Am 3. Juni 2005 endete eine große Geschichte. Der zweifache Meister und einstige UEFA-Cup-Finalist Austria Salzburg hielt an diesem Freitag in einem Restaurant im Stadtteil Liefering seine letzte Generalversammlung ab. Der scheidende Präsident Rudolf Quehenberger war da, Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz auch, er kam in Begleitung von Kurt Jara. Den 40 anwesenden Mitgliedern erklärten sie, warum es an der Zeit sei, den Klubnamen in Red Bull Salzburg zu ändern – und wie der Verein schon bald wieder in Europa für Furore sorgen könnte. Einstimmig sprachen sich die Mitglieder für die Umbenennung aus. Im Gegenzug blieben die Vereinsfarben Lila und Weiß in den Statuten festgeschrieben. Zwei Tage später erschien im Standard ein Interview mit Mateschitz, in dem er sagte: „Für mich ist jetzt die Stunde null einer neuen Ära. Und der rote Bulle kann heute nicht violett sein, sonst dürfte es nicht Red Bull heißen.“ Am 18. Juni lief der Klub erstmals unter neuem Namen auf. Beim Testspiel gegen Union Mondsee saß Jara auf der Trainerbank, Neuverpflichtung Christian Mayrleb traf dreimal – und die Dressen waren rot und weiß, wie das Corporate Design von Red Bull. Damit begann ein neues Zeitalter im österreichischen Fußball. Der Klub war nicht das Hobby eines Mäzens, sondern wurde Bestandteil einer globalen Unternehmensstrategie. Immer wieder geriet Red Bull deshalb in Konflikt mit den Vorschriften von Ligen und Verbänden und fand darin immer wieder ein Loch, um durchzuschlüpfen.
Vorgezeichnete Wege
Schon bei der Generalversammlung zeigte sich, dass Mateschitz anders war als Quehenberger. Er ließ sich nicht zum Präsidenten wählen, nicht einmal in den Vorstand wollte er. Das vierköpfige Gremium bestand stattdessen aus leitenden Angestellten von Red Bull, darunter Prokurist Rudolf Theierl, Finanzchef Walter Bachinger und Mateschitzs persönlicher Assistent Dany Bahar. Red Bull beschränkte sich aber nicht nur darauf, den Verein auf Linie zu bringen. Der Konzern kaufte, was zu kaufen war. 1999 hatte Quehenberger die Salzburg Sport AG gegründet und den Spielbetrieb der Austria ausgegliedert. Der Präsident war mit 70 Prozent Mehrheitseigentümer, sein Vize Heinz Kluppenegger hielt die restlichen 30. Red Bull nahm ihnen die Kapitalanteile ab. Die Stimmenmehrheit blieb beim Verein. Zudem übernahmen die Vereinsvorstände in der Aktiengesellschaft alle wesentlichen Posten. Für die Bundesliga waren die 50+1-Auflagen damit erfüllt.
Der Konzern, der sich zuvor auf Extremsportarten konzentriert hatte, baute in der Folge ein internationales Fußballnetzwerk auf. 2006 übernahm Red Bull die Metro Stars in New Jersey, 2007 wurde Red Bull Brasil gegründet, im Jahr darauf Red Bull Ghana. 2009 wurde der deutsche Fünftligist SSV Markranstädt in die Konzernfamilie eingegliedert. Da in Deutschland die Nennung von Firmen im Vereinsnamen nicht zulässig ist, hieß er fortan RB Leipzig. RB steht offiziell für Rasenballsport.
Bis das Projekt Red Bull Global Soccer richtig Fahrt aufnahm, dauerte es allerdings bis 2012. Damals wurde Ralf Rangnick Sportdirektor in Salzburg und übernahm die sportliche Entwicklung in Leipzig. Er entwarf eine einheitliche Spielidee, die zum Markenkern des Unternehmens passte. Die Teams sollten schnell umschalten und den Gegner überfallsartig überspielen. Dafür brauchte es keine großen Stars, sondern laufstarke Spieler und ein funktionierendes Kollektiv. Erstere fand Red Bull durch sein Netzwerk, die unterschiedlichen Standorte und Akademien ermöglichten zudem die perfekte Einschulung. Der Karriereweg der Red-Bull-Profis schien vorgezeichnet – von Ghana oder Brasilien ging es zum Farmteam in Liefering, nach ersten Erfahrungen weiter nach Salzburg und New Jersey, ehe die Spieler in ihrer Höchstform in Leipzig unterkamen.
Familienbande
Der Erfolg stellte sich bald ein: In Österreich dominiert Salzburg fast nach Belieben, und die globale Transfermaschine rattert. Leistungsträger verlassen zwar im Jahresrhythmus den Klub, doch Verstärkungen aus aller Welt ersetzen sie fast immer ebenbürtig. Leipzig fixierte 2016 den Aufstieg in die Bundesliga und wurde in der ersten Saison Vizemeister. Die vielen Siege brachten aber eine neue Herausforderung mit sich. 2017/18 waren die Leipziger als Teilnehmer der Champions League gesetzt, die Salzburger spielten in der Qualifikation. Doch Paragraf fünf der Bewerbsbestimmungen der UEFA besagt: Eine juristische oder natürliche Person darf nicht entscheidenden Einfluss auf mehr als einen Europacupteilnehmer ausüben. Das sei hier jedoch der Fall, befand der Verband in einer ersten Stellungnahme. Also machte sich Red Bull an die Entflechtung der Salzburger Filiale. Der Kooperationsvertrag zwischen den Klubs wurde aufgelöst, die Fruchtsaftmarke Rauch wanderte als zusätzlicher Sponsor auf die Ärmel der Dressen, in den Gremien gab es Personalrochaden. Prokurist Theierl wurde als Vorstandsvorsitzender durch Harald Lürzer ersetzt. Er war kein Angestellter der Firma, sondern Betreiber mehrerer Hotels im Skiort Obertauern. Red Bull sollte in Salzburg nur mehr als Sponsor und nicht mehr als De-facto-Eigentümer auftreten. Die UEFA war überzeugt – oder konnte Gegenteiliges nicht nachweisen: In zweiter Instanz erteilte sie beiden Mannschaften das Startrecht.
Wie zuvor die Bundesliga hat sich auch der europäische Fußball mit Red Bull arrangiert. Substanziell geändert hat sich am Näheverhältnis zwischen den Vereinen und dem Konzern wohl nichts. Das zeigen nicht nur die anhaltenden Transfers von Spielern und Trainern zwischen Salzburg und Leipzig, sondern auch Aussagen von Mateschitz. Als es im März 2018 möglich schien, dass die Teams im Semifinale der Europa League aufeinandertreffen, sagte er: „Das wäre für alle in der Familie eine tolle Geschichte, interessant und lustig. Die Negativdenker würden sagen: Jetzt haben sie ein Problem, weil sie beide international spielen lassen.“ Momentan hat Mateschitz jeden Grund zur Freude: In der abgelaufenen Saison gewann Salzburg nicht nur das Double in Österreich, Leipzig holte mit dem DFB-Pokal erstmals einen großen Titel, die New York Red Bulls liegen zu Redaktionsschluss auf Platz zwei der MLS, und Red Bull Bragantino kämpft in der ersten brasilianischen Liga um den Anschluss an die Tabellenspitze.