Die Gruppe schrumpft weiter, Mitte August sind nur noch knapp 50 der 86 Jugendlichen im Land.
Spielverzögerung
Dieser Text von Jakob Rosenberg aus ballesterer 173 hat 2023 den Sports-Media-Austria-Preis in der Kategorie Text gewonnen.
Wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung.
„Dynamo, Dynamo“, hallt es durch das Liebenauer Stadion in den Grazer Nachthimmel. Mit seinem überlegten Schlenzer ins Eck hat Wiktor Zyhankow gerade den Führungstreffer gegen Sturm erzielt. Er läuft vor den Gästesektor, küsst die ukrainische Fahne auf seiner Brust. Auf der Tribüne feiern mehrere hundert Fans den Einzug von Dynamo Kiew ins Champions-League-Play-off, sie besingen die Ukraine und ihre Streitkräfte.
Die Auswärtsfans sind heute auf Einladung des SK Sturm im Stadion, der ukrainischen Staatsangehörigen Karten zur Verfügung gestellt hat. Viele der Gäste würden normalerweise einen anderen Klub unterstützen, manche würden vielleicht gar nicht ins Stadion gehen. Nur vereinzelt finden sich Dynamo-Trikots im Block, viele der Frauen und Kinder haben ukrainische Flaggen umgehängt oder sind in Blau-Gelb gekleidet. Heute sind sie alle Dynamo, alle Ukrayina. Die Stimmung ist ausgelassen, schon vor dem Stadion wird getanzt, im Spiel ist jeder Ball im letzten Drittel ein Grund, von den Sitzen aufzuspringen.
Im Sektor sind auch 26 ukrainische Nachwuchsfußballer, die sonst eher Schachtar Donezk die Daumen drücken, aber heute feuern auch sie Dynamo über 120 Minuten an. Die Jugendlichen sind zwischen 14 und 17 Jahre jung, neben ihnen sitzen einige Mütter und Schwestern, die mit ihnen nach Österreich gekommen sind, ausgestattet mit Betreuungsvollmachten für mehrere Jugendliche. Die Gruppe ist aus Wien angereist. Sturm hat ihnen mit Unterstützung des Busreiseanbieters Weiss die Fahrt finanziert und organisiert.
IM WARTEZIMMER DER REPUBLIK
Der Ausflug nach Graz ist eine willkommene Abwechslung für die Jugendlichen, denn ihr Alltag in Österreich besteht vor allem aus einem: Warten. Warten auf eine dauerhafte Unterbringung, um endlich längerfristig planen zu können, warten auf einen Fußballklub, bei dem sie endlich ihren sportlichen Ambitionen nachgehen können, warten auf ein schulisches Angebot, um endlich nicht mehr ausschließlich auf den Fernunterricht aus der Ukraine angewiesen zu sein, warten auf Sprachkurse, um sich endlich unabhängiger bewegen zu können. Und das längste Warten überhaupt: auf das Ende des Kriegs und ein Wiedersehen mit ihren Familien und Freunden.
Immerhin können sie in den ersten sechs Wochen der Sommerferien die Sportanlage am Kaiserwasser an der Alten Donau nutzen. Dort leiten von Montag bis Freitag zwischen 16.00 und 18.00 Uhr Kicken ohne Grenzen und die Caritas Käfig League Trainingseinheiten für die Gruppe. Bei einem Besuch des ballesterer Anfang August ruft Florian Kuhn von Kicken ohne Grenzen die Jugendlichen in den Mittelkreis, um das Tagesprogramm zu besprechen. Auf Englisch lässt er die 28 Spieler zwischen individuellen Technikübungen und einem längeren Trainingsmatch wählen. Die Kommunikation verläuft über Umwege, die wenigsten Kinder verstehen die Sprache, die älteren müssen übersetzen. Nur zögerlich heben die Jugendlichen die Hände, die Entscheidung fällt aber ohne Gegenstimme auf das Match. Mehr als die Hälfte der Gruppe trägt schwarze Trikots und Hosen mit dem Logo der Bundesliga, die Ausrüstung haben sie Ende Juni von der Liga und dem Sponsor und Sportartikelhändler Geomix erhalten. Andere tragen rot-weiß gestreifte Leiberl, die an die Trikots des Athletic Club erinnern, nur finden sich auf dem Rücken kyrillische Buchstaben, und im Wappen ist statt der Wahrzeichen Bilbaos ein Leuchtturm zu sehen. Es sind die Dressen des Athletic Club Odessa, des Heimvereins vieler der Kinder. Nach einer Stunde Spiel auf dem Kunstrasenplatz ruft Kuhn die Gruppe wieder in den Mittelkreis, er lobt die Intensität des Spiels, mahnt aber insbesondere die Kapitäne, auch die meist jüngeren Wechselspieler stärker im Auge zu behalten – alle sollen hier die gleiche Spielzeit bekommen.
EIN SOMMER IN WIEN
Die Sportanlage am Kaiserwasser gehört der Bank Austria, sie wird von den Mitarbeitern genutzt, um Tennis, Fußball und Beachvolleyball zu spielen und in einem abgeschirmten Bereich in der Alten Donau zu baden. Die Jugendlichen können die Infrastruktur im Juli und August nutzen, ihre Begleitpersonen – Mütter, Großmütter und Schwestern – schauen dem Training zu oder trinken in der Kantine einen Kaffee. Die Anlage versprüht einen idyllischen Charme, die nach dem Training ins Wasser springenden Kinder vermitteln fast den Eindruck ganz normaler Sommerferien.
Doch wäre es ein gewöhnlicher Sommer, wären sie nicht hier. Sondern zum Beispiel in einer nicht weniger idyllisch anmutenden Anlage, die der Athletic Club Odessa für seine Sommercamps nutzt. Das rosafarbene Gebäude mit dem großen Schwimmbecken und Blick auf das Schwarze Meer wirkt auf Fotos wie aus dem Werbeprospekt eines mediterranen Hotelressorts. Doch die Jugendlichen sind nicht in Odessa, sie sind in Wien. Und die rosafarbene Anlage steht nicht mehr, sie liegt seit einem Bombenangriff in Trümmern. Unter sich begraben hat sie den Präsidenten und Jugendleiter des Vereins, Oleksandr Schischkow. Die Bomben treffen ihn im Schlaf, er hat in der Anlage übernachtet, um am nächsten Morgen eine Gruppe Kinder zum Training zu empfangen. Er stirbt am 1. Juli.
INTERNATIONALE SCHIRIS
Als der russische Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 beginnt, verfolgt auch Schiedsrichterin Sara Telek die Nachrichten. „Mich hat das sehr mitgenommen“, sagt sie. „Ich war erst im November für ein Spiel in der Ukraine und habe meine Freunde gefragt, ob ich irgendwie helfen könnte.“ Ihr Schiedsrichterkollege Dmytro Zaporozhenko nimmt das Angebot an. Als Leiter der Fußballschule von Metalurh Saporischschja versucht er, Nachwuchskicker aus der Region zu evakuieren. „Das war neu für mich. Niemand weiß, wie man mit einer plötzlichen Kriegssituation umgehen soll“, sagt er dem ballesterer. „Ich habe meine Kontakte aus dem Fußball genutzt, aber auch Privatpersonen und Botschaften kontaktiert.“ Es gelingt ihm, rund 500 Kinder in mehrere europäische Länder in Sicherheit zu bringen – von Bulgarien bis nach Spanien, von den Niederlanden bis Italien.
Bis die 86 Kinder aus Dnipro, Odessa und Saporischschja in Österreich eintreffen, dauert es eine Weile. Sie müssen warten. Ihre Heimatstädte sind strategisch wichtige Orte im Krieg – aufgrund der geografischen Nähe zum Donbas, aufgrund des Hafens, aufgrund des nahen Atomkraftwerks. Die Lage ist angespannt. „Im Krieg hast du keine Zeit“, sagt Telek. „Dennoch hat es gedauert, bis das Go aus Österreich gekommen ist.“ Zwischen einem Hilfsansuchen des Ukrainischen Fußballverbands und der Ankunft der Kinder liegt ziemlich genau ein Monat. Als die erste von zwei Gruppen am 12. April am Wiener Hauptbahnhof eintrifft, wird sie prominent empfangen: von Vizekanzler und Sportminister Werner Kogler. Er macht Selfies mit den Kindern, die Facebook-Accounts des Vizekanzlers, des Ministeriums, der ÖBB und der Sportunion teilen die Bilder. Das Sportministerium verkündet auf seiner Website: „Die letzte Etappe führt nun nach Bad Gastein, wo die Kinder und Jugendlichen in einem Schüler:innenheim der Sportunion unterkommen und ihr Training fortsetzen werden.“
Die Etappe Bad Gastein wird sich nicht als die letzte herausstellen, und ihr Training werden die Jugendlichen nur holprig fortsetzen können. Am Beginn stehen aber praktische Probleme. Es gibt in der Unterbringung zwar ausreichend Platz und eine große Küche, aber niemanden, der dafür verantwortlich ist. Die Begleitpersonen müssen selbst kochen. „Niemand von ihnen hat jemals für 100 Leute gekocht, dafür fehlt einfach die Ausbildung – noch dazu, wenn es um spezifische Ernährungspläne für Sportler geht“, sagt Elena Balyk, eine der Mütter, die später zur Gruppe gestoßen ist. Das Problem wird zwar durch den Einsatz eines Caterers gelöst, doch schon bald wird ein anderes dringlicher: Die Anlage in Bad Gastein dient als Standort für Schulsportwochen, ab Mitte Mai ist sie gebucht. Die ukrainischen Jugendlichen müssen erstmals umziehen.
HARRY POTTERS SCHLOSS IM WIENERWALD
Die russische Armeeführung hat vermutlich mit einer schnellen Kapitulation gerechnet, auch in der Ukraine gibt es nach dem Angriff keine seriöse Schätzung über die Dauer des Konflikts. Doch der Krieg tobt schon drei Monate, als die Nachwuchskicker aus Dnipro, Odessa und Saporischschja am westlichen Stadtrand von Wien ihr nächstes Quartier beziehen. „Mein Sohn hat gesagt: ‚Wir sind jetzt im Schloss von Harry Potter‘“, sagt Balyk über das Kloster Mariabrunn aus dem 17. Jahrhundert, die spätere K.-u.-k.-Forstlehranstalt. So märchenhaft die Architektur und so interessant die Geschichte des Baus sein mögen, so wenig eignet er sich als Lebensmittelpunkt. Die Duschen sind in blauen Containern im Freien untergebracht. Der erste Eindruck ist nicht gerade einladend, an Fassaden, Stromkästen und Regenrinnen prangt das „Z“ – das Symbol der russischen Armee für den Ukraine-Feldzug. Die Schmierereien werden von der Bundesagentur für Betreuungs- und Unterstützungsleistungen, BBU, schnell entfernt. Die Agentur ist nun für die Gruppe zuständig. Die Qualität der Verpflegung bleibt auch im neuen Quartier ein Thema, wie besorgte Eltern aus der Ukraine melden. Für die Jüngsten, meist unter 14-Jährigen, werden die prekären Umstände langsam zu viel. Erste Kinder und Begleitpersonen treten die Rückreise ins Kriegsgebiet an.
Auch die fußballerischen Perspektiven schwinden. Schiedsrichter Zaporozhenko und seine Kollegen haben Jugendliche quer durch Europa in Sicherheit gebracht, die Kinder und Eltern sind untereinander in Kontakt. So hören sie von Altersgenossen aus Mariupol und Odessa, die bei Süper-Lig-Absteiger Caykur Rizespor untergekommen sind. Sie wurden eingeflogen, eingekleidet und in der Akademie untergebracht. „Dort hat sich der Klub ganz klar deklariert. Sie haben 160 Kinder aufgenommen und ihr Engagement medial präsentiert“, sagt Telek. „Natürlich hätten die Kinder das hier auch gerne, solange sie wegen des Kriegs nicht zurückkehren können.“
Ein Bekenntnis wie von Rizespor erfahren die Jugendlichen in Österreich nicht. Dank Unterstützerinnen wie Telek, die die Gruppe begleitet, mit Behörden kommuniziert und ihre Kontakte mobilisiert, bekommen sie zumindest die Möglichkeit, überhaupt zu spielen. Sie können etwa im Nachwuchs des nahe gelegenen Stadtligisten Austria XIII trainieren, Anfang Juni übernimmt Kicken ohne Grenzen erstmals ein Training, wenig später ist auch die Caritas Käfig League an Bord. Kurz kommen die Jugendlichen dem großen Fußball ganz nahe – zumindest örtlich. Sie dürfen für ein paar Einheiten den Trainingsplatz neben dem Weststadion von Rapid nutzen. Die Kooperation mit Austria XIII endet bald wieder, denn Mitte Juni muss die Gruppe erneut übersiedeln. Vom Kloster an der Westbahn geht es in eine Unterkunft an der Ostbahn, in die Geiselbergstraße in Simmering. Dort befinden sich ab diesem Zeitpunkt alle aus der Ukraine Geflüchteten in Betreuung der BBU, wie die Agentur auf ballesterer-Anfrage schreibt.
FUSSBALL ALS BERUFUNG
Die Gruppe schrumpft über die nächsten Wochen weiter, Mitte August sind nur noch knapp 50 der 86 Jugendlichen im Land. Denn mit Fortdauer des Kriegs werden die Eltern in der Ukraine zunehmend nervös, einige holen ihre Kinder zurück, andere sind verärgert, dass es bei der zugesicherten Förderung der sportlichen Entwicklung keine Fortschritte gibt. Die Trainings mit Kicken ohne Grenzen und der Caritas Käfig League am Kaiserwasser sind im Juli die einzigen Möglichkeiten, den Sport regelmäßig auszuüben. Die beiden Initiativen setzen in der sozialen Arbeit auf den Fußball, Ausbildung wie ein Profiklub leisten sie nicht. „Unser Schwerpunkt liegt eigentlich im Vermitteln von sozialen Kompetenzen“, sagt Mahdi Bahrami von Kicken ohne Grenzen. „Wir haben das Training um kompetitive Elemente angereichert, um den Jugendlichen ein bisschen von dem anzubieten, was sie eigentlich suchen.“ Darüber hat die Gruppe nämlich klare Vorstellungen, wie der 17-jährige Kostiantyn zeigt. „Fußball ist nicht mein Hobby, er soll mein Beruf werden“, sagt er. Vor dem Krieg sei er schon für die erste Mannschaft des Athletic Club Odessa zu Einsätzen gekommen, jetzt träumt er davon, sich als Linksverteidiger oder Linksaußen in einem österreichischen Klub zu beweisen. „Das sind ambitionierte Fußballer“, sagt Alexander Schneider, Leiter der Caritas Käfig League. „In dem Alter brauchst du Training auf einem möglichst hohen Niveau. Was du in dieser Entwicklungsphase verlierst, ist später vielleicht nicht mehr aufzuholen.“
Doch nicht nur die sportlichen Perspektiven werden düsterer, auch der Alltag bleibt schwierig. In der neuen Unterkunft bewohnt die Gruppe zwar ein eigenes Stockwerk, ihr fehle es aber sowohl an Möglichkeiten, Wertsachen sicher zu verstauen, als auch an eigenen Duschen, sagt Balyk. Dem widerspricht die BBU in ihrer Stellungnahme, die Räumlichkeiten seien absperrbar und würden über eigene Sanitäranlagen verfügen. „Ja“, sagt Balyk. „Aber nur der Securitydienst hat den Schlüssel. Und die eigene Dusche ist im Freien. Jetzt geht das, aber im Winter wird es ungemütlich.“ Der ballesterer darf die Unterkunft nicht besuchen, das sei aufgrund einer ministeriellen Verordnung, die dem Schutz der Persönlichkeitsrechte von geflüchteten Personen diene, nicht erlaubt.
KEINE FLEXIBLEN LÖSUNGEN
Die Wohnsituation ist nicht das einzige Problem, Deutschkurse besuchen die Jugendlichen nicht, für den Schulbesuch angemeldet sind sie ebenfalls nicht. Wie sollten sie auch eine Schule wählen, wenn sie nicht wissen, wo sie die nächsten Monate verbringen? So richtig verantwortlich ist keine Institution, die BBU schreibt in ihrer Stellungnahme, dass sie sich sehr um Beratung bemühe und diese auch muttersprachlich anbiete. Sie lege Informationen zu den Deutschkursen auf, berate zur Schulpflicht und anderen relevanten Themen wie psychologischen Unterstützungsangeboten. Alles Weitere liege aber nicht in ihrer Zuständigkeit, sondern in jener der Obsorgeberechtigten. Doch diese Aufgaben sind für die kleine Gruppe von Müttern, Großmüttern und Schwestern, die den Jugendlichen den Traum vom Fußball ermöglichen wollen, nur schwer bewältigbar.
Die bürokratischen Herausforderungen sind vielfältig, die Konstellation als Gruppe und die damit verbundenen Obsorgeberechtigungen machen sie nicht einfacher. Wenn Sara Telek von ihrer Unterstützung erzählt, fallen ganz nebenbei Sätze wie „Dann habe ich mit dem Jugendamt telefoniert“ und „Dann habe ich mit dem ÖIF über die Deutschkurse gesprochen“. Die Reaktionen der Institutionen ähneln einander, prinzipiell würde man gerne etwas machen, Spielraum für flexible Lösungen ist aber kaum vorhanden. So ist es zum Beispiel für die Gruppe nicht möglich, sich gemeinsam für einen Deutschkurs anzumelden. „Das System sieht solche Fälle nicht vor“, sagt Alexander Schneider von der Caritas. „Es ist auf den Umgang mit kleineren Einheiten ausgerichtet.“ Auch Mahdi Bahrami ortet ein systemisches Problem. „Es bräuchte ganz andere Ressourcen“, sagt er. „Es ist natürlich gut, dass der Staat Leute aus Kriegsgebieten aufnimmt. Aber danach gibt es keinen Plan, wo sie hinkommen und wie sie betreut werden. Das war schon 2015 so.“
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Die Jugendlichen haben bis zum Kriegsbeginn nicht vorgehabt, die Ukraine zu verlassen. Die Flucht geht mit einem Wohlstandsverlust, psychischen Belastungen und einer schwierigen Anpassung an neue Lebensrealitäten einher. „Wir sind auf Einladung des österreichischen Ministeriums hier“, sagt Elena Balyk. „Dafür bin ich sehr dankbar, ich verstehe aber nicht ganz, warum in einem so reichen Land so viele Dinge so schwierig sind.“
Wenn die institutionelle Unterstützung ausbleibt, muss die Selbsthilfe herhalten: Nach dem Tod des Athletic-Odessa-Präsidenten organisieren die Jugendlichen am 21. Juli ein Gedenkspiel am Kaiserwasser. Sie produzieren Flyer, plakatieren den Veranstaltungshinweis in der Umgebung und spielen in Erinnerung an Oleksandr Schischkow gegen ein Team ukrainischer Flüchtlinge aus Polen.
SICHTEN UND WEITERSCHAUEN
Wie es für die Gruppe weitergeht, ist unklar. Die Einrichtung in der Geiselbergstraße stehe der BBU bis 30. April 2023 zur Verfügung, aber auch danach werde man Kapazitäten zur Betreuung von ukrainischen Flüchtlingen haben, heißt es von der Agentur. Die Pläne sind aber ohnehin andere. „Im Rahmen einer Initiative des ÖFB wird in den nächsten Tagen ein Sichtungstraining für die Jugendlichen stattfinden, auf Basis dessen und in Abstimmung mit den Landesverbänden eine Zuteilung zu einzelnen Vereinen/Akademien stattfinden wird“, schreibt die BBU am 9. August. „Über diese Initiative soll dann eine Überstellung der Jugendlichen in den Verantwortungsbereich der jeweiligen Bundesländer und über diese dann die Schuleinschreibung erfolgen.“
Doch ganz so einfach gestaltet sich die Situation nicht, der ÖFB bestätigt auf ballesterer-Anfrage zwar, dass in Kooperation mit dem Wiener Verband ein Sichtungslehrgang für die Jugendlichen der Jahrgänge 2004 bis 2014 stattfinden wird. Dieser diene einer groben sportlichen Einteilung, um einzuschätzen, ob die Jugendlichen in einer Akademie, einem LAZ oder im Breitensport am besten aufgehoben wären. Der ÖFB werde darüber informieren. Eine Zuteilung kann er aber nicht vornehmen, die Akademien stehen nicht im Einflussbereich des Verbands.
ZWISCHEN MATTERSBURG UND SANKT PÖLTEN
Ein positives Signal gibt es zumindest aus Sankt Pölten, der SKN hat die Jugendlichen Ende Juni bereits beobachtet, einige trainieren seit Anfang August mit dem Nachwuchs des Zweitligisten. „Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, ihre Lebenssituation zu verbessern“, sagt Marcel Mujanovic. Als Trainer des 2007er-Jahrgangs hat er mit acht die meisten ukrainischen Flüchtlinge in seinem Team. „Die Jugendlichen können sich hier weiterentwickeln. Und wir profitieren mannschaftstaktisch von der größeren Gruppe.“ SKN-Geschäftsführer Matthias Gebauer würde gerne noch einen Schritt weitergehen. „Am liebsten würden wir alle Jugendliche übernehmen. Auch wenn nicht alle beim SKN unterkommen würden, könnten wir ihnen helfen, Vereine in der Umgebung zu finden.“ Er möchte aber nichts versprechen, was er vielleicht nicht halten könne. Die große Herausforderung bestehe darin, für die Unterbringung zu sorgen, über eine Akademie verfügt der Klub nicht. „Wir hoffen, dass das Land Möglichkeiten findet, und haben diesbezüglich auch schon sehr gute Gespräche geführt. Viele Kapazitäten gibt es in Sankt Pölten und Umgebung aber leider nicht.“
Auch die Akademie Burgenland möchte unterstützen. „Wir sind in der finalen Phase, wir haben gerade das Okay der lokalen Behörden bekommen“, sagt der Sportliche Leiter Patrick Glavanics. Acht Jugendliche aus den Jahrgängen 2006 bis 2008 und eine Betreuungsperson sollen am 22. August in Mattersburg aufgenommen werden. „Sie haben dann alles an einem Ort: Schlafen, Schule, Verpflegung und Trainingsplätze“, sagt Glavanics. Ein hohes sportliches Niveau sei wünschenswert, bei der Auswahl aber nicht entscheidend. „Wir wollen den Jugendlichen eine Chance geben. Wenn man diese Hintergründe kennt, muss der Mensch doch im Vordergrund stehen.“
Bedenken, dass die Spieler aufgrund des nahenden Meisterschaftsstarts nicht mehr rechtzeitig gemeldet werden könnten, räumt der ÖFB auf Nachfrage aus. Schließlich handle es sich nicht um Spielerwechsel, sondern Neuanmeldungen. Diese seien immer möglich. Selbst wenn die Jugendlichen davor schon bei ukrainischen Klubs gelistet waren, sei eine Meldung aufgrund einer Sonderregelung der FIFA möglich. Auch bei der Akademieliste, die vor Saisonstart eingereicht werden müsste, könne es zu Nachnennungen kommen.
NEUSTART IN DEN KARPATEN
Zu Redaktionsschluss ist es noch nicht so weit. Bis die Jugendlichen ihrem Traum vom Fußballspielen weiter nachgehen können, müssen sie das tun, was sie über die vergangenen Monate in Österreich gelernt haben: Warten. Ein Ende des Kriegs ist auch nach sechs Monaten nicht in Sicht, die Angriffe gehen weiter. Schiedsrichter Dmytro Zaporozhenko hat Saporischschja mittlerweile verlassen, er ist jetzt in Transkarpatien im Westen des Landes. Dort hat er gemeinsam mit einigen Mitstreitern ein neues Projekt ins Leben gerufen: die Football Academy Borjava. „Nicht alle Kinder haben die Möglichkeit, das Land zu verlassen“, sagt er. „Wir bieten ihnen hier Individualtraining im Fußball und anderen Sportarten an und unterrichten sie mit einem IT-Schwerpunkt. Sie sollen sich ablenken können und ein gesundes, glückliches und modernes Leben führen.“ Auch seine Karriere als FIFA-Schiedsrichterassistent setzt er fort.
Das macht auch Sara Telek. Im Juli hat sie als erste österreichische Schiedsrichterin bei einem Großturnier seit 2008 für Schlagzeilen gesorgt. Bei der EM stand sie unter anderem beim Semifinale zwischen England und Schweden an der Seitenlinie. „Das ist das größte europäische Ereignis, das man als Sportlerin erreichen kann – und dafür habe ich lange und hart gearbeitet“, sagt sie. Die Erfahrungen mit den ukrainischen Jugendlichen hätten ihr dabei geholfen. „Vielleicht hat mich das ruhiger gemacht, vielleicht haben sich die Relationen ein bisschen verschoben: Wenn ich dieser Gruppe am Ende ein bisschen geholfen habe, ist es wichtiger als jeder sportliche Erfolg.“
Mitarbeit: Tobias Fries
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