In Europa ringen Politiker, Medien und Fußballverantwortliche seit Jahren um eine Haltung zum WM-Ausrichter. Beim Blick auf Katar stehen ihnen Vorurteile oft ebenso im Weg wie Profitinteressen.
Am Anfang war die Hitze, die Korruption und die fehlende Fußballkultur. Der europäische Blick auf das Land, das den Zuschlag für die WM 2022 erhielt, war eng. Die Menschenrechte in Katar waren nicht nur für die FIFA ein nachrangiger Gedanke, auch in den Medien fanden sich in den ersten Monaten kaum Verweise darauf. So berichtete der Tagesspiegel Mitte Dezember 2010: „Gastarbeiter sind zwar oft nicht gut bezahlt – viel Geld braucht aber niemand, um in Katar ins Stadion zu gehen. Dass trotzdem kaum Stimmung aufkommen will, liegt auch an der in Katar verbreiteten Unlust zum Singen.“ Frauen hätten zwar weniger Rechte, es gäbe jedoch Fortschritte, hieß es: „Vor wenigen Jahren noch hingen die Gewänder wie Kartoffelsäcke an den Frauen, jetzt sind die Kleider figurbetont und mit aufgestickten Mustern geschmückt.“ Der Text, der mit „Katar – der Schleier lüftet sich“ überschrieben und mit Kamelbildern illustriert war, ist nur ein Beispiel von vielen für den exotisierenden Blick auf arabische Länder.
Näher an den Problemen waren die „Queer Football Fanclubs“, die im Jänner 2011 eine Resolution an die FIFA verabschiedeten, in der sie die WM-Vergabe und die Ausgrenzung schwuler und lesbischer Fans kritisierten und die Einbeziehung von Menschenrechtskonventionen in die Vergaberichtlinien verlangten. Im Dezember 2010 war FIFA-Präsident Joseph Blatter nach der Sicherheit homosexueller Fans bei der WM gefragt worden, unter viel Gelächter hatte er geantwortet, sie müssten eben auf Sex verzichten.
Rauschen im Hintergrund
Doch das dominierende Thema neben der mutmaßlich gekauften Vergabe und den korrupten Strukturen der FIFA waren zunächst die Temperaturen in Katar. Wie sollte bei mehr als 40 Grad im Juni und Juli Fußball gespielt werden? Werden Stadien und Trainingsplätze angemessen gekühlt? Auf das Wohlergehen von Spielern und Funktionären sei in den Verträgen zwischen FIFA und Katar explizit eingegangen worden, sagt Sandra Iyke von Amnesty Österreich. „An die Arbeiter und Arbeiterinnen hat man nicht gedacht.“ Die 2015 beschlossene Verlegung in den November und Dezember 2022 brachte den nächsten Aufreger: eine WM im Winter. Das hatte es ja noch nie gegeben. Biergarten- und Christkindlmarktbetreiber klagten gleichermaßen über erwartete Umsatzeinbußen, Witze über „Public Glühing“ und Wolltrikots machten die Runde. Auf die Tatsache, dass es sich lediglich auf der Nordhalbkugel um den Winter – und genau genommen den Herbst – handelt, wiesen nur wenige Berichte hin.
„Zum ersten Mal in der Geschichte des Sports beachten wir diese Menschen, die die Ziegel tragen, aus denen unsere Stadien gebaut werden.“
Lise Klaveness, norwegische Verbandspräsidentin
Zu diesem Zeitpunkt waren die Arbeits- und Lebensbedingungen auf den katarischen Baustellen ins europäische Bewusstsein gedrungen. Fans, Funktionäre und Journalisten wussten, was sich hinter dem Begriff Kafala-System verbarg – dank der Arbeit internationaler Gewerkschaften und der Recherchen des Guardian. Im September 2014 übten unter anderem der ehemalige Werder-Profi Marco Bode und Sky-Kommentator Marcel Reif im Magazin Cicero Kritik an Katar. Auch Eric Cantona ist seit Langem ein prominenter Gegner der WM. „Es geht nur um Geld. Tausende von Menschen sind gestorben, es ist furchtbar. Und trotzdem werden wir diese WM feiern“, sagte er.
Tim Sparv, Kapitän des finnischen Nationalteams, schrieb im Herbst 2021 für Players Tribune über seine Auseinandersetzung mit der WM. „Ich habe angefangen, über Menschenrechtsverletzungen zu lesen, die Ausbeutung der Gastarbeiter. Ich war erschüttert, aber irgendwie war es auch ein Hintergrundrauschen“, schrieb Sparv. „Ich habe nicht wirklich verstanden, was es bedeutet.“ Über die Spielergewerkschaft FIFPRO informierte er sich weiter und konnte mit Arbeitern aus Katar sprechen. Er forderte seine Kollegen auf, ihre Position zu nutzen und ebenfalls Stellung zu beziehen. „Wir haben eine steile Lernkurve hinter uns“, sagte Lise Klaveness, die norwegische Verbandspräsidentin, im September 2022. „Zum ersten Mal in der Geschichte des Sports beachten wir diese Menschen, die die Ziegel tragen, aus denen unsere Stadien gebaut werden.“
Abgesagte Reisen
Auch die Kooperationen europäischer Fußballklubs brachten das Thema Katar in den Fokus: die katarischen Millionen für Paris Saint-Germain und Barcelona, der italienische Supercup in Doha und die Trainingslager von Bayern, Red Bull Salzburg und anderen Teams im Emirat. Neben Gewerkschaften, Menschenrechtsorganisationen und Medien verschaffte der Protest von Fans den problematischen Aspekten des katarischen Gelds immer wieder Öffentlichkeit. Als Zentrum der Kritik kristallisierten sich Deutschland und die skandinavischen Länder heraus. 2020 gründeten die Autoren Bernd Beyer und Dietrich Schulze-Marmeling die Initiative BoycottQatar 2022. Um sie herum entstand ein Netzwerk von Fangruppen, Organisationen und Personen, die mit Veranstaltungen, Texten und Büchern informieren und ihre Standpunkte mit Bannern und Pickerln in die Stadien tragen.
Protest in Düsseldorf – Fortuna-Fans rufen zum WM-Boykott auf
Die Forderungen von Fangruppen variieren in der Radikalität: So forderte das vereinsübergreifende Ultrabündnis „ProFans“ im Vorjahr vom DFB, nicht an der WM teilzunehmen. „Unsere Kurve“ verlangte zeitgleich vom Verband, sich in Katar und bei der FIFA für konkrete Verbesserungen einzusetzen. Die „Queer Football Fanclubs“ riefen Mitte Oktober 2022 zu Demonstrationen vor den katarischen Vertretungen in Berlin und München auf. Die Organisation rät queeren Fans von einer Reise zur WM ab. „Wir sind auch in Kontakt mit ‚Pride in Football‘ in England, deren Mitglieder bei den Europameisterschaften im Sommer in England und im Vorjahr auch mit Bannern im Stadion präsent waren“, sagt Sven Kistner. „Auch von ihnen fährt niemand nach Katar.“
In Norwegen forderten Anfang 2021 mehrere Erstligisten, darunter Rosenborg, Tromsö und Valerenga, den Fußballverband auf, der WM bei einer sportlichen Qualifikation fernzubleiben. Die Vereine erklärten, die WM ihrerseits nicht zu bewerben. Hinter dem Protest standen Fans und Mitglieder, sie erzwangen eine Abstimmung bei der Generalversammlung des Verbands, der sich aber mehrheitlich gegen den Boykott aussprach. Die finnischen und schwedischen Nationalteams, die mehrere Trainingslager in Doha veranstaltet hatten, beendeten die Zusammenarbeit im Vorjahr.
Diplomatische Energie
Der Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022 erhöhte die Bedeutung Katars für zahlreiche europäische Länder schlagartig. In den folgenden Wochen und Monaten häuften sich Staatsbesuche aus und in Katar, Bundeskanzler Karl Nehammer und Energieministerin Leonore Gewessler reisten schon Anfang März nach Doha, um über Gaslieferungen zu verhandeln. Die Energiegespräche haben offenbar auch Einfluss auf das WM-Protokoll. Den Olympischen Winterspielen in Peking blieb die Führungsriege der deutschen Regierung fern, Außenministerin Anna Lena Baerbock sagte damals: „Man kann große Sportfeste nur wirklich feiern, wenn andere Menschen dafür nicht mit ihrem Leben bezahlen müssen.“ Auf die Frage, ob er zur WM fahren werde, sagte Kanzler Olaf Scholz im Rahmen seiner Golfreise im September, das werde zeitnah entschieden. „Aber das wird schon so sein, dass da jemand dabei ist.“
Auch in den Ländern anderer WM-Teilnehmer bereitet die Frage der politischen Repräsentation auf den Stadionrängen vielen Kopfzerbrechen. In Dänemark ist der Verband auf kritische Distanz zum Ausrichter gegangen, die sozialdemokratisch geführte Regierung hat eine Entscheidung hinausgezögert – und wird sie nach der vorgezogenen Wahl am 1. November vermutlich nicht mehr treffen müssen. Das niederländische Parlament sprach sich im Februar 2021 dafür aus, dass weder Mitglieder des Königshauses noch Minister nach Katar reisen sollten. Unter den Vorzeichen der Energiekrise möchte die Regierung jedoch mindestens einen Vertreter zur WM entsenden. Im Vereinigten Königreich verkündete die Labour-Partei Mitte Oktober, dass trotz Einladung aus Katar kein Mitglied des Schattenkabinetts vor Ort sein werde.
Menschenrechte mit Aber
Die öffentlichen Anlässe, bei denen Vertreter Katars zur Kritik an ihrem Land Stellung nehmen, zeigen: Zwischen der Idee universell geltender Menschenrechte und dem Betonen der kulturellen Identität ist kaum zu vermitteln. Alle seien willkommen, erklärte Emir Tamim Bin Hamad Al Thani auf die Frage, ob homosexuelle Fans zur WM reisen könnten. „Aber wir erwarten und wollen, dass die Menschen unsere Kultur respektieren.“ Eine öffentliche Demonstration von Zuneigung homo- wie heterosexueller Art sei in Katar nicht üblich und daher unerwünscht.
Katarer halten ihren Kritikern aus Europa vor, die erreichten Reformen der Arbeitsrechte nicht ausreichend zu würdigen und sich zudem in Doppelmoral zu üben. „Die WM fand vor vier Jahren in einem Land statt, das die Krim annektiert hatte, das Journalisten in Gefängnisse sperrte“, sagte der katarische Botschafter in Deutschland auf einem Kongress des DFB. „Es gab keinen Fokus auf dieses Land – weder von Deutschland noch von einem anderen europäischen Land.“ Er trifft einen Punkt: Ob, wann, warum und wie intensiv die Regierungen und Fußballverbände Europas sich um die Unterdrückung von Arbeitern, Frauen und Homosexuellen in anderen Ländern kümmern, hängt eng mit ihren Interessen zusammen. Das sagt jedoch mehr über Europa aus als über Katar.
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