Lange wurden Fußballerinnen in Argentinien unterdrückt, doch langsam werden Spielerinnen der Vergangenheit wiederentdeckt und neue Projekte für die Zukunft gestartet. Eine Spurensuche zwischen Buenos Aires und Cordoba.
In kaum einem Land wird Fußball so leidenschaftlich gelebt wie in Argentinien. In Buenos Aires ist das besonders zu spüren, hier finden große Klubs, kleine Straßenkicks und begeisterte Fans auf engem Raum zusammen. Messi und Maradona zieren die Wände, Dressen in den verschiedensten Farben sind allgegenwärtig, ebenso wie Diskussionen über das letzte der vielen Derbys. Wenn das Nationalteam spielt, scheinen jedoch alle vereint. „Gol“ hallt es dann nach jedem Treffer durch die nicht enden wollenden Häuserblocks, nach dem WM-Titel 2022 kannte die Freude keine Grenzen.
Doch in dieser Erzählung bleibt etwas unsichtbar: Hinter der Euphorie steht eine tief verwurzelte Machokultur. Männer dominieren auch in Argentinien das Geschehen im Fußball. In ihrem Schatten blieben die Spielerinnen lange verborgen oder wurden belächelt und verspottet. Erst 1991 hat der Verband den Fußball von Frauen anerkannt, die Spielbedingungen blieben noch länger prekär. Inzwischen haben feministische Bewegungen auch den Fußball erreicht, Spielerinnen lehnen sich auf und üben Druck auf die Institutionen aus. 2019 gelang mit der Semiprofessionalisierung ein Meilenstein. Semi, weil zunächst nur zwölf Spielerinnen je Erstligist einen Profivertrag erhalten. Doch der Fußball der Frauen wächst, neue Trainingsmöglichkeiten entstehen, Spielerinnen werden Trainerinnen, Schiedsrichterinnen betreten das Feld. Die Schritte sind Ergebnisse eines generationenübergreifenden Kampfes.
Geh nach Hause!
Die ballesterer-Recherche beginnt im Viertel La Paternal im Nordosten von Buenos Aires, abseits des Großstadtlärms, das mit niedrigen Häusern und begrünten Bürgersteige fast dörflich wirkt. Lucila Sandoval, die hier alle „Luky“ nennen, öffnet die Tür zu ihrem Haus. Im Eingang blühen die Weinreben, ihr Fahrrad lehnt an der Hauswand. Die 53-Jährige wohnt zusammen mit ihrem Neffen. Sie führt ins Wohnzimmer und beginnt, aus ihrem Leben zu erzählen. Die Geschichte führt von den staubigen Bolzplätzen ihrer Kindheit in Corrientes im Nordosten des Landes bis zu den renommiertesten Klubs der Hauptstadt. Wenn Sandoval in Kisten nach Fotos und Zeitungsausschnitten sucht, wirkt ihr Zuhause wie ein kleines Museum. Die Erinnerungsstücke eröffnen den Blick auf mehr als eine Biografie, weitere Fußballerinnen und Spiele der Vergangenheit treten ans Licht.
„Ich habe manchmal in drei Schichten trainiert – morgens, mittags, abends.“ Lucila Sandoval
Sandoval wächst als Waisenkind auf, ihre Leidenschaft für den Fußball beginnt auf einfachen Lehmplätzen, den potreros, die zum Kicken genutzt werden. „Seit ich sieben Jahre alt war, habe ich mich mit den Burschen auf den potreros herumgetrieben“, sagt sie. „Sie haben nie ein Problem mit mir gehabt.“ Ältere Frauen hingegen hätten ihr: „Marimacho, geh nach Hause“ zugerufen. Marimacho, das heißt Mannsweib. Doch auch das kann Sandoval nicht davon abhalten, ihre Träume zu verfolgen, die Beleidigungen prallen an ihr ab. Sie schaut den Burschen zu, stellt sich neben das Tor und springt ein, wenn einer fehlt. 1982 verfolgt sie das WM-Finale im Radio: „Ich habe mich gefühlt mich, als wäre ich dort“, sagt sie. „Ich habe mir die Atmosphäre im Stadion vorgestellt. Es war, als wäre ich Paolo Rossi. Ich habe davon geträumt, bei einem der großen Vereinen zu spielen.“
Mit 14 Jahren zieht sie nach Buenos Aires. Der Fußball rückt mit der Arbeit in einer Bäckerei in den Hintergrund, aber nur für kurze Zeit. Dass Vereinsfußball für Frauen existiert, ist ihr nicht klar, bis sie mit 18 – im Jahr 1988 – von einem Frauenteam beim CA All Boys hört. „Dort haben echte Talente trainiert“, sagt sie. „Und ich? Ich war nicht einmal als Wasserträgerin zu gebrauchen.“ Bei der Erinnerung an ihre Unerfahrenheit muss Sandoval lachen. Doch die junge Frau ist ehrgeizig, als Stammtorfrau Marcela Lesich den Wunsch äußert, künftig als Verteidigerin zu spielen, sieht Sandoval ihre Chance gekommen. Sie erreicht ihr Ziel dank des Rückhalts durch ihren Trainer und monatelangen Zusatztrainings. „Ich habe manchmal in drei Schichten trainiert – morgens, mittags, abends“, sagt sie. Geld verdient sie mit dem Fußball nicht, sie muss daneben einem Vollzeitjob nachgehen.
Hauptsache Handschuhe
Ihre fast 27 Jahre lange Karriere führt Sandoval von den All Boys über River Plate und Boca Juniors zu ihrem Herzensverein Independiente. Bis in die frühen 1990er Jahre werden lokale Turniere privat organisiert, teils vom 1987 gegründeten unabhängigen Frauenfußballverband AAFF. 1991 übernimmt der Fußballverband AFA und ruft die Copa Femenina ins Leben, den ersten landesweiten Bewerb für acht Teams. Es folgen weitere Formate, die Zahl der Vereine, die Fußball für Frauen anbieten, steigt bis 1998 auf 36 Teams. Doch die Bedingungen bleiben amateurhaft. Es fehlt an Umkleideräumen, Infrastruktur, Dressen, Plätzen und Geld. Die Kluft zwischen dem Fußball der Männer und Frauen ist groß, überbrücken müssen sie die Frauen. Sandoval nimmt Spielerinnen aus anderen Landesteilen in ihrem Haus auf, kümmert sich um junge Kolleginnen. „Die Männer waren die Stars. Für uns hat es hin und wieder ein paar Pesos gegeben, wenn wir ein wichtiges Spiel gewonnen haben.“ Ihre Dressen flickt sie daheim mit Nadel und Faden, Goaliehandschuhe bekommt sie von männlichen Kollegen geschenkt. „Die waren mir viel zu groß, aber das hat mich kaum gestört.“
Im Alter von 46 Jahren beendet Sandoval 2016 ihre Karriere im Tor. Das Loslassen fällt ihr schwer. Ein Foto von 1971 geht ihr nicht aus dem Kopf. Gesehen hat sie es 1988 beim Frauenfußballverband. Es zeigt Spielerinnen in argentinischen Teamdressen im Aztekenstadion in MexikoStadt, vor vollbesetzten Rängen. Sandoval ist verwirrt. Wer sind diese Frauen? Und bei welchem Turnier haben sie gespielt? Sie beschließt, die Fußballerinnen aufzuspüren und ihre Geschichte zu rekonstruieren. Teamkolleginnen schließen sich an. Zur selben Zeit finden in Buenos Aires Demonstrationen für Gleichberechtigung statt, es herrscht Aufbruchsstimmung. In der feministischen Welle nimmt das Vorhaben an Fahrt auf, Telefonleitungen glühen, Medien und Politik interessieren sich plötzlich für den Fußball der Frauen. „Dinge passieren, wenn sie passieren sollen“, sagt Sandoval.
Ein halbes Jahrhundert nach der Weltmeisterschaft 1971 in Mexiko später werden die Leistungen der argentinischen Spielerinnen öffentlich gewürdigt.
Ihre Spurensuche wird zur Auflehnung gegen die jahrzehntelange Unterdrückung in einem männlich dominierten System. Sandoval gelingt es, die Geschichte hinter dem Foto zu erzählen und das Team zu finden, das bei der – von der FIFA nicht anerkannten – WM 1971 für Argentinien gespielt hat. Ein halbes Jahrhundert später werden die Leistungen der Spielerinnen öffentlich gewürdigt. Sie erzählen in Interviews, wie sie eher zufällig für das Turnier angeworben worden seien, davon dass ihnen bei der Ankunft noch die Ausstattung gefehlt habe – und von dem Moment, beim Eröffnungsspiel gegen Mexiko vor 100.000 Fans in das Aztekenstadion einzulaufen. Der sportliche Höhepunkt für die Argentinierinnen ist der 4:1-Sieg gegen England. Das Team beendet das Turnier auf dem vierten Platz, im Finale schlagen die Däninnen Mexiko 3:0.
Geheime Turniere
Für Sandoval sind diese Spielerinnen wie Betty Garcia, Pelusa Ponce, Elba Silva und Marta Soler Pionierinnen. „Sie haben für uns das Feld bestellt und die ersten Setzlinge Wurzeln schlagen lassen“, sagt sie. Sie seien belächelt und beleidigt, sogar aus ihren Häusern vertrieben worden, weil sie Fußball gespielt hätten. „Ich habe ihren Kampf fortgesetzt. Ihr Mut hat mich beeindruckt.“ Um die Tradition sichtbar zu machen, gründet Sandoval im November 2016 die Organisation Pioneras del Futbol Femenino Argentino. Und sie hat weitere Pläne: Sie möchte die Geschichten aller Pionierinnen der letzten Jahrzehnte ans Licht bringen. Am besten weltweit.
Zwei von ihnen trifft der ballesterer in Cordoba, einer Universitätsstadt im Landesinneren. Rosa Villagra ist 71 Jahre alt, Silvia Barrionuevo 75. Auch sie haben gegen gesellschaftliche und familiäre Widerstände einen Platz auf dem Spielfeld erobert. Die beiden waren am Platz lange Rivalinnen und werden trotzdem Freundinnen. Villagra entdeckt den Fußball in den frühen 1960er Jahren. Ihre Mutter stellt sich gegen die Ambitionen ihrer Tochter, droht sogar mit Prügel, Rosa spielt trotzdem mit den Burschen aus der Nachbarschaft. „Mir ist das egal gewesen, ich habe mich nicht so leicht unterkriegen lassen. Und meine Freunde haben mich verteidigt“, sagt sie beim Mittagessen in ihrer Wohnung. 1962 sieht Villagra die Anzeige für ein neu gegründetes Frauenteam in der Zeitung: Las Estrellas de Pueyrredon, die Sterne von Pueyrredon. Das Team ist eines der ersten in der Stadt. Villagra wechselt vom Feld ins Tor und wird 1974 sogar fürs Nationalteam nominiert. Anerkennung oder gar Unterstützung bleiben jedoch aus. „Ich habe nicht einmal Handschuhe bekommen“, sagt sie. „Es hat kein Geld gegeben – und kein Interesse.“
Rosa Villagra und Silvia Barrionuevo erfüllten sich ihren Traum gegen Widerstände
Auch Barrionuevo kickt in ihrer Kindheit heimlich in der Nachbarschaft. Der Widerstand in der Familie, vor allem ihrer Tanten, schreckt sie nicht ab. Als sich die ersten Frauenteams gründen, wird jeden Sonntag ein Turnier ausgetragen – revolutionär zu dieser Zeit. „Ich habe meine Schuhe geschnappt, mich davongeschlichen und bin erst in den späten Abendstunden zurückgekommen“, sagt sie und lächelt. Sie habe für den Fußball gelebt. Noch heute kribble ihr ganzer Körper, wenn sie an ihre Tore denke: „Das waren die schönsten Momente meines Lebens.“
50 Jahre nach ihrer aktiven Zeit steht bei den beiden Frauen der Fußball immer noch im Mittelpunkt. Sie sind stolz über die Anerkennung durch das Pioneras-Projekt: „Heute wird mehr über uns gesprochen als je zuvor, und wir werden ins Fernsehen eingeladen“, sagt Villagra. Barrionuevo lässt sich trotz ihrer 75 Jahre nicht vom Fußball abhalten, einmal in der Woche, erzählt sie, gehe sie mit den jüngeren Generationen eine Runde kicken. Nach dem Spiel folge eine dritte Halbzeit mit Bier, Gesprächen und manchmal Geburtstagsfeiern. „Wenn ich entscheiden dürfte, wo ich sterbe, würde ich den Fußballplatz wählen“, sagt sie zum Abschied.
Behauptung am Platz
Zurück in Buenos Aires geht es aus La Paternal in eines der ärmsten Gebiete der Stadt, die Villa 31. Zwischen dem Trubel des Busbahnhofs Retiro und den Wolkenkratzern der wohlhabenden Bezirke stehen hier unverputzte Ziegelbauten. Die Regierung hat vor Kurzem die Häuser bunt streichen und Stromleitungen verlegen lassen, doch die Lebensbedingungen sind weiter prekär. Hier ist der Verein La Nuestra beheimatet, er trägt den Namenszusatz Futbol Feminista, feministischer Fußball. An diesem Dienstag kurz vor 18 Uhr färbt sich der Himmel langsam lilarot, als sich Monica Santino, ehemalige Spielerin von All Boys und Mitbegründerin von La Nuestra, auf den Weg zur Cancha de Güemes macht, dem wichtigsten Fußballplatz der Villa 31. Sie wird vielfach gegrüßt, man kennt sich. Nach 17 Jahren ist La Nuestra eine Institution.
Auf und neben dem Platz behaupten – La Nuestra aus der Villa 31 ist nicht nur ein Fußballverein
Der Verein entstand, um für Frauen und queere Personen eine neue Form des Fußballs und gesellschaftlichen Zusammenhalts zu schaffen. La Nuestra bedeutet „auf unsere Weise“. Und genau danach streben sie hier: nach ihrem Fußball in einem gewaltfreien, sicheren Raum. „Es geht nicht nur um das Recht zu spielen, sondern auch um Würde und Respekt“, sagt Santino. „Fußball ist immer eine Männerdomäne gewesen. Viele Mädchen müssen im Haushalt helfen, während die Burschen draußen spielen.“ Die 58-Jährige zeigt auf das Feld. „Es hat viel Widerstand gegeben, bis wir uns diesen Raum erkämpft haben.“ Nach jahrelangen Auseinandersetzungen gibt es jetzt zwei feste Trainingszeiten auf dem Kunstrasenplatz. Noch tummeln sich einige Burschen auf dem Platz, aber sie wissen, dass jetzt andere drankommen: Nach und nach betreten Mädchen und Frauen das Feld. Sie sind zwischen zehn und 35 Jahre alt, manche haben ihre Kinder dabei, die zuschauen. Auf den schwarzen Hoodies steht in weißen Buchstaben: „Me paro en la cancha como en la vida“ – Ich behaupte mich auf dem Platz, genauso wie im Leben.
Luciana Martiarena ist 22, spielt seit zwölf Jahren im Verein: „Bei La Nuestra habe ich mich verstanden und sicher gefühlt, und ich habe gelernt, für meine Rechte einzustehen“, sagt sie. Früher habe sie sich für ihren Wohnort geschämt. „Heute erzähle ich stolz: Ich komme aus der Villa 31.“ Der Fußball bei La Nuestra ist nicht nur ein Gegenentwurf zur dominanten Machokultur, er stiftet sozialen Zusammenhalt. „Das Training ist ein Ausbruch aus dem Alltag, familiären Verpflichtungen, und finanziellen Sorgen“, sagt Martiarena.
Die über Generationen errungenen Erfolge stehen jetzt auf dem Spiel. Die rechte Politik des neuen Präsidenten Javier Milei verbreitet Sorgen und Ängste. Nicht nur die Fördergelder, die La Nuestra finanzieren, könnten gestrichen werden, auch das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben wird angegriffen. Doch während die Sonne hinter den bunten Häuserfassaden verschwindet, zeigt sich Santino kämpferisch. „Argentinien hat immer starke soziale Bewegungen gehabt, oft angetrieben von Frauen“, sagt sie. „Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir wollen spielen, also spielen wir.“
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