In seinem Schlussplädoyer sprach Staatsanwalt Hansjörg Bacher vom größten Spielmanipulationsfall seit vielen Jahren. Der Prozess am Grazer Straflandesgericht gegen 15 mutmaßliche Wettbetrüger endete für die Anklage Anfang Februar jedoch mit einer Enttäuschung. Der Staatsanwalt sah organisierte Kriminalität am Werk. Die 15 Angeklagten – größtenteils Fußballer – hätten bei 19 manipulierten Spielen von der Regionalliga bis zum Cup einen Schaden von 469.778 Euro verursacht. Sie bekannten sich im überwiegenden Teil schuldig. Mit Zeichen und Codes war ihnen von der Tribüne aus signalisiert worden, dass Wetten platziert waren und Eckbälle oder eine bestimmte Anzahl an Toren folgen sollten. Für ihr Mitwirken erhielten sie ein paar hundert bis zu mehreren tausend Euros.
Auch Tormann Bartolomej Kuru, der seine Geschichte schon im ballesterer podcast geschildert hatte und wie einige weitere Spieler bereits mehrere Monate in U-Haft war, gestand seine Beteiligung. Die Verteidiger der anwesenden Angeklagten betonten immer wieder, ihre Mandanten seien nur kleine Rädchen im System gewesen. „Anwesend“ ist dabei das entscheidende Wort. Denn der Hauptverdächtige M., der als Drahtzieher für die Organisation der Wetten verantwortlich sein soll, war nicht in Graz. Laut Polizei ist er in Bosnien untergetaucht.
Von der Höhe der Wetteinsätze und der tatsächlichen Gewinne im Hintergrund wollen die Fußballer nichts gewusst haben. Die Ermittler des Bundeskriminalamts hatten Konten des Finanzdienstleisters Paysafe und seiner Tochtergesellschaften ausgeforscht und Geldflüsse in Millionenhöhe, die auf einzelne Angeklagte zurückzuführen waren, ermittelt. Möglich war das, weil die Wettbetrüger mit Bots automatisiert Wetten bei zahlreichen Anbietern gleichzeitig schalten konnten. Es gelang der Anklage aber nicht, diese Transaktionen mit den manipulierten Spielen und den dazugehörigen Einsätzen in direkten Zusammenhang zu bringen. Ein fehlendes Puzzleteil dabei waren die Daten der Wettanbieter. Die Ermittler hatten bei 31 Anbietern angefragt, Rückmeldungen kamen lediglich von acht.
Womit wir bei der Frage nach den Hauptgeschädigten wären. Da gibt es den Fußball, die Fans und die Vereine. Den am klarsten zu beziffernden finanziellen Schaden aber hatten die Wettanbieter zu tragen. Von ihnen war in Graz allerdings nichts zu sehen und wenig zu hören. Zu gut scheint das Geschäft zu laufen, um sich mit solchen Fällen aufzuhalten oder gar bei der Aufklärung zu helfen. Doch auch die Verbände und Vereine müssten mehr tun. Zeigen sie Auffälligkeiten nicht an, kommt es oft gar nicht zu Ermittlungen.
Für einen Teil der Angeklagten war der Prozess schon im September 2022 vorbei, die Verlängerung zu Jahresbeginn endete mit einem Freispruch und neun Schuldsprüchen mit Geld- und bedingten Haftstrafen. Die Staatsanwaltschaft hat Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung angekündigt. Neben der Enttäuschung der Ankläger steht für Prozessbeobachter eine ernüchternde Erkenntnis: Das Thema wird uns weiter verfolgen, die Ermittler in Graz arbeiten schon an einem weiteren Fall von Spielmanipulation im Fußball.