Karl Daxbacher hielt als Spieler Herbert Prohaska den Rücken frei, als Trainer feierte er in Linz, Sankt Pölten und Wien Erfolge. Kurz vor seinem 70. Geburtstag bilanziert er seine Karriere, feiert Gary Lineker und erzählt von Hans Krankl im Plattenladen.
Andenken, Brettspiele, jede Menge Bücher: Im Haus wird jeder noch so kleine Platz genutzt. „Überall steht etwas. Es muss ja belebt sein“, sagt Maria Daxbacher, als der ballesterer ihren Mann Karl im Wintergarten zum Fotoshooting bittet. Das Straßenschild mit der Aufschrift „Ehrenplatz Sir Karl Daxbacher“, das Geschenk eines Bekannten, wird im Garten halb von Bäumen verdeckt. Gut versorgt mit kaltem Wasser nehmen wir am Küchentisch Platz.
„Neben den Edeltechnikern Felix Gasselich und Herbert Prohaska war ich der Kämpfer im Mittelfeld.“
Karl Daxbacher: Mit den Enkelkindern, im Haus und mit Gartenarbeit. Und mit sehr viel Schachspielen im Internet. Das ist ein großes Hobby geworden. Ich habe es in keiner Weise bereut, dass ich nach dem Engagement in Innsbruck mit 66 Jahren aufgehört habe.
Dem Fußball sind Sie aber verbunden geblieben.
Wenn ich zu Hause bin, verfolge ich jedes Spiel im Fernsehen. Champions League, österreichische Bundesliga, Premier League. Die Heimspiele der Austria besuche ich regelmäßig. Da bin ich am Puls der Zeit.
Sie sind nach Robert Sara, Erich Obermayer und Ernst Baumeister der Austrianer mit den meisten Meistertiteln und ligaweit immer noch in den Top Ten. Haben Sie das gewusst?
Ja, es gibt im Legendenklub eine Rangliste. Bei den absolvierten Spielen bin ich an vierter Stelle, seit es die Austria gibt. Das weiß ich alles ziemlich genau und bin darauf auch sehr stolz.
Die Austria hat zu Ihrer Zeit fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Ist Ihr Leben als Fußballer perfekt verlaufen?
Ich habe es mir nicht so erträumt. Als die Austria bei uns am Land war und mich engagieren wollte, habe ich mir gedacht: „Gehst halt ein Jahr hin, dann schicken sie dich wieder heim.“ Daraus sind dann 14 Jahre als Spieler geworden, und sehr erfolgreiche dazu. Weil ich das gespielt habe, was die Austria gebraucht hat. Neben den Edeltechnikern Felix Gasselich und Herbert Prohaska war ich der Kämpfer im Mittelfeld. Das war das Erfolgsrezept.
Als Teil der „Superfünf“ haben aber auch Sie in der Stadthalle aufgegeigt.
Die Mannschaft hat ja gar nicht aus Supertechnikern bestanden. Der Prohaska hat alles überstrahlt. Dahinter waren mit Baumeister, Daxbacher, Obermayer, Sara keine klassischen Hallenspieler. Aber wir haben so große Erfolge gefeiert. Das war ein Erlebnis. Die Halle war an sieben Tagen nach Weihnachten voll.
„Ich habe schon bei der Trainerausbildung versucht, den weitaus moderneren Fußball zu verstehen.“
Es braucht ja auch diese Abräumer im Mittelfeld. Hätte es mehrere Daxbacher benötigt, um 1978 im Europacupfinale gegen Anderlecht zu gewinnen?
Wir haben so viel Erfolg gehabt mit einem Daxbacher – noch einer wäre vielleicht zu viel gewesen. Für die Austria war ich der richtige Mann zur richtigen Zeit. Bei meinem Heimatverein Statzendorf und bei Krems war ich Offensivspieler, sodass ich dann ein torgefährlicher Sechser war.
Hat die Austria 1978 wirklich nur offensiv spielen können, wie man immer hört?
Das ist sicher richtig. Aber wir haben uns nicht professionell vorbereitet. Wir waren schon drei Tage vorher in Paris und haben das fast wie einen Ausflug gestaltet. Anderlecht ist einen Abend vorher angereist und hat uns vom Platz geschossen. Im Rückblick ist einiges falsch gemacht worden.
Haben Sie daraus Lehren für Ihre Trainertätigkeit gezogen?
Nach meiner Spielerkarriere hat sich viel geändert. Nur von der erfolgreichen Vergangenheit zu leben, wäre nicht gegangen. Ich habe schon bei der Trainerausbildung versucht, den weitaus moderneren Fußball zu verstehen.
Sie sind unter anderem mit den Austria Amateuren, dem LASK, Sankt Pölten und Wacker Innsbruck aufgestiegen. War das Ihre Spezialität?
Rückblickend ja. Begonnen hat es schon früher. Mit Krems war ich Herbstmeister in der zweiten Liga. Dann hat es hat Unstimmigkeiten gegeben, und ich bin abgelöst worden. Bei der Austria waren wir die erste Nachwuchsmannschaft, die in die zweite Liga aufgestiegen ist. Dort sind wir gleich Herbstmeister geworden. Der LASK hätte eigentlich schon vorher aufsteigen müssen. Mir ist es dann gelungen.
Mit der Austria waren Sie zweimal Dritter, einmal Zweiter. Was hat zum Titel gefehlt?
Ich bin gekommen, als Frank Stronach als Mäzen aufgehört hat. Viele Spieler haben den Verein verlassen, ein paar sind Gott sei Dank geblieben. Wir sind 2009 Cupsieger geworden, aber die Salzburger zu schlagen, war schon damals schwierig. Wir waren knapp dran als Vizemeister mit dem besten Punkteschnitt.
Hat es an Qualität gefehlt oder an Glück?
Da muss ich jetzt die Geschichte mit Edin Salkic thematisieren. Er hat 2011 in Wiener Neustadt in der vorletzten Runde im Sechzehner den Ball mit der Hand weggeschlagen, Sturm hat einen Elfmeter bekommen. Das war kurios, um es vorsichtig auszudrücken. Ohne die drei Punkte von Sturm hätten wir noch reelle Chancen gehabt. Das kann man Glück oder Pech nennen. Es wäre mein Highlight als Trainer gewesen.
Zum Ende der Stronach-Ära ist die Austria kurz vor dem Aus gestanden. Wie sind Sie über diese Zeit gekommen?
Stronach hat die Spieler bis zum Vertragsende bezahlt. Das war eine große Hilfe. Mit Thomas Parits als sportlichem Leiter haben wir bei Neuverpflichtungen und Akademie-Spielern ein gutes Händchen bewiesen. Okotie, Suttner, Madl sind Stammspieler geworden. Dazu Junuzovic, Baumgartlinger und Klein – da hat alles funktioniert.
Wie haben Sie Ihre Zeit als Trainer in Favoriten erlebt?
Für mich war es eine Auszeichnung, Austria-Trainer zu werden. Ich habe vorher nicht überlegt, ob ich mit der Mannschaft etwas erreichen kann. Wir sind dreimal in den Europacup gekommen und waren auch bei meiner enttäuschenden Ablöse im Dezember 2011 gut unterwegs. Wir waren Tabellenführer, haben dann aber vier Spiele nicht gewonnen. Einige waren verletzt. Ich hätte die Saison gerne noch zu Ende gespielt. Da hat es mit Baumgartlinger und Dragovic auch begonnen, dass man international auf unsere Spieler aufmerksam geworden ist.
Hat die Ablöse zu Schwierigkeiten mit Parits geführt?
Das Verhältnis war nicht besonders gut. Ich war enttäuscht, dass er mich nicht stärker unterstützt hat. Da war wohl Druck von den Gremien da, wie es bei der Austria immer ist. Trotzdem bin ich der längstdienende Austria-Trainer der letzten 40 Jahre.
Haben Sie sich später versöhnt?
Mit dem Klub auf alle Fälle. Tommy Parits sehe ich selten. Aber es ist so lange her, dass es keine Animositäten mehr gibt. Er war ja auch federführend, dass man mich geholt hat. Im Laufe der Zeit mildert sich alles ab.
Sie waren bei jeder Ihrer Stationen sehr beliebt. Die Austria-Fans nennen Sie „Sir Koarl“. Was bedeutet Ihnen das?
So etwas bestätigt natürlich das eigene Verhalten zu den Spielern und in der Öffentlichkeit. Aber das mache ich ja nicht bewusst so, sondern das ist halt der Mensch Karl Daxbacher.
Ein Trainer arbeitet mit jungen Menschen zusammen. Braucht es da auch Wertebildung?
Soziale Kompetenz ist wichtig. Man muss den Spielern vermitteln, dass jeder seine Wertigkeit hat, und sich auch über andere Dinge als Fußball unterhalten. Und ich finde, dass man als Trainer durchaus sagen kann: „Wir haben schlecht gespielt.“ Nicht immer alles schönreden. Manchmal gewinnt man einfach durch Glück. Mir hat man oft gesagt, dass ich zu fair sei. Aber so bin ich eben, das ist meine Überzeugung.
Ihre Überzeugung wurde 2009 strapaziert, als Rechtsradikale im Horr-Stadion die Osttribüne in Beschlag genommen haben.
Ich habe damals schon überlegt, ob ich die Mannschaft überhaupt rausschicke, wenn es Transparente mit Nazi-Codes gibt. Das wäre ein Zeichen gewesen. Man schreibt „Gegen Rassismus“, aber es passieren trotzdem immer wieder Ausreißer. Das dürfen wir nicht tolerieren. Und wenn ich dadurch tausend Fans verliere.
Sind Sie so erzogen worden? Diese Überzeugung war für das Nachkriegsösterreich ja nicht die Normalposition.
Leider nicht. Wir haben uns schwer getan zu akzeptieren, dass wir die Mitschuldigen waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg und in meiner Jugendzeit waren Rassismus und Rechtsradikalismus massiv vorhanden. Der Einserspruch war: „Ja, aber der Hitler hat doch auch viel Gutes gemacht.“ Solche Sachen. Und gegen die Austria haben sie bei Rapid und in anderen Stadien gesungen: „Hauts den Juden die Schädeldecken ein!“
Wie sind Sie als Spieler damit umgegangen?
Wir waren noch nicht sensibilisiert. Das wäre eigentlich ein Grund gewesen, sofort abzutreten. Wir waren als „Judenklub“ negativ behaftet. Da hat sich keiner etwas gedacht. Leute wie Klubsekretär Norbert Lopper, der selbst im KZ war, haben sich gescheut, darüber zu reden.
Ist die Gesellschaft heute polarisierter als damals?
Es scheint so. Aber es ist erschreckend, welchen Fremdenhass es noch immer gibt. Wenn jemand Zäune bauen will – da hört sich ja alles auf. Soll man um ganz Europa Zäune machen? Das ist erschreckend. Aber da denkt sich niemand etwas dabei, die Stimmenzuwächse sind ja da.
Nutzen Sportler ihre Reichweite zu wenig, um sich zu positionieren?
Man sagt immer, Sportler sollen sich nicht einmischen. Aber die Äußerungen von Gary Lineker waren eine super Sache. Und dass ihn seine Ex-Kollegen unterstützt haben, war noch besser.
Sie sind einmal mit einer Spende an SOS Mitmensch öffentlich in Erscheinung getreten.
Wir spenden viel. Ich will auch zu meinem Geburtstag keinesfalls ein Geschenk. Was man mir schenken will, soll man lieber spenden. Die Jeweiligen haben die freie Wahl, an wen. Aber wer mir ein Geschenk bringt, muss es wieder mit heimnehmen. Ich brauche absolut nichts. Keinen Wein, keinen Gutschein und ja nichts zum Aufstellen oder Aufhängen.
Spenden statt Geschenke zum 70.? Wir legen euch zwei Projekte ans Herz, die, denken wir, auch Karl Daxbacher gefallen. Zum einen SOS Balkanroute, eine Initiative, über die wir auch schon berichtet haben. Spenden hier entlang. Zum anderen SOS Mitmensch. Hier gehts zum Spendenformular.
Sie interessieren sich sehr für Musik. Haben Sie Schallplatten gesammelt?
Ich habe während meiner Austria-Zeit nebenbei im Schallplattengeschäft gearbeitet. Beim Reiss an der Lobkowitzbrücke, wo ich Elektriker gelernt habe. Der war damals Kassier bei der Austria. Das war ein richtig gut sortiertes Geschäft. Da habe ich angefangen, Klassik zu hören und Jazz – nicht nur Popmusik wie „Beatles“ und „Stones“. Obwohl „Dire Straits“ und „Supertramp“ noch heute genau auf meiner Wellenlänge liegen. Aus Österreich vor allem Wolfgang Ambros.
Als junger Mensch Klassik zu hören, ist wahrscheinlich auch die Ausnahme gewesen.
Ich habe mir damals gedacht, Klassik interessiert so viele Leute, da kann ich nicht von Haus aus sagen, das ist Blödsinn. Dann hat es angefangen mit Mozart und Verdi, wobei ich kein großer Opernfan bin. Das ist eher meine Frau. Ich habe mehr Beethoven gehört und symphonische Dichtungen von Sibelius. Beim Jazz ist es dasselbe. „Chick“ Corea und Joe Zawinul – wenn man sich damit beschäftigt, erkennt man die Schönheit der Musik.
Sind Sie mit Ihrer Musikbegeisterung unter den Teamkollegen hervorgestochen?
Ja, schon. Die haben nicht verstanden, dass ich mir Klassik anhöre. Aber ich habe ab und zu etwas mitgebracht und gesagt: „Hört euch das an!“ Das war eine super Zeit. Ich habe Elektriker ausgelernt und war dann fünf, sechs Jahre im Schallplattengeschäft. Der Hans Krankl ist immer wieder vorbeigekommen.
Krankl hat bei Ihnen Platten gekauft?
Ja, und Tipps geholt. Der ist ja ein Musikverrückter. Einmal waren wir mit dem Bus unterwegs zur EM der Junioren. Er hat von Wien bis Pilsen durchgesungen.
Karl Daxbacher (69) spielte 14 Jahre im Mittelfeld des FK Austria Wien. Mit dem Klub holte er sieben Meisterschaften und vier Cuptitel. Bis 2019 trainierte er unter anderem den LASK, Sankt Pölten, Wacker Innsbruck und seinen Stammverein.
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Der ballesterer wird 25. Zu unserem Jubiläum unternehmen wir in dieser Rubrik einen Spaziergang durch die Magazingeschichte. Diesmal schauen wir in ein dunkles Kapitel der Wiener Austria und begeben uns auf den ballesterer-Boulevard. lesen