„Dieses Urvertrauen, diese unendliche Sicherheit, dieser überbordende Optimismus machen aus Pele diesen unschlagbaren Superstar“, schreibt der Dramaturg Nelson Rodrigues im März 1958 in der Sportzeitung Manchete Esportiva. Pele ist damals 17 Jahre alt und steht am Anfang seiner Karriere. Im selben Artikel wird er zum ersten Mal „König“ genannt. Im Sommer dieses Jahres krönt er sich mit dem Nationalteam in Schweden erstmals zum Weltmeister. Seine weiteren Erfolge sind in die Geschichtsbücher des Fußballs eingegangen: die WM-Titel 1962 und 1970, 26 Trophäen in 18 Jahren beim FC Santos, darunter die Siege bei der Copa Libertadores 1962 und 1963 samt Weltpokal, sowie persönliche Auszeichnungen wie Fußballer des Jahres und Spieler des 20. Jahrhunderts. Zwischen 1995 und 1998 dient er als Sportminister Brasiliens. Der Mann, der als Edson Arantes do Nascimento in eine Arbeiterfamilie im Bundesstaat Minas Gerais geboren worden ist, hat die brasilianische Version der Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär gelebt. Am 29. Dezember 2022 ist Pele nach langer Krankheit im Alter von 82 Jahren verstorben.
Symbol und Großverdiener
In den 1930er Jahren kurbelte Brasiliens Präsident Getulio Vargas das nation building an und suchte geeignete Symbole für sein Land. Fündig wurde er bei der Nationalmannschaft, denn dort arbeiteten Menschen verschiedenster Hautfarbe und Herkunft nicht nur friedlich, sondern auch erfolgreich zusammen. Vargas’ Regierung investierte in den Sport. 1933 wurde der Profifußball eingeführt, für das Nationalteam wurden mehr finanzielle Mittel bereitgestellt. So wurde das bis heute geltende Symbol des melting pot Brasilien geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Pele zum Aushängeschild des Selbstverständnisses eines Landes, das überzeugt war, den Rassismus besiegt zu haben. Seine Erfolge machten ihn nicht nur zum erfolgreichsten Fußballer des Landes, er war die Hauptfigur des brasilianischen Gründungsmythos. Zu dieser Rolle passte die pompöse Totenwache, der auch der neu gewählte Staatspräsident Lula da Silva beiwohnte.
Im internationalen Fußball war Pele der erste Star, dem es gelang, über das Vereinssalär hinaus mit verschiedensten Werbeverträgen viel Geld zu verdienen. Vor Anpfiff des WM-Viertelfinales 1970 gegen Peru band er sich die Schuhe im Fokus der Kameras und soll dafür von Ausrüster Puma 180.000 Dollar erhalten haben. Fotos, Filme und Bücher mit und über ihn reisten in Millionenauflage um die Welt. Auch nach seiner Karriere hatte Pele ohne Kraftanstrengung Zugang zu den größten Bühnen der Welt. Er wurde von Präsidenten und dem Papst eingeladen und zum Botschafter der UNESCO ernannt. Für Brasilien warb er als Testimonial für den Zuschlag zu den Olympischen Spielen 2016, für die WM 2014 wurde er von Präsidentin Dilma Rousseff zum Ehrenbotschafter ernannt.
Sprechen und Schweigen
Wer sich in den letzten Jahrzehnten mit brasilianischen Fans unterhalten und die Medien verfolgt hat, kommt jedoch nicht um das Gefühl herum, dass das Verhältnis Brasiliens zu seinem berühmtesten Sohn unterkühlt war. Auch bei der Trauerfeier waren nur wenige ehemalige Fußballstars anwesend, von den Weltmeisterteams von 1994 und 2002 kam niemand. Der Weltmeister von 1994 und heutige sozialdemokratische Politiker Romario sagte einst: „Ein schweigender Pele ist ein Philosoph.“ Er bezog sich dabei auf die unglücklichen öffentlichen Auftritte Peles. Exemplarisch dafür stand jener beim Formel-1-Grand-Prix von Brasilien 2002, als er die Zielflagge schwenken sollte, sich aber ablenken ließ und den Sieger Michael Schumacher in seinem Ferrari verpasste.
Auch politische Meinungsäußerungen wurden Pele übelgenommen. So kommentierte er schon in den 1970er Jahren die Militärdiktatur mit den Worten „Das Volk weiß nicht, wie man richtig wählt“ und betrieb damit eine Umkehrung der Verhältnisse. Vor der WM 2014 in Brasilien kam es zu großen Demonstrationen, bei denen Investitionen in Schulen, Krankenhäuser und den öffentlichen Nahverkehr gefordert wurden. „Es ist keine gute Idee, Demonstrationen durchzuführen, da die selecao Brasilien bekanntmacht“, sagte Pele. „Sie kann nichts dafür, dass im Land Korruption existiert.“
Was in der Kritik an Peles Äußerungen zu kurz kommt, ist, dass er zu jedem Thema befragt wurde und sich ständig positionieren musste. Jede Interessensgruppe wünschte sich, dass das nationale Symbol ihre Interessen aufnehmen und verteidigen möge. Pele musste sich so zwangsläufig in Widersprüche verwickeln. „Gerade die Antirassismusbewegungen haben von Pele als dunkelhäutiger Person ein besonderes Engagement eingefordert“, sagt die Anthropologin Ana Paula da Silva, die zum Rassismus in Brasiliens Fußball forscht. Berühmt wurde ein Interview aus den 1970er Jahren, in dem Pele sagte, er habe nie Rassismus erfahren: „In Brasilien gibt es keinen Rassismus, sondern große Ungleichheit. Es handelt sich um ein soziales Problem.“ Diese Aussagen wurden als Argument für seine angebliche Untätigkeit in Bezug auf die Verbesserung der Lebensverhältnisse nicht-weißer Brasilianer ins Feld geführt. „Für Pele war es nie genug, Pele zu sein. Von ihm ist erwartet worden, unfehlbar zu sein“, sagt da Silva.
König und Verräter
Pele reagierte auf die hohen Wellen, die seine Aussagen provozierten, mit einer stärkeren Kontrolle öffentlicher Auftritte. Es wurde schwieriger, ihn zu interviewen, und die Fragen mussten vorab besprochen werden. Seine Haltung ähnelte der eines zurückhaltenden Staatsmanns, der es vermeidet, klar Stellung zu beziehen. Doch das, was über ihn geschrieben und gesagt wurde, war nicht kontrollierbar. Die Biografien Peles in Büchern und Filmen zeichnen sehr unterschiedliche Bilder. So stellt Angelica Basthi ihn als treuen Anhänger der Diktatur dar. Jose Castello hingegen vertritt die These, Pele habe dem Regime subversiv gegenübergestanden. Die 2006 erschienene und offiziell autorisierte Biografie von Alex Bellos präsentiert ihn als Saubermann, der sich moralisch nichts vorzuwerfen hat.
Manchmal wurde Pele vermutlich schlichtweg von den Ereignissen um ihn herum überrumpelt. In seinen letzten Lebensjahren legte er jedoch Wert darauf, seine Positionen klarzustellen. So besprach er 2011 in der Talkshow von Jo Soares seine Forderung, dass Schwarze Schwarze wählen sollten. Diese Haltung sei stark kritisiert worden, da bestimmte mächtige Menschen nicht wollen würden, dass Personen aus ärmeren Schichten sich emanzipieren, sagte Pele damals. Anlässlich seines 80. Geburtstags wurde er vom Rapper „Emicida“ folgendermaßen beschrieben: „Pele ist eine komplexe Person. Er hat es gewagt, in einem rassistischen Land König zu sein. In Brasilien wird der persönliche Erfolg eines Dunkelhäutigen als Schwerverbrechen interpretiert.“ Damit sprach er die Schwierigkeit an, in einem Land mit einem antirassistischen Selbstverständnis den sehr wohl existierenden Rassismus und dessen strukturelle Grundlagen zum Thema zu machen. Pele saß zeit seines Lebens zwischen den Stühlen. „Für die Weißen ist er unsauber, für die Schwarzen ein Verräter“, sagte „Emicida“.
Schuld und Tod
Häufig wurde Pele mit Diego Maradona verglichen, meist verbunden mit der Frage, wer von ihnen der größte Fußballer aller Zeiten war. Interessanter ist der Vergleich der Persönlichkeiten. Maradona wollte nie der brave Schwiegersohn von nebenan sein, er zeigte sein Faible für Partys, Frauen und Drogen öffentlich. Im Fußball galt es zu gewinnen, zur Not mit der Hand. Er traf sich mit Hugo Chavez, Fidel Castro und Nestor Kirchner und positionierte sich klar links. Er hatte es nicht nötig, sich zu beweisen.
Ganz im Gegensatz dazu wirkte Pele, als ob er ständig jemandem etwas schuldete. Er wollte die Vorbildkarriere eines Athleten vorleben, der sich gesund ernährt und sich keine Eskapaden leistet. Dieses Bild hielt er jedoch nicht ein – auch Pele hatte uneheliche Kinder, die er zunächst nicht anerkennen wollte. Pele wandelte ständig zwischen den Welten und wollte es allen recht machen. Auch das erklärt das unterkühlte Verhältnis der Brasilianer zu ihrem Nationalsymbol. Von Pele wurde erwartet, was die wenigsten selbst einhalten konnten.
Sein Tod kam anders als der Maradonas nicht überraschend. Seine Krebserkrankung war bekannt, Anfang Dezember 2022 wurde öffentlich, dass er sich in ein Hospiz begeben hatte. Somit konnten sich Brasilien, der FC Santos und die Familie auf Peles bevorstehenden Tod vorbereiten. Im Stadion Vila Belmiro von Santos gab es eine 24-stündige Totenwache. Fast eine Viertelmillion Menschen verabschiedete sich dort am Sarg von ihrem König.