In den letzten Oktobertagen löste ungewöhnlich heftiger Starkregen eine Katastrophe in den Gemeinden und Vorstädten im Südwesten Valencias aus. Über 200 Personen starben, manche wurden ihren Angehörigen von den Schlammlawinen und Sturzfluten aus den Händen gerissen. Tausende Menschen verloren Hab und Gut und waren in den ersten Tagen weitgehend auf sich allein gestellt. Die konservative Regionalregierung und die sozialdemokratisch geführte Staatsspitze verloren sich in Kompetenzstreitigkeiten, die Hilfe ließ auf sich warten.
Schwurbelig und peinlich
Oder war es gar Absicht? „Sie erzeugen die Stürme, um uns mit dem Klimawandel zu verarschen. Sie attackieren die Familie. Unsere Religion. Es ist alles Teil der Agenda 2030. Sie manipulieren uns.“ Diese verschwörungstheoretischen Behauptungen postete Mittelfeldspieler Alex Bernal, derzeit beim Zweitligisten CD Eldense unter Vertrag, in den sozialen Medien. Elda ist eineinhalb Autostunden von Valencia entfernt.
Politisch äußerte sich auch Jaume Costa beim zweitgrößten Radiosender des Landes, COPE. Costa bestritt fast 270 Erstligapartien für Villareal und 26 für Valencia, im Interview erklärte er, dass alle Politiker Mafiosi und korrupt seien. Darunter zu leiden hätten die Bürger in der Flutkrise. Zudem ereiferte sich der Verteidiger, der aktuell für Zweitligist Albacete spielt, über die gegenderte Kondolenzbotschaft einer linken Politikerin.
„Jetzt schaut mal, wie der Boden aussieht, der ganze Garten, es ist alles total voll mit Blättern. Und das Schlimmste von allem: Der Basketballkorb ist heruntergefallen, und der ist wahnsinnig schwer. Wenigstens waren wir an dem Abend nicht hier.“ So kommentierte Ana Moya, Influencerin, Model und Ehefrau von Villarreal-Tormann Diego Conde, das Video ihres kaum in Mitleidenschaft gezogenen Garten- und Poolbereichs. Das kann man unsensibel finden, manchen stellte sich auch die Frage, ob Profis und ihre oft ebenfalls prominenten Partnerinnen noch in der gleichen Welt leben wie jene, die ihnen von den Rängen zujubeln.
Helfende Hände
Doch man darf sich von diesen Schlaglichtern nicht blenden lassen. Darauf verwies Villarreals Mittelfeldstratege Dani Parejo, der auch neun Jahre für Valencia spielte, in einer Pressekonferenz. Aus dem gut 50 Kilometer nördlich von Valencia liegenden Villarreal seien viele Mitspieler ins Krisengebiet gefahren, um zu helfen und dringend benötigte Güter zu verteilen. „Was ich damit sagen möchte: dass wir normale Personen sind, wir haben Freunde, mit denen wir über alles reden.
Wir sind weder außerhalb der Gesellschaft, noch fühlen wir uns außerhalb davon.“ Auch Influencerin Moya kam – unter Beobachtung der Presse – einen Tag zum Schlammschieben und Aufräumen. Auf die eine oder andere Weise haben alle Vereine Spaniens ihre Solidarität mit den Betroffenen ausgedrückt, Schweigeminuten abgehalten, gespendet und Fanartikel für einen guten Zweck aufgelegt.
Schnell reagierte die UD Levante, der kleinere Verein Valencias, der aktuell in der zweiten Liga spielt. Bereits am Morgen nach den Fluten habe man eine Besprechung anberaumt, sagt die Pressesprecherin Puri Naya dem ballesterer am Telefon. „Wir sind ja auch eine Institution der Stadt, müssen Präsenz zeigen und das nicht nur beim Feiern, wie etwa bei den Fallas, dem großen Stadtfest. Sobald klar war, dass wir bei dieser großen Katastrophe nicht allein handeln können, haben wir beschlossen, mit den Bancos de Alimentos zusammenzuarbeiten.“ Vergleichbar mit dem System der Tafeln, sind die Bancos de Alimentos spätestens seit dem Immobiliencrash 2008 in vielen spanischen Städten eine fixe Anlaufstelle für Menschen mit wenig Geld geworden. Levante öffnete sein Stadion, La Ciutat, zehn Tage lang als Sammelplatz für Spenden. Die Stadien Valencias sind, so wie das gesamte Stadtzentrum, von Schäden verschont geblieben.
Langstreckenlauf
Zwei Spiele von Levante wurden verschoben, am 16. November stand das erste Heimmatch nach der Katastrophe an. Der Verein bot 3.000 Mitgliedern aus den am stärksten betroffenen Gebieten einen Besuch der Partie gegen Elche per Shuttledienst an, 300 Fans kamen. Dazu wurden 4.000 Personen von Sportvereinen aus der Krisenregion eingeladen. Die Mannschaft lief in Trikots in Schlammoptik auf, die Hymne der Region Valencias wurde angestimmt, Fahnen geschwenkt. „Es ist viel geweint worden. Aber die Stimmung war nicht von Trauer, sondern von Stärke geprägt. Auf Spanisch heißt levantarse ja aufstehen, und das wollen wir machen“, sagt Pressesprecherin Naya.
Vergleichbar, nur eine Nummer größer, sahen die Reaktionen des CF Valencia aus. Der Verein, der seit Längerem mit internen Querelen und rassistischen Fangesängen kämpft, hat viel vom alten Glanz eingebüßt. In Zeiten der Krise scheint das jedoch vergessen.
Auch das Mestalla war für Spendensammlungen und Blutspendeaktionen geöffnet, die Ticketeinnahmen des ersten Heimspiels nach der Flut Ende November gegen Betis werden gespendet. Valencias Pressesprecher Jose Manuel Segarra ist in den Tagen davor ein vielbeschäftigter Mann. Dennoch beantwortet er zu nächtlicher Stunde die Fragen des ballesterer per WhatsApp. „Das wird ein ganz schwieriges Spiel, da es von so vielen Emotionen aufgeladen ist. Die Spieler und die Betreuer sind sich der Tragödie sehr wohl bewusst“, sagt er. „Manche haben es am eigenen Leib erlebt, viele haben geholfen und mit angepackt. Sie werden sich von Beginn an anstrengen, um unseren Fans eine Freude zu machen.“ Ein angebotener Shuttledienst sei sehr gut angenommen worden. Doch damit könne das Engagement nicht enden, sagt Segarra. „Der Verein muss nah an seinen Leuten dran sein. Wissen, was sie brauchen und zu ihrer Verfügung stehen. Das hat sich der Klub vorgenommen, aber das ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf.“
Als der Fußball in das Mestalla zurückkehrte, wurden gigantische Fahnen ausgerollt und lokale Hymnen zu den durchdringenden Klängen der Dolcaina, einer Art Oboe, gesungen. Viele Tränen flossen, bald auch Tränen der Freude, da Valencia früh in Führung ging und 4:2 gewann. Das ließ nicht nur den schlechtesten Saisonstart seit 1956 etwas vergessen, sondern brachte auch – zumindest für einen Abend – die Normalität zurück.