Malcolm Bidali arbeitete in Katar, wurde dort verhaftet und setzt sich heute für die Rechte von Arbeitsmigranten ein. Im Interview spricht er über die Lebensbedingungen im Emirat und das Versagen der FIFA.
„Die Katarer haben das Recht, die WM zu genießen“, sagt der Kenianer Malcolm Bidali, obwohl er die Arbeitsbedingungen und den Umgang mit Kritikerin in Katar am eigenen Leib erfahren hat. Bidali kam 2016 zum ersten Mal ins Emirat, um dort beim Bau der neuen U-Bahn-Linien zu arbeiten. Nachdem er auf einem Blog und in Social-Media-Kanälen über seinen Alltag berichtete, saß er 2021 vier Wochen in Isolationshaft und wurde angeklagt. Er gefährde mit Falschnachrichten das System. Erst nach internationalen Protesten konnte er nach Zahlung einer Geldstrafe von rund 6.000 Euro das Land verlassen. Im Herbst 2022 erzählte er seine Geschichte auf Einladung von Menschenrechts- und Bildungsorganisationen in Deutschland und Österreich. Zum Interview mit dem ballesterer in einem Wiener Lokal kommt Bidali im Sankt-Pauli-Pullover, den er bei der Hamburger Station der Tour geschenkt bekommen hat. Aber eigentlich interessiere ihn Fußball nicht mehr, sagt er. Früher habe er einmal für Arsenal geschwärmt, heute sei ihm der Sport zu kommerziell.
ballesterer: Sie sind seit zwei Wochen in Deutschland und Österreich unterwegs. Wie verläuft die Reise bisher?
Malcolm Bidali: Ich habe viel über die Fußballkultur in den Städten, in denen ich war, gelernt, und wie diese mit der Politik und sozialen Problemen verbunden ist. Und wir haben ein großes und interessiertes Publikum gehabt. Für die Leute war es etwas Besonderes, Menschen zu hören, die in Katar gearbeitet haben. Europäer können die ganze Geschichte gar nicht kennen. Ich möchte sie auf die Situation der Arbeitsmigranten in Katar aufmerksam machen.
Sie haben in Katar für zwei Firmen gearbeitet. Waren die Bedingungen bei beiden schlecht?
Nein, die erste Firma hat bessere Arbeitsbedingungen gehabt. Wir haben einen Tag die Woche frei gehabt, gute Arbeitszeiten, ein Fahrzeug, das uns zum Einkaufen gebracht hat, und viel bessere Unterkünfte. Ich glaube, ich habe sogar ein paar Kilo zugenommen. Die zweite Firma war schrecklich. Furchtbare Arbeitszeiten, Unterkunft, Essen …, einige meiner Habseligkeiten sind beschädigt worden. Das war der Auslöser, dass ich über eine NGO einen anonymen Artikel über unsere Situation veröffentlicht habe.
Haben Sie nach der Veröffentlichung Angst vor den Konsequenzen gehabt?
Nein, gar nicht. Ich habe nur daran gedacht, dass ich unsere Geschichte erzählen muss. Ich wollte, dass über unsere Situation gesprochen wird.
Haben Sie von den schlechten Arbeitsbedingungen gewusst, bevor Sie nach Katar gegangen sind?
Nein. Ich habe keine Ahnung gehabt, was mich erwarten würde. Ich habe nur gewusst, dass Katar reich ist, und mir deswegen gedacht, dass es ein guter Ort sei, um dort zu arbeiten. Bei meinem ersten Job hat sich das auch bewahrheitet. Ich habe Glück gehabt. Wie schlecht es anderen Gastarbeitern gegangen ist, habe ich gar nicht mitbekommen. Als ich das zweite Mal dort war, habe ich erwartet, dass es wieder so werden würde. Ich war schockiert, als es anders gekommen ist.
Warum sind Sie zum Arbeiten aus Kenia nach Katar gegangen?
Im Vergleich sind die Arbeitsbedingungen in Katar viel besser. Katar hat einen Mindestlohn, Kenia nicht. Es gibt höhere Sicherheitsvorschriften: Helme, Schutzbrillen, Schuhe, Handschuhe, auch Sicherheitsbeauftragte. In Kenia haben wir das nicht. Die Menschen kommen in Sneakers auf Baustellen. In Katar verdient man mehr, bekommt Verpflegung und oft eine bezahlte Unterkunft.
Als Gastarbeiter muss man eine Vermittlungsgebühr zahlen, um einen Job in Katar zu bekommen. Wie viel hat Sie das gekostet?
Ich habe 1.200 Dollar gezahlt. Ich habe das Geld nicht gehabt, aber zum Glück hat mir meine Mutter geholfen. Andere müssen Kredite aufnehmen oder ihre Grundstücke verkaufen. Man muss vorher auch angeben, wie lange es dauern wird, bis man das Geld zurückzahlt. Wenn man etwa 400 Dollar verdient und die Hälfte für den Schuldenabbau nutzt, dauert es etwa sechs Monate, bis man überhaupt seinen vollen Verdienst behalten kann. Das ist noch das Best-Case-Szenario, so war es bei mir. Andere müssen Frau und Kinder mitversorgen. Man kann also nicht einfach zurück in die Heimat gehen, nur weil die Arbeitsbedingungen schlecht sind.
„Auf den Baustellen der WM-Stadien herrschen dank des internationalen Drucks bessere Arbeitsbedingungen. Das ist unfair, der Anteil dieser Baustellenarbeiter ist unter allen Gastarbeitern doch minimal.“
Gibt es einen Unterschied zwischen WM-Baustellen und anderen Baustellen?
Auf den Baustellen der WM-Stadien herrschen dank des internationalen Drucks bessere Arbeitsbedingungen. Das ist unfair, der Anteil dieser Baustellenarbeiter ist unter allen Gastarbeitern doch minimal. Wer nicht dort arbeitet, hat kein Anrecht auf Menschenrechte, oder was? Alle wollen auf den WM-Baustellen arbeiten. Ein Freund von mir ist auf eine Stadionbaustelle versetzt worden. Er hat sofort eine Gehaltserhöhung und eine bessere Unterkunft bekommen.
Die Unterkünfte der Arbeiter liegen weit außerhalb der Städte. Haben Sie die Möglichkeit gehabt, nach Doha zu fahren?
Ja. Ich habe meine Freizeit oft zum Einkaufen genutzt. Am Ende des Monats bin ich manchmal zu KFC gefahren. Eine Belohnung, die ich mir in Kenia nicht leisten konnte. Ich bin auch mit dem Bus nach Doha gefahren, um einfach herumzuspazieren, mir das Meer und die Gebäude anzuschauen, in den Park oder ein Museum zu gehen. Manchmal bin ich einfach einen Kaffee trinken gegangen und habe gelesen. Meistens war ich dabei alleine, erst gegen Ende habe ich Freunde gefunden.
Hatten Sie auch Kontakt zu Katarern?
Das möchte ich lieber nicht beantworten.
Hat es Einheimische gegeben, die Ihnen helfen wollten?
Ich beantworte das diplomatisch: Ich weiß von katarischen Bürgern, die an sozialen Debatten teilnehmen wollen. Sie haben das schon getan, lange bevor ich einen Fuß nach Katar gesetzt habe. Es ist nicht so, dass die Menschen keine Stimme hätten. Sie haben eine und setzen diese ein. Ein Beispiel: Als ich verhaftet worden bin, haben Studierende einen Brief geschrieben, in dem sie sich für meine Freilassung eingesetzt haben. Das war sehr riskant für sie. Es gibt Katarer, die sich nicht nur für die Rechte von Gastarbeitern, sondern auch für die Rechte von Frauen und der queeren Community einsetzen.
Sie haben mit einer Kollegin, die als Hausangestellte in Bahrain gearbeitet hat, die NGO Migrant Defenders gegründet. Welche Ziele verfolgen Sie mit der Organisation?
Wir haben als Migranten das Recht, an der Diskussion um Arbeitsrechte teilzunehmen. Und es ist unsere Pflicht als Menschen, die es herausgeschafft haben, für die einzutreten, die in anderen Ländern arbeiten oder das vorhaben. Wir wollen unsere Geschichte teilen und helfen, indem wir Informationen zu Arbeitsrechten und zuständigen Behörden anbieten. Wir stehen aber noch ganz am Anfang, weil wir noch finanzielle Mittel für unser Projekt brauchen.
Würden Sie mit Ihren Erfahrungen Menschen aus Kenia empfehlen, in Katar zu arbeiten?
Ich würde niemandem davon abraten. Ich würde sagen: „Wenn ihr wirklich auswandern wollt, dann wendet euch an eine seriöse Agentur.“ Manche Agenturen betrügen die Arbeiter. Sie kassieren die Vermittlungsgebühr ein und melden sich dann nicht mehr. Wenn ihr also auswandern wollt, sucht euch eine Agentur, die euch in diese Länder vermitteln kann. Ich kann nicht davon abraten, weil die Menschen oft keine Wahl haben. Vielleicht müssen sie Schulden begleichen, vielleicht müssen sie die Familie versorgen.
Was können Europäer tun, um die Situation vor Ort zu verbessern?
Wir brauchen eine langfristige Herangehensweise. Man kann so viel schreiben, wie man will, an die Presse gehen, Kampagnen starten – am Ende spielt die Politik eine sehr große Rolle. Die politischen Entscheidungsträger haben die Macht, dauerhafte Veränderungen zu bewirken. Es wäre wichtig, wenn die Europäische Union Druck auf die Verantwortlichen in Katar ausüben würde. Das würde langfristig helfen.
In Europa sind immer wieder Stimmen zu den Menschenrechtsverletzungen in Katar laut geworden. Haben Sie davon etwas mitbekommen?
Ja, am meisten aus Norwegen. Dort hat es eine starke Kampagne zum Boykott der WM gegeben. Sie haben versucht, die Debatte in Gang zu halten. Tromsö IL hat ein Trikot mit einem QR-Code produziert, über den man Informationen über die WM und die Ausbeutung in Katar erhalten hat. Von den Regierungen allerdings ist meiner Meinung nach zu wenig gekommen.
Hat die FIFA genug getan?
Die FIFA hat in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass sie die Menschenrechtssituation in den Veranstalterländern nicht interessiert. Vor meiner Zeit in Katar habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, was die FIFA tut. Erst als ich mich mit dem Verband auseinandergesetzt habe, habe ich gemerkt, dass die FIFA eine, entschuldigen Sie die Wortwahl, beschissene Institution ist. Ich weiß nicht, für wen sie kämpfen, wofür sie stehen, woran sie glauben. Sie haben die Gastarbeiter in Katar im Stich gelassen.
Malcolm Bidali (30) ist Arbeitsrechtaktivist und Mitgründer der Organisation Migrant Defenders, die migrantische Arbeiter und Arbeiterinnen unterstützen, informieren und beraten will.
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