Rund 20 Minuten zu Fuß vom Museum für Islamische Kunst entfernt liegt in der Hauptstadt Katars das Doha-Stadion. Hier hat kein Spiel der WM 2022 stattgefunden, hier hat nicht einmal ein Team trainiert. Aber das 1962 eröffnete Stadion war das erste in der Golfregion, das einen Rasenplatz hatte. Und schon 50 Jahre vor der WM waren hier die Größten der Sportwelt zu Besuch: 1971 Muhammad Ali und 1973 der Santos FC mit Pele. 3:0 gewannen die Brasilianer gegen den Al-Ahly Sports Club. Die offizielle Kapazität von 2.000 Personen soll deutlich übertroffen worden sein. „Ein Spiel, das eine neue Generation von katarischen Spielern zu großen Träumen ermunterte“, steht auf einer Ausstellungstafel mit Schwarz-Weiß-Fotos.
Kleiner Schritt
„Der einzige Ort, an dem Santos nicht gespielt hat, war der Mond“, sagte Pele später über den Klub, bei dem er den größten Teil seiner Karriere verbracht hat. Als er in Doha gastiert, neigt sich diese dem Ende zu, ebenso wie die goldenen Zeiten des Vereins. Doch zehn Jahre zuvor ist Santos der beste Klub der Welt, gewinnt alles, was es zu gewinnen gibt, lehrt die Europäer das Fürchten – und füllt seine Kassen.
Als Pele 1955 in die Santos-Jugend kommt, schwingt sich der Klub gerade zu neuen Erfolgen auf und gewinnt die Staatsmeisterschaft von Sao Paulo nach einer 20-jährigen Durststrecke. Wie die Stadt Santos steht auch ihr Klub lange im Schatten der großen Vereine aus Sao Paulo: Corinthians, der Sao Paulo FC und Palmeiras sind die dominierenden Kräfte im Bundesstaat – und zu diesem Zeitpunkt ist der Fußball in Brasilien stärker noch als heute von den Regionen geprägt. Waldemar de Brito, der für Brasilien bei der WM 1934 gespielt hat und als Peles Entdecker gilt, fragt bei den Klubs von Sao Paulo an, doch sie haben an dem Teenager aus Bauru kein Interesse. Ein Wechsel zu Bangu AC aus Rio sei seiner Mutter und ihm wiederum ein zu großer Schritt in eine zu große Stadt gewesen, schreibt Pele. Also Santos.
Gemeinsam mit de Brito und seinem Vater besucht er am Tag seiner Ankunft ein Ligaspiel gegen Comercial im Vila Belmiro. Das Stadion von Santos, 1916 eröffnet, ist mit damals rund 30.000 Plätzen nicht das größte und schönste Brasiliens, doch die Tribünen sind steil und eng am Rasen. Und es ist das erste große Stadion, das Pele sieht. „Ich konnte die Augen nicht vom Spielfeld abwenden. Diese Männer waren Fußballstars, und sie spielten ganz oben mit.“ Alleinstehende Spieler wohnen damals in Mehrbettzimmern in den Katakomben des Belmiro, auch Pele übernachtet zunächst dort, bevor er bei der Familie eines Masseurs unterkommt.
Neue Bewerbe
1958 holt Santos mit den Weltmeistern Pele, Pepe und Zito die dritte Staatsmeisterschaft des Jahrzehnts. Pele schießt 58 Tore in 38 Spielen. Zu den Trainings kommen tausende Fans, die den neuen Star sehen wollen. Den ersten, 1959 eingeführten, landesweiten Bewerb gewinnt der Klub ab 1961 fünfmal, in der ab 1960 gespielten Südamerikameisterschaft, der späteren Copa Libertadores, siegt er zweimal. Das Finale 1962 gegen Titelverteidiger Penarol aus Uruguay von Trainer Bela Guttmann wird in einem dritten Match entschieden. Beim 3:0 im El Monumental schießt Pele zwei Tore. Die argentinischen Fans hätten ihm nach Abpfiff die Kleider vom Leib gerissen, erinnert er sich. Der Sieg qualifiziert Santos für den nächsten neuen Bewerb: den Weltpokal gegen den Landesmeistercupsieger. Gegen Benfica mit Eusebio gewinnt Santos 3:2 vor 90.000 im Maracana und 5:2 vor 70.000 im Estadio da Luz. Pele schießt sechs der acht Tore seines Klubs. 1963 setzt sich die Mannschaft ebenfalls über drei Spiele gegen den AC Milan durch.
Das Magazin World Soccer führt Santos im Jänner 1963 als besten Klub der Welt, dahinter Botafogo, Benfica, Tottenham und Milan. Zu diesem Zeitpunkt verbringt das Team längst viel Zeit in den Wolken: Pele-Biograf Stephane Cohen bezeichnet die oft sechs Monate dauernden Tourneen als „Pele Football Show“. „Von 1959 bis 1974 reiste der Santos FC durch die ganze Welt. Die Spieler liefen in über 100 Stadien gegen ebenso viele Mannschaften auf, vor gigantischen Menschenmengen, in Subsahara-Afrika ebenso wie in Asien, im Nahen Osten und vor allem in Europa.“ Der Spitzname der Mannschaft lautet „Os Santasticos“, sie verkörpert das jogo bonito, das schöne Spiel, für das Brasilien bekannt ist. Doch obwohl er über starke Mitspieler verfügt, drehen sich Show und Spiel von Santos um Pele. Nachdem der Klub im Sommer 1959 in Madrid gegen Real 3:5 verliert, schreibt die Marca: „Bei Santos spielt die Mannschaft für Pele. Bei Real Madrid spielt Alfredo Di Stefano für die Mannschaft.“
Zu einem Rückspiel kommt es nie, ein Ersatz für den 32-jährigen Di Stefano wird Pele auch nicht. Santos erklärt seinen Star für unverkäuflich. Die Klubführung verspekuliert sich mit dem eingenommenen Geld in Immobiliengeschäften – es braucht also immer mehr und immer längere Tourneen. Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre werden die Gegner weniger prominent, die Spieler ausgelaugter. Aus der großen Show ist, wie Cohen schreibt, eine Jahrmarktsattraktion geworden. Im Juli 1971 tritt Pele aus dem Nationalteam zurück, mit Santos gewinnt er 1973 noch einmal die Staatsmeisterschaft von Sao Paulo und wird Torschützenkönig. Im Jahr darauf, wenige Wochen vor seinem 34. Geburtstag, spielt er sein letztes Match für Santos.
Abschied
An die glorreichen Zeiten kann Santos in den folgenden Jahrzehnten nur punktuell anknüpfen. 2011 gelingt noch einmal der große Wurf: Gegen Penarol holt der Klub seinen dritten Copa-Libertadores-Titel. Nach einem 0:0 im Hinspiel siegt Santos in Sao Paulo 2:1, das erste Tor schießt der 19-jährige neue Star: Neymar.
Für das über 100 Jahre alte Vila Belmiro, das nur noch für knapp 20.000 Fans zugelassen ist, hat Santos große Pläne: Eine neue Arena soll in den kommenden zwei Jahren an dessen Stelle entstehen und wieder Platz für 30.000 bieten. Im Jänner 2023 kehrt Pele noch einmal ins Vila Belmiro zurück. Auf dem Spielfeld, das er als 15-Jähriger das erste Mal gesehen hat, wird sein Leichnam im offenen Sarg aufgebahrt. Zehntausende kommen, um sich zu verabschieden.