der Stadt war aber schon früh klar, dass nur der Fußball diese Arena für damals 50.000 Menschen füllen kann – der professionelle Fußball, den man politisch ablehnt.
„Stadien haben ein Dilemma: Sie sind riesengroß, brauchen eine gute Verkehrsanbindung, stehen aber die meiste Zeit leer.“
Es ist nicht nur gefüllt, sondern auch schnell geleert worden.
Ja, Architekt Ernst Schweizer war sehr stolz darauf, dass es in sieben, acht Minuten geleert werden konnte. Er hat sich da Anleihen beim Kolosseum genommen. In Sachen Besucherführung und Fluchtwege hat es in der Antike viele Überlegungen gegeben. Dieses Wissen ist aber verloren gegangen, die Stadien des frühen 20. Jahrhunderts waren schlechter aufgestellt. Es hat 20, 30 Minuten gedauert, um sie zu entleeren. Insofern war das Wiener Stadion ein europaweiter Modernisierungsschritt. Architektonisch ist es aber auch interessant, weil es richtig durchkonzipiert ist – und weil es mit der strikt modernistischen Struktur und Fassade aus den anderen Bauten des Roten Wien herausgestochen ist.
Das Stadion fristet eine traurige Gegenwart, wenn nicht das Nationalteam dort spielt. Welchen Status hat es heute?
Der ÖFB behauptet ja gerne, dass es den Anforderungen nicht mehr entspricht. Ich kann über die Bausubstanz nichts sagen, ich würde das aber ein bisschen bezweifeln. Es entspricht wegen der Laufbahn und der Entfernung des Publikums nicht den Vorstellungen eines zeitgemäßen Fußballstadions. Ein zusätzliches Problem ist, dass Spiele im Fernsehen unattraktiv wirken, wenn man keine dichte Atmosphäre sieht. Insofern verstehe ich, dass der ÖFB gerne ein neues Stadion hätte. Es gibt aber Gründe, die dagegen sprechen – von der Finanzierung über den Standort bis hin zum Denkmalschutz und der Erhaltungswürdigkeit über den formalen Denkmalschutz hinaus.
Was meinen Sie damit?
Ob ein Bauwerk erhaltenswert ist, hat viele Facetten – auch die Bedeutung, mit der es aufgeladen worden ist. Beim Praterstadion sind es nicht nur die vielen Fußballspiele, das beginnt schon vor dem Bau. 1928 ist es zum zehnten Jahrestag der Gründung der Republik der Jugend gewidmet worden. Das war eine klare politische Ansage. Dazu kommen neben der Arbeiterolympiade weitere sozialdemokratische Veranstaltungen, aber auch der Katholikentag, die austrofaschistische Kinderhuldigung am 1. Mai und politische Veranstaltungen im Nationalsozialismus. Im Dezember 1945 hat dort das erste Länderspiel nach dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden, gegen Frankreich. Nach dem Motto: „Wir spielen gegen Österreich, um es von Deutschland abzuheben und beim nation building zu helfen.“ Das Stadion war aufgrund von Bombentreffern zum Teil noch gesperrt, es sind kaum Straßenbahnen gefahren, die Leute sind zu Fuß hingegangen. Dieses Spiel gehört zu den Gründungsmythen der Zweiten Republik.
Österreich empfängt Frankreich im Dezember 1945 in einem noch teilweise zerstörten Praterstadion zum ersten Länderspiel nach dem Zweiten Weltkrieg
Und davor hat dort am 3. April 1938 das „Anschlussspiel“ stattgefunden.
Ja. Das Stadion ist von der Wehrmacht auch genutzt worden, um Soldaten und Pferde unterzubringen. Im September 1939 war es für einige Wochen ein Gefangenenlager für jüdische Männer und Jugendliche, an denen sogenannte anthropologische Vermessungen nach der NS-Rassentheorie vorgenommen worden sind.
Geht die politische Geschichte des Stadions in der Zweiten Republik weiter?
Ja, auch wenn sie nicht immer vordergründig politisch war. Der Zeitpunkt des Ausbaus direkt nach Ende der Besatzungszeit war zum Beispiel kein Zufall. Damals ist ein Haupteingang mit Marmorverkleidung gemacht und die Ehrentribüne repräsentativer gestaltet worden, außerdem ist das Stadion auf das Flutlicht vorbereitet worden. Daran sieht man, wie sich die Hierarchien verschoben haben. Zuvor ist politisch bestimmt worden, wie das Stadion zu gestalten ist, diese Veränderungen passieren aber auf Wunsch von ÖFB und ORF. Das deutet an, dass Verband und Fernsehen in den nächsten Jahrzehnten zu den prägenden Playern werden.
Die nächste große Renovierung war die Überdachung in den 1980er Jahren.
Das war architektonisch spannend, weil die VÖEST eine neue Konstruktion verwendet hat, die leichter und billiger war. Dass die VÖEST den Auftrag bekommen hat, passt zur Krise der verstaatlichten Industrie. Damals hat man angesichts der internationalen Stadionkatastrophen die Sicherheitsstandards erhöht und als einer der ersten Orte in Österreich eine umfassende Kameraüberwachung eingesetzt. Das Stadion war eines der wenigen dieser Größe mit einer Vollüberdachung, deswegen haben innerhalb weniger Jahre viele Europacupfinale in Wien stattgefunden.
Inter schlägt Real Madrid im Meistercupfinale 1964 im Prater
Damals war recht klar, dass das Finale in Wien und nicht in der Schweiz stattfinden würde, weil es dort nur kleinere Stadien gibt. Was auch ein Problem zeigt: Wien ist zwar eine große Stadt, Österreich aber ein kleines Land. Das klingt banal, ist aber entscheidend. Es gibt in der Liga keinen Bedarf für ein Stadion mit 50.000 Plätzen, die Nationalmannschaft hat ihn manchmal. Nach der EM hat man – wie früher auch schön öfter – geglaubt: „Das war’s jetzt.“ Und dann hat es plötzlich sehr viele Spiele gegeben: Rapid und die Austria, als sie ihre Stadien gebaut haben, Europacupspiele, das Wiener Cupfinale – auch wenn das eher absurd ist, wenn dann um die 200 Zuschauer kommen.
Ist das Stadion ein so wichtiges Zeitdokument, dass man es gar nicht abreißen kann?
Von seiner kulturellen Bedeutung ist es auf jeden Fall erhaltenswert. Architekturhistorisch ist es komplizierter, weil durch die Renovierungen vom Bau von 1931 eigentlich kaum noch Elemente vorhanden sind. Das zeigt aber auch, wie flexibel die Architektur ist.
Ist es Flexibilität oder Wurschtigkeit, wenn man ständig drüberbaut?
Beides. Architektonisch und ästhetisch ist es Wurschtigkeit, das würde ich negativ bewerten. Ich finde es aber auch faszinierend. Das Stadion ist 90 Jahre alt und wird immer noch genutzt. Bei der Mantelnutzung war zwar nicht geplant, dass man die MA 35 reinsetzt, sondern Sportstätten. Die Glasfassade hätte in großen Turnsälen für Licht sorgen sollen, das ist durch den Ausbau in den 1950er Jahren verloren gegangen. Dann war es ein Denkmal für diesen Brutalismus, diese nackte Betonstruktur. Die hat schon auch etwas Beeindruckendes, aber es ist Stückwerk.
Dieser Text stammt aus der ballesterer bibliothek #1 zur Fußballstadt Wien. Umfangreiche digitale Inhalte findet ihr dazu auf bibliothek.ballesterer.at
Derzeit wird das Stadion von Magistratsabteilungen, dem Wiener Verband und dem ÖFB genutzt, der aber ausziehen will. Es finden Konzerte statt. Ist der häufig formulierte Wunsch nach Multifunktionalität erfüllt?
Ich kenne kein Stadion, das diesem Wunsch völlig gerecht wird. Stadien haben ein Dilemma: Sie sind riesengroß, brauchen eine gute Verkehrsanbindung, stehen aber die meiste Zeit leer. Ohne einen Heimverein wird das noch extremer. Die Mehrfachnutzung lässt sich nicht unbegrenzt steigern. So viele Konzerte, die 60.000 Leute anziehen, gibt es nicht – und sie wären für den Rasen ein Problem. An dem Dilemma ändert sich aber mit einem neuen Stadion nichts. Ich tue mir mit der Frage, was mit dem Praterstadion geschehen soll, auch schwer. Richtet man es immer wieder ein bisschen her? Dann muss man ständig zig Millionen hineinstecken.
Wäre das Stadion nicht der aufgelegte Ort für ein Fußballmuseum?
Ja, auch weil es dann selbst als Teil des Museums attraktiv zu besichtigen wäre. Nur leider herrscht bei den österreichischen Sportverbänden eine gewisse Geschichtslosigkeit. Sie lagern ihre Objekte irgendwo bei einer Spedition, dabei gäbe es sicher interessante Dinge. Das „Wunderteam“-Gemälde von Paul Meissner wäre zum Beispiel eine schöne Dauerleihgabe, falls es das Wien Museum nicht selbst in die neue Dauerausstellung integriert. Zudem gibt es viele Privatsammler, die Objekte verfügbar machen würden. Ich würde mir wünschen, dass der ÖFB so ein Museum in Auftrag gibt – und sich traut, das von Ausstellungsmachern gestalten zu lassen und nicht von einer PR-Agentur. Ein Museum kann ja gerne ein Marketingtool sein, aber man darf es nicht als solches gestalten.
Bernhard Hachleitner (53) kennt die Geschichte des Ernst-Happel-Stadions wie kein anderer. Der Historiker, Kurator und Sport-Club-Fan forschte in verschiedenen Projekten zum Wiener Fußball und kuratierte diverse Sportausstellungen.
Wir hoffen, dir gefällt dieser Text. Online findest du viele weitere Artikel aus unseremArchiv – kostenlos. Wir freuen uns, wenn du uns einen kleinen Beitrag spendest. Damit hilfst du uns, weiter unabhängig und kritisch zu berichten – und weiter Texte kostenfrei zur Verfügung zu stellen.
Am 21. September 1924 begann in Wien eine neue Ära. Elf Vereine starteten die erste Profiliga auf dem Kontinent, sie wollten von der Popularität des Fußballs profitieren. Es folgte eine Saison mit Transferstreits, Identitätsdebatten – und einem neuen Meister. lesen
Wer als offizieller Fanklub beim ÖFB eingetragen ist, kommt für Länderspiele leichter an Kartenkontingente. „Die Freunde der Liliputbahn“ und die „Red Hot Austrian Fans“ können sich daher in Ruhe aufs Turnier vorbereiten, EM-Lieder einsingen und Bahnrouten studieren. lesen
Spieler, Funktionäre und Fans der Wiener Austria, der Vienna, der Bayern, von Ajax und Tottenham spielen seit Mitte Juli die Hauptrolle im Jüdischen Museum Wien. Ihnen ist die Ausstellung „Superjuden“ gewidmet. lesen