Aus dem Schatten seines Vaters ist er längst hervorgetreten. Und dennoch hat ihn dieser vor Kurzem wieder eingeholt. Ganz unschuldig war der Sohn daran nicht. Genau genommen hat er es sogar heraufbeschworen. Vor dem Champions-LeagueSpiel zwischen Borussia Dortmund und dem SK Sturm hatte Marcel Sabitzer für klare Verhältnisse gesorgt: „Ich komme aus Graz, ich bin dort aufgewachsen. Ich habe beim anderen Verein aus Graz gespielt, und mein Vater ist dort eine Legende.“ Die Sturm-Fans antworteten während des Spiels mit einem Spruchband, auf dem geschrieben stand: „Schnauze, kleiner Herfried!“
Damit versuchten sie, Marcel Sabitzer kleinzumachen. Ihn auf etwas zu reduzieren, was er zwar immer noch ist, aber kaum noch jemand in ihm sieht: der Sohn eines prominenten Fußballers. So mutet die Schmähung fast ein wenig niedlich an. Denn auch wenn Marcel seinen Vater eine Legende nennt, hat er doch längst dessen Schatten verlassen. Herfried Sabitzer ging Mitte der 1990er Jahre für den GAK auf Torejagd und brachte es auf sechs Einsätze im Nationalteam. Diesen Fußstapfen ist der 30-jährige Marcel Sabitzer nach 87 Länderspielen und rund zehn Jahren im Ausland entwachsen. Er ist nicht einfach der Sohn seines Vaters, er hat ihn weit übertroffen.
Heimat großer Töchter und Söhne
Sein Vater hat das schon vor längerer Zeit erkannt. Am Talent mangelte es Herfried Sabitzer früher nicht, eher an der Einstellung. „Ich habe in meiner aktiven Laufbahn nie den austrainierten Körper eines Modellathleten gehabt“, sagte er 2023 im Interview mit dem Kicker und drückte sich dabei noch recht diplomatisch aus. Einer seiner früheren Trainer beim GAK, August Starek, hat es einmal so formuliert: „Der Herfried Sabitzer sollte eigentlich rund um die Uhr betreut werden.“
Vater Sabitzer versuchte, so lange es ging, auf den Sohn einzuwirken, der bereits als 14-Jähriger internationale Klubs auf sich aufmerksam machte. 2013 – Marcel stand kurz vor dem Wechsel zum SK Rapid – sagte der Vater dem Onlineportal 90minuten.at: „Ab und zu muss man zwar schon eine schärfere Hand anlegen, aber insgesamt gesehen, ist der Marcel so vernünftig, dass er seinen eigenen Weg gehen wird.“
Ob der Sohn auf den Vater gehört hat, ist nicht bekannt. Zumindest scheint er aus dessen Fehlern gelernt zu haben, er wirkt disziplinierter und ruhiger. Trotz des unsteten Lebenswandels des Vaters und dank der manchmal fast schon langweilig anmutenden Professionalität des Sohnes sind die Sabitzers heute das erfolgreichste Vater-Sohn-Gespann in der Geschichte des ÖFB. Bereits 2023 lösten sie mit Marcel Sabitzers 72. Länderspiel die Flögels, Rudolf und Thomas, ab, die es gemeinsam auf 77 Länderspiele – der Vater auf 40, der Sohn Thomas auf 37 – gebracht haben. Dahinter liegen Leo und Sohn Stefan Lainer mit 28 und 39 Spielen, sie dürften den Sabitzers wohl nicht mehr allzu nahe kommen. Bis auf Weiteres uneinholbar allerdings ist das Vater-Tochter-Duo Feiersinger mit 46 ÖFB-Spielen für Wolfgang und 120 für die noch aktive Laura.
Rollenwechsel
Auch in der Geschichte des internationalen Fußballs lässt sich wie in einem Familienalbum blättern, und zwar über Landes- und Vereinsgrenzen hinweg. Manch berühmtes Brüderpaar hat die Fußballwelt gesehen, seien es nun Bobby und Jack Charlton aus Ashington, Fritz und Ottmar Walter aus Kaiserslautern oder Filippo und Simone Inzaghi aus Piacenza. Die bevölkerungsmäßig kleinen Niederlande haben gleich vier berühmte Brüderpaare hervorgebracht: die Zwillinge Willy und Rene van de Kerkhof sowie Frank und Ronald de Boer, und die Brüderpaare Gerrie und Arnold Mühren und Erwin und Ronald Koeman.
Bei den Charltons und Inzaghis zeigt sich eine ähnliche Tendenz: Was der eine Bruder als Spieler voraus hatte, das glich der andere später durch Erfolge an der Outlinie aus. Jack Charlton stand als Spieler immer im Schatten von Bobby, der Legende von Manchester United. Spätestens nachdem er die irische Nationalmannschaft als Teamchef bei der WM 1990 in Italien bis ins Viertelfinale und zur Papstaudienz im Vatikan geführt hatte, emanzipierte er sich vom kleinen Bruder. Ebenso wenig konnte es Simone Inzaghi – trotz Scudetto und drei Cupsiegen mit Lazio – während seiner aktiven Laufbahn mit dem Ruf seines Bruders Filippo aufnehmen. Erst als Trainer überflügelte er ihn in der Titelbilanz.
Mitarbeit: Simon Hirt