Eine Vielzahl an Mikrofonen umgibt Nathalia Prieto, als sie den ballesterer an ihrem Arbeitsplatz in einer Medienakademie im Geschäftsbezirk von Bogota empfängt. Die 32-Jährige ist Geschäftsführerin und Chefredakteurin des Internetportals Futbol Femina, das sie 2016 mitgründete – als erstes Medium in Südamerika, das sich ausschließlich dem Fußball der Frauen widmet. Die Mikrofone könnten als Sinnbild dafür stehen, wie vielen Spielerinnen im Laufe der Jahre nach Kritik am Verband der Mund verboten wurde. Trotz starker Leistungen wurden sie anschließend nicht mehr für den Teamkader nominiert. Beispiele sind Yoreli Rincon, die in Europa und den USA spielte, und Isabella Echeverri vom Sevilla FC.
Gescheiterte Bewerbung
Die kolumbianische Gesellschaft ist von konservativen Vorstellungen über Geschlechterrollen geprägt, die von der katholischen Kirche und Telenovelas ebenso gestützt werden wie von der „Traqueta“-Subkultur des kriminellen Drogenmilieus. Entsprechend langsam geht die Entwicklung im Fußball der Frauen voran. Zwar gab es bereits 1966 das erste Länderspiel gegen ein Team aus Venezuela in Caracas, das Kolumbien 2:1 gewann, doch nachhaltig veränderte das Match nichts. Das erste Länderspiel unter dem Banner der FIFA fand erst 32 Jahre später statt, es ging abermals gegen Venezuela, Kolumbien siegte 4:1. Rund 20 Jahre später, am 17. Februar 2017, wurde die erste Partie der Profiliga zwischen Deportivo Pasto und Cortulua angepfiffen. Impulsgeber dafür war aber nicht der Verband, sondern das Sportministerium. Im Zuge der von der damaligen Regierung gestützten Bewerbung für die WM 2023 wollte Kolumbien bei den Inspektoren der FIFA für positive Eindrücke sorgen. Doch bei der Abstimmung im FIFA-Rat über die WM-Vergabe setzten sich im Juni 2020 Australien und Neuseeland mit 22 zu 13 Stimmen gegen Kolumbien durch.
„Die strukturellen Probleme waren und sind riesengroß“, sagt Journalistin Prieto. Zwar ist die Liga offiziell ein Profibetrieb, doch dort zu spielen, bedeutet für die meisten Aktiven, dass sie den Mindestlohn erhalten, der bei umgerechnet 235 Euro monatlich liegt – und das auch nur über die Meisterschaftsdauer von fünf Monaten hinweg. Danach entfallen das Einkommen und die Sozialversicherung, und die Spielerinnen müssen schauen, wie sie sich die restlichen Monate des Jahres über Wasser halten. In der Liga spielen 17 Teams, drei weniger als in der Liga der Männer, sodass immer ein Klub pausieren muss. Während der Kontinentalverband CONMEBOL für die Teilnahme an seinen Bewerben die Existenz eines Frauenteams vorschreibt, existiert eine solche Regel in der kolumbianischen Liga nicht.
Neues Selbstbewusstsein
Lediglich drei der 17 Vereine werden von Frauen gecoacht, Prieto weist darauf hin, dass es keinerlei Förderprogramme für Trainerinnen gebe. „Im Verband entscheidet eine Männerclique, wie die Mittel des Sportministeriums eingesetzt werden“, sagt sie. 2019 sorgten sexuelle Übergriffe durch Ausbildner gegenüber U17-Spielerinnen für Schlagzeilen. Erst der Rückzug von Sponsoren weckte Liga und Verband auf, die nun eine Null-Toleranz gegenüber körperlichen Übergriffen fahren. Beleidigungen und der Einsatz von Trainern ohne jegliche pädagogische Erfahrung sind weiterhin üblich. Doch der Widerstand wächst. „Die Spielerinnen lassen sich Anzüglichkeiten, die früher gang und gäbe waren, nicht mehr gefallen“, sagt Prieto. „Fehlverhalten wird inzwischen thematisiert, wenn nötig auch bei der Polizei angezeigt.“
Das gewachsene Selbstbewusstsein der Aktiven sei auch der Grund, warum trotz der widrigen Strukturen in den letzten Jahren sportliche Erfolge auf internationaler Ebene zu verzeichnen waren. Nach dem ersten Copa-Libertadores-Sieg 2018 durch Atletico Huila folgten auf Nationalteamebene der Vizemeisterinnentitel der U17, die bei der WM 2022 in Indien das Finale gegen Spanien 0:1 verlor. Die U20 kam im selben Jahr bis ins WM-Viertelfinale und schlug auf dem Weg dahin das deutsche Team 1:0. Der Höhepunkt war der zweite Platz bei der Südamerikameisterschaft 2022 im eigenen Land. Kolumbien musste sich in einem ausgeglichenen Finale Brasilien, der klaren Nummer eins im Kontinentalranking, nur aufgrund eines Elfmeters geschlagen geben. So hat das Frauenteam mittlerweile ein Standing erreicht, von dem die Männer nur träumen können: Kolumbien stellt den zweitstärksten Verband des Kontinents, noch vor Argentinien, wo der Hockeysport viele Mädchen vom Fußball abzieht.
Offensive Stärke
Bei der WM trifft das kolumbianische Team in der Gruppe H auf die EM-Finalistinnen aus Deutschland, hat mit Südkorea und Marokko jedoch auch zwei Gegnerinnen auf Augenhöhe. Die Erwartungen sind daher durchaus hoch, nicht nur ein Aufstieg, sondern sogar der Vorstoß bis ins Viertelfinale wird als realistisch eingestuft. Wäre da nicht der unberechenbare Teamchef. Der 67-jährige Nelson Abadia gilt als Trainer alter Schule und weitgehend beratungsresistent. Seit neun Jahren ist er, wohl vor allem dank freundschaftlicher Verbindungen in die Verbandsspitze, im Amt. Zuvor trainierte er mit geringem Erfolg Zweitligateams der Männer und war mehrere Jahre ohne Job. „Sowohl in der auf Aufstellung als auch taktisch hat er Schwächen“, sagt Prieto. „Das könnte auch daran liegen, dass er sich nicht weiterbildet.“
Dabei ist vor allem die Defensive eine Schwachstelle, auch weil hier kaum eine Spielerin auf ihrer angestammten Position eingesetzt wird. Im offensiven Mittelfeld und Sturm hat Kolumbien Fußballerinnen von internationaler Klasse: Dazu gehören die 18-jährige Linda Caicedo von Real Madrid, die 27-jährige Leicy Santos von Atletico Madrid und die 33-jährige Catalina Usme von America Cali, die mit 43 Treffern auch Rekordtorschützin ihres Landes ist. Je länger der Aufenthalt bei der WM dauert, umso größer wird die Aufmerksamkeit für das Team und die Spielerinnen daheim in Kolumbien – was mittelfristig die finanzielle Dotierung in Verband und Liga verbessern wird. Bei der Ausrichtung von Großereignissen ist Kolumbien mittlerweile bescheidener und will es zunächst mit einer Bewerbung für eine der nächsten U20-Weltmeisterschaften probieren.
Update: Nach Redaktionsschluss verkündete die FIFA, dass Kolumbien die U20-WM der Frauen im kommenden Jahr austragen wird.