Jean Williams kennt sich im englischen Fußball der Frauen aus wie kaum jemand sonst. Im Interview spricht sie über viktorianische Influencerinnen, queere Pionierteams und selbsterfüllende Prophezeiungen.
Während des Interviews mit Jean Williams Mitte Oktober spielt Arsenal gegen Chelsea vor 45.860 Fans. Solche Kulissen sind seit der EM 2022 keine Seltenheit mehr. Der Europameisterinnentitel der Engländerinnen ist der bisherige Höhepunkt einer Geschichte, mit der Williams sich seit mehr als zwei Jahrzehnten beschäftigt. Sie hat über die Pionierinnen wie Frauenrechtsaktivistin Nettie Honeyball, die 1895 den British Ladies‘ FC gründete, geschrieben, über das Verbandsverbot von 1921 und den langen Kampf der Fußballerinnen um Anerkennung.
ballesterer: Wenn ich in London einen Ort besuchen möchte, der wichtig für den Frauenfußball ist, wohin würden Sie mich schicken?
Jean Williams: Crouch End, wo Nettie Honeyball gelebt hat, ist ein guter Start, um in die Vergangenheit einzutauchen, aber ich würde auch sagen: „Gehen Sie ins Imperial War Museum.“ Dort wird die Geschichte der Munitionsfabriken gut aufgearbeitet. Man kann sich Gespräche mit Zeitzeuginnen anhören, die immer wieder anfangen, von ihren Fußballkarrieren zu sprechen. Leider sagt der Interviewer ihnen dann, sie sollen bitte über ihre Lohnarbeit reden. Danach können Sie zum Stadion der Queens Park Rangers und nach Croydon, nach Hackney und zur Stamford Bridge gehen. Und am Ende nach Wembley, um die Europameisterschaft 2022 Revue passieren zu lassen.
Nettie Honeyball und Helen Matthews sind die großen Namen des erfolgreichen Frauenfußballs um 1900. Das erste Spiel des British Ladies‘ FC im März 1895 haben 10.000 zahlende Zuschauer*innen gesehen. Wie hat das funktioniert?
Die Zeitungen haben damals gerne über Frauenfußball geschrieben. Honeyball, die Sekretärin des Klubs, hat das genutzt und viel mit Medien gesprochen. Sie hat sechs Monate vor dem Spiel Details zur Planung veröffentlicht und erzählt, dass ein bekannter Trainer das Team coacht. Dieser lange Vorlauf hat den Leuten genug Zeit gegeben, den Matchbesuch einzuplanen. So ist dieses große Publikum zustande gekommen. Und Honeyball hat immer signalisiert, dass dort ordentlicher Fußball gespielt wird. Heute wäre sie Influencerin.
Londoner Pionierinnen – Nettie Honeyball mit dem British Ladies’ FC
War das „Honeyball-Geschäftsmodell“, wie Sie es nennen, ein Teil der Unterhaltungsindustrie?
Fußball ist immer Teil der Unterhaltungsindustrie gewesen. Die Profiliga der Männer ist 1888 gegründet worden, die Spiele sind gut beworben worden, die Stadien waren zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. In vielen Industriezweigen war der Samstagnachmittag frei. Die Leute haben sich zu Mittag im Pub getroffen und sind dann zum Fußball gegangen. Honeyball hat diese Gewohnheiten für den Frauenfußball genutzt.
Während des Ersten Weltkriegs hat es in England 150 Frauenteams gegeben. Sind die Spiele entlang der Bahnstrecken verteilt gewesen?
Gute Frage. Viele dieser Teams sind in den Munitionsfabriken entstanden, die es im ganzen Land gegeben hat. Auch die Flugzeugindustrie war wichtig. Die kurze Antwort wäre, Frauen haben überall gespielt. Ich habe Beispiele von Brighton bis hinauf in den Norden gefunden. Auch in Schottland, Wales und Irland, sogar auf der Isle of Man. Die Teams sind viel getourt, auch international.
In dieser Zeit hat das berühmteste Team, die Dick, Kerr Ladies aus Preston, Riesensummen für karitative Zwecke eingespielt. 1921 hat der Verband die Nutzung seiner Plätze durch Frauenteams verboten. Sollte so das Geschäftsmodell Männerfußball abgesichert werden?
Frauenfußball war sehr populär, aber er hätte dem Männerfußball nie ernsthaft Konkurrenz machen können. Die Männer haben damals schon in zwei professionellen Ligen gespielt. Während des Kriegs waren Fußballspiele auch ein Mittel, um die Moral an der Heimatfront hochzuhalten. Wir müssen die 150 Frauenteams, meist Amateurinnen, in der richtigen Perspektive betrachten. Ich denke, der Verband hat sich 1921 neu erfinden und seine Einnahmen schützen wollen, damit genügend Ressourcen für den Profifußball der Männer verfügbar waren.
„Frauenfußball hatte nie eine Basis, sondern ist immer auf geliehenen Plätzen gespielt worden. Das ist der Nachteil der Zusammenarbeit mit Männerteams.“
Hat es Proteste gegen das Verbot gegeben?
Ja, viele. Dick, Kerr hat ein Benefizspiel veranstaltet, ein Journalist hat hinterher geschrieben hat, dass Fußball nicht anstrengender ist als Wäschewaschen. Damals haben die Frauen gewaschen, und zwar mit der Hand, und klarerweise war alles viel dreckiger als heute. Frauen aus der Arbeiterklasse haben ein hartes Leben geführt und waren körperlich sehr fit. Das mussten sie sein. Viele Leute waren der Meinung, dass das Verbot nicht zeitgemäß war, aber der Verband hatte eine starke Lobby. Die Funktionäre waren als Anwälte und in ähnlichen Berufen tätig, die Frauen nicht.
Weiß man, wo die Frauen in London während des Verbots gespielt haben?
Ja. Sie sind in die öffentlichen Parks gezogen. Frauen haben keine Grundstücke besessen. Frauenfußball hatte nie eine Basis, sondern ist immer auf geliehenen Plätzen gespielt worden. Das ist der Nachteil der Zusammenarbeit mit Männerteams. Der Verband hat sich wirklich gehässig verhalten und auch die Cricket- und Rugbyklubs gebeten, ihre Plätze nicht den Frauen zur Verfügung zu stellen. So ist über Nacht die Behauptung populär geworden, Frauenfußball sei unattraktiv und könne die Massen nicht begeistern. Eine selbsterfüllende Prophezeiung, die bis heute wirkt.
In der aktuellen Women’s Super League kommt fast die Hälfte der Teams aus London, alle haben ein männliches Pendant in der Premier League. Warum ist der Frauenfußball heute so von London und den großen Männerklubs dominiert?
Der Verband ist auf den Süden von England fokussiert, er hat seine Zentrale im neuen Wembley, dort ist 2010 die Women’s Super League gegründet worden. In ihrem Geschäftsmodell fungiert der Frauenfußball als Unterkategorie des Männerfußballs, die WSL ist eine Submarke der Premier League und der Championship.
Jean Williams (60) ist Sporthistorikerin und hat mehrere Bücher zur Geschichte des Frauenfußballs veröffentlicht, 2003 erschien „A Game For Rough Girls“ und 20 Jahre später „Legendary Lionesses“. Außerdem berät sie Museen und Galerien.
Die Nationalteamspielerinnen Beth Mead und Leah Williamson sind bei Arsenal am Stadion so groß abgebildet wie die Männer und auch im Fanshop präsent. Am Weg zum Stadion gibt es an der Hornsey Road ein großes Graffiti von Williamson. Ist das den Erfolgen der „Lionesses“ zu verdanken?
Sarina Wiegman ist die erste Teamchefin mit klarer internationaler Expertise. Ihre Besetzung war eine Revolution, die viele begeistert hat. Gleichzeitig kann man sagen, dass es bis 2021 gedauert hat, eine Person mit einer solchen Expertise zu bestellen.
Was sind die wichtigsten Londoner Frauenteams?
Arsenal ist natürlich sehr wichtig. Auch Crystal Palace gibt es schon lange, sie spielen seit dem Sommer erstklassig. Besonders interessant ist der Hackney Women’s FC, der in den 1980er Jahren zu einem mehrheitlich queeren Team geworden ist. Sie haben Schwierigkeiten bekommen, weil Lesben angeblich schlecht für den Ruf des Frauenfußballs seien. Aber das hat sie nicht gekümmert. Ein fantastischer Klub, mit eigenen Songs und eigener Identität.
Frauenfußball wird in queeren Communitys oft als ein sicherer Ort wahrgenommen und ist dadurch auch familienfreundlicher. Wie sehen Sie das?
Ja, genau. Der Fußball der Frauen ist immer an den Rand gedrängt worden, aber aus dem geringen Platz, der da war, ist ein Ort des gegenseitigen Bestärkens geworden. Frauenfußball hat eine eigene Kultur entwickelt, mit eigenen Verhaltensformen, Einstellungen und Werten. Er ist familienfreundlicher, weil er weniger gewalttätig ist. Die Fans supporten ihr jeweiliges Team, aber auch immer gemeinsam das Recht von Frauen, Fußball zu spielen.
Welche Auswirkung hat diese Geschichte der Widerstände und der Selbstorganisation auf den professionellen Frauenfußball von heute?
Ich drehe diese Frage gerne um und sage, dass die Geschichte des Frauenfußballs eine Geschichte der Leidenschaft ist. Denn wenn du Fußball so sehr liebst, verschwinden all diese Hürden und Erschwernisse. Die Frauen, die ich interviewt habe, erleben Fußball als Fest, als Liebe, als Freude. Die anderen Dinge sind dann einfach nicht mehr wichtig.
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