Beim Quidditch gibt es keine Trennung der Geschlechter. Und Hermione Granger würde gegen einen Ausschluss von trans Spielerinnen und Spielern aus dem Sport zweifellos eine große Protestaktion organisieren. Die Figur aus der „Harry Potter“-Welt hat nämlich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ihre Erfinderin, die Schriftstellerin Joanne K. Rowling, hingegen feierte Mitte April ein Urteil des Obersten Gerichts im Vereinigten Königreich, das Rechte von trans Personen einschränkt.
Eine Gruppe Frauen hatte dagegen geklagt, dass trans Frauen von Bestimmungen des Gleichstellungsgesetzes wie etwa Frauenquoten profitieren – und bekam Recht. Das Gleichstellungsgesetz, so das Gericht, gehe von einer bei Geburt festgelegten Binarität der Geschlechter aus. Trans Personen können damit aus geschlechtsspezifischen Räumen wie Frauentoiletten ausgeschlossen werden, wenn diese nicht zu dem Geschlecht passen, das ihnen bei Geburt zugeschrieben wurde. Das gilt auch, wenn sie eine offiziell bestätigte Geschlechtsangleichung vorgenommen haben.
Was das mit Fußball zu tun hat? Es bedeutet, dass knapp 30 Personen in England nicht mehr in den Teams spielen dürfen, in denen sie bisher aktiv waren. Denn einige Tage nach dem Urteil passten zuerst der schottische, dann der englische Fußballverband ihre Regeln an: Trans Frauen dürfen ab dem 1. Juni nicht mehr in Frauenteams spielen. Bisher war ihnen das erlaubt, wenn sie eine Hormonbehandlung und ein bestimmtes Testosteronhöchstlevel nachweisen konnten. In einem Brief an die Betroffenen bietet der Verband Onlinetherapiesitzungen an und schlägt eine Umorientierung zur Schiedsrichterin und Trainerin vor. Persönlich verabreichte Watschen könnten kaum verletzender sein.
Die Regeländerung fügt sich ein in eine Reihe von Ausschlussmaßnahmen gegen trans Personen: Manche sind von Sportverbänden in der Leichtathletik und im Schwimmen erlassen worden, andere von US-Präsident Donald Trump, der trans Mädchen und trans Frauen per Dekret aus dem Schulsport ausschloss. All das soll dem Schutz von Frauen dienen, auch das Urteil des Obersten Gerichts wird als Sieg für Frauenrechte begrüßt. Tatsächlich spielen diese Maßnahmen eine benachteiligte Gruppe gegen die andere aus – ein bewährtes Herrschaftsinstrument.
Die FIFA prüft derzeit ihre Richtlinien zu trans Fußballer*innen. Allzu zuversichtlich darf man wohl nicht auf das schauen, was Trumps Kumpel Gianni Infantino dazu einfallen wird. Kurzfristig werden diese Restriktionen Menschen aus ihren sozialen und sportlichen Netzwerken reißen, mittelfristig können sie die Rolle des Fußballs der Frauen gefährden, der in den vergangenen 20 Jahren ein solidarischer Raum für die queere und die feministische Community gleichermaßen geworden ist. Es ist für die Betroffenen kein Trost, aber Hermione Granger würde ein Geschichtsbuch hervorholen und auf die langfristige Perspektive verweisen. In der wird es diesen Urteilen und Erlassen so gehen wie den Verboten des Frauenfußballs vor 50 und vor 100 Jahren und ihren aus heutiger Sicht absurden pseudowissenschaftlichen Begründungen: Die Geschichte wird über sie hinwegfegen.