Im Sommer 2020 dürfte der Meisterteller nicht einmal in den Träumen der Fans des SK Sturm aufgetaucht sein. Der Klub beendete die Saison, die die Coronapandemie kräftig durcheinander gewirbelt hatte, als Sechster. Der neue Sportdirektor Andreas Schicker wurde am Transfermarkt aktiv, große Namen holte er nicht: Die Verpflichtungen von Jon Gorenc Stankovic, Jusuf Gazibegovic und Gregory Wüthrich versprachen keine Wunderdinge.
Sturm wurde in der folgenden Saison Dritter, lag aber 15 Punkte hinter Meister Red Bull Salzburg. Von dort holte Schicker im Sommer 2021 Reservist David Affengruber und von Liefering Alexander Prass. Manprit Sarkaria kam ablösefrei von der Wiener Austria. Diese sechs Spieler sind das Grundgerüst der Sturm-Mannschaft, die in der abgelaufenen Saison die stärkste Österreichs war – und der erste Doublegewinner seit 2004, der nicht entweder von Frank Stronach oder einem Getränkehersteller finanziert wurde. Affengruber und Wüthrich bildeten die beste Innenverteidigung der Liga, Gorenc Stankovic gab den Takt vor, und am Flügel dribbelten Gazibegovic und Prass die Gegner schwindlig. Bester Torschütze des Teams war Otar Kiteishvili, der seit 2018 in Graz kickt.
Wer aktuell die Jubelmeldungen über vollzogene Transfers – sei es von Fans, Vereinen oder in den Medien – liest, sollte sich diesen Umstand immer wieder ins Gedächtnis rufen. Große Mannschaften entstehen nicht in einem Sommer. Es braucht Zeit, bis Neuverpflichtungen sich an das Umfeld gewöhnen und aus Individuen ein robustes Teamgefüge wird. Zum Ende der abgelaufenen Saison waren die Spieler im Kader von Sturm durchschnittlich 27,3 Monate beim Verein. Das war nach Klagenfurt der zweithöchste Wert der Liga, bei Salzburg, dem Zehnten dieser Tabelle, betrug er 19,5 Monate. Natürlich hätte Schicker die Mannschaft nicht beisammenhalten können, wenn andere nicht schnell wieder gegangen wären. Durch die Verkäufe von Kelvin Yeboah, Rasmus Höjlund und Emanuel Emegha hat Sturm Millionen eingenommen. Aber anstatt sie für spektakuläre Transfers auszugeben, hat Schicker in Vertragsverlängerungen investiert.
Die Rückeroberung des Meistertitels wird für den entthronten Serienmeister deshalb alles andere als einfach. Red Bull Salzburg zahlt Tribut dafür, zu lange die jährlichen Abgänge von Schlüsselspielern nicht richtig kompensiert zu haben. Übrig blieb ein Team, das in den entscheidenden Phasen der vergangenen Spielzeit kopf- und planlos war. Selbst mit Millionen im Rücken und Scouts auf der ganzen Welt ist es schwierig, ein derartiges Loch in einem Sommer zu stopfen.
Sturm hat eindrucksvoll bewiesen, wie man mit präziser Kaderplanung Red Bulls vermeintliche Übermacht brechen kann, und dafür gesorgt, dass die Meistermannschaft nicht in einem Sommer zerbröselt. Bei Gorenc Stankovic, Sarkaria und Wüthrich deutet alles auf einen Verbleib hin, Kiteishvili hat seinen Vertrag im Juni verlängert. Die fixe Verpflichtung von Arsenal-Leihgabe Mika Biereth ist ein weiterer Fingerzeig für die bevorstehende Saison. Eine Titelverteidigung ist nicht nur im Reich der Träume möglich.