Es kommt nicht oft vor, dass eine Fankurve den Greenkeeper feiert. Doch nachdem Blau-Weiß Linz Mitte September den LASK 1:0 besiegte, besangen die Fans der Derbysieger Stefan Wieser. Ihm, seiner sorgfältigen Rasenpflege und rasant herbeigeschafften Abdeckplanen war es zu verdanken, dass das Spiel trotz gewaltiger Regenmassen über die Bühne gehen konnte. „MacGyver“ nannte ihn Christoph Peschek, der Geschäftsführer der Blau-Weißen. „Stefan ist natürlich mitverantwortlich für diesen Sieg“, sagte Trainer Gerald Scheiblehner. Schon ein Monat vor dem Derby – bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel – spricht der ballesterer mit Wieser. Er zeigt sich auskunftsfreudig und hat spürbar Freude daran, über sein Fachgebiet und den Einfluss verschiedener Wetterbedingungen zu sprechen. Ganz so, als würde er jeden der 100 Millionen Grashalme im Donauparkstadion persönlich kennen.
ballesterer: Wie sind Sie Greenkeeper geworden?
Stefan Wieser: Ich habe den klassischen Weg bestritten. Das heißt, ich habe Gärtner gelernt und nach meiner Lehre dann in der Golfplatzpflege gearbeitet. Beim Fußball bin ich über Umwege gelandet. Im österreichischen Fußball gibt es nur wenige ausgebildete Greenkeeper. Es werden aber langsam mehr, weil es der Bundesliga ein Anliegen ist, dass die Plätze professionell betreut werden. Auf schlechten Plätzen ist die Verletzungsgefahr für die Spielerinnen und Spieler höher. Mittlerweile wird bei der Austrian Greenkeeper Association eine spezifische Greenkeeper-Ausbildung für den Fußballbereich angeboten.
Was lernt man dort?
In einem drei- bis vierwöchigen Sportplatzwart-Kurs werden die Basics hinsichtlich Bodenkunde, Düngung, Pflanzenphysiologie und Botanik vermittelt. Greenkeeping ist sehr umfangreich, hier fließen auch Bereiche ein wie Biologie, Bodenkunde, Chemie, Meteorologie, Landmaschinenmechanik und Buchhaltung. Das ganze Wissen lässt sich natürlich nicht in einem so kurzen Kurs erlernen. Bei Blau-Weiß Linz kümmern wir uns zu zweit um die Rasenpflege, seit Kurzem haben wir noch eine zusätzliche Teilzeitkraft.
Über welche Themen muss ein Greenkeeper Bescheid wissen?
Man muss die Belastungen verstehen, die auf einem Fußballrasen lasten, und dass dabei viele Faktoren zusammenspielen. Kein Jahr und kein Tag sind gleich. Heuer war es im August sehr heiß, wie es im nächsten Sommer aussieht, wissen wir nicht. Es gibt kein Schema F, man muss flexibel bleiben. Deshalb ist es wichtig, Zusammenhänge zu verstehen. Auch beim Düngen des Platzes ist es nicht möglich, immer im selben Rhythmus zu bleiben. Trockene und nasse Monate und unterschiedliche Belastungen verlangen unterschiedliches Düngen, und dabei variiert natürlich der Verbrauch.
Wie sieht Ihr Alltag während der Saison aus?
Gräser müssen bestmöglich erhalten und auf Spiele vorbereitet werden. Unmittelbar nach einem Spiel werden Schäden ausgebessert. Dabei werden lokale Verdichtungen und Löcher gelockert und aufgefüllt, damit der Platz wieder ebenflächig wird. Dieser erste Schritt nach einem Spiel ist ein sehr wichtiger.
Unterscheidet sich Ihre Arbeit im Winter und im Sommer?
Im Winter ist das Wachstum des Grases geringer, und die Schäden können nicht mehr ordentlich regenerieren. Man kann zwar nachsäen. aber es dauert bei Lolium perenne keine drei Tage wie in warmen Monaten, sondern zwei Wochen, bis die Gräser sprießen. Ohne Rasenheizung und Belichtungslampen kann ein im Dezember entstandener Schaden bis Mai vorhanden sein. Die Rasenheizung hilft, dass die Wurzel auch arbeiten kann, wenn es kalt ist.
Lolium perenne? Was ist das?
Im europäischen Fußball kommen zwei typische Rasenarten zur Anwendung: Wiesenrispengras, Poa pratensis, und Deutsches Weidelgras, Lolium perenne. Im Stadion von Blau-Weiß haben wir einen Mix aus rund 80 Prozent Poa pratensis und 20 Prozent Lolium perenne. Das ist eine Standardmischung. Je nach Anbieter kostet ein Stadionrasen zwischen 80.000 und 100.000 Euro. Ohne Arbeitszeit natürlich, das sind nur die Materialkosten.
Wirkt sich der Klimawandel auf Ihre Arbeit aus?
Ja, definitiv. Durch die hohen Temperaturen steht das Gras unter Stress und ist dann, wie wir Menschen, anfälliger für Krankheiten. Feuchte Nächte und heiße Tage sind das optimale Klima für Pilze. Bei Rapid hat der Schadpilz Gray Leaf Spot einmal den ganzen Platz vernichtet. Der ist in der Landwirtschaft schon länger bekannt, aber mittlerweile auf Sportplätzen angekommen. Auch das Wassermanagement ist ein Punkt. Meist wird zu viel bewässert.
Wie lange hält ein Rasen im Normallfall?
Je nach Pflege und Belastung kann er lange halten. Im Idealfall wechselt man ihn nie aus. Aber manche Bereiche wie die Flächen vor den Toren und die vom Elfmeterpunkt bis zur Mittelauflage sind durch Zweikämpfe und die Torleute höher belastet. Sie nutzen sich mehr ab. Dann kann es sein, dass man Teile gelegentlich austauschen muss. Speziell im Torraum besteht ein erhöhtes Verletzungsrisiko, wenn der Rasen abgespielt ist.
Schreibt die Bundesliga eine Rasenlänge vor?
Für die erste und zweite Liga gilt seit 2016 eine Schnitthöhe von 26 bis 28 Millimeter. Das kann der Schiedsrichter mittels eines Rasenprismas prüfen. In der Vergangenheit wurde mit sehr kurzer und sehr langer Schnitthöhe Einfluss auf die Spieleigenschaft des Rasens genommen. Das Ballrollverhalten ist dann ganz anders. Dem hat die aktuelle Regel einen Riegel vorgeschoben.