Wenn UEFA-Präsident Aleksander Ceferin seine Gedanken mit der Öffentlichkeit teilen will, dann geht er gerne zu Delo, der größten slowenischen Tageszeitung. Nicht nur stellt Interviewer Jernej Suhadolnik Fragen, die mit suggestiv freundlich umschreiben sind, Ceferin bekommt auch viel Platz. Die englische Version seines im Februar veröffentlichten Interviews würde im gedruckten ballesterer acht Seiten einnehmen. Ceferin spricht über den Wechsel von Basketballer Luka Doncic zu den Los Angeles Lakers, das Fußballwissen des britischen Thronfolgers und Videodrehs mit Zlatan Ibrahimovic.
Als Tätigkeitsnachweis lobt er das neue Champions-League-Format, dementiert Pläne für ein Finale in den USA und stellt Lockerungen beim Financial Fairplay in Aussicht. Am bemerkenswertesten sind jedoch die langen Passagen, in denen Ceferin das tut, was sein Verband den Fußballer*innen im Stadion untersagt: Er äußert sich politisch. Einige Sätze könnten direkt aus Redemanuskripten rechter Parteien stammen: „Wir alle sind die politische Korrektheit leid“, sagt er. „In der westlichen Welt gibt es keine freie Meinungsäußerung mehr.“ An die Absurdität mächtiger Männer, die öffentlich beklagen, ihre Meinung nicht äußern zu dürfen, hat man sich mittlerweile gewöhnt. Aber auch mit Fakten pflegt Ceferin einen losen Umgang: Nein, die EU ist nicht gegen Verhandlungen über ein Ende des Kriegs in der Ukraine. Es stimmt auch nicht, dass niemand die Vermittlerrolle Katars im Gaza-Krieg anerkennt. Man hat ein wenig das Gefühl, der Radikalisierung eines mittelalten Mannes beizuwohnen, der viel Zeit im Internet verbringt und dort in Geschichten über Kinder, die sich als Katzen identifizieren, ebenso hineinkippt wie in Rants über die EU-Vorschrift zu befestigten Flaschendeckeln.
Doch es ist komplizierter, denn Ceferin spricht sich auch gegen die einfachen Antworten rechter Politik aus und für die Rechte queerer Menschen. Er kritisiert die eurozentristische Perspektive, in der ein abgebranntes Haus in Los Angeles mehr Empathie hervorruft als die Gräuel des Kriegs in der Demokratischen Republik Kongo. Er sagt: „Wir haben bullys als politische Führer“ und weist – ohne Nennung von Namen – auf die Bedrohung durch mächtige Staaten hin, die sich andere Territorien einverleiben wollen. Und sagt dann, er habe russische U17-Teams als Friedensmission wieder in den Spielbetrieb aufnehmen wollen, linke Politiker*innen hätten das aber verhindert.
Der Eindruck, den das Interview vermittelt, ist treffend mit einem im Internet beliebten englischen Wort beschrieben: unhinged. Aus den Angeln. Ceferin irrlichtert von einem Thema zum nächsten, redet mitunter vernünftig, dann fast paranoid. Er ist unberechenbar, und das ist die wirklich beunruhigende Nachricht. Der Fußball ist von den aktuellen geopolitischen Erschütterungen betroffen. Die Wiederaufnahme Russlands in den Sport steht zur Debatte, im Juni findet die Klub-WM und 2026 die WM in den USA statt, wo Präsident Donald Trump droht, Co-Gastgeber Kanada zum 51. Bundesstaat zu machen. Der europäische Fußball braucht einen besonnenen und klarsichtigen Präsidenten und keinen, der sagt: „Niemand darf mehr seine Meinung äußern – außer Stand-up-Komikern.“