Den Sieg gegen Deutschland bei der WM 2018 hat das mexikanische Nationalteam Deportivo Cruz Azul zu verdanken, und das kam so: Vor dem Anpfiff überreichten einige mexikanische Fans den deutschen Anhängern im Stadion Cruz-Azul-Trikots. Das war kein Zeichen der Völkerverständigung, auf diesem Weg legten die Mexikaner einen Fluch über ihren Gegner. Nichts bringt nämlich so viel Pech wie ein Cruz-Azul-Trikot. Der Plan ging auf, Mexiko kam ins Achtelfinale, Deutschland schied aus. Nach dem Meistertitel von 1997 hat sich Cruz Azul zum Synonym für chronisches Scheitern entwickelt. Ehe der Klub 2021 seinen neunten Titel holte, verspielte Cruz Azul reihenweise aussichtsreiche Chancen und verlor unter dramatischen Umständen. Beim Meisterschaftsfinale 2013 führte der Klub nach einem 1:0-Hinspielsieg gegen den Hauptstadtrivalen Club America auch im Rückspiel lange mit 1:0. Tore in den letzten Minuten bescherten Club America eine Verlängerung, letztlich verlor Cruz Azul im Elfmeterschießen. So etablierte sich das Verb cruzazulear, die Mexikanische Akademie für Sprache definiert es als „den Akt, ein Spiel zu verlieren, obwohl der Sieg praktisch schon gesichert war“. Sänger Eden Munoz griff das Verb sogar in seinem Lied „La Cruzazulie Contigo“ auf. „Ich gebe immer alles und versuche alles richtig zu machen, aber irgendetwas passiert immer“, singt er. „Ich habe es wieder cruzazult, und jetzt bin ich alleine.“
Übersiedelte Maschine
Cruz Azul brachte neben der Einführung eines neuen Worts auch andere Kuriositäten zustande. Obwohl der Klub als Werksmannschaft einer Zementfirma entstand, avancierte er zu einem der beliebtesten des Landes. Seiner Heimat bescherte Cruz Azul einen neuen Namen, nur um sie wenig später Richtung Mexiko-Stadt zu verlassen. Gegründet wurde der Klub 1927 von Arbeitern der gleichnamigen Zementfirma in der Kleinstadt Jasso etwa 75 Kilometer nördlich von Mexiko-Stadt. Vorausgegangen war eine Abstimmung, welchem Sport sich die Firma widmen sollte: Fußball setzte sich dabei gegen Baseball durch. In den folgenden rund 30 Jahren trat die Mannschaft ausschließlich mit Firmenmitarbeitern an und erarbeitete sich eine kleine Anhängerschaft in der Region. Aber auch in Mexiko-Stadt machte sich Cruz Azul bald einen Namen, immer wieder duellierte sich die Mannschaft mit den Reserven der dortigen Klubs.
Anfang der 1960er Jahre intensivierte die Zementfirma ihr Engagement, erhielt eine Lizenz für die zweite Liga und baute ein neues Stadion in Jasso. Der erstmalige Aufstieg in die Primera Division sorgte dann aber für ein Problem, denn Sponsoren durften in den Namen von Profivereinen nicht auftauchen. Die Lösung war nicht etwa die Umbenennung des Klubs, sondern der Stadt: Aus Jasso wurde Ciudad Cooperativa Cruz Azul. 1969 gab es dort das erste Triple eines CONCACAF-Klubs zu bejubeln. Doch schon zwei Jahre später verließ Cruz Azul die Heimat. Für eine bessere Vermarktung übersiedelte die Zementfirma ihr Werksteam nach Mexiko-Stadt. Cruz Azul spielte fortan im Estadio Azteca, der Heimstätte von Club America, und überflügelte den neuen Mitbewohner. Die 1970er Jahre wurden zum goldenen Jahrzehnt: Cruz Azul holte reihenweise Titel und verdiente sich den Spitznamen „La Maquina“, die Maschine.
Liebe aus Zement
Die neue Rivalität mit Club America gewann schnell an Brisanz. Erstmals 1964 ausgetragen firmiert das Duell in Mexiko heutzutage als „Clasico Joven“, als junges Derby. Während Club America seine Wurzeln in der Oberschicht hat, aber längst alle Bevölkerungsgruppen anzog, fand Cruz Azul seine Anhänger vorrangig in der Arbeiterklasse. Bald stieß mit den UNAM Pumas auch der dritte Großklub der Stadt in die Spitze vor. Die 1954 gegründeten Pumas firmieren als Mannschaft der größten öffentlichen Universität und sind besonders unter Studenten beliebt. Ihr Estadio Olimpico Universitario liegt auf dem riesigen Campus südlich des Stadtzentrums unweit des Estadio Azteca.
Cruz Azul spielte zwischenzeitlich im kleineren Estadio de la Ciudad de los Deportes. Weil dieses durch eine neue Arena ersetzt werden soll, kehrte der Klub 2018 ins Estadio Azteca zurück. „Es fühlt sich wie unsere Heimat an – trotz des großen Club-America-Logos auf den Rängen“, sagt Cruz-Azul-Fan Rodrigo Meraz. „Das bedecken wir bei Heimspielen einfach mit Bannern.“ Es ist dieser Pragmatismus, der Cruz Azuls Fans auszeichnet. Umzug in eine andere Stadt? Egal. Kein eigenes Stadion? Egal. Heimspiele im Revier des Rivalen? Egal. Und jedes Wochenende eine Zementfirma besingen? „Bis Sie mich danach gefragt haben, habe ich das nicht komisch gefunden“, sagt Meraz. Er lacht und berichtet fast schon stolz von einem skurrilen Fangesang: „Zement, mir ist egal, was die Presse und die Polizei sagen. Du bist das Wichtigste in meinem Leben.“ Die Klubgeschichte, sagt Meraz, erinnere ihn an das Leben seiner Eltern, die einst ebenfalls aus einer Kleinstadt im Bundesland Hidalgo nach Mexiko-Stadt übersiedelten und dort nun ein besseres Leben hätten. Abgesehen von kleinen Frotzeleien ruft Cruz Azul auch bei gegnerischen Fans keine Kritik hervor.
Land der blauen Kreuze
Die aktuelle Führung lobt Meraz für ihre transparente Arbeit samt Trennung zwischen Zementfirma und Klub. Nach Jahrzehnten unter dem ab 1986 amtierenden Präsident Billy Alvarez ist das durchaus eine Neuerung. Alvarez ist der Sohn des Unternehmensgründers und fungierte gleichzeitig als Generaldirektor der Firma und Präsident des Fußballklubs. Nachdem ein Haftbefehl wegen Vorwürfen der Geldwäsche und Zusammenarbeit mit kriminellen Organisationen gegen ihn erlassen wurde, trat er 2020 zurück. Der flüchtige Alvarez wird bis heute von Interpol gesucht. Der Klub feierte währenddessen unter Trainer Juan Reynoso, der die Mannschaft beim bis dahin letzten Meistertitel 1997 als Kapitän angeführt hatte, den lang ersehnten neunten Triumph.
Cruz Azul gilt nach Rekordmeister Club America und den Chivas aus Guadalajara als drittbeliebtester Klub Mexikos. In Sachen optische Präsenz ist er aber die unumstrittene Nummer eins im Land: Denn die Zementfirma und der Klub haben weiterhin das gleiche Logo. Das blaue Kreuz im roten Quadrat von Cemento Cruz Azul ist landesweit an Hauswänden, LKW und Werbetafeln zu sehen.