Es weht ein kalter Wind durch die leeren Ränge, am Himmel sind keine Wolken zu sehen – und auch keine der russischen Raketen oder iranischen Drohnen, mit denen Moskau die Ukraine seit mehr als einem Jahr angreift. Im westukrainischen Riwne findet an diesem Märzwochenende das erste Fußballspiel des Jahres 2023 statt: Weres empfängt Tschornomorez aus Odessa in seinem neuen Stadion. Denn während an der Front gekämpft und das Land bombardiert wird, rollt auch wieder der Ball. Und Weres, ein kleiner Klub aus einer 300.000-Einwohner-Stadt, hat während des Kriegs eine neue Spielstätte für 10.000 Zuschauer eröffnet.
Die Spuren der Bauarbeiten sind am Weg zum Avangard-Stadion noch sichtbar, die Tribünen sind in den Klubfarben Rot und Schwarz gehalten. Die Renovierung des Stadions begann im März 2018, eröffnet wurde es am 30. September 2022. Zuvor stand hier das alte Avangard aus der Sowjetzeit, das längst baufällige Stadion hatte den Beinamen Kolosseum. Die Kosten der Renovierung trugen die Stadt, der Oblast Wolyn und die Regierung in Kiew. Nach der Vertreibung der russischen Truppen aus der Gegend rund um die Hauptstadt im Frühsommer, wurde der Ligabetrieb im August wieder aufgenommen. In Riwne wurde damals ein Hybridrasen verlegt, zwei Tribünen gebaut und das Flutlicht installiert.
Support aus der Konserve
Doch Fußball ist in der Ukraine noch weit von einem Zustand der Normalität entfernt. Zu Beginn des Matchs erinnert der Stadionsprecher an die Regeln für einen Luftalarm. In diesem Fall dauern die Spiele länger als 90 Minuten. Die Teams samt Trainer, Schiedsrichter, Journalisten und Ballkinder müssen den Luftschutzraum aufsuchen, der sich unter einer Tribüne befindet. Die Spiele beginnen am Nachmittag, sodass im Fall eines Luftalarms noch Zeit bleibt, um anschließend zu Ende zu spielen. Außerdem spart der frühe Anstoß Energie, seit einigen Monaten ist die Infrastruktur ein bevorzugtes Ziel der russischen Angriffe, Stromausfälle sind an der Tagesordnung.
Als die Spieler einlaufen, tragen sie ukrainische Fahnen über den Schultern. Die Hymne ertönt, und die Mannschaften posieren für ein gemeinsames Foto mit einem Banner, auf dem den Truppen gedankt wird. Es gibt eine Schweigeminute für die Opfer des Kriegs, die Gedanken an die Kämpfe sind selten weit entfernt. Dann ertönt der Anpfiff. Ein Kollege auf der Pressetribüne sagt: „Im Osten ist der Alarm gerade zu Ende gegangen.“ Ein kollektiver Seufzer der Erleichterung ist zu hören. Vermutlich wird es ruhig bleiben, und niemand muss heute in den Luftschutzraum.
Auf einer der Tribünen ist ein schwarzes Spruchband mit der Aufschrift „Wir werden zurückkehren“ zu sehen. Hier befindet sich der „Schwarze Sektor“ der Weres-Ultras. Heute ist er leer, viele der Fans sind an der Front. Die Spiele in Kriegszeiten finden ohne Zuschauer statt, das war eine der Auflagen für die Fortsetzung des Ligabetriebs im Sommer 2022. Beim heutigen Spiel in Riwne ist es jedoch anders. Die Tribüne neben dem Pressesektor ist fast voll, und auch auf der Haupttribüne sind rund 100 Fans. Die meisten von ihnen verfolgen das Match weitgehend stumm. Gesänge und Support kommen aus den Lautsprechern, sie stammen aus friedlicheren Jahren und werden – ähnlich wie bei den Geisterspielen zu Beginn der Pandemie – in vielen Stadien eingespielt.
Weres-Pressesprecher Oleksij Kutschin erklärt die Anwesenheit der Fans: „Die Liga erlaubt die Anwesenheit von Klubbesitzern, und wir haben einige hundert“, sagt er. „Auf den Rängen sitzen die Anteilseigner von Weres.“ In der Vergangenheit hatte Weres-Präsident Ivan Nadeyin mehrfach an Verbände und Behörden appelliert, Zuschauer zuzulassen. Sein Argument: Wenn Shows und Konzerte mit Publikum erlaubt sind, warum nicht Fußballspiele? Während noch Diskussionen darüber laufen, zumindest verletzte Militärangehörige und solche auf Heimaturlaub zuzulassen, haben Nadeyin und sein Klub Fakten geschaffen, ohne das Gesetz zu brechen.
Aktionäre statt Oligarchen
Das Modell von Weres ist eine Besonderheit, denn weiterhin sind im ukrainischen Fußball die meisten Klubs von einem Oligarchen abhängig, der Geld in seine Leidenschaft Sport pumpt. „Wir sind ein bescheidener Klub, wir wollen mit dem Geld auskommen, das wir verdienen“, sagt Nadeyin. Der Unternehmer, der im Bereich erneuerbare Energien tätig ist, hat Weres 2020 übernommen. Der Klub stieg in kurzer Zeit von der dritten in die erste Liga auf, eröffnete sein neues Stadion und begann mit dem Bau eines Trainingsgeländes und einer Akademie.
Im März 2021 ging der damalige Zweitligist an die Börse und bot Anteile öffentlich zum Verkauf. Mit der Aktion konnte der Klub fast zwei Millionen Euro Kapital lukrieren – eine hohe Summe in einem Land, in dem öffentliche Aktienverkäufe eine Seltenheit sind. Nadeyin verfügt über eine Zweidrittelmehrheit, doch der Börsengang sorgte nicht nur für viele lokale Kleinaktionäre, er brachte den Klub in den Fokus der Öffentlichkeit. Spieler und Trainer waren in einer beliebten Serie auf Youtube zu sehen. Der Blogger und Fußballer Dmytro Povoroznyuk berichtet über das Leben im Team. All das hat Weres über Riwne hinaus bekannt gemacht.
Am Platz läuft es heute weniger gut. Kurz übertönen die Fanaktionäre die eingespielte Kulisse, als sie versuchen, ihr Team nach vorne zu peitschen. Doch Weres verliert 1:3. Die Stimmung nach dem Spiel ist schlecht, der Aufsteiger liegt in der 16er-Liga derzeit auf dem zwölften Platz, das Ziel ist ein Platz unter den ersten Zehn. Die Zuschauer verlassen das Stadion. „Aktionäre werden weiter zuschauen dürfen“, sagt Pressesprecher Kutschin. „Wir hoffen, dass das unseren Klub interessanter macht.“ Doch das Wichtigste sei es, den Krieg zu gewinnen. „Dann können wir darüber nachdenken, die Stadionkapazität zu erhöhen.“
Übersetzung: Nicole Selmer