Spruchbänder, Kommuniqués, Fanzines, Spieltagsflyer – die Kurven setzen auf unterschiedlichste Kommunikationsmittel. Anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens sprechen drei Mitglieder der „Tornados Rapid“ über ihren Umgang mit Medien.
Das Jubiläum war zwar schon im Vorjahr, die Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen von „Tornados Rapid“ ziehen sich aber 2022 fort. Anfang Mai erschien ein 352-seitiges Buch zur Geschichte der Ultragruppe. Für das Kapitel zum Umgang der „Tornados“ mit den Medien ließen sich Dominik Hahn, David K. und Thomas Unger vom ballesterer interviewen. Das Gespräch fand Anfang März im Keller der Gruppe auf der Schmelz statt, also in unmittelbarer Nähe zu dem Ort, an dem einst der SK Rapid entstand.
Was sind die wichtigsten Kommunikationsmittel für die „Tornados“ und warum?
Dominik Hahn: Wenn man Bilder zeigen will, ist die Website das Um und Auf. Bei Texten, die Dinge reflektierter betrachten, ist das „Tornados Spezial“ unser Hauptmedium. Und um unsere Gruppe als Ganzes herzuzeigen, ist wahrscheinlich unser 25-Jahre-Film geeignet.
David K.: Ich schlage ein bisschen in eine andere Kerbe. Das Wichtigste für unsere Kommunikation sind persönliche Treffen in unserem Keller beziehungsweise der Austausch über Signal.
Thomas Unger: Dann ergänze ich noch das, was wir im Block West machen: Choreos, Spruchbänder und der Grantler, der als Spieltagsflyer verteilt wird.
Bleiben wir bei der Kurve. Ultra besteht ja auch darin, sichtbar zu sein und Botschaften zu senden. Welche sind das?
Unger: Wir haben uns das Ziel gesetzt, innerhalb der Rapid-Gemeinschaft eine gewisse Avantgarde zu sein, die Themen gestaltet und den Verein mitprägt. Wir haben uns in den letzten Jahren sehr intensiv mit geschichtlichen Themen auseinandergesetzt. Das liegt uns nicht nur am Herzen, damit kann man auch viel transportieren, das für die Gegenwart relevant ist.
Ihr habt den Bezug zum 1. Wiener Arbeiter Fußball-Club wieder sehr stark gemacht. Was lernt man heute daraus?
Unger: Wir wollten weg von dem leeren Gerede über Tradition. Rapid hat sich seit der Präsidentschaft von Rudi Edlinger als Arbeiterverein positioniert. Das war aber recht ambivalent – was ist bloße PR, was wird gelebt? Wir wollten darauf hinweisen, warum diese Wurzeln wichtig sind.
Thomas Unger (37), David K. (30) und Dominik Hahn (41) sind Mitglieder von „Tornados Rapid“ und maßgeblich an der Erstellung von Fanzines, Videos und Fotos der Gruppe beteiligt.
Was sind die wichtigsten Messages, die ihr per Spruchband nach außen geschickt habt?
Hahn: Am meisten provoziert haben wir wahrscheinlich mit dem Spruchband: „Ein traditionsbewusster Arbeiterverein sollte auch ein fairer Arbeitgeber sein! Markus zurück ins Rapideum“. Das ist nicht groß nach außen gegangen, aber vereinsintern hat das für viel Unruhe gesorgt.
K.: Das meiner Meinung nach wichtigste Spruchband haben wir Ende der 2000er Jahre gemacht, es war an Rudi Edlinger gerichtet: „Nicht die Vermarktung übertreiben – Rapid muss immer anders bleiben“. Das ist ein absolut passender Leitsatz, der heute noch mehr gilt als damals.
Unger: Das waren Beispiele, bei denen wir auf Konfrontation mit der Klubführung gegangen sind. Wir haben versucht, Einfluss zu nehmen, etwas, das uns oft vorgeworfen wird. In manchen Bereichen ist das unsere Pflicht und als Vereinsmitglieder unser gutes Recht. Es gibt aber eine breite Palette an Themen, die wir mit Spruchbändern behandelt haben. Mir gefallen die am besten, mit denen wir mehrere Sachen auf einmal abdecken. Ein gutes Beispiel dafür war „Österreich raus aus Hütteldorf“. Der Satz kann unterschiedlich interpretiert werden, ist aber immer richtig. Ausgangspunkt war die Kritik an der Zeitung Österreich. Genauso könnte es ein Statement gegen Länderspiele in unserem Stadion sein. Oder gegen Österreich-Fahnen in der Kurve. Das alles haben wir mit vier Wörtern gesagt.
Gibt es ein Spruchband, das ihr bereut?
Unger: Wir sind sehr gut darin, über Spruchbänder so lange zu diskutieren, bis man sie zerredet hat. Daher haben wir sicher viele gute nicht gemacht, aber auch den einen oder anderen dummen Vorschlag abgewendet. Dass wir uns über rosa Dressen des LASK lustig gemacht haben, während wir aufgrund des Geburtstags der „Lords“ in orangen Leiberl dagestanden sind, hat eine gewisse Situationskomik gehabt.
Hahn: Gefühlt machen wir von allen Spruchbandideen, die aufploppen, maximal zehn Prozent. Irgendwer hat immer etwas dagegen, da schränken wir uns oft selber ein. Ein paar sinnlose waren über die letzten Jahrzehnte sicher dabei.
In einem Tornados Spezial steht, das Heft sei eine Selbstermächtigung, mit der ihr euch Raum nehmt. Was bedeutet das?
Unger: Niemand kann uns reinreden, was in diesem Heft erscheint. Wir brauchen keinen Kontakt zur Presse, damit die für uns kommuniziert. Wir machen das einfach selbst.
Hahn: Alle Berichte stammen von eigenen Leuten oder befreundeten Personen. Also redet uns keiner rein, was wir schreiben, wie wir schreiben, ob wir kritisch sind oder nicht. Viele sagen ja immer: „Ihr seid schon kritisch bei vielen Dingen“, aber unser Kurvenflyer heißt nicht umsonst Grantler. Wir granteln einfach gerne.
Wie viele Ausgaben des Fanzines verkauft ihr?
K.: Wir machen zwei Ausgaben pro Saison und haben uns bei etwa 700 verkauften Stück eingependelt. Es war schon einmal schlechter, es war aber auch schon deutlich besser. Für mich ist es enttäuschend, dass sich bei Rapid verhältnismäßig wenige Leute dafür interessieren. Natürlich ist das auch der Entwicklung geschuldet, dass ein gedrucktes Heft immer weniger wertgeschätzt wird.
Hahn: Na ja, es gibt schon auch genug Leute, die immer sehnsüchtig darauf warten. Das merkt man am ersten Verkaufstag, da reißen sie es dir regelrecht aus der Hand.
K.: Das ist nicht zu verachten, diese Leute sind aber meistens dieselben.
Hahn: Mich schockiert, dass von den Jungen fast keiner mehr liest. Das ist sicher auch Instagram, TikTok und so geschuldet. Da gilt es anzusetzen, die Leute gehören dazu gebracht, Fanzines zu kaufen. Lesen bildet.
Kommen wir zu eurem Umgang mit anderen Medien. Wie geht ihr mit Presseanfragen um?
K.: Mittlerweile gibt es kaum welche. An unsere E-Mail-Adresse kommt vielleicht etwas, wenn Dinge wie der Platzsturm, Saloniki und der Derby-Kessel passieren, also Themen, die die ganze Welt aufregen. Auf diese Anfragen gehen wir nicht ein, die werden ignoriert.
Unger: Die meisten Medien wissen das auch. Diese Anfragen kommen eher von jungen, unerfahrenen Journalisten. Als „Tornados Rapid“ haben wir keinen Kontakt zu Medien außer dem ballesterer und überregionalen Magazinen wie Blickfang Ultra und Erlebnis Fußball.
K.: Wir wollen auch keinen. Wir wollen unseren Frieden haben.
Dass der Kurier einmal anruft, passiert nicht?
K.: Das kann schon einmal passieren, weil der Alex Huber zufällig einen von uns kennt. Aber es fließen keine Informationen.
Unger: Als Ultragruppe ist es gar nicht möglich, auf Medienanfragen sinnvoll zu reagieren. Dazu ist die Branche viel zu schnelllebig. Wenn wir uns dazu entscheiden, zu einem Thema Stellung zu nehmen, bedeutet das, dass dem stundenlange Diskussionen vorausgehen, um einen Kompromiss zu finden. Und bis es dazu kommt, ist die Geschichte medial schon durch. Wenn wir etwas sagen wollen, machen wir ein Spruchband, schreiben es in den Grantler oder ins Heft.
Buchtipp
Eine Langfassung des Interviews findet sich in:
„Tornados Rapid“ (Hg.)
„TR-Festschrift 1996–2021“
(Eigenverlag 2022)
Warum ist es so schwer, einen Kompromiss zu finden, mit dem ihr nach außen gehen könnt? Unger: Wir versuchen, die Hierarchie möglichst flachzuhalten. Bevor wir öffentlich etwas sagen, besprechen wir das untereinander. Außerdem nehmen wir uns nicht heraus, für den Block West zu reden. Es wird also einmal innerhalb der Gruppe geredet, dann vielleicht ein paar Tage später ein Treffen mit den anderen Gruppen. Da gibt es womöglich gar kein Ergebnis, dann trifft man sich noch einmal, und irgendwann gibt es eine Entscheidung. So können wir tagesaktuelle Berichterstattung nicht bedienen.
Ihr kritisiert in eurem Medienschwerpunkt, dass die Presse oft Polizeiaussendungen übernimmt. Ist es nicht auch ein Problem, wenn es zum Thema nichts anderes gibt?
Hahn: Die Rechtshilfe Rapid macht ja Medienarbeit. Wir sind dort involviert, wissen also, dass auch dort selten angefragt wird. Daher können wir schon kritisieren, dass gar nicht versucht wird, beide Seiten zu betrachten. Also muss die Rechtshilfe für die Gruppe herhalten?
Unger: Nein, da geht es ja um allgemeine Fragen. Die Rechtshilfe Rapid hat noch nie für „Tornados“ kommunizieren müssen. Wenn es ein Thema gäbe, das explizit „Tornados“ betrifft und wir dann nichts dazu sagen würden, könnte man das vielleicht kritisieren. Aber diese Situation hat es noch nie gegeben. Wenn wer wirklich intensiv recherchieren würde, könnte es vielleicht sogar passieren, dass sie eine Stellungnahme kriegen.
Hahn: Die Zeit hätten diese Medien nicht einmal. Nach Abpfiff muss die Zeitung ja fast schon in Druck. Und am zweiten Tag interessiert es niemanden mehr – außer es ist ein Riesenskandal.
K.: Die Medien sind generell polizeihörig, sie betrachten Polizeiaussendungen als Fakt.
Wie würdet ihr den Kessel medial bilanzieren?
K.: Der ist das einzige Beispiel, bei dem auch in den Tagen danach zum Teil kritisch hinterfragt worden ist. Aber der Kessel war etwas ganz Eigenes. Polizeiskandale und Repression hat es immer gegeben, aber noch nie waren so viele Leute so lange Zeit davon betroffen. Es waren in dem Fall nicht nur die bösen Ultras, sondern eine große Masse an Rapid-Fans. Da war ja vom Schauspieler bis zur Nationalratsabgeordneten alles dabei.
Die letzten Kommuniqués waren meistens vom Block West unterschrieben. Wie seht ihr die Art von Kommunikation?
Unger: Sie ist wichtig. Wenn wir als aktive Gruppen den Block West anführen wollen, kann man sich nicht aus der Verantwortung nehmen. Das gilt insbesondere für „Ultras Rapid“, aber auch für alle anderen Gruppen. Egal, ob es um den Umgang mit Corona, die sportliche Situation oder was auch immer geht: Man muss sich damit beschäftigen, sich verständigen und das kommunizieren.
Wie leicht oder schwer ist es, diese Kompromisse mitzutragen?
Unger: Wenn man gute Argumente hat, wird man es meist auch schaffen, dass sich die Kompromisse in diese Richtung bewegen. Schwieriger wird es, wenn wir uns innerhalb der Gruppe uneinig sind. Intern gab es in der Vergangenheit manchmal den Vorwurf, dass wir „Ultras Rapid“-Lemminge sind und alles mittragen, was sie vorgeben. „Ultras Rapid“ hat uns wiederum meistens umgekehrt gesehen, als Querulanten. In der Realität läuft vieles auf Augenhöhe ab. Wenn es ein Kommuniqué gibt, das mit „Die aktive Fanszene“ unterschrieben ist, tragen wir es mit.
Gilt das auch für Spruchbänder?
Unger: Die Spruchbänder sind in der Verantwortung der Gruppe, die sie unterschreibt. Wenn ein Zwölfer dahintersteht, ist es mit allen abgesprochen.
Gibt es da etwas, das euch peinlich ist?
K.: Es hat sicher mit einem Zwölfer signierte Spruchbänder gegeben, die wir nicht gemacht hätten.
Zum Beispiel das sexistische Spruchband beim Geisterspiel?
Unger: Demokratische Entscheidungen zu akzeptieren, ist nicht immer leicht. In diesem Fall waren unsere Vertreter offenbar nicht überzeugend genug. Das Spruchband ist gemacht worden, obwohl „Tornados“ dagegen war.
Habt ihr da intern Stress, wenn ihr so etwas den Mitgliedern kommuniziert?
K.: Wenn du sowieso nicht der Meinung bist, dass etwas eine gute Idee ist und diese Entscheidung dann der Gruppe präsentieren musst, ist es nicht leicht. Das Spruchband war ein Sonderfall, weil wir normalerweise einen Konsens finden. Kampfabstimmungen sind bei Szenetreffen selten.
Hahn: Es war ein depperter Spruch von mehreren zum Thema Geisterspiele. Es war aber nicht die Intention, etwas gegen Frauen zu machen, sondern gegen Fußballspiele ohne Fans.
Zeigt das nicht auch ein Problem, wenn das niemandem auffällt?
Hahn: Wir haben schon gesagt, dass es ein Schwachsinn ist. Es hat aber niemand am Radar gehabt, welch hohe Wellen dieses Spruchband schlagen wird.
Unger: Wenn man davon ausgeht, dass man damit etwas erreichen wollte, ist es nach hinten losgegangen. Es war somit eine völlig gescheiterte Aktion.
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