Richtiger Rummel herrscht nicht in Greenogue, dennoch reden alle über den großen Andrang. Der kleine Parkplatz beim Vereinsheim sei schon voll, sagt eine Frau auf der Haupttribüne. „Wahnsinn“, antwortet ihre Begleitung. Von den 70 Sitzplätzen auf der Tribüne ist bei Anpfiff etwa die Hälfte besetzt, der Regen macht sie schnell voll. Viele Zuschauer sind Funktionäre der Shamrock Rovers, des Gästeteams, einige verletzte Spielerinnen sitzen hier, und ein Hund liegt auf den Stiegen.
Die bescheidene Heimstätte des Peamount United FC befindet sich am Rande eines Industriegeländes in einem Außenbezirk im Süden von Dublin. Der Klub verzeichnet mit 650 Fans einen Zuschauerrekord. Eine optimistische Rechnung, viele stehen an der Outlinie oder sitzen an den Picknicktischen hinter dem Tor und beachten das Geschehen am Feld eher weniger. Dabei bietet das Spiel eine Menge Spannung. Es ist eine kampfbetonte Partie, in der es um viel geht.
Kampf der Systeme
Auch weil es nur wenige Torszenen gibt, ist fast jede Schiedsrichterentscheidung umstritten. Shamrock-Rovers-Stürmerin Jaime Thompson schreit „Fuck off!“ in Richtung des Schiedsrichterassistenten, der Peamount einen Einwurf gibt. Ihre Gegenspielerin Chloe Moloney will keinen Vorteil in Sachen Stänkern verschenken. „Hast du überhaupt zugehört? ‚Fuck off‘, hat sie gesagt“, ruft sie dem Assistenten zu. Das Duell Erster gegen Zweiter in der ersten irischen Liga ist auch ein Kampf zweier unterschiedlicher Herangehensweisen. Peamount United ist ein typischer Dubliner Stadtteilverein mit vielen Jugendteams und ehrenamtlichen Trainern, der über die Jahre ein starkes Frauenteam hervorgebracht hat. Der Klub baut auf Talente wie die 18-jährige Linksverteidigerin Tara O’Hanlon, die im April gegen die USA im Nationalteam debütierte. Sie gehört zum erweiterten WM-Kader von Teamchefin Vera Pauw.
Shamrock Rovers, der Rekordmeister bei den Mänern, ist hingegen nach einer fast zehnjährigen Pause heuer wieder im Frauenbereich aktiv. Das Team spielt wie das der Männer im Tallaght Stadium und hat dank seiner Marketingmacht neue Maßstäbe gesetzt. Im Winter verpflichtete der Klub den Sportdirektor und sechs Spielerinnen von Peamount, teilweise mit noch nie dagewesenen Profiverträgen.
Doch so einfach ist es nicht, ein Meisterteam aus dem Nichts zu schaffen. Nach sieben Runden in der von März bis November dauernden Saison liegen die Shamrock Rovers vier Punkte hinter Peamount. Karen Duggan, 32-jährige Kapitänin des Spitzenreiters, ist nicht überrascht. „Wir haben eine sehr gute Stimmung im Team“, sagt sie dem ballesterer. „Wenn Spielerinnen füreinander arbeiten, gibt es immer die Chance, zu gewinnen.“
Im Fieber
Dreimal war Peamount Meister, zweimal erreichte das Team die Gruppenphase der Champions League. „Die Vereinsführung nimmt den Frauenfußball ernst“, sagt Duggan. „Das klingt einfach, bedeutet aber sehr viel. Die Nachwuchsarbeit ist hier absolute Spitze.“ Burschen und Mädchen aller Altersklassen spielen bei Peamount. Die Kampfmannschaft der Männer ist im unterklassigen Fußball vertreten, bei Redaktionsschluss widmeten sich die aktuellen Postings auf den Social-Media-Kanälen des Vereins den Mädchen- und Frauenteams.
Peamount verfügt über fünf Fußballplätze, zwei davon auf Kunstrasen. Das ist wichtig, denn der Regen kann Plätze das ganze Jahr hindurch unbespielbar machen. Die Rahmenbedingungen bei Peamount United sind kein Zufall. Die große Sportbegeisterung und die gute Wirtschaftsentwicklung sorgen für einen Fußballboom, hunderte Nachwuchsteams spielen in der Hauptstadt am Wochenende, die Mädchenligen starten in der U8. Die Früchte des Aufschwungs sind Talente wie Leanne Kiernan und Jess Ziu, die in der höchsten englischen Liga spielen. Einen weiteren Schub gab der 1:0-Sieg des Nationalteams gegen Schottland im Hampden Park im Oktober 2022. Er fixierte die erstmalige WM-Qualifikation. Spielerinnen wie Katie McCabe von Arsenal und Aine O’Gorman, die kurz darauf von Peamount zu den Shamrock Rovers wechselte, wurden mit einem Schlag bekannt.
Das WM-Fieber sei zu spüren, sagt Duggan. „Die ganze Liga arbeitet jetzt noch härter. Bei Peamount wollen wir den Mädchen die Chance bieten, für das Team nominiert zu werden. Unser Trainingsumfeld sollte diese Möglichkeit bieten.“ Sie hat 35 internationale Einsätze auf dem Konto, 2018 trat die Unternehmensberaterin aus dem Nationalteam zurück. Die Aufmerksamkeit ist bei dieser WM groß wie nie. Irland bestreitet am 20. Juli das Eröffnungsspiel gegen die australischen Gastgeberinnen, die weiteren Gruppengegnerinnen kommen aus Kanada und Nigeria. „Wir müssen realistisch bleiben, die Gruppe ist sehr schwierig“, sagt Duggan. „Doch die jüngsten Ergebnisse gegen höherrangige Gegner zeigen, dass wir mithalten können. Die Mannschaft hat das Potenzial, für einige Überraschungen zu sorgen.“
Liga im Livestream
Ende April versuchen Duggan und ihre Mitspielerinnen, in der zweiten Halbzeit ihr Chancenplus in ein Tor umzumünzen. Ein Fotograf hält das Geschehen fest und spricht mit Fans über die hohen Kosten einer Reise nach Australien. Auch das Fernsehen ist anwesend, oder zumindest Kameras. Die Liga übertragt die Spiele der Frauen auf ihrem Streamingportal. „Vorsicht, hier ist ein Mikrofon dabei“, sagt ein Shamrock-Funktionär im Scherz, als er neben der Kamera mit einer verletzten Spielerin plaudert. Später verlässt eine Peamount-Ersatzspielerin die Bank, weil sie mit einer Freundin plauschen will. Sie wird zurechtgewiesen: „Ersatzspielerinnen müssen auf der Bank sitzen bleiben“, ruft der vierte Offizielle. Es herrscht Aufbruchstimmung, aber weiterhin eine familiäre Atmosphäre. Die langsam aufkommende Professionalisierung ist eine Chance, Talente wie O’Hanlon noch etwas länger in Irland zu halten, bevor sie den Wechsel nach England oder in andere größere Ligen wagen.
In der 89. Minute kommt Peamounts Mittelfeldspielerin Sadhbh Doyle im Strafraum zu Fall. Es gibt Elfmeter, Kapitänin Duggan schießt diesen nach links unten. Dorthin springt Shamrock-Torfrau Amanda Budden und hält. Es bleibt beim 0:0. Budden ist eine WG-Mitbewohnerin von Duggan – so familiär ist der irische Frauenfußball. Bei Abpfiff sind Tränen bei Duggan zu sehen, die verpasste Chance auf den Sieg und den Ausbau der Tabellenführung auf sieben Punkte schmerzt.