„Die Informationslage war von Anfang an sehr dünn“, sagt Philipp Beitzel von der Koordinationsstelle Fanprojekte, die im Auftrag des DFB in Katar mit der Fanbotschaft eine Anlaufstelle für deutsche Anhänger organisiert. Er beschreibt damit ganz gut, was Fans bei der Reise zur WM im November im Gepäck haben werden: Ungewissheit. Denn Katar, ein Land mit knapp drei Millionen Einwohnern und einer Fläche, die nicht einmal so groß ist wie die von Oberösterreich, erwartet etwa 1,5 Millionen Touristen. Das Emirat stößt an seine Grenzen. Das fängt schon bei den Unterkünften an. In Katar gibt es nicht genügend Übernachtungsmöglichkeiten. Fans werden deshalb auch auf Kreuzfahrtschiffen, die für den Zeitraum der WM in Doha anlegen, und in extra errichteten Zeltstädten in der Wüste schlafen. „Einige Fans haben mir erzählt, dass sie während der Vorrunde für diese Zelte fast 4.000 Euro ausgeben“, sagt Beitzel. Viele Anhänger weichen aber auch auf die Nachbarstaaten aus und pendeln an den Spieltagen aus Saudi-Arabien, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Oman zum alten Flughafen von Doha, der für diesen Zweck wieder in Betrieb genommen wird. Darunter bis zu 300 deutsche Fans, die über den „Fan Club Nationalmannschaft“ des DFB in Dubai untergebracht werden.
Kulturschock
Schwierigkeiten bei der Herbergssuche könnte es auch für homosexuelle Paare geben. Eine Recherche von drei skandinavischen TV-Sendern zeigte, dass manche Hotels homosexuelle Paare ablehnten oder nur aufnehmen wollten, wenn sie auf Zärtlichkeiten und Sex verzichten. Die Koordinationsstelle Fanprojekte hat beim katarischen Organisationskomitee angefragt, ob unverheiratete Paare zusammen ein Hotelzimmer buchen dürfen. Das sei Menschen, die in Katar leben, nämlich untersagt, sagt Beitzel. Nicht nur das haben die Verantwortlichen wenige Wochen vor der WM noch nicht beantwortet. Man habe eine Liste an Fragen geschickt, darunter auch die, ob Frauen alleine im Restaurant bedient werden und mit dem Taxi fahren können. Oder wie reagiert wird, wenn Menschen alkoholisiert in der Öffentlichkeit auftreten und Fanmärsche zum Stadion den Verkehr stören.
Für diese Fälle hat sich das Emirat Unterstützung aus der Türkei besorgt: mehr als 3.000 Polizisten, die nicht gerade dafür bekannt sind, zimperlich zu sein. „Es macht uns Sorgen, dass Sicherheitskräfte unterwegs sind, bei denen man weiß, wie sie teilweise mit Fußballfans umgehen“, sagt Beitzel. Er glaubt, dass europäische und südamerikanische Fans, die in Massen lautstark durch die Straßen ziehen, ein Kulturschock für die Katarer sein werden. „Da treffen Welten aufeinander“, sagt der Fanbetreuer. „Ich glaube aber nicht, dass jemand verhaftet wird, nur weil er alkoholisiert in der Öffentlichkeit ist. Wenn die Welt vier Wochen hinschaut, werden sie ein Auge zudrücken.“ Ohnehin wird Alkohol außer in internationalen Hotels nur in bestimmten Zonen ausgeschenkt. Damit nichtmoslemische Fans und der FIFA-Sponsor und Bierbrauer Anheuser-Busch auf ihre Kosten kommen, soll es vor und nach den Spielen auf dem Stadiongelände und in Fanzonen alkoholhaltiges Bier geben.
Deutsches Desinteresse
Unter den Fans in Katar wird auch Robin Koppelmann aus Braunschweig sein. Ob er sich auf diese WM freue? „Freuen ist das falsche Wort“, sagt er. „Es ist die speziellste WM, seit ich zum Fußball gehe.“ Trotzdem habe er mit ein paar Freunden entschieden, zum Turnier zu reisen. „Wir haben 2006 ausgemacht, dass wir bei jeder WM mindestens ein Deutschland-Spiel sehen“, sagt er. „Da haben wir natürlich noch nichts von Katar gewusst.“ Sie wollen dem Land jedoch eine Chance geben. „Wir wissen natürlich, was dort an Menschenrechtsverletzungen passiert ist. Aber der normale Katarer kann dafür nichts. Dass sich die Menschen am Golf auch nach einem solchen Turnier sehnen, ist ja legitim.“ Die Vorfreude sei dennoch getrübt: „Der Zauber einer Weltmeisterschaft wird in Katar nicht aufkommen.“ Diese Vermutung hat womöglich viele andere Fans aus Deutschland abgeschreckt. Laut Beitzel hat der DFB über sein Ticketkontingent noch nie so wenig Karten verkauft wie bei dieser WM.
Koppelmann und seine Freunde haben Karten für die Spiele der Deutschen gegen Japan und Spanien sowie für ein paar weitere Partien der Vorrunde. Was sie in Katar erwartet, nennt Koppelmann eine Black Box. „Wir werden sehen. Während man in anderen Ländern viel selbst planen konnte, wird in Katar viel vorgegeben. Ein Fußballreisender lebt aber von der Spontanität.“
Kurze Distanzen, lange Flüge
Für seinen Aufenthalt im Emirat muss Koppelmann sich noch die Hayya-Card besorgen, eine Art Fan-ID, die nur bekommt, wer eine Unterkunft und ein Ticket hat. Sie gilt als Ersatz für ein Visum und berechtigt zur kostenlosen Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Die Distanzen zwischen den Stadien sind gering, maximal 70 Kilometer sind zwischen ihnen zurückzulegen. Deshalb wirbt Katar damit, die nachhaltigste WM aller Zeiten zu werden. Angesichts der Flüge aus den Nachbarstaaten und klimatisierter Stadien scheint das fragwürdig.
Apropos Flüge: Noch sei nicht klar, sagt Beitzel, ob Fans für jeden Shuttleflug einen neuen negativen Coronatest vorlegen müssen. Außerdem dürfen Fans, die aus anderen Ländern für die Spiele einfliegen, nur 24 Stunden in Katar bleiben. „Aber was passiert mit denen, die diese 24 Stunden überschreiten, weil sie zu spät mit Shuttlebussen vom Stadion zum Flughafen kommen?“ Angesichts der zu erwartenden Verkehrsdichte ist ein solches Szenario gut möglich. Auch beim Arab Cup 2021, dem Testlauf für die WM, habe es mehrfach organisatorische Schwierigkeiten gegeben, sagt Beitzel. „Man hat gemerkt, dass die Katarer unerfahren sind, es ist mehr learning by doing. Dafür reagieren sie schnell, wenn etwas nicht läuft.“