„Wir haben lange so getan, als wären wir Millionäre. Und auf einmal bist du in Maria Trost, und bei den Heimspielen schenkt der Obmann Bier aus.“
Eine neue Zeitrechnung
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Niemand will das Ende der Partie abwarten. Immer mehr Fans versammeln sich während der zweiten Hälfte entlang der Outlinien, ihre Zurückhaltung und die Polizei hindern sie daran, das Feld zu stürmen, dennoch wird das Gedränge immer dichter. Nach 85 Minuten hat Manfred Krassnitzer genug. Der Schiedsrichter pfeift ab, zwei Sekunden später stehen hunderte, zehn Sekunden später tausende Fans auf dem Rasen. Das Ergebnis ist völlig egal. Sie wollen feiern, sich selbst, ihre Spieler und den Meistertitel. Den ersten in der 102-jährigen Geschichte ihres Vereins.
8.000 Fans des Grazer Athletiksport-Klub sind an diesem Donnerstag, dem 20. Mai 2004, in der Südstadt. Die Meisterschaft hat der GAK schon am Wochenende zuvor unter Dach und Fach gebracht, doch die Trophäen gibt es erst nach der 1:2-Niederlage bei der Admira. Ein paar Minuten nach dem Abpfiff bekommt zunächst Roland Kollmann eine, mit 27 Treffern ist er Torschützenkönig. Dann darf die ganze Mannschaft jubeln: Bundesliga-Präsident Frank Stronach übergibt Trainer Walter Schachner und Kapitän Anton Ehmann den Teller. Neben ihnen steht Vereinspräsident Rudolf Roth, hinter ihnen die Spieler. Sie spritzen mit Sekt aus Magnumflaschen auf alles, was ihnen in die Quere kommt. „Das geht schon unter die Haut“, sagt Schachner im ORF-Interview. „Es ist ein schöner Augenblick für uns alle.“
Der Augenblick währt nicht lang. Zwar gewinnen die Grazer drei Tage später noch das Cupfinale gegen die Wiener Austria, doch dann beginnt der Niedergang. Zuerst werden Spieler verkauft und Präsidenten gewechselt, dann folgen der erste Konkursantrag, der Zwangsabstieg und weitere Konkursanträge. Die schillernden Herren, die den GAK groß gemacht haben, werden ihm zum Verhängnis. Acht Jahre nach der Meisterfeier wird im Dezember 2012 der Spielbetrieb eingestellt. Heute ist der Verein dank seiner Fans wieder eine feste Größe im Profifußball. Doch die Anhänger sind sich nicht immer einig. Während manche an alte Erfolge anknüpfen wollen, haben sich andere mit dem Alltag in der zweiten Liga angefreundet.
Quereinsteiger
Der Aufstieg und Fall des GAK begann wie viele verrückte Geschichten Anfang der 1990er Jahre. 1986 war der langjährige Präsident Anton Kürschner zurückgetreten, Stabilität gab es im Präsidium danach kaum, bis im Dezember 1990 Harald Fischl auf den Plan trat. Der Oststeirer war ein untypischer GAK-Präsident. Der Klub hatte seine Heimat seit der Gründung 1902 in der Körösistraße im bürgerlichen Stadtteil Geidorf, in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt und der Universität. Seine Funktionäre waren oft Beamte mit guten Beziehungen zur Landesregierung. Kürschner war hochrangiger Landesbediensteter, Konrad Reinthaler, der Langzeitpräsident der 1960er Jahre, Direktor einer höheren Schule. Beide trugen den Titel Hofrat. Fischl hingegen hatte keine Matura, nach einer Ausbildung zum Kellner verdiente er in der Versicherungsbranche viel Geld. Statt der ÖVP nahezustehen, die die Steiermark seit 1945 regierte, war er ein Freund Jörg Haiders. Im November 1990 zog er für die FPÖ in den Nationalrat ein. „Ich war kein großer Fußballfan“, sagt Fischl beim Telefongespräch mit dem ballesterer. Er erzählt viele Anekdoten und tut das mit Selbstbewusstsein. „Das Amt hat mich trotzdem gereizt. Ich wollte aus dem GAK eine konstante Größe machen.“ Schlecht sei es damals um die Finanzen gestanden. Sogar das Klubhaus auf dem Stadiongelände in der Körösistraße habe er verkaufen müssen.
Auch sportlich lief es nicht. Im Sommer 1990 stieg der GAK aus der Bundesliga ab, er sollte in den folgenden vier Jahren nicht zurückkehren. „Da war die Stimmung phasenweise gespenstisch“, sagt Matthias Dielacher, der heutige Vorstandssprecher des Vereins. Damals war er 14 Jahre alt und lediglich Fan, er wuchs in der Körösistraße auf. Wenn ihm seine Eltern verboten, zu den Spielen zu gehen, sei er auf dem Balkon der Wohnung gestanden, um an der Geräuschkulisse den Spielstand zu erahnen. „Aber bei manchen Spielen war so wenig los, da hast du niemanden gehört.“ 500 Leute sahen am 4. Juni 1992, dem letzten Spieltag der Zweitligasaison, das 4:4 gegen den Wiener Sport-Club, bei dem der GAK in der Schlussviertelstunde eine 4:1-Führung verspielte.
GAK goes Hollywood
„Ein kräftiges Lebenszeichen der Roten“ – So fasst die Kleine Zeitung den Neubeginn des GAK im August 2013 in der Ersten Klasse Mitte A zusammen. Zwei Tage zuvor hat der Klub seine erste Ligapartie beim GSV Judendorf gespielt, 1.000 Leute sind dabei gewesen, Tore aber keine gefallen. Judendorf liegt vor den Toren der Stadt, doch der Weg dorthin ein weiter. Denn lange Zeit ist unklar, ob der GAK überhaupt wieder spielen kann. Der Verein hat nichts. Dressen, Klublokal, Trophäen – über all das verfügt der Masseverwalter. Was den Fans geblieben ist, ist die Überzeugung, dass der GAK weiterleben muss – und die Verbindung zur lokalen Gastronomie. Ohne eigene Räumlichkeiten hält der junge Verein seine Sitzungen im Hinterzimmer eines kurdischen Lokals ab, auch die neuen Merchandiseartikel lagert er dort ein. Die Heimspiele werden im früheren Trainingszentrum in Weinzödl ausgetragen, die Anlage in direkter Nachbarschaft zur Mur pachtet der Verein von der Stadt.
Auch dass der neue Klub, der zu Beginn GAC heißt, wieder in den Ligabetrieb aufgenommen wird, ist keine Selbstverständlichkeit. „Die Konkurrenz wollte uns nicht, wir haben nicht den allerbesten Ruf gehabt“, sagt Florian Stadlober. Von 2005 bis 2020 war der 35-Jährige Vorsänger in der Kurve, seit 2013 ist er für das Marketing und den Fanshop des GAK zuständig. „Wir haben die Vereine durchgerufen und gesagt: ‚Hallo, wir sind der GAK, wir wollen euer Stadion gar nicht zerlegen.‘“ Die Charmeoffensive zeigt Erfolg – auch nach innen. „Wir haben lange so getan, als wären wir Millionäre. Wir haben so eine Arroganz verkörpert. Und auf einmal bist du in Maria Trost, und bei den Heimspielen schenkt der Obmann Bier aus“, sagt Stadlober. „Damit haben wir viele Leute gewonnen.“ Nach der Partie gegen Judendorf läuft es auch sportlich immer besser. Der GAK dominiert die unterste Liga. Mit einer Tordifferenz von 124:12 und ohne Niederlage fixiert er vier Runden vor Schluss mit einem 5:0 beim SV Weinitzen den Aufstieg.
Auch die nächste Saison beginnt fulminant. Nach zwei Siegen zum Auftakt müssen die Grazer am dritten Spieltag der Gebietsliga in den Vorort Seiersberg. Schon vor dem Spiel kündigt der Präsident der Hausherren ein Feuerwerk nach dem Spiel an. „Da haben wir gemerkt, dass wir im Unterhaus angekommen sind“, sagt Stadlober. „Es war ein echtes Volksfest.“ Ein Spanferkel gibt es, für die musikalische Unterhaltung sorgt DJ „Frankie Hollywood“. Die GAK-Fans lassen viel Geld in Seiersberg, die Punkte nehmen sie mit. 7:1 gewinnen die Gäste, es ist ein Vorgeschmack auf die restliche Saison. Wieder steigt der GAK auf.
Rütteln am Zaun
Lust auf den Aufstieg, die hatte auch Harald Fischl 20 Jahre zuvor. Im Herbst 1993 kam Hans-Ulrich Thomale als Trainer, im April 1994 stellte Fischl Peter Svetits als Manager ein, es war dessen erster Job im Fußball. „Er ist mir immer in den Ohren gelegen, was wir alles besser machen können“, sagt Fischl. „Dann habe ich mir gedacht, wenn er alles so genau weiß, soll er es beweisen.“ Svetits holte im Sommer 1994 Herbert Wieger von der Vienna und Franz Blizenec von Rapid, im Winter kamen Martin Amerhauser von Austria Salzburg und Roman Stary vom FavAC. Ein Mussziel nannte die Krone den Aufstieg des GAK aufgrund der Neuverpflichtungen. Der Druck war groß. Die Mannschaft hielt ihm stand. Am letzten Spieltag fixierte sie mit einem 3:1 über die SV Braunau den Meistertitel, 4.000 Fans feierten die Rückkehr ins Oberhaus. Die Spieler trugen Fischl und Thomale auf den Händen, immer wieder warfen sie die beiden in die Luft. Amerhauser feierte ohne Hose, Blizenec wurden in der Kabine die Haare geschoren. Die Fans sangen bei „We Are the Champions“ mit und skandierten „Kartnig, wir kommen!“
„In Weinzödl haben wir eine Schank betrieben und sind nach den Partien oft stundenlang geblieben. In Liebenau haben wir nichts.“
Hannes Kartnig war damals seit drei Jahren Präsident des Stadtrivalen Sturm. Während der GAK den Aufstieg feierte, freute er sich über den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. 1995 wurde Sturm Vizemeister, es war die erste Saison unter Ivan Osim. Der 20-jährige Mario Haas schoss 13 Tore, Markus Schopp und Gilbert Prilasnig waren kaum älter und spielten sich ebenso in die Stammformation wie Hannes Reinmayr und Ivica Vastic, der Regisseur der Mannschaft. „Manchmal bin ich am Abend an der Gruabn vorbeigefahren und habe gesehen, was dort los ist“, sagt Fischl. „Das hat mir einen Stich gegeben. Dann habe ich mir gedacht, das muss doch beim GAK auch möglich sein.“
Also sollte der Aufstieg nur ein Etappenziel sein. Im Sommer 1995 kamen Herfried Sabitzer und Dieter Ramusch vom LASK und Zeljko Vukovic von Vorwärts Steyr, Eduard Glieder, der schon von 1987 bis 1994 beim GAK gespielt hatte, kehrte zurück. Die Transfers schlugen ein. Am vierten Spieltag traf der GAK zu Hause auf Sturm, das Wiedersehen der Rivalen wurde zum Spektakel. Vor dem Spiel ließ die Krone die Präsidenten beider Vereine zu Wort kommen: „Der kleine Prinz auf Wolke Sieben. Keine Ahnung von Fußball“, sagte Fischl über seinen Konkurrenten. „Ich fahre lieber nach Verona und schaue mir Jose Carreras an. Kultur statt GAK“, konterte Kartnig. 11.000 Zuschauer kamen ins Stadion in der Körösistraße und sahen in der Anfangsphase ein vorsichtiges Abtasten. Mit der ersten Chance brachte Glieder die Hausherren in Führung. Nach dem Ausgleich durch Haas machte Sabitzer noch vor der Pause alles klar, er traf in der 32. Minute, sprang auf die Werbebande hinter dem Tor und rüttelte am Eisenzaun, der die Stehplatztribüne vom Spielfeld trennte. Fünf Minuten später ließ er das 3:1 folgen.
Der Liebenau-Komplex
Das Ergebnis war damals eine Überraschung, heute wäre es eine Sensation. Die Möglichkeit dazu hat der GAK am 19. Oktober. Das Achtelfinale im Cup ist das erste richtige Derby seit 15 Jahren, zuletzt sind die „Roten“ maximal auf die Zweitvertretung der „Schwarzen“ getroffen. Dennoch kommen 6.000 Zuschauer zum letzten Heimderby in der Regionalliga Mitte im August 2018. Die aktiven Fangruppen von Sturm boykottieren die Partie, da ein Spiel ihrer zweiten Mannschaft für sie kein Derby sei. 3:2 gewinnt der GAK damals, auch das Aufeinandertreffen in der Rückrunde entscheidet er für sich. Die Saison krönt er mit dem Aufstieg, es ist der sechste am Stück. Seit dem Sommer 2019 spielt der Klub in der zweiten Liga, aber nicht mehr in Weinzödl. Obwohl der Verein, mit den Fans als freiwilligen Helfern, auf der Anlage seit 2013 zwei neue Tribünen gebaut hat, ist er nach Liebenau gezogen. Der Platz in Weinzödl ist trotz der Modernisierungen nämlich nicht zweitligatauglich.
Begeisterungsstürme hat der Umzug nicht ausgelöst. „Wir haben ein bisschen einen Liebenau-Komplex“, sagt Ex-Vorsänger Stadlober. „Viele Fans fühlen sich dort nicht wohl.“ Der Stadtteil im Süden von Graz gilt als Kernland des Sturm-Anhangs, in den Straßen und Gassen um das Stadion dominieren Pickerl und Graffitis des Bundesligisten. Dazu kommt, dass das Stadion für die meisten Zweitligapartien viel zu groß ist und es nur wenige Lokale in der Umgebung gibt. „In Weinzödl haben wir eine Schank betrieben und sind nach den Partien oft stundenlang geblieben“, sagt Stadlober. „Dort unten haben wir nichts.“
Die Sportanlage in Weinzödl, 20 Busminuten vom Hauptbahnhof und etwa 30 vom Stadtzentrum entfernt, ist die Heimat des GAK, befreundete Wirten braucht er heute nicht mehr. Ein neues Gebäude, in dem sich die Geschäftsstelle befindet, gehört ihm dort. Ein älteres hat der Klub zum Fanshop umfunktioniert und in leuchtendem Rot gestrichen. Am großen Parkplatz davor kleben hunderte Pickerl, „Hier regiert der GAK“ steht auf einem in A4-Größe, „Rotes Graz“ auf einem anderen.
Fischls Bier
1995 spielte der GAK auch nach dem Sieg im Derby gut weiter, die erste Saison zurück im Oberhaus beendete er als Vierter – und qualifizierte sich für den UEFA-Cup. In der ersten Runde war Germinal Ekeren keine große Hürde, in der zweiten bekam es der Klub mit Inter zu tun. Am 15. Oktober stieg das Hinspiel in Mailand. Youri Djorkaeff, Ivan Zamorano und Javier Zanetti standen in der Startaufstellung, doch die Grazer hielten sich wacker. August Starek, der den GAK seit 1995 trainierte, hatte seine Mannschaft gut eingestellt, der junge Mann im Tor, Alexander Manninger, zeichnete sich immer wieder aus. Schließlich köpfelte in der 81. Minute Jocelyn Angloma ein, es blieb das einzige Tor. Für Dielacher ist das Spiel bis heute das Highlight seines Fanlebens. Er fuhr mit dem Bus vom GAK-Platz nach San Siro, fast ohne Pause, den ganzen Tag über. „Und auf einmal siehst du diesen Tempel“, sagt er. „Es war mir auch egal, dass nur knapp 9.000 Leute drin waren. Wenn du im Jahr davor noch gegen Stockerau gespielt hast, glaubst du, dass du träumst.“ Die Biere im Bus zurück gingen auf die Rechnung von Präsident Fischl.
Beim Rückspiel brachte Sabitzer den GAK nach einer halben Stunde in Führung, danach fiel 90 Minuten kein Tor mehr. Das Elfmeterschießen entschied Inter für sich. 10.000 Zuschauer kamen, mehr als ins San Siro – und das im Kapfenberger Alpenstadion. Der Umzug war Fischls Idee. Der Klub übersiedelte für die Saison 1996/97 in die obersteirische Stadt, 60 Kilometer nördlich von Graz. Das dortige Stadion war größer als das in der Körösistraße und bot mehr Werbeflächen. Fischl erhoffte sich ein Einnahmenplus und dass der Klub Fans nicht nur in der Hauptstadt, sondern in der ganzen Steiermark fand. Nach einem Jahr kehrte der GAK zurück. Doch in der Körösistraße wurde nur noch trainiert, die Heimspiele trug er im Liebenauer Stadion aus.
Rote Eminenz
Fischl hatte nicht nur eigenwillige Ideen, er wollte sie ohne lange Diskussion umsetzen. Im Februar 1997 hatte der GAK 70 stimmberechtigte Mitglieder, zu viele, fand der Präsident. Bei einer Generalversammlung wurden sie auf seinen Antrag auf 20 reduziert. „Ich will den Klub künftig als Firma führen, dafür brauche ich keine Quertreiber“, sagte er der Krone. Fischl plante, eine GmbH zu gründen, die sich um die operativen Geschäfte des Vereins kümmern sollte. Die Anteile daran wollte er an willige Geldgeber veräußern. Was heute selbstverständlich ist, war damals rechtlich nicht möglich: Fußballklubs durften ausschließlich als Vereine geführt werden. Fischl hoffte auf ein Entgegenkommen der Liga, auch über einen Börsengang dachte er nach. „Erst wenn man in der Champions League spielt, ist diese Variante ein Thema“, sagte er der Kleinen Zeitung im August 1998.
Doch so weit kam es nicht. Als Fischl den GmbH-Vorschlag im Oktober 1998 der Generalversammlung vorlegte, ließen ihn die Mitglieder fallen. Bis auf den Präsidenten stimmten alle gegen die Umstrukturierung. „Dabei war das Konzept fertig ausgearbeitet“, sagt Fischl dem ballesterer. „Ich hatte sogar schon einen Investor an der Hand.“ Noch im Zuge der Sitzung trat er zurück. Sein Nachfolger wurde der bisherige Manager Peter Svetits. Bevor ihn Fischl zum Verein holte, arbeitete er als Verkäufer von Werbematerialien. Die Schlüsselfigur im neuen Präsidium wurde aber Vizepräsident Rudolf Roth. Er war ein GAK-Urgestein, absolvierte das Gymnasium in Geidorf, stand danach, zwischen 1972 und 1977, im Tor des Vereins und blieb dem Klub anschließend als Sponsor erhalten. Das Geld dafür verdankte er seiner Herkunft. Roths Firma, die er von seinem Vater geerbt hatte, handelte in ganz Europa mit Öl, hatte Büros in Budapest, Moskau und Zagreb. Auch politisch war er gut vernetzt: Er saß im Grazer Vorstand des ÖVP-nahen Wirtschaftsbunds, sein Großvater fast 15 Jahre für die Partei im Nationalrat. „Diese Leute waren auf meinen Erfolg neidisch“, sagt Fischl, der heute mit Immobilien sein Geld verdient. „Sie haben mein Werk zerstört.“ Reich sei er mit seinem Engagement nie geworden. Im Gegenteil: Zwischen 3,5 und vier Millionen Euro habe er in den GAK gesteckt.
Statt einer GmbH bekam der GAK unter dem neuen Präsidium einen Wirtschaftsbeirat. 63 Mitglieder hatte der im März 1999, ihm gehörten nur Männer an, einige davon namhaft. Neben Roth saßen darin auch Karl Weißkopf, Chef von Hauptsponsor Liebherr, und die steirischen Industriellen Johann Christof und Helmut List, zwei Freunde von Roth. Der Verein war nicht mehr in der Hand des Emporkömmlings Fischl, der einen blauen Ferrari fuhr und sich immer wieder mediale Scharmützel mit Kartnig lieferte, sondern zurück in der des Grazer Bürgertums. Im Mai 2001 trat Svetits als Präsident ab, er blieb Sportdirektor. Sein Nachfolger wurde Roth, nach seiner Wahl erklärt er: „Wir wollen Sturm am Spielfeld und nicht unter der Gürtellinie schlagen.“
Graz ist nicht Violett
Grabenkämpfe dieser Art gibt es beim heutigen GAK nicht mehr, die alten Konflikte tauchen aber immer wieder auf. Fischl mischt bei der Neugründung mit, erst als klar wird, dass der Verein ganz unten einsteigen will, zieht er sich zurück. Auch der Name Roth fällt immer wieder, auch wenn er seit Jahren kein Spiel besucht hat. „Es gibt Leute, die glauben, dass er wieder Geld hineinstecken wird“, sagt Stadlober. „Und dass wir dann wieder ganz oben mitspielen.“
Die Funktionäre haben aktuell aber keine Ambitionen, in den Aufstiegskampf einzusteigen. Zwar hat der GAK in der Sommerpause mit Michael Liendl einen alternden Star verpflichtet, das Ziel bleibt aber ein Platz im oberen Tabellendrittel – mehr nicht. „Die Kurvengänger verstehen unseren Weg“, sagt Vorstandssprecher Dielacher. „Aber auf den Sitzplätzen und im VIP-Sektor beschweren sich einige nach jedem Spiel, das wir nicht gewinnen.“ Er zeigt E-Mails, die nach dem 1:1 beim FC Blau-Weiß Linz drei Tage vor dem Gespräch mit dem ballesterer eingetroffen sind. Neue Konzepte und große Namen schlagen die Verfasser dem Vorstand vor. Das Spiel in Linz sei einfach nur enttäuschend gewesen, schreibt einer. „Ich würde auch gerne in der Bundesliga spielen. Aber wir haben einfach nicht das Geld dazu“, sagt Dielacher. Zu Redaktionsschluss liegt der GAK auf dem dritten Platz in der zweiten Liga, in der Vorsaison wurde er Siebter.
Das Spannungsverhältnis zwischen Kurve und VIP-Tribüne begleitet den Klub seit dem Neuanfang, und es muss ausgehalten werden. Denn, so sagen die Funktionäre, der GAK werde aufgrund seiner Geschichte nicht nur von Stehplatzfans getragen. „Wir wollten nie ein reiner Kurvenverein wie Austria Salzburg sein“, sagt Dielacher. „Die Heterogenität hat uns stark gemacht.“ Auch wenn sich viele Geldgeber aus der alten Zeit verabschiedet haben, sind einige dabei geblieben und neue hinzugekommen. Dazu zählen Gerald Stoiser, Besitzer eines Thermenhotels und eines VIP-Abos, der Schinken- und Wurstfabrikant Ferdinand Sorger, der spätere Obmann Harald Rannegger und dessen Nachfolger, der Bauunternehmer René Ziesler. „Natürlich gibt es da manchmal unterschiedliche Interessen und Ansichten“, sagt Ex-Vorsänger Stadlober. „Aber durch die gemeinsame Arbeit der letzten Jahre haben wir uns angenähert.“
Fest des Huhnes
Kurz nachdem Roth 2001 das Präsidentenamt übernahm, wurde der GAK Dritter, zwei Punkte hinter Vizemeister Sturm. Es waren die großen Jahre des Grazer Derbys, beide Mannschaften gehörten um die Jahrtausendwende zu den besten Österreichs. Sturm wurde 1998 erstmals Meister, holte 1999 das Double. Für ganz oben reichte es beim GAK noch nicht, er wurde in beiden Jahren Dritter, gewann 2000 und 2002 den Cup. „In der Schule war die erste Frage immer: ‚Bist du Sturm oder GAK?‘“, sagt Zlatko Junuzovic, der 1999 als Elfjähriger in den Nachwuchs des GAK wechselte, dem ballesterer. „Wir waren immer in der Minderheit, aber das hat mir getaugt.“
„In der Schule war die erste Frage immer: ‚Bist du Sturm oder GAK?‘ Wir waren immer in der Minderheit, aber das hat mir getaugt.“
Bis Junuzovics Stunde schlagen sollte, dauerte es noch. Der Kern der Mannschaft bestand seit Jahren, dazu zählten neben Amerhauser und Ramusch auch Tormann Andreas Schranz sowie die Verteidiger Georg Pötscher und Ehmann. Unter der neuen Führung wurde der Kader noch einmal verstärkt. Mario Tokic und Mario Bazina kamen von Dinamo Zagreb, René Aufhauser von Austria Salzburg. Abermals wurde die Mannschaft Dritter, zwei Punkte hinter Vizemeister Sturm. Doch nicht das Grazer Duell bestimmte im Sommer 2002 die Schlagzeilen, sondern ein Konkurs. Wenige Wochen, nachdem der FC Tirol seinen dritten Titel in Serie gefeiert hatte, musste er zusperren. Auf 60 Millionen Euro sollte sich der Schuldenstand belaufen, später hielt ein Gutachter fest, dass der Klub eigentlich schon ab 1999 zahlungsunfähig gewesen sei. Auch beim SK Sturm lief es nicht. Zwar beendete er die Saison als Zweiter, doch Vastic, Reinmayr und Trainer Osim verließen den Verein. Gleichwertigen Ersatz fand Kartnig nicht. Das Spitzenfeld der Bundesliga dünnte sich aus. Vor Saisonbeginn gaben die BundesligaTrainer dem GAK die zweitbesten Chancen auf den Titel. Topfavorit war die Austria, die mit Frank Stronachs Millionen einige Spieler von Innsbruck nach Wien gelockt hatte.
Doch dem GAK misslang der Saisonstart, nach zwölf Runden lag er auf Platz neun. Am anderen Tabellenende war die Austria davongezogen und hatte vier Punkte Vorsprung auf den ersten Verfolger aus Pasching. Dann sorgte Stronach für einen Skandal: Er entließ Trainer Walter Schachner und verpflichtete Christoph Daum. Menschenverachtend nannten die Krone und die Tiroler Tageszeitung die Ablöse. „Frank Stronach spielt mit Geld und Menschen“, hieß es im Kurier. Stronach gab die Antwort auf seine Weise: „Wenn du mit den Adlern kreisen willst, kannst du nicht mit den Hühnern herum pecken“, sagte er bei der Präsentation des neuen Trainers im Franz-Horr-Stadion.
Über den Zenit
Für den GAK entpuppte sich das entlassene Huhn als Glücksfall. Der Klub verpflichtete den Steirer Schachner nur eine Woche später. Er installierte sein Markenzeichen, das 4-4-2, und erreichte die Mannschaft sofort. Von den verbleibenden 23 Ligaspielen gewannen die Grazer 13 und verloren nur drei. Sie wurden Vizemeister, es war die bis dahin beste Platzierung in der Vereinsgeschichte. In der von Schachner erfundenen „Schoko-Tabelle“, die nur die Spiele unter seiner Leitung zählte, lag das Team sogar auf Rang eins.
Es folgte die Krönung. Die Grazer lagen in der Meistersaison von Anfang an im Spitzenfeld, im Frühjahr lieferten sie sich einen Zweikampf mit der Austria. Fünf Runden vor Schluss kam es im ausverkauften Horr-Stadion zum Gipfeltreffen. Der GAK war von Beginn an spielbestimmend, nach einer halben Stunde schoss Bazina aus spitzem Winkel das 1:0. In der zweiten Halbzeit zeigte die Mannschaft ihre Reife. Sie ließ nicht mehr viel zu und nutzte ihre Konterchancen. Kollmann und Amerhauser trafen, die Austria erzielte kurz vor Schluss nur noch den Ehrentreffer. Die 1.000 mitgereisten Grazer jubelten, Präsident Roth sagte nach dem Spiel: „So eine entscheidende Partie hat der GAK noch nie gewonnen. Jetzt haben wir es selbst in der Hand.“ Vier Wochen später stemmten Schachner und Ehmann den Meisterteller in der Südstadt. Drei Tage danach besiegte die Mannschaft die Austria abermals, diesmal im Elfmeterschießen im Cupfinale. Der GAK war am Zenit, der finanziell schwer angeschlagene Stadtrivale fixierte erst am letzten Spieltag den Klassenerhalt und wurde Neunter.
Köpferollen
Auch in der folgenden Saison spielte der GAK lange um den Titel mit, am 33. Spieltag konnte auch seine große Nachwuchshoffnung ihr Können unter Beweis stellen. Junuzovic debütierte in der Bundesliga. Auf die Frage, ob er sich erinnern könne, wer der Gegner war, muss er nicht einmal nachdenken. „Das war ein Derby“, sagt er. Eine Viertelstunde vor Schluss brachte Schachner ihn beim Stand von 0:1 in die Partie. „Als mir Co-Trainer Klaus Schmidt gesagt hat, dass ich jetzt eingewechselt werde, habe ich geglaubt, ich höre nicht richtig. Ich war so nervös.“ In der 89. Minute glich der GAK aus, Ehmann traf zum 1:1. Am Ende trennte den GAK ein Punkt von der Titelverteidigung, Meister wurde 2005 der SK Rapid.
Der Einsatz von Junuzovic war ein Vorbote, bei den Grazern vollzog sich ein Generationswechsel – auf allen Ebenen. Nach Saisonende trat Präsident Roth zurück, sein Nachfolger hieß Harald Sükar, er war Chef von McDonalds in Österreich. Bald machten Gerüchte über Altlasten und einen hohen Schuldenstand die Runde, vom Wirtschaftsbeirat hatte da schon seit Jahren kein Mensch mehr geredet. Mit Tokic und Aufhauser verließen zwei Stützen den Verein. Im Winter beurlaubte Sükar Meistertrainer Schachner, der GAK konnte ihn sich nicht mehr leisten. „Der GAK steht wirtschaftlich nicht auf den tollsten Beinen. Wir müssen den Verein wirtschaftlich und sportlich neu konsolidieren“, sagte der Präsident der Kleinen Zeitung. Fünf Tage später verkaufte der Klub Bazina um 1,5 Millionen Euro an Rapid. Im Juli 2006, nach 385 Tagen im Amt, nahm Sükar den Hut, sein Nachfolger wurde Stephan Sticher, Unternehmer im Bildungssektor. „Wir waren zuerst total perplex, weil wir nicht gewusst haben, dass wir derart verschuldet sind“, sagt Matthias Dielacher. „Und im Präsidium haben sie sich gegenseitig die Schuld gegeben.“
Konkursserie
Am Ende der Saison 2006/07 war der GAK Letzter, 22 Punkte zog ihm die Bundesliga wegen diverser Lizenzverstöße ab. Sie erteilte dem Klub nicht einmal die Spielgenehmigung für die zweite Liga, er musste in der Regionalliga weiterspielen. Der Anhang verfolgte die sich überschlagenden Geschehnisse zuerst ungläubig, dann machtlos. „Es hat damals keine kritische Masse gegeben, die sich in den Verein einbringen wollte“, sagt Stadlober. „Das haben wir erst aufbauen müssen.“ Im Juni 2007 gründeten Fans, darunter Stadlober und Dielacher, die Initiative 1902, die Einblick in die Bücher und die Demokratisierung des Vereinswesens verlangte. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, appellierten sie an die Fanbasis, Abos nicht zu verlängern und das Geld stattdessen auf ein Treuhandkonto zu überweisen. Erst wenn Sticher eine Generalversammlung abhielt, sollte der Verein die Summe erhalten.
Die Funktionäre haben aktuell aber keine Ambitionen, in den Aufstiegskampf einzusteigen. Zwar hat der GAK in der Sommerpause mit Michael Liendl einen alternden Star verpflichtet, das Ziel bleibt aber ein Platz im oberen Tabellendrittel – mehr nicht.
Doch bevor es zur Eskalation kam, trat der Präsident im Juli zurück. „Natürlich fragst du dich heute, warum wir nicht schon früher aktiv geworden sind“, sagt Dielacher. „Aber das war ja bei kaum einem Verein anders.“ Stichers Nachfolger wurde ein alter Bekannter: Harald Fischl. Er berief eine Generalversammlung ein, bei der es gelang, mit Michael Gaisbacher einen Fanvertreter ins Präsidium zu wählen, er wurde Stellvertreter Fischls. „Er war mir weder persönlich noch politisch sympathisch“, sagt Gaisbacher, der heute Rechnungsprüfer des Vereins ist. „Aber wir haben uns gedacht, dass es wichtig ist, dass jemand von uns Einblick hat.“
Sportlich startete der GAK wechselhaft in das Abenteuer Regionalliga. Die ersten beiden Spiele verlor er, dann fing sich die Mannschaft und überwinterte als Sechster. Doch in der Winterpause hatte der Klub andere Probleme, er war schon wieder insolvent. Im November 2007 meldete er ein zweites Mal Konkurs an. 17 Millionen Euro Schulden hatte der Verein, 15 Millionen davon aus der Zeit in der Bundesliga. „Es sind Schulden einer Tochtergesellschaft des GAK aufgetaucht, von denen wir nichts gewusst haben“, sagt Gaisbacher. „Sie sind uns fällig gestellt worden.“ Das Präsidium konnte das Geld nicht auftreiben, also leistete ein anonymer Investor die Zahlungen – wie es hieß, aus dem Netzwerk von Roth. Er stellte eine Bedingung: Fischl und Gaisbacher sollten zurücktreten. Die beiden erfüllten dem Geldgeber den Wunsch. „Du willst den Verein ja nicht auf dem Gewissen haben. Aber wenn du ständig Leichen im Keller entdeckst, bist du eigentlich nicht arbeitsfähig.“
Mit dem Geld des Investors gelang der Zwangsausgleich, doch schon zwei Jahre später stellte die steirische Gebietskrankenkasse wegen ausstehender Zahlungen den nächsten Konkursantrag – erneut entging der Klub durch einen Zwangsausgleich der Auflösung. Die Berichte in den Medien wurden zunehmend hämischer, der Verein zur Lachnummer: „Der GAK wird in die Insolvenzgeschichte eingehen: Dreimal pleite“, schrieb das Wirtschaftsblatt, „Insolvenzhattrick verwirklicht“, hieß es in der Kleinen Zeitung, „Der Masseverwaltung wird sich in die Materie nicht lang einarbeiten müssen, er heißt wie in den ersten beiden Fällen Dr. Norbert Scherbaum“, meldete die Krone.
Abbruch und Aufbruch
„Das war eine Scheißzeit“, sagt Stadlober. „Vielleicht hätten wir früher den Neustart forcieren müssen, aber wir waren einfach nicht so weit.“ Der Verein stellte trotz allem eine konkurrenzfähige Mannschaft. Sie verpasste 2009 und 2011, unter Trainer Peter Stöger, zweimal knapp den Aufstieg. 2012 wurde der GAK Meister der Regionalliga Mitte, er musste in die Relegation gegen den Letzten der zweiten Liga, den TSV Hartberg. Nach einem 0:0 im ausverkauften Liebenauer Stadion fiel die Entscheidung auswärts. Das Rückspiel wurde nicht fertig gespielt, aber, anders als 2004 in der Südstadt, nicht wegen eines Freudenfests. Nach dem 3:0 der Hartberger in der 76. Minute stürmten rund 40 GAK-Fans das Feld, Schiedsrichter Alexander Hameter brach die Partie ab. „Das Match hat sich angefühlt wie der letzte Strohhalm“, sagt Stadlober, der damals der Vorsänger war. „Danach bin ich beim Bierstand gestanden und habe gedacht, jetzt ist es wirklich aus.“
Als vier Monate später der Verein zum vierten Mal Konkurs anmeldet, spucken auch die alten Quellen kein Geld mehr aus. In der Kleinen Zeitung erscheint am Tag des Konkurses eine Kolumne mit dem Titel Scheuklappen. „Aber 110 Jahre nach der Gründung ist der GAK nur noch ein Häufchen Elend ohne jegliche Vorbildwirkung“, schreibt Sportredakteur Günter Sagmeister darin. „Ich habe das gelesen und mir gedacht: ‚Das glaubst auch nur du‘“, sagt Matthias Dielacher. Kurz darauf erfährt er, dass Harald Rannegger eine Facebook-Gruppe zur Rettung des GAK gegründet hat. Noch am selben Tag telefonieren die beiden, sie sind sich einig: Es muss etwas passieren. Um sie herum wächst in den Wochen darauf eine Runde, die den Neustart wagen will. „Wir haben uns nicht gegründet, damit wir wieder Meister werden“, sagt Dielacher. „Wir haben uns gegründet, damit es uns noch gibt.“
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