Seit Carolyn Kindle Betz einen Fußballklub besitzt, hat sie angefangen, sich für den Sport zu interessieren. Sie strahlt förmlich, als sie im August 2019 vor den Pressevertretern und den neuen Kollegen steht. Es ist die offizielle Vorstellung des neuen Klubs Saint Louis City SC. Ligageschäftsführer Don Garber legt ihr feierlich den neuen Schal um, Saint Louis City ist nun offiziell Mitglied der Major League Soccer.
Fußball für Wachstum
Kindle Betz kommt aus einer wohlhabenden Familie. Ihr Großvater, Jack Taylor, hat in Saint Louis im Bundesstaat Missouri eine Autovermietung gegründet und seinen Nachkommen ein Vermögen in Milliardenhöhe vererbt. Heute ist die Firma immer noch in Familienbesitz, geführt von Taylors Kindern und Enkelinnen. Kindle Betz kümmert sich seit 2018 um die Stiftung des Unternehmens.
Die Familie ist in Saint Louis stark verwurzelt, nicht nur, weil sie Arbeitsplätze in der Stadt geschaffen hat. Über Stiftungen fließen etliche Millionen für Kultur, Bildung und Soziales. Und auch das aktuelle Projekt solle vor allem den Menschen in Saint Louis zugutekommen, wie Kindle Betz im Interview mit der Zeitschrift Adweek sagte: „Wir haben überlegt, wie unsere Familie das Wachstum und die Wiederbelebung in der Region vorantreiben kann. Jemand hat dann gesagt: Wie wäre es mit einem Fußballteam?“
Also gaben die Taylors 2018 zusammen mit dem Milliardär und Ex-Amateurfußballer Jim Kavanaugh ein Angebot für eine MLS-Lizenz ab. Für die oberste US-Liga qualifiziert man sich nicht durch sportliche Leistungen, sondern durch Geld und Infrastruktur. Die Liga ist eine geschlossene Gesellschaft, Auf- und Abstieg gibt es nicht. Die Klubs sind, im Fußball ebenso wie im Football und Basketball, keine Mitgliedervereine, sondern sogenannte Franchises. Ihre Identität ist fragil, denn Standort, Wappen und der Name können sich ändern, wenn das Franchise verkauft wird. Kavanaugh und die Taylors haben um 200 Millionen Dollar eine neue Lizenz erworben. Mit ihrem Klub wird die MLS ab 2023 auf 29 Teams aufgestockt.
Two Times the Charm
Saint Louis bemüht sich schon seit einiger Zeit um einen Platz in der Liga. Bereits 2007, als ein Verkauf von Real Salt Lake aus Utah im Raum stand, formierte sich eine Investorengruppe, um die MLS in die Stadt zu holen. 2008 kämpfte Saint Louis mit Philadelphia darum, das 16. Team der Liga zu werden. Damals habe sich die MLS aber für die zahlungskräftigeren Besitzer und den größeren Markt in Philadelphia entschieden, wie der Philadelphia Inquirer berichtete.
Die Liga verlangt bei der Auswahl neuer Teams genaue Informationen über das Stadion, das möglichst in der Innenstadt liegen soll, über die Sponsoren und Hürden, die die jeweilige Stadtverwaltung in den Weg stellen könnte. In Saint Louis wird gerade eine Spielstätte gebaut, drum herum entsteht ein ganzes Stadtviertel mit Platz für Festivals und Collegesportevents. Dass man den Bau zunächst mit Steuergeld bezahlen wollte, war ein Knackpunkt der gescheiterten Versuche zum MLS-Einstieg in den 2000er Jahren. Das nach einem Sponsor benannte Stadion wird nun von der Eigentümergruppe finanziert – und kostet rund 250 Millionen Dollar.
Das Thema Geld ist in der MLS eben besonders wichtig. Die Liga als Zusammenschluss aller Klubbesitzer entscheidet, ob ein neuer sportlicher Konkurrent mehr Einnahmen verspricht oder eher droht, ihnen finanziell zur Last zu fallen. Interesse am Sport und Fachkenntnis sind keine Voraussetzung für die Klubbesitzer. Kindle Betz gibt offen zu, dass sie und ihre Familie wenig bis gar nichts über Fußball gewusst haben: „Ich habe das Buch ‚Fußball für Dummies‘ gekauft, das hat so etwas wie einen Trend in der Familie ausgelöst.“
Ohnehin ist es in den letzten Jahren ein Trend, in Fußballklubs zu investieren. David Beckham ist seit 2018 einer der Besitzer von Inter Miami, Footballspieler Russel Wilson und Musiker „Macklemore“ kauften 2019 Anteile an den Seattle Sounders, Schauspielerin Natalie Portman ist eine der Besitzerinnen des Frauenteams Angel City FC. Gab es 1996 bei der Gründung der MLS nur zehn Franchises, kamen seit 2001 18 weitere dazu. Zur aktuellen Saison hat der Charlotte FC den Spielbetrieb gestartet. Dessen Besitzer David Tepper ist nebenbei auch Eigentümer der Carolina Panthers aus der NFL.
Aktienmarkt MLS
Franchises sind eben gute Geldanlagen. Der Wert der Lizenzen ist über die Jahre rapide gestiegen. Hatte der Toronto FC bei seinem Eintritt 2007 noch zehn Millionen Dollar gezahlt, waren es bei Charlotte im Dezember 2019 kolportierte 325 Millionen. Um diese Summe könnte man einem mittelmäßigen Premier-League-Klub alle Spieler wegkaufen. Das zeigt, wie sehr die Liga darauf spekuliert, weiter zu wachsen. Die hohen Investitionen der Eigentümer des Charlotte FC sollen sich durch den wachsenden Fußballmarkt – nicht zuletzt mit Blick auf die WM 2026 – rentieren. Sinkende Preise für die Lizenzen wären ein Zeichen für eine Stagnation des Markts. Damit das nicht passiert, hält man in der Führungsriege der Liga zusammen. Kindle Betz durfte Besitzern der anderen Teams beispielsweise Besuche abstatten, um sich Tipps abzuholen. Sportlich soll eine Gehaltsobergrenze ebenso für eine ausgeglichene Liga sorgen wie der jährliche draft, bei dem sich die schlechtesten Teams der Vorsaison die besten Talente zuerst sichern dürfen. Seit der Gründung hat die MLS 14 verschiedene Meister gehabt, die letzte Titelverteidigung gelang LA Galaxy 2012.
Dieses System macht es auch für Neueinsteiger wie Saint Louis City leichter. Der Klub steckt derzeit in den Planungen für seine erste Saison. Als Sportdirektor hat der Klub den ehemaligen Düsseldorfer Lutz Pfannenstiel verpflichtet, für den Kader unter anderem Roman Bürki aus Dortmund und Joakim Nilsson aus Bielefeld geholt. Kindle Betz beschäftigt aber besonders, wie das Franchise eine Fankultur aufbauen kann. Sie habe bereits etwas über Choreografien und Fangesänge gelernt. „Es war aber nur ein Crashkurs“, sagte sie Adweek. Auf das Interesse der Fans kann sie dennoch zählen. Schon nach 15 Minuten hatte Saint Louis den MLS-Rekord für Saisonaboanfragen gebrochen, bisher sind 60.000 zusammengekommen. Und doch ist es noch ein weiter Weg, bis sich Saint Louis in der Liga etabliert hat. „Es ist eben ein Start-Up“, sagte die Chefin.