Im Osten ist Krieg, der Fußball steckt in der Krise – beides gehört in der Ukraine zum Alltag. Das zeigen Freundschaftsspiele an der Front ebenso wie bankrotte Vereine und die Versuche, neue Strukturen zu schaffen. Eine Reise zwischen leeren Stadien und vollen Futsalhallen.
Grau ist die Ukraine in diesem Februar, grau der Himmel, der Asphalt und der alt gewordene Schnee am Straßenrand. Auf der Autobahn von Kiew Richtung Nordwesten wird das Grau immer wieder durch Fahrräder und eine Pferdekutsche auf dem Pannenstreifen aufgeheitert, in den Städten liefern die knallgelben Kleinbusse, die Marschrutkas, Farbtupfer. Die Reise, die die Initiative Fankurve Ost organisiert hat, führt in die ukrainische Provinz. Seit 2014 veranstaltet Fankurve Ost einen Austausch zwischen Deutschland, der Ukraine, Belarus und Russland mit Fans, Fanprojektmitarbeitern und Journalisten. Das Thema ist Fußball, das Ziel voneinander zu lernen und zivilgesellschaftliche Strukturen zu stärken.
LÜCKENFÜLLER
Und beim Wort Zivilgesellschaft fängt es mit dem Lernen auch schon an – wie lässt es sich übersetzen, was bedeutet es überhaupt? Ein ums andere Mal geht es um die großen und kleinen Unterschiede zwischen der Ukraine und Deutschland, zwischen Ost- und Westeuropa. Darum ob Männer Frauen die Hand geben, um die Fernseher, die in jedem Café und Hotel laufen, um Bier und Borschtsch und die Frage, wie der Fußball hier wie dort funktioniert und besser werden könnte. Vereine mit Mitgliedern, Vorsitzenden und Schriftführern, die in Deutschland den Sport und das öffentliche Leben prägen, sind in der Ukraine unüblich. Wie lassen sich ohne diese Strukturen Menschen zu mehr Engagement bewegen? Die Antwort von Yurij Konkevych aus der 200.000-Einwohner-Stadt Luzk im Nordwesten des Landes ist klar: Einsicht in die Notwendigkeit. „Langsam setzt sich der Gedanke durch, dass es nichts bringt, auf den nächsten reichen Mann zu warten, sondern dass man selbst etwas tun kann“, sagt der Fußballfan und Journalist. Er möchte in Luzk diejenigen vernetzen, die etwas tun.
Dazu gehören zum Beispiel die Gründer der Straßenfußballliga. Die seit April 2011 bestehende Organisation hat schon mehr als 200 Meisterschaften und Turniere im Oblast Wolhynien ausgerichtet. Am Platz stehen alle – von Kindern bis Pensionisten. Im Vorjahr hat es die erste Veranstaltung für Frauen gegeben. Die Spiele finden in Käfigen, auf Kunstrasenplätzen und in Hallen statt. „Wir schließen damit eine Lücke, denn Sportvereine um die Ecke gibt es nicht viele“, sagt Mitgründer Mykola Ozyuk. „Wir sind eine Alternative zum staatlich organisierten Sport und der professionellen Nachwuchsförderung, die teuer und schwer zugänglich ist.“ Die Liga ist nicht nur selbst organisiert, sondern auch weitgehend selbst finanziert. Sie wird vom ehrenamtlichen Engagement getragen, für die Zukunft hoffen Ozyuk und seine Kollegen auf Unterstützung der öffentlichen Hand. Positive Signale aus der Stadtverwaltung gibt es bereits. „Wir freuen uns, wenn Organisationen wie die Straßenfußballliga entstehen“, sagt Oleksiy Veremiychyk, der Verantwortliche der kommunalen Sportabteilung. „Sie bringen neues Engagement.“
Die Ukraine ist im Aufbruch, doch wenn etwas aufbricht, geht erst einmal etwas kaputt.
SCHÖNER SCHEIN
Solche Initiativen von unten gibt es nicht nur im Sport inzwischen häufiger. Sie sind, sagt Ingo Petz von Fankurve Ost, eine Folge der Maidan-Proteste von 2014. Aus den Demonstrationen entstanden nicht nur Barrikaden, sondern auch zahlreiche Initiativen – selbstorganisierte Verpflegung, Versorgung der Verletzten, Kunstaktionen und Bildungsprojekte wie die Maidan-Bibliothek und eine offene Universität, die teils bis heute bestehen. „Im Vergleich mit Belarus und Russland gibt es in der Ukraine einen zivilgesellschaftlichen Aufbruch“, sagt Petz. „2014 ist bei vielen Menschen das Gefühl entstanden ‚Wir können es nicht den Politikern überlassen, wir müssen es selbst in die Hand nehmen.‘“
Die Ukraine ist im Aufbruch, doch wenn etwas aufbricht, geht erst einmal etwas kaputt. Zu sehen ist das auch im Fußball. Die Strukturen der Sowjetzeit sind nicht mehr vorhanden, und was danach kam, hatte oft keinen Bestand. Zahlreiche Oligarchen, die in den 1990er Jahren Vereine übernahmen, haben viel Geld verloren oder keine Lust mehr, ihr Vermögen weiter in den Fußball zu stecken. Oberflächlich betrachtet kann der ukrainische Fußball Erfolge vorweisen: Mit Dynamo Kiew und Schachtjor Donezk haben zwei Vereine in der Europa League überwintert, das Nationalteam ist in der Nations League in die höchste Division aufgestiegen, und Kiew war Austragungsort des letztjährigen Champions-League-Finales. Der Eindruck täuscht jedoch, sagt Konkevych. Er ist seit seiner Kindheit Anhänger des lokalen Klubs FK Wolyn, bei dem er auch als Pressesprecher gearbeitet hat. „Fans werden meist ignoriert, interessant ist allein, wo das Geld herkommt. Zu Saisonbeginn ist oft nicht klar, welche Vereine überhaupt mitspielen, weil so viele in finanziellen Schwierigkeiten stecken.“ Derzeit laufen Untersuchungen wegen des Verdachts auf Spielmanipulation, in den Akten der Staatsanwaltschaft soll ein Drittel der Profiklubs vorkommen. Die Zuschauerzahlen, die 2012 bei durchschnittlich 12.000 lagen, haben sich nach Beginn der bewaffneten Konflikte im Osten halbiert und sind zuletzt auf 3.700 gefallen. „Sicher, wir sind im Krieg und haben größere Sorgen als Zuschauerzahlen, aber das ist auch die Ausrede der Funktionäre“, sagt Konkevych. „Sie haben keinen Plan. In den Verbänden sitzen teilweise noch die Männer aus der Zeit von Dynamo, Torpedo und Spartak. Sie kommen aus dem vorigen Jahrhundert.“
VERLORENE AVANTGARDE
Aus dem vorigen Jahrhundert stammt auch der Fußballverein in Luzk, der 1960 gegründete FK Wolyn. Er hat schon viele Namen gehabt und vertrat als Torpedo Luzk lange die sowjetischen Automobilbauer. 1992 war der Verein nach der Unabhängigkeit des Landes Gründungsmitglied der ukrainischen Liga, stieg später ab und wieder auf und erreichte zweimal das Cuphalbfinale. Geblieben ist durch die verschiedenen Ligen und Vereinsnamen hindurch das 1933 erbaute Stadion. Es heißt Avangard wie viele Sportstätten aus der Sowjetunion und wirkt mit seinen verblichenen roten Plastikschalen unter freiem Himmel aus der Zeit gefallen. Schutz vor der Witterung findet sich nur auf einigen Plätzen der Haupttribüne, in der auch die Vereinsräumlichkeiten untergebracht sind. Von kräftigerem Rot als die Sessel und offenbar neuer ist die Leichtathletikbahn um den Rasen, heuer soll hier ein internationaler Zehnkampfwettbewerb stattfinden. Der Klub hat das Stadion von der Stadt gepachtet, gewährt den Bürgern, die hier joggen oder einen Sprung über die Hürden wagen wollen, jedoch Zutritt.
Yurij Konkevych schaut sich um, während er die Geschichte des Stadions erzählt, und zeigt auf den gegenüberliegenden Sektor mit der Nummer 17, heute der Stammplatz der Ultras. Dort habe er gesessen, als ihn sein Vater Ende der 1980er Jahre erstmals mitgenommen habe. „Damals waren die Tribünen voll“, sagt er. „Das Stadion hat 10.500 Zuschauern Platz geboten, ohne die Leute, die aus den Häusern rundherum zugeschaut haben.“ Heute kommen nur noch einige hundert, und große Spiele gegen Dynamo, Schachtjor und den Rivalen Veres aus dem 60 Kilometer entfernten Rivne gibt es nicht mehr. 2017 ist der Klub in die zweite Liga abgestiegen, doch die Probleme begannen schon viel früher. Mehrfach wurden Wolyn wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten und nicht gezahlter Gehälter Punkte abgezogen. Heute, erzählt Konkevych, sei der Klub im Besitz einer Offshore-Firma. Wer genau dahinterstecke, wisse man nicht. „Ist der Verein profitabel?“, kommt eine Frage aus der Runde. „Kennen Sie irgendeinen ukrainischen Verein, der das ist?“, antwortet Dmitrij Kuznetsov. Er ist der Pressesprecher des Klubs und macht beim Gespräch im Presseraum des FK Wolyn keinen Hehl daraus, dass der Verein in der Krise ist.
Diese Krise allerdings sei größer als ein Klub. Die Infrastruktur vieler Vereine habe sich kaum verbessert, während rundherum Alternativen für die Freizeitgestaltung entstanden seien. „Junge Leute sitzen lieber im Café und treffen sich in der Shoppingmall, statt bei Regen auf Tribünen ohne Dach Fußball zu schauen“, sagt Kuznetsov. Der Fußball habe an Interesse eingebüßt. „Es gibt keine Stadt im Land, in der am Spieltag eine Stimmung herrscht wie in Dortmund und Neapel. Wo die Leute in den Straßen das Trikot ihres Vereins tragen“, sagt der Wolyn-Pressesprecher. „Das ist nicht nur eine Frage des sportlichen Erfolgs.“
ADRENALIN-KICK
Einen Eindruck davon, wofür sich junge Ukrainerinnen und Ukrainer stattdessen begeistern lassen, liefern weitere Ortsbesichtigungen in Luzk, und eine Antwort heißt: Futsal. Die dynamische, kleinere Fußballvariante hat großen Zulauf, nicht zuletzt weil man Futsal auch im Winter spielen kann, und zwar unter anderem in der Adrenalin-City. Die ehemalige Fabrikhalle rund sieben Kilometer vom Zentrum entfernt ist heute ein Sport- und Entertainmentcenter samt Shoppingmall. Innen führt der Weg über mehrere Ebenen vorbei an einem Kunstmuseum, Cafés und Hüpfburgen im Prinzessinnendesign in eine große, in mehrere Bereiche unterteilte Sporthalle samt Tribünen. Hier wird an einem Ende Handball gespielt, in der Mitte Tischtennis und am anderen Ende Futsal. Die Adrenalin-City ist einer der Orte, die Kuznetsov gemeint haben könnte. Sie bietet Raum für Kommerz – und für Selbstorganisation. Im örtlichen Futsalverband sind rund 80 Mannschaften registriert, berichtet der Vorsitzende Serhiy Goloskokov. „Wir sind Teil des Fußballverbands, Unterstützung bekommen wir von ihm aber nicht“, sagt er. Die Liga finanziert sich durch die Mitgliedsbeiträge der Teams.
Der Futsalnachwuchs trifft sich am folgenden Tag zu einem Turnier. Ausgerichtet wird es vom FC Respect, einem Verein von Hobbyfußballern. Der Klub spielt auch in der Straßenfußballliga von Mikola Ozyuk und seinen Kollegen – diejenigen, die in der Stadt im Sport aktiv sind, kennen einander. Der Austragungsort ist die Halle einer Schule. Bereits beim Betreten des Gebäudes ist die Geräuschkulisse, die 100 Buben samt Eltern, Geschwistern und sportlichem Ehrgeiz hervorbringen, ohrenbetäubend. Die Zuschauer stehen auf einer schmalen Galerie über dem Spielfeld, jubeln, klatschen, pfeifen und geben Anweisungen – die kaum den Weg hinunter bis zu den Kindern finden werden. Auch dieses Turnier wäre ohne den Einsatz, die Zeit und das Geld derjenigen, für die es stattfindet, nicht denkbar. „Ich hätte nie gedacht, dass es außerhalb von Kiew so viele engagierte Leute gibt“, sagt eine Teilnehmerin der Studienreise aus der Hauptstadt.
AUF DEN ZWEITEN BLICK
Das Gebäude, in dem das Turnier stattfindet, ist aus hellem Backstein und sichtlich älter als die umliegende Wohnsiedlung. Eine Kaserne sei das früher gewesen, sagt Journalist Konkevych. Das historische Erbe ist noch heute präsent, auf der Privatschule findet der Unterricht mit dem Schwerpunkt auf Sport und militärischer Erziehung statt. Tafeln mit Bildern von Kindern, die in Tarnkleidung über den Boden robben und in Uniform posieren, vermitteln einen Eindruck der Schulphilosophie. Und sie erinnern an etwas, das beim Besuch in der Ukraine nicht auf den ersten Blick präsent ist: Das Land ist im Krieg. Da sind die Militärfahrzeuge auf der Autobahn und die Soldaten in den Städten. Das erste Geschäft, an dem der Weg in der Adrenalin-City vorbeiführt, ist ein Waffenhändler. In jeder Stadt gibt es Denkmäler für die im Großen Vaterländischen Krieg zwischen 1941 und 1945 Gefallenen. Und es gibt neuere Denkmäler. In Luzk sind vor der Kathedrale im Zentrum die Namen der Einwohner verewigt, die im Krieg im Osten umgekommen sind. Daneben wird an die „Himmlische Hundertschaft“ erinnert – so lautet die Bezeichnung für die Demonstranten, die während der Maidan-Proteste 2014 getötet wurden.
Konkevych erzählt, dass Hobbyteams aus Luzk manchmal in die Nähe der Front fahren würden, um dort Freundschaftsspiele auszutragen und so den Zusammenhalt zwischen dem Osten und Westen der Ukraine zu fördern. Und die Gründer des FC Respect berichten von der finanziellen Unterstützung, die sie von einer Veteranenorganisation erhalten. Immer wieder taucht der Krieg in den Gesprächen auf, ganz ohne Pathos und wie nebenbei. So nahe können die zivile und die militärische Gesellschaft beieinanderliegen.
Die Recherchereise wurde mit freundlicher Unterstützung von Fankurve Ost finanziert.
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