„Man kann sich gar nicht vorstellen, wie teuer es ist, als Kind Fußball zu spielen.“ Wenn Tobias Roß über die Schwierigkeiten des chinesischen Fußballs spricht, fängt er ganz unten an. Er erzählt von fehlenden Plätzen, schlecht entwickelten Amateurligen und dem mangelnden Selbstverständnis, einfach mit Freunden im nächsten Hinterhof zu kicken. Das Thema, zu dem er an der University of Nottingham forscht, liegt ihm offenbar am Herzen. Immer wieder rutscht ihm während des Videotelefonats mit dem ballesterer ein ungläubiges Lächeln über das Gesicht.
ballesterer: In China gibt es den Trend, dass die Klubs von privaten Eigentümern zu öffentlichen wandern. Warum?
Tobias Roß: Weil die Klubs sonst sterben würden. Seit 2012 sind 45 Klubs in den ersten drei Ligen bankrottgegangen. Der Fußball ist in China nicht profitabel, die Klubs können sich nicht finanzieren. Aufgrund der schwächelnden Wirtschaft und Restriktionen in der Immobilienbranche ziehen sich viele private Investoren jetzt wieder zurück. Deswegen springt der Staat ein.
Es ist also eine Schwäche der Privaten, kein Zeichen der Stärke des Staats?
Genau. Bevor 1994 die Chinese Super League gegründet worden ist, waren alle Klubs im Besitz von staatlichen Unternehmen oder regionalen Sportämtern. Dann hat man private Investoren hineingeholt, die die Klubs übernommen haben. Jetzt scheint es, als gehe man zurück zum alten System. Letzte Saison waren 24 Prozent der Klubs in den höchsten drei Ligen zumindest teilweise in der Hand von staatlichen Unternehmen. Der Anteil wird in den nächsten Jahren wachsen.
In der ersten Liga gibt es besonders viele staatsnahe Klubs, darunter kommt das nur selten vor. Warum?
Die Staatsbetriebe sind derzeit die einzigen sicheren Unternehmen, die noch Gehälter zahlen. Alle vier Klubs, die heuer in die erste Liga aufgestiegen sind, werden direkt oder indirekt öffentlich finanziert. Als Lokalregierung interessierst du dich nur für Erstligisten. Ich habe von Bürgermeistern gehört, die vom lokalen Verband und Staatsunternehmen gefordert haben, endlich einen Klub in die erste Liga zu bringen – entweder als Statussymbol, als Karrierefaktor im Zuge der nationalen Fußballreformen oder weil in der Stadt ein großes Sportevent ansteht.
Früher haben in erster Linie Immobilienfirmen in den Fußball investiert. Warum gerade dieser Sektor?Sie haben sich davon gute Kontakte zur Regierung erhofft, schließlich wird die Förderung des Fußballs von der Zentralregierung als Ziel vorgegeben. Land – und damit möglicher Baugrund – ist in China nicht privat, es gehört dem Staat. In der letzten Saison sind 43 Prozent der Klubs aus den höchsten drei Ligen von Immobilienunternehmen, Baufirmen und dem Hotelgewerbe geführt worden. Aber auch Unternehmen aus anderen Branchen wollen durch ihre Investitionen eine gute Beziehung zum Staat aufbauen. Sie erhoffen sich davon Steuerbegünstigungen, günstigere Kredite und öffentliche Aufträge. Marketing und eine Wertsteigerung des Klubs sind eher nachrangig.
In den Profiligen sind die Firmen inzwischen aus den Klubnamen gestrichen worden.
Nachdem diese riesige Investitionsblase entstanden ist, versucht der Staat seit 2015, vermehrt auf Nachhaltigkeit zu setzen. Es ist nicht gut für das Fußballland China, wenn sogar ein amtierender Meister wie der Jiangsu FC den Betrieb einstellt. Deswegen wollte man weg von diesem Modell, das die Klubs von den Investoren abhängig macht. Stattdessen soll sich der Fußball selbst tragen. Davon sind die Klubs aber weit entfernt.
Welche Maßnahmen gibt es dafür?
Seit 2019 wird beispielsweise geregelt, wie viel ein Klub ausgeben, wie viel ein Investor zuschießen und wie viel für Gehälter gezahlt werden darf. Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben war nämlich extrem groß. Die Pandemie hat die Maßnahmen aber weitestgehend auf Eis gelegt. Würde man sie jetzt strikt durchziehen, könnte wahrscheinlich kein Klub mehr an der Liga teilnehmen.
Ist das auch ein Signal, dass das Wichtige im Fußball nicht die Investoren, sondern die Klubs sind?
In der Theorie schon. Es gibt aber nur wenige Klubs, die des Fußballs wegen existieren. Deswegen fehlt die Basis: Bei Zweitligaklubs gibt es teilweise nur fünf bis zehn Mitarbeiter. Bevor es die Auflage zur Nachwuchsförderung gegeben hat, haben nur vier Klubs eine Akademie gehabt. Die Mighty Lions sind nach knapp zehn Jahren einfach von Shijiazhuang 230 Kilometer nach Cangzhou umgezogen, weil sich dort eine enge Kooperation mit der Stadt und ein staatliches Unternehmen als Investor angeboten haben. Jetzt wollen sie nach einem Jahr schon wieder zurück. Andere Klubs tauschen zigmal den Namen. Als Fan kannst du dir dabei nur verarscht vorkommen.
Gibt es alternative Wege, um in den Profifußball zu kommen?Es gibt schon Klubs, die durch gute Arbeit in die dritte Liga aufsteigen. Dort braucht man aber riesige Summen, um zu bestehen. Du konkurrierst mit superreichen Immobilienunternehmen, verdienst aber fast nichts durch Merchandise und TV-Gelder. Du bist auf einen Investor angewiesen, um zu überleben. Viele Klubs sind verzweifelt, bleiben aber in diesem Konstrukt gefangen.
Zwei Klubs in den Profiligen gehören ausländischen Investoren. Ist China für sie attraktiv?
Offiziell sind ausländische Investoren nicht erlaubt, in der Realität ist es aber eine Grauzone, die City Football Group ist beispielsweise am Sichuan Jiuniu FC beteiligt. Wirklich rentieren kann sich das nicht, außer man möchte vielleicht ein Farmteam aufbauen. Der Verbandschef hat letztes Jahr gesagt, es müsse möglichen Investoren in den nächsten Jahren darum gehen, Fußball als soziales Projekt zu sehen. Geld kann man damit nicht verdienen.
Ultragruppen haben gegen den Lizenzentzug von Jiangsu protestiert, andere haben gefordert, dass Klubs die Investorennamen behalten dürfen. Spielt Fanmitbestimmung überhaupt eine Rolle?
Nein, ich habe das noch bei keinem Klub mitbekommen. Das mag auch am Land liegen, das ernsthaften Protest gar nicht zulässt. Bei den Beschwerden ist nichts herausgekommen, so etwas wird generell wenig gehört. Ich bin erstaunt, dass es überhaupt noch Fans gibt. Wenn du nach den vergangenen 30 Jahren beispielsweise immer noch sagen kannst: „Ich bin Fan von Shandong Taishan“, habe ich den größten Respekt.