Ralf Rangnick formuliert seine Kritik nicht zwischen den Zeilen. Er spricht sie offen aus, mit Hammersätzen und Handgesten. So saß der Teamchef Mitte November, nach dem enttäuschenden 1:1 Österreichs gegen Slowenien, in der Pressekonferenz im Ernst-Happel-Stadion, formte mit Zeigefinger und Daumen einen Kreis und sagte: „Null, zero.“ So viel Kontakt habe er zum, damals noch amtierenden, ÖFB-Präsidenten Klaus Mitterdorfer in den vorangegangenen Wochen gehabt. Keine fünf Minuten später sagte er dann, dass er garantiert nicht zur nächsten Präsidiumssitzung des Verbands gehen werde. „Die, bei der ich war, reicht mir für den Rest meines Lebens.“
Rangnick intervenierte mit seinen Worten in die laufende Debatte um eine tiefgreifende ÖFB-Reform. Mitterdorfer hatte diese vorangetrieben, er wollte die Strukturen verschlanken, die Macht des Präsidiums, in dem die neun Landesverbandspräsidenten sitzen, verkleinern und die zwei heillos zerstrittenen Geschäftsführer des Verbands, Thomas Hollerer und Bernhard Neuhold, entlassen. Besonders am letzten Punkt stieß sich Rangnick, Neuhold ist für das Nationalteam der erste Ansprechpartner, er leistet dem Teamchef zufolge gute Arbeit.
Man kann Rangnicks offener Art viel abgewinnen. Endlich gibt es mit ihm jemanden, der die Zwistigkeiten und Missstände, die den ÖFB seit Jahren beschäftigen, nach außen trägt, der sich nicht als Spielball und Opfer alteingesessener Funktionäre begreift, sondern selbst zum Akteur wird. Viel zu oft flogen hinter verschlossenen Türen die Fetzen, anschließend einigten sich die Funktionäre auf Minimalkompromisse, die wenig veränderten. Die Gründe für die Konflikte blieben intransparent.
Aber Rangnick möchte nicht die fundamentalen Probleme des Verbands lösen. Es geht ihm vor allem um sich und seinen Zuständigkeitsbereich. Das ist legitim, er verheimlicht es auch nicht. Nicht nur einmal sagte Rangnick in den letzten Wochen, dass er die Qualität der geplanten Reform daran bemesse, ob sich dadurch die Arbeitsbedingungen rund um die von ihm betreute Nationalmannschaft verbessern würden. Aber nur weil das Team bei der EM im Sommer für Euphorie gesorgt hat, sollte man nicht aus den Augen verlieren, was die wichtigste Rolle des ÖFB ist: Er organisiert rund 250.000 Aktive in Österreich – und muss zuallererst sicherstellen, dass der Sport an der Basis funktioniert. Und wenn zwei seiner höchsten Angestellten seit Jahren kaum mehr in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren, ist die Abbestellung ein gangbarer Weg. Unter das große Ganze des Fußballverbands hat sich auch der Teamchef unterzuordnen.
Mitterdorfer war als langjähriger Nachwuchstrainer ein glaubhafter Vertreter des Amateursports, seine fehlende Eitelkeit zeichnet ihn aus. Seinen überstürzten Rücktritt hat er allerdings nicht erklärt, man weiß nicht, ob ihn Rangnicks Ansagen überrumpelt haben, oder andere Gründe entscheidend waren. Das ist schade, der Verband bräuchte mehr offene Worte. Seine Probleme sind unübersehbar: Er muss nun zum dritten Mal in dreieinhalb Jahren einen neuen Präsidenten suchen.