Familien sind kompliziert. Die Tochter will, statt eine Ausbildung zu beginnen, eine Weltreise machen, der Sohn raucht sich gerne ein und hat plötzlich schlechte Noten in der Schule, die Mutter bekommt trotz ihrer massigen Überstunden keine Beförderung, und der Vater versucht gar nicht einmal mehr, seine Affäre geheim zu halten. Dann gibt es noch die Oma, die das schon fix eingeplante Erbe lieber dem Tierschutzverein spenden will, die rassistische Tante, die immer neue Verschwörungstheorien erzählt, den reichen Cousin zweiten Grades aus Amerika, der vielleicht doch noch unverhofften Wohlstand bringt, und so weiter.
Was wohl alle so ähnlich aus eigener Erfahrung kennen, gilt auch für die am häufigsten im österreichischen Fußball beschworene Familie, die Rapid-Familie: Dort brodelt es seit dem Europacupausscheiden gegen den FC Vaduz nicht nur, es brennt. An allen Ecken und Enden finden sich Konflikte – zwischen dem Präsidium, der wirtschaftlichen Führung, der sportlichen Leitung, den Spielern, den Mitarbeitern, den Sponsoren, potenziellen Investoren, der lokalen Politik, ehemaligen Leistungsträgern und den Mitgliedern und Fans – vor dem Fernseher, im Stadion und der Kurve. Einmal folgen die Konfliktlinien der Gruppenzugehörigkeit, einmal gehen sie quer durch.
Ihr genauer Verlauf bleibt aber nebulös. Das ist dem jahrelang vom designierten Ex-Geschäftsführer Christoph Peschek vor sich hergetragenen Mantra „Gestritten wird im Wohnzimmer, nicht am Balkon“ ebenso geschuldet wie der Kritik von Peschek und dem designierten Ex-Präsidenten Martin Bruckner an einer nicht näher bestimmten negativen Stimmung im Verein. Auch die Drohung des Wahlkomitees, Präsidiumslisten, die an die Öffentlichkeit gehen, nicht zuzulassen, lässt die Lage weiter eskalieren. Was vermeintlich dem Schutz des Vereins dient, schadet ihm. All die beteiligten Personen und Gruppen haben Interessen, die sich logischerweise unterscheiden – ein Kurvengänger wünscht sich etwas anderes als ein Sponsor, ein Gelegenheitsfan etwas anderes als ein Geschäftsstellenmitarbeiter. Das Bemühen, Interessenskonflikte nicht auszusprechen, lässt sie nicht verschwinden. Es sorgt dafür, dass sie bis zur nächsten Explosion weiter köcheln.
Will der Mitgliederverein Rapid seine Handlungen und Visionen von den Mitgliedern legitimieren lassen, muss er diese informieren und involvieren. Tut er das weiterhin nicht, bereitet er den Boden für negative Stimmung, intransparente Absprachen und oft als ungerecht wahrgenommene Medienberichte. Will Rapid gar kein Mitgliederverein sein, muss das Präsidium das ebenfalls offen kommunizieren – und hoffen, dass es eine Mehrheit für die Abschaffung der Demokratie bekommt.
So oder so muss geklärt werden, wer Rapid eigentlich ist, wer zur Familie gehört und wer dort welche Rolle hat, wer am Erwachsenentisch sitzen darf und wer mit dem Kindertisch vorliebnehmen muss. Nur wenn der Klub seine formellen wie informellen Strukturen hinterfragt und bessere schafft, kommt er in einem langen Prozess aus dem ständigen Warten auf die nächste Explosion heraus. Die Hoffnung, dass der eine oder andere Sieg der Kitt für den zerrütteten Verein sein kann, sollte er begraben. Sportliche Erfolge sind nicht die Voraussetzung für gute Arbeit, sondern umgekehrt.