„Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie wir spielen werden. Überall kann jederzeit eine Rakete einschlagen. Es kann gut sein, dass du zu rennen beginnst, es aber nicht rechtzeitig in den Luftschutzkeller schaffst“, sagt Olexandr Kutscherenko. Den Sommer über hat der Mittelfeldspieler des FK Inhulenz Petrowe Hilfsgüter in den Osten des Landes gebracht. „Aber ohne Fußball geht es nicht. Ich habe zwei Träume: Dass die Saison losgeht und dass wir die Besatzer aus unserem Land jagen.“ Kutscherenko ist einer der wenigen Fußballer, die mit Taten helfen. Andere wie Ruslan Malinowski von Atalanta, Andrij Jarmolenko von al Ain, Olexandr Sintschenko von Arsenal und Roman Jaremtschuk von Benfica sammelten Spenden in Millionenhöhe, Andrij Schewtschenko wirbt als Botschafter der Präsidentenstiftung United24 ebenfalls um Unterstützung. Auch die großen Klubs engagieren sich in dem Konflikt, Dynamo Kiew und Schachtar Donezk haben dutzende internationale Benefizspiele veranstaltet und dabei gleichzeitig die Nationalteamspieler für das WM-Play-off fitgehalten.
Patriotische Motive
Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar wurde die laufende Saison abgebrochen. Als die russische Armee aus dem Kiewer Umland und dem Norden des Landes vertrieben worden war, reiften jedoch ab Ende März Ideen, den Ligabetrieb zur nächsten Saison wieder aufzunehmen – unter neuen Bedingungen. Manche Klubs wie Desna Tschernihiw und der FK Mariupol haben sich zurückgezogen, da ihre Stadien nach Bombentreffern nicht mehr stehen. Und selbst bei jenen, denen es bislang besser erging, war der Neustart umstritten. Angesichts der landesweiten Zerstörungen und finanziellen Schwierigkeiten weigerten sich einige Oligarchen, die als Klubpräsidenten und Mäzene im ukrainischen Profifußball eine tragende Rolle spielen, ihre Mittel für Fußball auszugeben, während die Armee die Mittel doch dringlicher benötige. Der Präsident von Zweitligist Agrobisnes Wolotschysk löste sein Team auf – „bis zum Sieg“. Mehrere Spieler und Mitarbeiter des Klubs dienen nun in den Streitkräften. Ihor Dedyschyn, Geschäftsführer Sport von Ruch Lwiw, hat einen anderen Ansatz. Er verweist auf Erfahrungen aus den Jugoslawien-Kriegen Anfang der 1990er Jahre. „In Kroatien haben sie trotz des Kriegs gespielt“, sagt er. „Das war ein Weg, Zusammenhalt zu zeigen, das Land zu unterstützen und moralisch zu stärken.“
Präsident Wolodymyr Selenskyj erteilte bei einem Treffen Anfang Juni mit dem Verband den Vorschlägen eine Absage, die Meisterschaft in Polen – wo die Europacupspiele der ukrainischen Klubs stattfinden – oder der Türkei auszutragen. Aus patriotischen Motiven müsse sie in der Ukraine gespielt werden. Auch bei einem anderen Punkt macht er seinen Standpunkt klar: Eine Abwanderung von Spielern ins Ausland werde die Regierung nicht dulden, es handle sich schließlich um Männer im wehrfähigen Alter. Für den Saisonstart wurde ein symbolisches Datum gewählt: der ukrainische Unabhängigkeitstag am 24. August.
Wenn die Liga beginnt, treten wie vor dem Krieg 16 Teams an. Absteiger aus der abgebrochenen Saison gibt es keine. Die Plätze von Desna Tschernihiw und FK Mariupol gehen an Metalist Charkiw, das von Milliardär Oleksandr Jaroslawskyj wiederbelebt wurde, und an Krywbas Krywyj Rih. Der Klub aus Selenskyjs Geburtsstadt wird von lokalen Firmen und der Gemeinde unterstützt.
Chance für Talente
Der Beschluss zu spielen und den Ligabetrieb in Kriegszeiten wieder aufzunehmen, sind zwei unterschiedliche Dinge. Da einige Spielstätten von Bomben und Artilleriebeschüssen getroffen wurden, genehmigten die Behörden nur zehn Stadien in den relativ sicheren Gebieten Kiew, Lwiw und Transkarpatien. Alle Personen, die am Ligabetrieb beteiligt sind, werden vom Wehrdienst freigestellt. Pro Spiel werden maximal 280 Zuschauer zugelassen.
In höchstens 500 Meter Entfernung der Spielstätte muss sich ein Luftschutzraum befinden. Im Fall eines Fliegeralarms werden die Spiele unterbrochen, alle Spieler, Fans und Funktionäre müssen sich dann in den Bunker begeben. Hält der Alarm länger als 60 Minuten an, wird die Begegnung am nächsten Tag zu Ende gespielt.
So wie nach Ausbruch der Kampfhandlungen 2014 haben auch heuer viele Spieler die Liga verlassen. Skeptiker sagen dem ukrainischen Fußball nun den Zusammenbruch voraus, Optimisten sehen in der Situation eine Chance. Schon nach 2014 setzten einige Klubs vermehrt auf die eigene Jugend, Talente wie Brentford-Neuzugang Jehor Jarmoljuk wurden Stammspieler und wechselten später ins Ausland. Die Wahrheit liege in der Mitte, glaubt Jaroslaw Wyschnjak, Trainer des FK Kolos. „Es stimmt, dass viele Spieler die Ukraine verlassen haben, aber schauen Sie nur, welche Trainer geblieben sind: Juri Wernydub, Roman Hrygortschuk, Mircea Lucescu, Igor Jovicevic und Wiktor Skrypnyk“, sagt er. „Sie wissen, wie man mit jungen Spielern arbeitet. Es wird bald neue Spieler geben, auf die wir stolz sein können.“
Eine Eigenschaft aus früheren Zeiten hat sich der Fußball bewahrt: die Skandale. Im März richtete sich die Wut der Fans gegen die Brüder Ihor und Hrygori Surkis, die Besitzer von Dynamo Kiew. Laut Medienberichten sollen sie 17 Millionen Dollar, eine russische Staatsangehörige und zwei Männer im wehrfähigen Alter mit dem Auto außer Landes gebracht haben. Hrygori Surkis soll dann noch einmal zurückgekommen sein, allerdings nur, um seine Uhrensammlung abzuholen. Im Sommer sorgte Schachtar Donezk für Aufregung, als der Klub Igor Jovicevic als neuen Trainer vorstellte, obwohl er zuvor mehrfach seinem früheren Klub Dnipro-1 die Treue geschworen hatte. Für internationale Schlagzeilen sorgte der Klub auch mit der Forderung nach 50 Millionen Euro Schadenersatz, die er von der FIFA einklagen möchte. Der Weltverband hatte ausländischen Spielern nach dem 24. Februar erlaubt, die Verträge mit ihren Klubs sofort zu beenden und den Verein zu wechseln.
Während der ukrainische Fußballbetrieb fürchtet, um Jahrzehnte zurückgeworfen zu werden, nutzt Russland den Sport für seine imperialen Fantasien. Im Juli präsentierte der hochrangige Sportfunktionär Odes Bajsultanow Pläne, einen Bewerb mit Vereinen von der besetzten Halbinsel Krim, aus den sogenannten Volksrepubliken im Donbas, den besetzten Teilen der Gebiete Cherson und Saporischschja sowie aus Abchasien und Südossetien zu veranstalten. Die Liga soll 2023 starten, doch zuvor hat sie mit dem Widerstand der ukrainischen Armee zu rechnen.