Alles funkelte und glitzerte, Beyonce sang, und ein Feuerwerk erleuchtete den Himmel über Donezk, als die Donbass-Arena, das modernste und teuerste Stadion der Ukraine, am 29. August 2009 eröffnet wurde. Präsident Wiktor Juschtschenko und Ministerpräsidentin Julia Tymoschenko reisten aus Kiew an, wichtiger als die politische Führung des Landes waren aber zwei Männer aus der Region: Stahl- und Kohletycoon Rinat Achmetow, der reichste Ukrainer und Präsident von Schachtar Donezk, und sein Freund, der Politiker Wiktor Janukowytsch. Drei Monate zuvor hatte Schachtar als erster ukrainischer Klub den UEFA-Cup gewonnen, sechs Monate später sollte Janukowytsch das Amt von Juschtschenko übernehmen. Der Präsident des Klubs und der künftige des Landes erlebten ihre vielleicht beste Zeit.
Oranges Paradox
Die Ukraine war bei der Stadioneröffnung von Donezk seit 18 Jahren unabhängig und hatte im Fußball aufhorchen lassen. 2012 würde sie gemeinsam mit Polen die Europameisterschaft ausrichten, das Nationalteam der Männer war 2006 bei seiner ersten WM-Teilnahme bis ins Viertelfinale gekommen, und Milan-Star Andrij Schewtschenko war das Gesicht im Ausland. Ruslana, die 2004 den Eurovision Song Contest gewonnen hatte, lieferte den Sound dazu. Doch die Ukraine und ihr Fußball standen unter Spannung – verkörpert durch die Prominenz in der Donbass-Arena. Juschtschenko und Tymoschenko hatten sich in der Orangenen Revolution im Herbst 2004 verbündet, als es ausgehend von Kiew Massenproteste gegen Manipulationen bei der Präsidentschaftswahl gegeben hatte. Aus der Wahl war der mit Russland verbundene Janukowytsch als Sieger hervorgegangen, doch die Proteste fegten ihn aus dem Amt, bevor er es antrat.
Die neue Führung stand für eine Annäherung der Ukraine an die EU. Sie trat mit dem Versprechen an, dem System der Oligarchen und der Korruption ein Ende zu machen – und scheiterte. Das Bündnis zwischen Juschtschenko und Tymoschenko hielt nur wenige Monate, die Macht der Oligarchen war langlebiger. So leuchtete im August 2009 das Orange auf den Trikots von Schachtar heller als das der Revolution. Der Erfolg des Klubs war der seines Eigentümers, und der Politiker Janukowytsch durfte daran teilhaben. Schon den UEFA-Cup-Sieg in Istanbul hatte er mitgefeiert. „Praktisch zur selben Zeit, als Schachtar den Fußballolymp erstürmte, sicherte sich die Partei der Regionen mit Viktor Janukowytsch an der Spitze, die im Bewusstsein der meisten Ukrainer mit dem Donbass assoziiert wird, die politische Macht“, schrieb Autor Serhij Zhadan im Band „Totalniy Futbol“. Im Februar 2010 gewann Janukowytsch die Stichwahl um das Präsidentenamt gegen Tymoschenko. Die alten neuen Kräfte hatten gesiegt.
Gewöhnliche Typen
Achmetow war der reichste und erfolgreichste Fußballoligarch, doch nicht der einzige. Ob in Donezk, Kiew, Lwiw oder Charkiw – die Männer mit Geld und Verbindungen prägten das Spiel. Sie übernahmen die zuvor mit staatlichen Einrichtungen verbundenen Klubs oft kurz vor dem Ruin und nutzten ihre neuen Besitztümer für Imagepflege, Geldwäsche und Politik. „Wir haben ja alle zur gleichen Zeit angefangen – vor über 20 Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Damals waren wir einfach gewöhnliche sowjetische Typen ohne eine Kopeke in der Tasche“, sagte Alexander Jaroslawski 2012 im Buch „Tor zum Osten“. Jaroslawski übernahm 2004 Metalist Charkiw. Bis zum Verkauf 2012 soll er nach eigenen Angaben 440 Millionen Euro in Verein und Stadionumbau gesteckt haben – genug, um Metalist zweimal in den Europacup zu bringen, aber nicht genug, um die Dominanz der großen Zwei zu gefährden.
Denn der sportliche Rivale von Schachtar war und ist der Hauptstadtklub Dynamo Kiew. Er wird seit 1993 von den Surkis-Brüdern geführt, zunächst von Grigory, später von Igor. Anders als Schachtar feierte Dynamo unter Trainer Walerij Lobanowskyj schon in der Sowjetunion große Erfolge. Mit 13 Meistertiteln und dem Gewinn des Cup der Cupsieger 1975 und 1986 brach der Klub die Vorherrschaft der Moskauer Vereine und sorgte für neue Identifikationen. „Diese ukrainische Fußballgemeinschaft war sowjetisch, da ukrainische Mannschaften die Sowjetunion nach außen vertraten, gleichzeitig definierte sie sich über den Gegensatz zu Moskau, dem einstigen Zentrum des sowjetischen Fußballs“, schrieb Historiker Manfred Zeller, der zur sowjetischen Fankultur geforscht hat. Der erste ukrainische Meistertitel ging 1992 an den SK Tawrija Simferopol, alle folgenden an Dynamo Kiew und Schachtar, das 2002 erstmals triumphierte.
Drohender EM-Boykott
Die 1990er Jahre waren in der Ukraine eine wilde und gefährliche Zeit. Der Fußball war davon nicht ausgenommen. Der Übernahme von Schachtar durch Achmetow 1996 ging ein Bombenanschlag im Stadion voraus, der sechs Todesopfer forderte, darunter Klubbesitzer Achat Bragin. Dynamo Kiew kassierte 1995 eine dreijährige UEFA-Sperre. Die Surkis-Brüder hatten versucht, den Schiedsrichter vor einer Champions-League-Partie mit Geld und zwei Nerzmänteln zu bestechen. Die Sache flog auf, Igor nahm die Schuld auf sich, die Sperre wurde später auf ein Jahr reduziert. Die Nerzmäntel aus Kiew waren kein Einzelfall: So ziemlich jeder größere Klub von Karpaty Lwiw im Westen bis Metalist Charkiw im Osten stand in den vergangenen 30 Jahren irgendwann unter Manipulationsverdacht.
Der ältere Surkis-Bruder, Grigory, pflegte gute internationale Beziehungen. Als Präsident des ukrainischen Verbands saß er ab 2004 im UEFA-Exekutivkomitee und galt als Michel Platinis Mann in Osteuropa. 2007 erhielt die Ukraine gemeinsam mit Polen den Zuschlag für die Austragung der EM 2012. Immer wieder wurde in den Jahren darauf über Probleme bei Stadionbauten und anderen Infrastrukturprojekten berichtet. Als Funktionäre, die der Regierung Janukowytsch nahestanden, Grigory Surkis, der Juschtschenko unterstützte, 2011 als Verbandspräsident absetzen wollten, drohte die UEFA gar mit dem Entzug des Turniers. Surkis blieb bis nach der EM im Amt. Zu diesem Zeitpunkt waren die Köpfe der Orangenen Revolution entmachtet, Julia Tymoschenko wurde im Herbst 2011 wegen der Veruntreuung von Staatsgeldern zu einer Haftstrafe verurteilt. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sprach sich angesichts der wachsenden Repression für einen politischen Boykott der EM aus, eine Haltung, die Schriftsteller Zhadan kritisierte. „Was hat eure Kanzlerin daran gehindert, ihre Position zum korrupten ukrainischen Regime schon vor ein, zwei Jahren kundzutun?“, schrieb er im Mai 2012 in der Süddeutschen Zeitung. Die westliche Politik solle den Fußball in Ruhe lassen. „Es genügt, dass das Team des ukrainischen Präsidenten sich die EM-Vorbereitungen unter den Nagel gerissen hat – eine Jahrmarktsattraktion mit dem Titel ‚Wer wäscht mehr Geld?‘“
Rassismus und Gastfreundschaft
Zu den Makeln der EM-Ausrichtung kamen Probleme mit den Fans hinzu. Bereits in den Jahren zuvor war die Gewalt der Fanszenen in westeuropäischen Medien Thema, etwa als vor einem Europacupspiel im September 2010 rund 1.000 Karpaty-Fans in der Innenstadt von Lwiw auf 250 Anhänger von Borussia Dortmund losgingen. Im Vorfeld der EM rückten rassistische Gesänge, antisemitische Symbole und Angriffe auf Minderheiten in den Blick. Die rechtsextreme Partei Swoboda forderte im September 2010 den Ausschluss ausländischer Spieler aus der Liga und sprach sich gegen Einbürgerungen von Sportlern aus. Zu ihren Kundgebungen erschienen auch zahlreiche Fans. Eine im Frühjahr 2012 ausgestrahlte Dokumentation der BBC zeigte den Metalist-Fansektor beim kollektiven Hitlergruß, Medien berichteten über die Verehrung der Karpaty-Ultras für den Nazikollaborateur Stepan Bandera, und der schwarze englische Teamspieler Sol Campbell warnte Fans davor, zum Turnier zu reisen: „Bleibt daheim, schaut Fernsehen. Geht das Risiko nicht ein, ihr könntet im Sarg zurückkommen.“
Knapp 800.000 ausländische Gäste sollen zur EM angereist sein. Mit Deutschland, England, den Niederlanden und Schweden spielten vier Teilnehmerländer mit großem Anhang in der Ukraine. Sie sahen die Widersprüchlichkeit in ganzer Pracht. Die Vorurteile waren nicht aus der Luft gegriffen: Hakenkreuze prangten an Hausfassaden, an Zuwegen zum Stadion wurden noch gewerkelt, und manch gebuchte und bezahlte Unterkunft existierte schlicht nicht. Doch wer kam, erlebte auch große Herzlichkeit und Menschen, die den Gästen den Charme ihrer Städte nahebringen wollten. In den Fanzonen regierten die Marken der UEFA, aber aufmerksame Besucher konnten in den typischen Holzbuden am Rand günstigen ukrainischen Wodka kaufen und mit dem Verkäufer anstoßen. „Vom Albtraumland zum Fußballfeierland“, titelte die Frankfurter Rundschau.
Sportlich konnte das Nationalteam mit Schewtschenko und Andrij Woronin im Sturm und dem früheren Dynamo-Star Oleg Blochin an der Seitenlinie den Hoffnungen nicht gerecht werden. In einer Gruppe mit England, Frankreich und Schweden schieden die Gastgeber in der Vorrunde aus. Auch die Hoffnungen auf soziale und politische Veränderungen erfüllten sich nicht. Dynamo-Kiew-Fan Igor Gomonai, der die lokalen Fanbotschaften organisierte, sagte damals dem ballesterer: „Die Ukraine ist von Korruption zerfressen, es regieren die Businesstypen. Wie es den Menschen geht, ist in den Hintergrund getreten. Daran muss sich grundlegend etwas ändern. Aber dafür ist die Zeit noch nicht reif.“
Querfront am Maidan
Immer wieder wurde auch rund um die EM von der Ukraine als gespaltenem Land geschrieben – vom nach Europa orientierten, offenen Westen und dem prorussischen, konservativen Osten. Als Sinnbilder dafür galten das pittoreske Lwiw mit seiner K.-u.-k.-Historie und Charkiw mit seiner Lenin-Statue neben der Fanzone. Doch so einfach sei es nicht, schrieb der Journalist Thomas Urban 2013. Gerade der Fußball habe bei der Herausbildung einer ukrainischen Identität geholfen. Befragungen in der Ostukraine hätten gezeigt, dass die Unterstützung des Nationalteams deutlich gewachsen sei. Spätestens bei der WM 2006, so Urban, „war klar, dass das ganze Land nun ukrainisch tickt, auch die russischsprachige Bevölkerung in Odessa und Donezk. Dort saßen bei den Spielen ihrer Mannschaft zehntausende in blaugelben Trikots und mit Nationalflaggen vor den riesigen Bildschirmen in den Fanmeilen.“
Die Frage der politischen Orientierung der Ukraine beherrschte ab November 2013 weltweit die Schlagzeilen. Als auf Druck Russlands die Annäherung an die EU ausgesetzt wurde, begannen auf dem Kiewer Maidan Proteste, die sich schnell zu Massenkundgebungen gegen die Regierung Janukowytsch ausweiteten. Die Polizei ging hart gegen die Demonstranten vor, es gab Verletzte und bis zur Absetzung und Flucht Janukowytschs im Februar 2014 rund 100 Todesopfer. Das politische Spektrum der Maidan-Proteste war breit, und das bildete sich auch bei denen ab, die oft in der ersten Reihe standen: Fußballfans. Rechte Ultras von Dynamo Kiew verteidigten die Demonstranten gemeinsam mit jenen von Arsenal Kiew, die sich – eine Seltenheit im ukrainischen Fußball – als antifaschistisch und links verstehen. Auch aus Donezk und Lwiw reisten Fans zum Maidan, es herrschte Burgfrieden zwischen früher verfeindeten Gruppen. „Es ist wie so oft bei den Ereignissen in der Ukraine in diesem Jahr ein schmaler Grat zwischen der Liebe zur eigenen Nation und blindem Nationalismus, zwischen rechts und rechtschaffen – schließlich verteidigten auch hartgesottene Rechte auf dem Maidan friedliche Rentner vor Schlägern“, schrieb der Autor Nik Afanasjew im Mai 2014 in der Zeit.
Komplizierte Koalitionen
Als im Frühjahr 2014 in den Regionen Donezk und Luhansk der Krieg begann, kämpften Fußballfans auch dort – und hinterließen ihre Zeichen. „Wenn du in die Waffenkammer gehst, siehst du Sticker von jedem Fußballklub der Ukraine. Über 200 Sticker sind da“, sagte ein Dynamo-Ultra der taz im Jänner 2016. „Ich kenne kein Team, das niemanden an der Front hat.“ Im August 2014 wurde die Donbass-Arena durch Beschüsse beschädigt. Schachtar war schon ausgezogen, die Ehrengäste der Stadioneröffnung von damals waren in alle Winde zerstreut, ihre Pläne begraben: Juschtschenko war nicht mehr politisch aktiv, die in zwei Wahlen unterlegene Tymoschenko finanzierte eine Miliz, die gegen die russischen Truppen kämpfte, und Janukowytsch war nach Russland geflohen. Sein früherer Weggefährte Achmetow hatte sich schon während der Maidan-Proteste von ihm distanziert. „Das ist ein Kampf gegen den Donbass“, sagte der Oligarch über die prorussischen Separatisten. Er residierte inzwischen in Kiew, ein Teil seiner Fabriken im Donbass war zerstört. Achmetow war ein Verbündeter Janukowytschs, solange der ihm nutzte, ein Verbündeter Wladimir Putins war er nach der Krim-Annexion nicht. In Charkiw, der zweitgrößten Stadt des Landes, fassten die prorussischen Kräfte nicht Fuß. Mitglieder des rechtsextremen Asow-Freiwilligenregiments brachten im Herbst 2014 die Lenin-Statue auf dem Freiheitsplatz zu Fall.
Die Ereignisse des Jahres 2014 erschütterten auch den Fußball. Die erste Liga fand fortan ohne die Klubs von der Krim statt – den Meister von 1992, Tawrija Simferopol, und den FC Sewastopol. Neben Schachtar spielten auch Olimpik Donezk, der FK Sorja Luhansk und der FK Dnipro im Exil. Nach dem Verlust der Krimklubs sorgten Konkurse für weiteren Schwund: Der neue Besitzer von Metalist Charkiw, Sergej Kurtschenko, ging nach Russland, der insolvente Verein wurde 2016 vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Igor Kolomojskyj, Besitzer des FK Dnipro, galt als Unterstützer Tymoschenkos. Sein TV-Sender produzierte die Serie „Diener des Volkes“ mit dem heutigen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Doch in den Fußball steckte Kolomojskyj, gegen den in mehreren Ländern wegen Korruption ermittelt wird, immer weniger Geld. 2019 wurde der Verein, der 2015 noch im Finale der Europa League stand, aufgelöst. „Die Zeit der Oligarchen ist vorbei“ betitelte das Ukraine Crisis Media Center einen Bericht über den Zusammenbruch der Klubs.
Unter Beschuss
Umso bemerkenswerter sind unter diesen Umständen die internationalen Erfolge der großen Zwei nach 2014. Schachtar Donezk spielte in fast jeder Saison zumindest in der Gruppenphase der Champions League, 2016 und 2020 erreichte der Klub das Semifinale der Europa League. Konkurrent Dynamo Kiew war etwas weniger erfolgreich, erreichte aber auch mehrere europäische Achtelfinale und ein Viertelfinale. „Der Spielort beeinflusst unser Spiel nicht“, sagte Schachtars damaliger Trainer Paolo Fonseca 2018. Da hatte der Klub für seine Heimspiele nach Lwiw inzwischen in Charkiw Quartier bezogen, unter der Woche lebte und trainierte das Team in Kiew. Die Zuschauerzahl blieb überschaubar: Um die 8.000 kamen in den Saisonen vor der Pandemie, rund 2.000 mehr waren es bei Dynamo. Zehntausende wie früher einmal zogen nur die großen Europacupspiele an. Rund 60.000, vorwiegend internationale Gäste, kamen zum Champions-League-Finale 2018 ins Olympiastadion von Kiew, als Real Madrid gegen Liverpool 3:1 gewann.
Die Donbass-Arena wurde 2017 von den Separatisten der selbsternannten Volksrepublik Donezk beschlagnahmt, nachdem dort, finanziert durch Achmetow, Hilfsgüter verteilt worden waren. Obwohl das Stadion nicht mehr im Besitz des Klubs ist, kündigte Schachtar zu Beginn des Jahres 2021 an, dort wieder spielen zu wollen. Vorerst aber ist nicht einmal der Besitzer des Klubs im Land. Im Februar 2022, elf Tage vor Beginn der russischen Invasion, meldete das Portal Ukraine Prawda, dass viele Privatjets die Ukraine verlassen hätten. An Bord einer Maschine war Rinat Achmetow. Am 1. März gingen noch einmal Bilder vom Freiheitsplatz in Charkiw um die Welt: Dort, wo 2012 EM-Spiele auf großen Leinwänden gezeigt wurden, sind Raketen eingeschlagen.